Morgen.Seilage des Wiesbadener Tagblatts. ^ »>
Nr. 238. Sonntag, 31. Oktober. 1915.
r lS. Fortsetzung DtV 0)^1 * Rngcr. Buchdruck verboten.! *
Roman von Edela Rüst.
Dina bestand darauf, daß Katrin Lütte ihr auch- Kranz und Schleier anstecken sollte, trogen« sämtliche Tanten, Eousiucn und ein paar allernächste junge Freundinnen, die sich eigens zu diesem Liebesdienst hinbemüht halten, außer sich darüber gerieten.
„Von einer armen, gedrückten, alten Jungfer sich den Kranz aufsetzen zu lasten?"
„Ja. toifift du denn offenbar in dein Unglück rennen?"
„Das -kann nichts Gutes bringen — denk an mich!"
So giirg das hin irnd her. Wer Dina blieb fest. Sie wußte, waS diese arme, alte Jungfer, die noch nicht gerade so fohr alt war. ihr und ihrem Hause in all den Jahren gewesen, seit ihre Mutter erkrankt und nach schwerem Siechtum gestorben war. Sie kannte Katrin Lütte, das Flickmädel von halb Fünf-Hügelchen, und hielt sie hoch, so hoch, daß sie sie in ihre junge Häuslichkeit mit hinüberuahm, um ihr ein- für allsmal SLahrimgsforgen zu nehmen und ihr ein fröhlicheres, gesunderes Schaffen Kr bereiten, als ewig gebückt am Uickkorb zu fitzen.
Was Katrin Lütte so recht für ein Amt bei ihr haben sollte, wußte sie noch nicht, aber ihre frohen Gedanken sagten ihr. daß sie bald reichlich Arbeit für sie finden ■ würde, wo eine treue Seele nottut — Katrin sollte bei ihr ..Kindsfvau" werden.
Das behielt Frau Dina natürlich vorläufig ganz für sich.
Schon stieg sie in vollem Ornat die Treppe zmn Bersanrmlungsz immer hinunter, als Katrin ihr noch nachstürzte und sich an ihrem Meide zu schaffen machte: „Ich hob' ja das Geld vergessen, und Geld muß in der Tasche sein!"
„Aber, Kattin!"
„Sa, ja, Frau Doktorchen, ich laß Sie «ich ohne Geld vor'n Altar!"
Damit glitten zwei blanke Zehnpsennig-Stücke in die kleine Seitentasche des schweren, weißen Seidenkleides zu de»u Brauttalchentuch, >da8 zwar bare fünfzig Mark gekostet hatte, von Dina aber doch aus Bequern- lichkeitsrücksichten nicht zur Schau getragen wurde.
„Wenn's bloß ein bißchen regnen möchte, so grad' ein paar Tropfen in den Kranz hinein, mitten im Sonnen- schein . .
„. . . . und gleich «dazu ein Regenbogen am wolkenlos blauen Himmel!" lachte Dina vergnügt.
„Ja. das Ware das rechte", meinte Katrin in stolzer Bownnderung. „So eine schöne Bvaut war noch nie in Fünf-Hügelchen, solange ich denken bann, nnd ich
habe doch jede bessere Braut gesehen. •-- Da sollt'
der liebe Gott schon was übriges tun!"
Katrin fallcte die Hände, ein paar helle Tränen standen in ihrem etwas erhitzten, sonst immer fo blassen, guten Gesicht.
„Wird schon werden, steht olles auf dem Programm: tip-tock — tadellos. Sie willen doch, mein Herbert hat Glück in allem — adieu, gute Seele, Ibitt' für mich!"
Dina reichte Katrin die Hand und drückte sie herzlich — dann lief sie Herbert in die aiisg cd retteten Arme, die sie an der letzten <Aufe atrs,fingen.
Zwanzig Wagen geleiteten das junge Paar zur Kirche, in «der anr hellen Tage alle Kronen und Kerzen brannten.
Tesrpiche und Velarien hingen von der Galerie, auf dem Altar funselte Silber und Kristall aus Palmen, Lorbeeren und hohen Tafetsträutzen heraus. Um die grau-weißen Sandsteinpfeiler schlangen sich grüne Girlanden bis zur Decke, und längs dein Mittelschiff, daS der pompöse Hochzeitszug feierlich durchschritt, dachte sich ein Laudengang ans freudigchnnten Blumemnassen.
Wie Weihrauch schwelte der Dürft aus allen Ecken. Orgelklänge brausten «nächtig gegen die Wände und rüttelten^ an den Herzen, deren viele heute in quälenden oder seligen Erinnerungen Sinter damastenen Korsagen, blitzenden Unisormerr und stillen Fräcken lauter zu hämmern begannen.
Superintendent Schambcuvn. der alle Freuden- und Trauerfeste im Hause Lauter eingesegtrct hatte, hielt eine recht ergreifende familiäre Rede, «yd alle älteren irnd alten Damen weinten wenigstens einnral eine Minute lang in ihr SPihentajchentuch hinein.
Herberts Mutter schluchzte so herzbrechend auf, daß der Kommerzienrat tröstend nach ihrer Hand griff und sie durch seinen Arm zog, um ihr eine sichtbare Stütze zu geben, worauf Frau Malwine sich wirklich bertihigte und ihre Taschentuch außer Tätigkeit setzte. Dina ließ keine Träne in ihren Brautstrauß fallen. Bei den allerrührendsten Stellen sah sie zu ihrem Manne auf. mit sich an seiner stolzen Haltung und dem sonnrgfreien Blick, den er über Pastor und Altar schweifen ließ, wieder flott zu machen und ebenso kerzengerade der schönen Zukunft ins Auge zu schauen — sie weinte nicht an thront Hochzeitstage.
Bon einigen wurde sie nachher bei Tisch darum besonders belobt, anderen tat sie innerlich leid, denn: eine Braut ahne Tratten und eine Sonnenihochgeit ahne einen Tropfen Regen in den Kranz — das ließ sich schlecht cm. Es ging alles viel zu glatt!
Der^sunge Arzt Dr. Knut von Wickffen, Herberts Intimus, faß mit Lucy von Grümm den Hochzeitern gegenüber. Er brachte den ersten Trinkspruch cruif „Dr. Sehren jr. ttnb Frau" aus, und sprach so viel Gutes von Herbert, daß der ein paartnal scherzend abwehrte. Tvnn fagte er von Dina nichts weiter als: „Wenn ich von
unserer jungen Frau so sehr schweige, so geschieht es, weil ich sie zu «der Art von Flauen zähle, von «denen m«cm früher nie zu sprechen Pflegte — zu «den allerallerbesten I"
Als er zu den Gefeierten ging, um mit ihnen anzu- stoßen, umarmte er Herbert lange und ftunrm, dann küßte er Dina die >Ha«d, einmail, zweimal und unter ihrem heftigen Erröten znm dritten Male. Am linken Flügel der Tafel flüsterte eine jung« Majorin chrean Nachbar ins Ohr:. .Ich hätte lieber Wulfsen genommen!"
