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SS. Jahrgang.

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476.

BerlagS-Iernsprecher No. 2353.

Dienstag, den 11. Oktober.

Redaktions-Fernsprecher No. 52

1904.

Abend-Ausgabe.

1. WLatt.

ResormKatholhismus.

Was man nicht alles erlebt! Mit einem derttschen Reformkatholizismus werden wir bekannt gemacht, von dem wir bis dahin noch nichts gewußt hatten. Ist es eine Schande, das zu bek-eunen? Tie Anhänger des Reformkatholizismus sind wahrscheinlich der Adeinung, 'eg fei eine Schande. Aber wir können uns nicht Helsen, wir erfahren erst jetzt von der Sache, und wenn das schlimm für nns sein mag, so ist es noch schlimmer für die Sache selbst. Denn es wäre eine Unmöglichkeit, daß sie der -Öffentlichkeit verborgen geblieben wäre, wofern sie bereits mehr wäre als ein bescheidener Ansatz einer Entwickelung, der jeder Verständige allerdings herzlich gern das beste Gedeihen wünschen wird. Nur. leider werden, die Verständigen nicht so optimistisch sein, zu glauben, daß ihre Wünsche schon eine Bürgschaft ihrer Realisierung in sich tragen können. Ein Aussatz in der „Zukunft", datiert aus München, unterzeichnst von vr. Josef Müller, unterrichtet uns über das Wesen des „Reformkatholizismus", den der Verfasser wohlweis, lich sstber mit Anführungszeichen versiebt. Er gibt auch gleich den Fehler der Bewegung an: sie trete nämlich nicht -als Massenpartei auf und könne keine für politische ! Zwecke gedrillte Truppe stellen. Der Reformkatholizismus existiere für die Regierung nicht, kein ihm Zugehöriger werde in ein Hirtenamt, auf einen Katheder berufen, vr. Joseph Müller fragt: „Wissen denn die Protestanten nichts vom R-eformkatholizismus, der nur deshalb nicht rascher vorwärts kommt, weil et auch von den Regie- rungen ignoriert oder gar bekämp-st wird?" Darauf ist zu -antworten: Nein, wirklich, die Protestanten wissen Nichts ' davon. Wo steckt der Reformkatholizismus? Wie äußert er sich? Wie soll die Regierung es machen, um mit Hülfe des Refo-rmkatholizismus die theologischen Fakultäten zur Umbildung der Jugend zu benutzen und so zu verhindern, daß in ihrem Machtbereich ein be­schränkter Fanatismus gezüchtet wird? Nach -dem,Ver­fasser ist „der Werglaube an die Einheit alles katholischen Streb-ens ein Unglück für den deutschen Katholizismus." Warum „Merglaube"? Wir alle wissen freilich, daß noch lange nicht alle deutschen Katholiken als Klerikale anzusprechen find, daß Millioneu von Deutschen, di-e der Zufall der Geburt dem katholischem Bekenntnis zuweist, außerhalb des Bannkreises dogmatischer Befangenheit leben und streben, daß alle Parteien Angehörige der katholischen Konsessimi zu ihren Mitgliedern zählen. Wer diese Millionen von katholisch getauften Deutschen, die 'in Wahrheit doch keine Katholiken im Jentrumssinne sind, würden es großenteils ablehnen, als Material für reformkatholische Bestrebungen zu gelten. Ohne Zweifel gibt es eine Minderheit von innig glaubenstreuen Katho- Kfm, die mit Recht als Vorläufer oder gar schon Erfüllet

Lin Rätsel.

Erzählung von 8. 8. — übersetzt von M. Walter.

(3. Fortsetzung.)

„Nun?" fragte vr. Roth, sich auf einen Sessel nieder.

lassend. .. _ .

„Die Sache ist die", begann Jasper. „Marrrck hat vorhin an Onkel Westland telegraphiert, -daß er heute um Mitternacht eintresfen wird. Natürlich hatte er bei M- sendung seiner Depesche unsere Botschaft noch nicht, er­halten, und niemand von der Famllie hat den Mut, ihm bei seiner Ankunft das Schreckliche mitzutellen. So- habe ich mich dazu erboten und werde ihn erwarten. Vor seiner Rückkehr müssen wir zwei jedoch noch eine Ent- scheidung treffen."

„Warum wir zwei?" fragte der Arzt verwundert.

„Weil Sie der einzige sind, dem ich- das anvertrauen kann, was ich- zu sagen habe."

vr. Roth schaute betroffen auf. „Glauben Sie etwa", äußerte er zögernd, „es bedürfe hier einer gerichtlichen Leichenschau?"

„Nicht im eigentlichen Sinn", entgegnete J^ptr- „Eine solche erfolgt doch wir, -wenn kein Arzt zur ^stelle und die Todesursache nicht erkannt worden ist. Lossen Sie mich Ihnen eine Frage stellen, Doktor, .lnge- genommen — es läge kein Herzschlag vor

„Könnte es ein — Selbstmord -gewesen sein?"

„Ich glaube kaum", lautete die rasche Antwort. »Ofsen gestanden habe ich mich auch -gar Nicht mit dieser Mutmaßung befaßt. Mir lag vor allem daran die Ehre der Lebenden zu schützen, um so mehr als der Toten da- wit kein Unrecht geschah." . , r

„Ganz recht!" nickte Jasper. „Wenn ich >zhnen nun

eines geläuterten Refo-rmkaHolizismus gelten dürfen, indes sie stellen keine Macht dar, nicht einmal eine be­scheidene Organisation, und wir wüßten nicht, was Staatsmänner, Politiker oder auch nur ruhige Beobachter des öffentlichen Lebens mit ihnen anfangen sollten. Um ein Beispiel zu gebrauchen: Es gibt, und hiervon sind wir sogar wesentlich -besser als vom Reformkatholizismus unterrichtet, eine Gruppe von idealistisch b-eanlagten Männern, die die wirtschaftlichen und- sozialen Schäden der Zeit dadurch heilen möchten, daß sie aus der sozia­listischen ' Bewegung das nach ihrer Meinung Gute herausheb-en und nach sozialliberalen Rezepten verwirk» licht sehen wollen. Was bedeutet diese -Gruppe in unseren großen Parteikämpsen? So -gut wie nichts bedeutet sie, sie ist die kümmerliche Verkörperung von Wünschen, sie gibt bestenfalls eine Weltanschauung, die nur den Fehler hat, daß nicht gar viele sich zu ihr bekennen.

Es ist mit dem- Refo-rmkatbolizismus wohl nicht anders. Vielleicht könnte man sagen: der Reform­katholizismus verwirklicht sich dort, wo der Klerikaftsmus endigt. Tann aber hat man nur wiederholt, was schon in anderer Weise ausgesprochen war, nämlich daß nicht .entfernt das ganze Drittel des deutschen Volkes, das in Kirchenbüchern und Polizeiregistern als katholisch auf. geführt wird, dem Zentrum oder sonstwie den: Klerikalis- mus zuzuschreib-en ist. Soll sedocki mit ResormkathoU. zismus dasselbe wie mit Wkatholizismus gesagt sein, dann ist damit schon ausgedrückt, daß die Sache nicht sonderlich belangreich ist. Leider, so fügen wir hinzu. Wer möchte nicht wünschen, -bafe die Bewegung etwas bedeute! Wer es ist nun einmal so, daß sie eben nichts bedeutet oder doch nur ganz wenig, was praktisch wohl auf dasselbe h-inauslä-ust.

Zur lippeschen Frage.

dck. Detmold, 10. Oktober. Reichskanzler Graf Bülow richtete an den Vizepräsidenten des Landtages, Kommerzienrat. Hofmonn, folgendes Antwortschreiben aus Homburg v. d. H. vom 8. ds.: Sie haben mich um eine authentische Interpretation des Telegramms Seiner Majestät vom 26. v. M. gebeten. Ich bin gern bereit, Ihnen meine Antwort schriftlich zu geben und ermächtige, Sie, öffentlich zu erklären, daß Seine Majestät mit diesem Telegramm lediglich bezweckt hat, die vorläufige Nicht- Vereidigung der Truppen zu begründen.. Mit der Auf- fassung des Bundesrats, daß die Rechtslage ungeklärt sei, konnte sich Seine Majestät nicht in Widerspruch setzen. Jeder Eingriff in die Rechte des Fürstentums hat Seiner Majestät selbstverständlich ferngelegen und insbesondere liegt es der -allerhöchsten Wsicht fern, -der derzeitigen Aus. Übung der Regentschaft irgendwelche Hindernisse zu be. reiten Wie stets, wird auch diesmal -der Rechtsboden nicht verlassen werden und die Erledigung der Lippeschen Frage wird lediglich nach Rechtsgrimdsäh-en erfolgen. Ich hoffe, daß es unter diesen Auspizien gelingen wird, auf schiedsrichterlichem Wege zum Wohls des Landes

aber den Beweis liefern könnte, daß keine unserer bis- berigen Annahmen die richtige war —" ,

Der Arzt blickte ihn verständnislos an. „Ich- verstehe Sie nicht ganz, lieber Freund", sagte er kopfschüttelnd. „Sie, Jurist, sehen die Dinge ja natürlich anders an als wie wir, bemerken manches, was uns entgeht. Ich ahne zwar, worauf Sie hinzi-elen — es leuchtet mir jedoch nicht ein. Was haben Sie entdeckt?" fügte er, sich ener­gisch emporrichtend, hinzu. „Sagen Sie es mir!"

Jasper zögerte. „Wenn Sie mir versprechen — nein, schwören wollen, ohne meine Erlaubnis keinen Ge­brauch von dieser Mitteilung zu machen."

„Würden Sie an meiner Stelle ein solches Ver­sprechen geben?" fragte Roth -vorsichtig: er liebte es nicht, sich blindlings zu binden.

„Gewiß!" versicherte Jasper.

„9tmt denn — hier ist meine Hand. Ich schweige, so lange Sie es verlangen."

„Noch einen Augenblick! Nach der Lage, in der wir Doris Marrick fanden, mutz man ja eigentlich auf einen Selbstmord- schließen —"

De. Roth nickte stumm.

„Würden Sie aber auch noch daran festhalten, wenn Sie entdeckten, daß die Waffe, die neben ihr lag, nicht ihr gehörte, sondern eine fremde war?"

„Dann allerdings", gab der Arzt zu, „würde ich nie- mals an einen Selbstmord glauben." _

„Run — so lassen Sie sich sagen — aber vergessen Sie Ihr'Versprechen nicht — daß der Revolver nicht Doris Eigentum war."

„Was?" fuhr vr. Roth auf. „Nicht ihr Eigentum?

„Nein."

„Wissen Sie — wem er gehört?" kam es stockend über die Lippen des Arztes. .

Jasper nickte. „Sie werden sich gewiss erinnern, daß Marrick den Leiden Mädchen Doris und Betsy zwei ganz

Lippe zu einer endgültigen Lösung der Frage zu gelangen und ich werde das Meinige tun, um dieses Ziel in kurzer Frist zu erreichen, (gez.) v. Bülow.

Tie Ausführungen des Reichskanzler lassen erkennen, daß auch dieser das Kaiser-Telegramm nur als eine pri­vate Kundgebung ausgefaßt wissen will, die nach den Worten des Grafen Bülow lediglich den Zweck gehabt habe, dem Graf-Regenten die Gründe für die vorläufige Nichtvereidigung der Truppen mitzutellen. Und zwar -geschehe dies nach der Erläuterung des Reichskanzlers deshalb, weil nach Auffassung des Bundesrats die Rechts- läge noch ungeklärt sei. Während- aus dem Telegramm des Kaisers gefolgert wurde, daß ein Einspruch gegen dje Anerkennung der Regentschaft des Grafen Leopold er- hoben werden solle, versichert Gras Bülow, daß es nicht die Wsicht des Kaisers sei, „der derzeittgen Ausübung der Regentschaft im Fürstentum durch den Herm Grafen Leopold zur Lippe irgend welches Hindernis zu bereiten." Hiernach scheint also festzustehen, daß in der Tat, und zwar anscheinend nach dem Willen des Bundesrats, dis Vereidigung -der Truppen auf den Graf-Regenten, wie sie aus Grund der Militärkonventton zwischen Preußen und Lippe vom 14. November 1873 zu erfolgen hätte, ausgesetzt werden soll, während die Regentschaft des Grafen Leopold — und dos ist ja das entscheidende —- entsprechend der nicht nur in Lippe, sondern fast überall in Deutschland vertretenen Rechtsverfassung als eine un- anfechtbare Tatsache betrachtet wird, bis eben aus ord» nungsgemäßem Wege der Stteit um die Regentschaft und um die Thronfolge zur Erledigung gelangt. Mit dieser Interpretation des Kaiser-Telegramms wäre in der Tat der hauptsächlichste Differenzpunkt in der Behandlung der lippeschen Thronfolge- und Regentschaftsfrage aus dem Wege geräumt, denn damit, daß diese Frage einem schieds­richterlichen Urteil unterbreitet werden soll, hat sich auch der Graf-Regent Leopold, wenn er auch an sich seine An­sprüche auf die Regentschaft und die Thronfolge als zweifellos ainsteyt, einverstanden erklärt. Der Stand- Punkt des Reichskanzler deckt sich hierin auch vollkommen mit dem des lippeschen Landtags und der lippeschen Staatsregierung. Graf Bülow hat in seiner Erläute- rung des Kaiser-Telegramms die Hoffnung ausgesprochen, daß es den Auspizien -des Bundesrats bald gelingen werde, auf schiedsrichterlichem Wege zu einer endgülttgen Lösung der Frage zu gelangen, und er hat erklärt, d-aß er das Seinige tun werde, um dieses Ziel in möglichst kurzer Frist zu erreichen. Hiermit stimmt in der Sache der Beschluß überein, welchen der lipp-esche Landtag am Montag gefaßt hat, nämlich- an den Bun-desrat das Er- suchen zu richten, dahin wirken zu wollen, daß eine baldige endgültige richterliche Entscheidung der lippeschen. Thron­streitigkeiten durch ein ordenüiches oder ein Schieds- geeicht in die Wege geleitet werde. Eine solche Regelung dürfte denn auch cillerschleunigst in die Wege geleitet werden, da dies nicht nur den Interessen der beiden Parteien entspricht, sondern auch denen des Reichskanzlers

gleiche Revolver schenkte. Auf einer gemeinsamen Spazierfahrt schnitt ich Betsps Initialen in ihre Waffe ein — sie hatte mich darum gebeten."

„Nun und?"

„Nun — es war eben dieser Revolver, den ich neben Toris Marrick fand!"

„Betsys Revolver!" vr. Roth sah den jungen Mann einen Augenblick starr an, dann atmete er tief auf, in­dem er leise vor sich hinmurmelte: „Gott sei Dank! Kein Selbstmord!"

3 .

Die Stutzuhr auf dem Kamin verkündete die elfte Abendstunde. Richard Jasper saß allein im Arbeits- zimmer seines Vormundes, die Rückkehr Eugen Marricks erwartend. Er war durchaus kein nervöser Mensch, aber die starken Aufregungen des Tages machten sich doch fühlbar. Die Furcht, das so streng gehütete Geheimnis durch eineu tückischen Zufall verraten zu sehen, hatte ihn beständig verfolgt und eine Abspannung erzeugt, wie er sie sonst nicht kannte.

Um die Müdigkeit, die ihn übermannte, zu ver- scheuchen, trat er auf die Terrasse, von der einige Stufen in den Garten führten. Langsam schritt er den mond- beschienenen Kiesweg auf und ab, von Zeit zu Zeit einen Blick nach den Fenstern des Hauses werfend, das ein so dunkles Rätsel barg. Alle seine Gedanken beschäftigten sich mit dem mysteriösen Tod der jungen Frau, die in zu glücklichen Verhältnissen gelebt hatte, um eineu Selbst, mvrd glaubhaft erscheinen zu lassen. Und immer wieder drängte sich Jasper die Frage aus: „Wo war der andere Revolver — Doris Marricks Eigentum, geblieben?"

Unwillkürlich streifte sein Blick die Fenster des Hauses, und plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen. Sah er nicht einen Lichtschein in Betsy Westlands Zimmer? War sie wieder kränker? Doch nein, alle übrigen Räume blieben dunkel, man vernahm auch kein Geräusch,