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SS. Jahrgang.

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488 .

Verlags-Fernsprecher No. 2953.

Montag, de» 24. Oktober.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1904.

Abend-Ausgabe.

_ 1 . W^ti.

Der ruMch-japanische Krieg.

Um Port Arthur.

hd. Petersburg, 22. Oktober. Die Mannschaften einer gestern aus Port Arthur in Tschisu eingerroffenen Dschunke berichten, daß die Beschießung seit 6 Tagen stärker geworden ist uns nun ununterbrochen auch bei der Nacht andauere. In der Stadt sind viele Gebäude zerstört. Die Hauptmacht der Belagerungs-Armee ist Lei Likiatun im Norden der Festung konzentriert. In Tschisu liegen 2000 Japaner, die sich im dortigen Hafen ohne jeg­liches Hindernis bewegen, als ob es ein japanischer Hasen wäre. Ununterbrochen halten Schiffe von Tschisu und Wei-hai-wei die Verbindung mit der japanischen Blockade­slotte von Port Arthur aufrecht.

hd. London, 22 . Oktober. Eine Depesche aus Tschisu besagt: Die Verschärfung des Bombardements auf Port Arthur werde die Stadt und die Schiffe im Hafen Vielleicht in Trümmer legen, aber die Forts schwer­lich genügend beschädigen, um den nächsten Sturm er­folgreich zu gestalten. Mangel an Proviant und Muni­tion sei der Garnison viel gefährlicher.

Das Baltische Geschwader.

hd. Kopenhagen, 22 . Oktober. Sämtliche Schiffe des Baltischen Geschwaders haben nunmehr die Bai von Skagen verlassen, nachdem sie Kohlen eingenomm.n haben.

wb. Dover, 23. Oktober. Das russische Baltische Ge­schwader passierte um 1 Uhr nachmittags Dover.

hd. London, 24. Oktober. Das. Auswärtige Amt und die Admiralität sind aus Hüne an der schottischen Küste informiert worden, daß eine englische Fischerflottc von dem Baltischen Geschwader angegriffen wurde. Dem amtlichen Bericht zufolge erfolgte der Angriff tu der Nacht vom Freitag zum Samstag. Der größte Teil der russischen Flotte wandte sich mit Scheinwerfern gegen die Ftscherbarken, und gleichzeitig wurde von mehreren rus­sischen Schiffen das Feuer gegen die Fischerbarten er­öffnet. Die Barke „Crane" wurde in den Grund gebohrt. In Hem Bericht heißt es, daß die Leichen des Kapitäns, sowie zweier Fischer ans Ufer geschwemmt worden sind. Mehrere andere Insassen der Barken wurden schwer ver- Mundet. Ein anderes Schiff trägt Spuren von 16 Schüssen. Eine dritte Barke soll in den Grund gebohrt morden sein.

hd. London, 24. Oktober. Die „Times" berichtet über den Zwischenfall an der schottischen Küste, daß der Kutter „Wreo" von den Russen in den Grund gebohrt wurde und die ganze Bemannung umgekommen ist. Wie weiter berichtet wird, hat die englische Regierung die Kapitäne der Fischerboots-Flotte von Noulmein und Nine telegraphisch ersucht, unverzüglich nach London zu kom­men, um der Marinebehörde über den Zwischenfall Aus­kunft zu geben. Ein weiteres Telegramm berichtet, daß ber Kapitän und zwei Mann des Bootes „Crane" gelotet und 18 Fischer verletzt worden sind.

wd. Paris, 24. Oktober. Dem ,,Matin" wird ans ^ondon gedrahtet: Auf der russischen Botschaft in

London ist erklärt worden, daß das Vorkommnis zweifel­los irgend einem unbegreiflichen Mißverständnis zuzn- schreiben sei. Die Russen würden jedenfalls geglaubt haben, daß die Boote im Dienste der Japaner gestanden und feindliche Absichten gehabt hätten. Es sei diesen Booten in einem solchen Falle in der Tat leicht gewesen, sich den russischen Schiffen zu nähern und Torpedos ab­zufeuern. Wenn bewiesen sein würde, daß harmlose Fischer getötet oder verwundet worden sind, so werde dieser Unfall in Rußland das tiefste Bedauern Hervor­rufen.

hd. Kopenhagen, 24. Oktober. Die sozialdemokra­tischen Abgeordneten werden eine Interpellation wegen der Unterstützung der russischen Ostseeflotte durch dänische Kriegs- und Wachtschiffe einbringen. Es wird jetzt von allen Seiten bestätigt, daß alle drei Meerengen, der Sund und der Große und Kleine Belt vor dem Erscheinen der russischen Flotte durch die dänischen Wachtschiffe auf das genaueste durchsucht wurden, ob nicht irgendwo verdäch­tige Schiffe mit japanischen Agenten zum Auswersen von Minen versteckt seien. (Welt am Montag.)

-»

hd. London, 22. Oktober. Der Tokioer Bericht­erstatter der „Times" sagt in einem Telegramm vom 20 . Oktober über die militärische Lage: Die Russen

scheinen sich längs des Nordufers am Schaho versammelt zu haben und besetzen vorbereitete Stellungen, die hin­reichend stark sind, die Verfolgung der Japaner, die längs des Südufers des Flusses ausgestellt sind, zu hemmen. Die linke japanische Flanke sei über den Fluß geworfen und drohe, die russische Flanke zu umfassen. Es sei frag­lich, ob Knropatkin lediglich bezwecke, die japanische Linke ganz aufzuhalten, um starke Nachhutstellungen vvr- bereiten zu können, oder ob er ein neues allgemeines Treffen plane. Die letztere Hypothese findet in militä­rischen Kreisen am meisten Glauben.

hd. London, 22. Oktober. Nach einer Depesche aus Tokio ist die Lage am Schaho unverändert. Aus den Meldungen Oyamas entnimmt man, daß diese Flanken­linie von vornherein das Ziel der japanischen Offiziere war. Auf russischer Seite bemerkt man besonders starke Truppen-Konzentrationen an 'der Mandarinenstraße nördlich von Schahopu und der Straße nach Fuschung. Man erwartet in Tokio eine neue große Schlacht, in der die Japaner die Offensive ergreifen würden.

hd. Petersburg, 22 . Oktober. General Knropatkin meldet: Die Japaner zogen sich in der Nacht vom 20. zum 21. Oktober von 'der Ortschaft Sakkepu zurück. An der Front der mandschurischen Armee war am 21 . Ok­tober kein Zusammenstoß zu verzeichnen.

hd. Petersburg, 22 . Oktober. In militärischen Kreisen wird erklärt, daß die jetzige Untätigkeit der Lei­den Armeen noch einige Tage andauern werde, und zwar aus dem Grunde, weil alle Mannschaften völlig erschöpft seien und auf beiden Seiten die Munition zur Neige gehe. Die Russen sollen bereits wieder Munition erhalten haben. Beide Armeen beobachten ihre gegenseitige Be­wegung auf das sorgsamste. Oyama läßt seine Truppen fortwährend Operationen ausführen, deren Zweck man bis jetzt im russischen Lager noch nicht kennt. Knropatkin soll beabsichtigen, demnächst nochmals eine energische Offensive zu ergreifen.

hd. Tokio, 23. Oktober. Wie Marschall Oyama meldet, konzentrieren die Russen 20 000 Mann Lei Kav-

tailang. Zeitweilig bombardieren die Russen die japa­nischen Stellungen am Schaho.

wb. Petersburg, 28. Oktober. Heute fand unter dem Vorsitze des Admirals Avelan im Beisein von vier Ad­miralen, von Professor Diartens und Vertretern der Jüstiz als höchste Instanz des Prisengerichts die Ver. Handlung wegen der Beschlagnahme des englischen Dampfers „Allanton" durch das Wladiwostok-Geschwader! statt. Es wurde folgender Spruch abgegeben; Der Dampfer „Allanton" und dessen Ladung unter­liegen nicht der Konfiskation und sind dem Besitzer zu­rückzugeben. Zur Beschlagnahme lag genügende Ursache vor: bei derselben wurden alle notwendigen Bedingungen beobachtet. Der Beschluß des Prisengerrchts in Wladi­wostok ist in den entsprechenden Punkten abzuändern.

wb. Petersburg, 23. Oktober. Wie der Rufs. Telegr.. Agentur aus C h a r b i n unter dem 22 . Oktober gemeldet wird, sind seit dem 6 . Oktober gegen 26 000 verwundete Russen nach Norden gebracht worden.

wb. Tokio, 22 . Oktober. (Amtlich.) Marschall Oyama berichtet: In der Front war gestcrir keine Veränderung der Lage zu verzeichnen. Die Anzahl der von unserer linken Armee eroberten russischen Geschütze betrügt im ganzen 43. Davon wurden 27 von der linken und 13 von der rechten Kolonne genommen. In der Nähe von Changliaopao wurden von unseren Streifwachen in der Nacht zum 20 . Oktober 200 Russen tot aufgesunöen.

wb. Tokio, 23. Oktober. (Amtlich.) Marschall Oyama berichtet über das Ergebnis der bis zum 22. Oktober an- gcstellten Nachforschungen über die -Verluste der Russen in der Schlacht am Schaho wie folgt: Gefangen wurden etwa 500 Mann, Leichname von Russen wurden 12 550 gefunden, erbeutet sind etwa 45 Kanonen, 6920 Granaten» 5474 Gewehre und eine große Menge Pulvers. Die rus­sischen Leichen sind mit militärischen -Ehren begraben -worden. Die Verluste der Russen werden insgesamt auf 60 000 Mann geschätzt. Die Nachforschung wird fort­gesetzt.

bd. London, 24. Oktober. Nach Meldungen aus Tokio sind die russischen Erfolge am Schaho russtscher- s-eits gewaltsam übertrieben. Seit Freitag ist keine wesentliche -Veränderung zu verzeichnen. Die russisch« linke Front drängt an verschiedenen Stellen südlich des Schaho vor, besonders im Distrikt östlich- Bensihu. An« Okus und Nodzus Front finden fortdauernd Scharmützel! statt. (Welt am Montag.)

hd. Kiel, 24. Oktober. Die Germaniawerft demen­tiert die Blüttcrmeldung, daß heimlich Unterseeboote zur russischen Ostseeflotte geschasst worden wären. Amtlich ist über ein nächtliches Einlaufen russischer Torpedoboote in den Kriegshafen nichts' bekannt. (B. T.)

(Siehe auch „Letzte Nachrichten".)

Politische Übersicht.

Zur Schulfrage.

Unter Bezugnahme auf die Worte des Kaisers, dev bekanntlich vor kurzem eine Schülerza-Hl von 58 für e'men- Lchrer als zu hoch bezeichnete, bringt die „Hessische Schul» zeitung" aus der Feder von Theod. Kimhel u. a. Aus- führuugen über Klassenfrequenzen in den preußischen Volksschulen, in denen auf Grund von statistischen Nach-

Fenilleton.

Königliche Schauspiele.

Samstag, den 22. Oktober: „Mignon". Oper in 3 Akten von Ambr. Thomas.

Zur Feier des Geburtstages der Kaiserin war das Hans maifestlich beleuchtet und ausgeschmückt. Das Orchester brachte Webers Jubel-Ouvertüre -schwungreich zu «Gehör. Bei den Klängen der Nationalhymne erhob iich 'das gesamte Publikum von den Plätzen: das fast aus- ^rkaufte Hans bot einen sehr glänzenden Anblick.

Die Thvmassche Oper in unserer Wiesbadener Ein­richtung ist durch die Entfaltung dekorativer Pracht, ^>rch die brillanten Balleteinlagen, und durch die Wiederherstellung mancher sonst gewöhnlich unterdrückter Oin'zelgesänge und Rezitatöve fast zur „Großen Oper umgestaltet. Wo die französischen Autoren d-ie Gelegen­heit zu reicherer Ausstattung versäumten, da wurde — woethe herangezogen. Die in „Meisters Lehrjahren, ^uch II, Kap, 4 , erwähnte „große -Gesellschaft Seiltänzer, Springer und Gaukler", ,/Kinder, deren Körper die selt- mmsten Verrenkungen darstellten", „Pagliaß mit einigen Albernheiten", „die sogenannte Herkulesstärke", und an­dere bet Goethe mit behaglicher Breite geschilderte Dun­kelheiten sind für die Wiesbadener Bearbeitung genutzt Horben^ »ebenso wie einig-e der im Nomnn ^l-wahnren Kostüm de tails. Nur in einem Punkte läßt man hier ?ollkom,M'en-e 'Freiheit 'walten: Von Mignon selbst hergt s ln Buch II, Kap. 4: „ein seidenes Westchen mit geschlitzten ipanischcA Ärmeln, knappe, lange Beinkleider mit -G>ncn »asdey) dens Kinde gar artig". Im Widerspruch hierzu

kam auch Fräulein T r i e b -e l, -welche diesmal die Mignon gab, in dem gewohnten zerschlissenen Bettlcr- gewand, das eigentlich nun wohl zu den sonstigen luxuriösen Gepflogenheiten des Zirkusdirektors Jarno nicht recht stimmen will: ein Impresario, der seine Pag- liasse so glänzend ansstattct, müßte doch eigentlich für den „berühmten Eiertanz" auch noch etwas übrig haben! Daß Fräulein Triebels Persönlichkeit für eine Mignon wie 'geschaffen ist, bedarf kaum besonderer Bestätigung. Mel: der kleinen Eigenheiten, -welche wir in Spiel und Erscheinung dieser Künstlerin kennen, begünstigen hier den Eindruck des sonderbaren zart-ätherischen Wesens: die sylphenhafte Gestalt, dies sanfte Heben der Hände, die kaum merklichen Schritte: dazu die bald kindlich­naiven, bald si nne n d- t rä u me rische n Blicke! Und in gleicher Weise ist auch Fräulein Triebels Stimme und Singweise für die Partie vorzüglich geeignet: allerdings mehr nur, so weit jenes kindlich-ergebene, oder halb visionäre Element im Charakter der Figur vorherrscht. Der,scheue, ängstliche Ausdruck im ersten Rezitativ, der zu ekstatischem Aufschwung gesteigerte Vortrag der Romanze „Kennst du das Land", die sehnsüchtig schmel­zenden Akzente im SchMalbenlied —: alles war vortresf- lich herausgearbeitct, schön und kunstvoll zugleich. Ans dem zweiten Akt, in welchem die Erscheinung der Künst­lerin durch das zierliche Pagenkostüm noch wirksam ge­hoben wurde, ist daun besonders die Spiegclszene und Tirolienne in Philines Gemach hervorzuhebcn: hier bot Fräulein Triebe! eine bis ins feinste und kleinste wohl- studierte, gesangliche Virtuosenleistnua, die auch beim Publikum sofort glänzend einschlug. Aber wo dann in Mignon das Weib erwacht, in den Eifersuchtsszenen, welche stärkere dramatische Betonung und Verlebendigung verlangen, erschien mir die Darbietung trotz gelungener

Einzelheiten minder einleuchtend. Und ebenso im dritten Akt, wo Fräulein Triebels -Spiel und Gesang sich in di« zartesten, gleichsam nur hingehauchten Gebilde oerslüch-- tigten. Diese Mignon ist augenscheinlich mehr auf di« französische Originalfassung der Oper zugeschnitten: dort ließ der Autor seine Mignon bei dem Ausruf „Ich sterbe" — auch wirklich sterben: es war noch eine schamhafte klein« Verbeugung vor Goethe! Aber -in der nachträglich kom­ponierten zweiten Fassung des Werkes, die doch nun ein­mal hier vorliegt, erwacht Mignon aus ihrer Ohnmacht von neuem und — als Verlobte empfehlen sich Komteffa Sperata Cypriani und 'Herr Wilhelm Meister. Und in diesem Lichte eines fröhlichen und höchst lebendigen Ans­gangs betrachtet, dürste Fräulein Triebels Auffassung der Rolle doch zu einigen Bedenken Anlaß geben. Ist ihre Mignon nicht doch anr Ende -gar zu spiritualistisch. gar zu nerv- und mavklos? Zu viel Treibhaus-, Atmosphäre —. zu wenig Natur? Zu viel Goethe- Romantik — zu wenig Opern-Rcalistik? Vielleicht ent­schließt sich die begabte Künstlerin, aus der Fülle der wr- schwenderisch ausgestrenten schmachtenden Portam-cutos und verzärtelten Pianissimos einiges abzustrcichen: schon dadurch würde der Ausdruck warmblütiger und lebens­voller werden. Jedenfalls hat Fräulein Triebels feinge- stimmt-e Darbietung das Interesse des Publikums lebhaft beansprucht: die Künstlerin erntete großen Beifall.

Den Wilhelm Meister gab Herr Sommer in jugendfrischer, flottex. Weise. Die selten gehörte Auftritts- arie „Froh und frei will ich eilen", das Abschiedslied, di« Caoatine im 3. Akt — waren Musterbeispiele fein auf- g-esparter Vortragskunst. Das glanzvolle, kernige und wohlgebil-dete Organ des Herrn -Sommer kam der Partie —* und damit dem Erfolg hex ganzen Oper ausnehmend zu klaue«. - o. D.