S9. Jahrgang.
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N-.477.
Berlags-Fernsprecher No. 2953.
Mittwoch» drrr 12. Oktober.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1904.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt. _
Mr. Balfour und Mr. Chamberlnin.
Unser Londoner u-Korrespondeut schreibt unterm 8. Oktober:
Die Stellungnahme Mr. Balfours freu Eh^amberlain- schen Zvllplänen gegenüber bildete schon oft den Gegenstand lebhafter Erörterungen, und es bot sich dazu um so mehr Gelegenheit, als ersterer, wie der Engländer sagt, stets Rätsel zu sprechen pflegt. Wie bei verschiedenen früheren Anlässen, traf es sich auch soeben wieder, daß der Exkolonialminister unmittelbar nach dem Ministerpräsidenten eine große politische Rede zu halten hatte, und jedermann war aufs äußerste gespannt, wie Chamber, lain all das aufnehinen würde, was Balfour am vorigen Montag in Edinburgh über die sogenannte Tarifreform gesagt. Mcht einmal die Bibel oder die Werke Shakespeares bieten für die Ausleger ein so ergiebiges Feld wie eine Rede Mr. Balfours, da eine solche jede beliebige Anzahl der verschiedensten Auslegungen gestattet. Was Wunder daher, daß es selbst unter den Organen der unionisiischen Presse nicht zwei gab, die aus jenen wunderbaren Äußerungen das unbedingt Gleiche herauslasen. Rach dem „Standard" z. B. gab Dkr. Balfour seiner persönlichen Abneigung gegen die Politik der Daris- reformatoren Ansdruck, indes die „Times" voll Genugtuung die Wahrnchmung machte, daß er einen weiteren gewichtigen Schritt vorwärts, d. h. in Mr. Chamiberlains Züchtung getan. Der freihändlerische Teil _ der nnioui- stischen Presse stimmte wenigstens dahin überein, daß die Rede eine Mahnung für Chamberlain bildete, die Schutzzollpolitik aufzugebcn. und die Reform-Liga auf- zulösen. Ähnliche Harmonie herrschte in den schutzzöll-- nerischen Zeitungen, denen gemäß Mr. Balfour nunmehr „Ja und Zlmen" zu den bewußten Plänen gesagt hatte. Und Mr. Chamberlain? Des Ministerpräsidenten Erklärungen, sagte er in der Massenversammlung in Luton, bedeuten einen großen Fortschritt in dem Programm der Unionisten. Es bildet einen seiner beliebtesten Schachzüge, den Mr. Balfour bei jeder sich betenden Gelegenheit zu kompromittieren, und diesem Zaghaften einznreden, er hätte etwas Gewisses gesagt und könne als Mann von Wort daher nicht mehr zurückweichen. Vielleicht absichtlich, vielleicht aber auch nur in momentaner Verwirrung tat dieser nun allerdings einen Schritt, der dem, den die sogenannten Tarifresormatoren ihn unternehmen zu sehen wünschten, nahezu, wenn nicht völlig entsprach. Sie wollten die Frage, ob die Kolonien geneigt sind, England eine Ermutigung für die Wer- nichtung seines Außenhandels zu geben, in den Vordergrund gezogen sehen, damit es den Anschein gewinne, als handelte es sich in Wirklichkeit nicht nur darum, ob es überhaupt wünschenswert ist, Englands bisherige
Zollpolitik über den Kaufen zu werfen. Mr. Balfours Vorschlag, eine Kolonialkonserenz eiuzuberüsen, um fest- zustellen, was die Kolonien dem Mutterland für die Aufgabe des Freihandels im Verkehr mit den fremden Ländern zu gewähren geneigt sind, wird Mr. Chamberlain, wie er das soeben bereits in Luton getan, natürlich dazu ausnutzen, die ganze Perspektive der Zollfvage zu verzerren. Es paßt ihm natürlich ganz und gar nicht, daß der Ministerpräsident die Zustimmung des Volkes zu der großen Umwälzung durch zwei Generalwählon, eine vor und eine andere nach der Kolonialkonferenz, einzuholen wünscht. Er verlangt sein Mandat und was er alsdann mit den Kolonien verabredet, -geht nach seiner Ansicht keinen Menschen etwas an. Ein Sieg -ber Liberalen bei den nächsten Generalwahlen gehört mit zu seinem Plan, denn ec sagt sich, daß nicht nur infolge des regelmäßigen Wechsels den Liberalen schließlich wieder die Unionisten folgen würden, sondern, daß das dieses Mal auch ungleich schneller als sonst geschehen dürste, weil die Gegner über keine Staatsmänner von Bedeutung verfügen. In der Zwischenzeit hofft er, die Unionisten vollständig für die Schutzzollpolitik zu gewinnen. Mr. Balfour besitzt keine der für einen politischen Bühnenleiter nötigen Eigenschaften. Seine Idee, ein neues Mandat von der Nation zu erbitten, um die Kolonien konsultieren zu können, zeugt von kindlicher Einfalt, denn da diese selbstredend keine Opfer bringen 'werden. würde er sich und Chamberlain bei der zweiten Generalwahl alle Aussichten aus einen Sieg um so mehr verscherzen, als die Liberalen nun unbedingt an der Reihe sind.
Bauernunruhen in Nußland.
Über die Bauernrevolte in dem Dorfe Wolodkowaja Djewiza, Gouvernement Tschernigow, sowie über die barbarische Exekution — in einer Zeit ausgeführt, in welcher schon die Geburtswchen des Gnadenmanifestes über die Aufhebung der Körperstrafe begonnen hatten — sind der „Jskra" interessante Einzelheiten zugegangen. Es handelte sich hei den Zwistiocheiten zwischen den Bauern und den Gutsbesitzern, wie in den meisten solchen Fällen, um das Besitzrecht des von den Bauern bearbei- teten Bodens. Dieser Zwist hatte gleich nach der Aushebung der Leibeig-enschcrft begonnen, Äs man diesen Bauern, die bis zu jenem Zeitpunkt formelle Dokumente über das Besitzrecht des Bodens besaßen, diese Dokumente ans Grund der „Befreiungsverordnung" wegnahm und den Boden den Gutsbesitzern als Entgelt für den Der- Inst an Sklavenbesitz überwies. Über 40 Jahre haben die Bauern fest und steif daran geglaubt, daß es sich um etwas Widergesetzliches handle und daß der Boden nur ihnen gehören könne und sonst keinem, und über 40 Jcchre haben sie jeden Pachtantrag mit Wut zurückgewiesen und zogen es lieber vor, den Boden unbebaut und unbenutzt Kegen zu lassen. Sie wurden nicht müde, Bittschriften über Bittschriften an den Zaren, an alle Mitglieder der
Feuilleton.
Neisebriefe aus Lappland.
III. Im Land der Lappen.
(Schluß.)
Die User des mächtigen Torne-Träsk sind ein Dealer Aufenthaltsort für den Touristen. Borläusig ccilich sieht es mit den Unterkunftsgelegenheiten noch hlecht aus. Außer den kleinen Häusern der Stations- orsteher, die in der Regel ein Zimmer für den Sommer n Sommerfremde (nicht an flüchtige Touristen) verrieten, gibt es nur die schon erwähnte Touristenhütte am l b i s k o - F l u s s e. Aber wie lange wird es dauern, ann wird man auch an anderen Stationen Hütten und WtelS errichten, denn der Touristenstrom wird sich ganz >on selbst zum Torne-Träsk hinziehen, und man wird lir Unterkunft sorgen müssen. Die Abisko-Hutte liegt n einer der schönsten Stellen des Sees. Dicht der der >ütte braust tief unten in einem engen Bette, das er ich durch das Schiefergebirge gebrochen hat, der jchau- nend« Abiskofluß. Den mächtigen Wassersturz, den er in kleines Stück -weiter oberhalb bildet, verdeckt lerder etzt der Bahndamm, der in unmittelbarer Nahe der >Ütte vorüberführt. Er verdeckt auch dm Aussicht auf das Hochgebirge. Klimmt man ihn aber empor, so liegt dre wlz« Gipfelkette mit ihren leuchtenden Gletschern und Lchneebergen in prangender Schönheit vor uns, und Heuen wir die kleine Anstrengung nicht-^ den Nuofta- >erg zu ersteigen, an dessen Abhang dre Hütte von Abisko ch'gt, so bietet sich von dessen zirka 1000 Meter hohem
Gipfel ein Ausblick von einzigartiger Schönheit auf die
-ndlose Reihe der Schneeberge, auf die Dunkelblaue Flache xs Torne-Träsk und auf zahlreiche «rößere und kleinere doen ln feiner Nähe, die einst mit zu “ ' m f '
übrien, als sein Spiegel noch «in paar hundert Meter iöher lag. Und solche Gipfelbesteigungen oder auch Au-^ llüge das Tal des Abisko entlang kann man »«hlreich "ussühren. Fahrten über den See und Ausflüge aus
dem Nordufer kommen hinzu. Kurz, man hat Abwechs
lung genug, zumal täglich Touristen kommen und gehen, und die Unterhaltung beim gemeinsamen Mtttagsniahl in der kleinen Wirtschaftshütte stets sehr angeregt ist. Man kann auch mit der Eisenbahn kleine Tagestouren unternehmen, etwa nach Björklüden, w bereits eine kleine Sommcrniederlassung sich heranbildet und wo der Birkenwald höher und stattlicher ist als sonst am Torne- Träsk, und mv uns der entzückende Wasserfall des sogenannten Silberschleier als Hauptanziehungspunkt lockt. Also man langweilt sich nicht hier oben in der Einsamkeit des Lappenlandes, und wenn man Glück hat. sucht man auch wohl in nächster Nähe der Hütte Renntierherden, die nach Tausenden zählen. Hier ist ein Haupt trcffpunkt der Lappen, wenn sie in die Winterquartiere ziehen, und der eigentümlich sattelförmige Patz, der der Landschaft bei Abisko ein so charakteristisches Gepräge gibt, heißt die Lappenpforte.
Während tm allgemeinen auf der gesamten Bahnstrecke nördlich von dem (nahe bei Luleä gelegenen) Knotenpunkt Bocken der Verkehr sich auf täglich je einen Zug in jeder Richtung beschränkt, fahren zwischen Kiruna und Narvik auch noch eine Anzahl Güter- und Erzzüge, die jeder einen Wagen zur Personenbeförderung rnit- führen, allerdings nur 3. Klasse, bezw. sogar Viehwagen. Aber man hat doch auf diese Weise täglich achtmal in beiden Richtungen eine Verkehrsgelegenheit.
Kiruna, die „Erzberühmte" würde Homer sagen. Der Bericht von dem Erzreichtum, der hier in den zwei hohen Bergen Kirunavaarn und Luossavaara aufgc- starelt liegt, liest sich wie «in Märchen. Man kennt die Effelder schon seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts, an ein« Ausbeutung der ungeheuren Schätze im großen dachte man aber erst Ende der 80er Jahre des IS. Jahrhunderts. Die grundlegenden Untersuchungen wurden 1890 1896 und 1807 von dem Ingenieur Lundbohm ausgeführt der dann später der eigentliche Leiter derGruben geworden ist und jetzt der mächtigste Mann in Kiruna ist. Außer der oberirdisch lagernden Erzmenge, die man ans 215 Millionen Tonnen berechnet hat, kommt auch noch die
Zarenfamilie, an alle existierenden und selbst nur in ihrer Phantasie existierenden Behörden zu senden. Die Hülfe von zahlreichen Winkeladvokaten, die dab-ei ein „Geschäft" zu machen wußten, wurde ausgiebig in Anspruch genommen. Alle diese Winkeladvokaten beteuerten den Bauern, der Zar und- die Senatoren feien auf ihrer Seite. Ein Winkeladvokat ging sogar so weit, daß er die Bauerndeputierten nach Petersburg mitnah,m und dort in einem Lokal, allem Anschein nach, in einem Friseursalon, sie ans Schlüsselloch führte und zu Zeugen einer „Senatssitzung" werden ließ. Die Bauern haben dann selbst geschen, wie einige hohe Herren eine Sitzung abhielten, und wie einer von ihnen, „ganz in Gold gekleidet", folgendes verlas: „Auf Befehl Seiner Majestät ist der Grund und Boden der Gutsbesitzerin Galizin zu entziehen und den Bauern zu überweisen." In deo letzten Zeit hatten diese sauberen Herren „Rechtsanwälte" den ungeduldigen Bauern den Rat erteilt, zur Nutznießung des Bodens überzugeh-en, ohne auf die Gutsbesitzerin zu achten. Als dieser Rat befolgt wurde, be- schlossen die Behörden einzuschreiten. Es kamen nach der benachbarten Stadt Meschin der Gouverneur unh die Gendarmerie. Dorthin wurden auch die Bezirksbehörden berufen, und ein Plan wurde ausgearbeitet, wie der Trotz der Bauern zu beugen. Am 1. Juni hatte man einen Tvrfschutzmann ausgesandt, das Vieh der Bauern von der in Frage kommenden Weide zu vertreiben: der letztere wurde von den Bauern arg mißhandelt. In der Nacht vor dem 2. Juni wurden von unbekannter Hand Aufrufe in dem Dorfe verteilt, die in schwerfälliger unverständlicher kleinrussischer Sprache die Bauern aufforderten, ja nicht mehr auf den Zaren und die Obrigkeit zu hoffen und ihrer eigenen Kraft zu vertrauen. Am nächsten Morgen kam eine größere Anzahl von Polizisten und forderten wiederholt aut. das Vieh von der Weide zu vertreiben, worauf die Bauern ihnen erwiderten: „Wir haben euch nicht gerufen! Was wollt ihr auf unserem Boden?" Die Polizisten mutzten abzichen. Aber abends wurde, als die Bauern noch auf dem Felde waren, in ihren Häusern alles durchsucht, und e§ verbreitete sich das Gerücht, man hätte fünf Bauern verhaftet und nach dem herrschaftlichen Gute abgeführt. Sofort versammelte sich eine Menge von einigen Hunderten Bauern, die aufs herrschaftliche Gut eilten und dort die Befreiung der Verhafteten ungestüm forderten. Eine Truppe berittener Schutzleute stürzten sich alsdann aus die aufgeregte Menge, und- Peitschen- hiebe knallten rechts und links, die seitens -der Bauern aber mit einem- Steinhagel erwidert wurden. Da gab man den Befehl -ab, in die Menge zu schießen. Fünf Bauern wurden verwundet, darunter einer tödlich. Da- raufhin wurde von den Behörden nach allen Seiten depeschiert, -und am nächsten Tage erschienen in dem Dorfe Djewiza zwei Kompagnien Soldaten und zwei Hunderte Kosaken Die ganze Nacht hatten die Bauern schlaflos zu-gebracht: auch sie hatten depeschiert, und zwar
zunächst gar nicht schätzbare Menge unterhalb des Erdbodens in Betracht,' sicher enthält das Becken des Sees von Luossavaara erheblich viel Erz. Man kann, auch bei zunehmendem Abbau, etwa 150 Jahre rechnen, bis man zum unterirdischen Betriebe übergehen mutz. Vorläufig also ist die Förderung des Erzes noch sehr einfach: man trägt allmählich den ganzen Berg (der sich in seiner höchsten Spitze etwa 250 Meter über den Seespiegel erhebt) ab, indem man seitliche Stollen in den Berg treibt und Sprenglöcher bohrt. Dreimal am Tage ertönt an jedem Wochentage die.Kanonade, bisweilen zählt man an die hundert Schüsse. „Rutschbahnen" (so heißt das Wort auch im Schwedischen) fördern die Erzblöcke und Brocken bergab bis zu einer Stelle, wo sie in kleine Wagen verladen und von hier aus über eine Art Kaianlage in die Züge befördert werden. Das Erz ist von außerordentlich hohem Eisengehalt (bis 71 %), und angesichts der unerhörten Vorräte, die die Natur hier aufgeschichtet hat, ist es erklärlich, daß trotz der großen Schwierigkeiten die Versuche immer fortgesetzt wurden, durch den Ban einer Bahn das Erz dem Weltmarkt zuzuführen. Heute also ist dieses gewaltige Werk gelungen, und in wenigen Jahren ist an den Abhängen des Luossavaara, malerisch durch den lichten Wald zerstreut, eine ganze Stadt aus dem Boden gewachsen, Fabrikschornsteine ragen in die Luft, schmucke Stein- und Holzgebäude erheben sich, und überall merkt man, daß es hier noch Geld zu verdienen gibt. Was heute noch unfertig ist, wird in ein paar Jahren fertig sein, Lücken werden sich schließen und mehr und mehr Einheit wird in das Ganze kommen. Jetzt aber macht gerade die Unsertigkeit eine Wanderung durch Kiruna interessant. Gegensätze gibt es noch in Menge. Am merkwürdigsten berührt wohl die Eleganz des der Bergwerksgesellschast gehörigen Hotels, das höchst mo» dern und -selbstverständlich mit elektrischem Lichte und Zentralheizung eingerichtet ist. Stilgerechter und angenehmer -würde es freilich -wirken, wenn die Eleganz und Modernität weniger groß wären. So ist z. V. das Haus des Herrn Lundbobm mit erlesenem Geschmack und doch stilgerecht-blockhausmäßig eingerichtet. Man weiß sofort
