Ls. Jahrgang.
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Hfl. 4 Y 3« Verlags-Fernsprecher No. 2953.
Konntag, drrr 9. Okloker.
Redaktions-Fernsprecher No. 52
1904.
Morgen-Ausgabe.
_ 1. Matt.
Clll Mersprulh Mistzen Gesetzedung M Uemaltung.
Die Trennung von Gesetzgebung und Verwaltung soll im modernen Rechtsstaat ine Ausübung der Staatsgewalt unter die Kontrolle des öffentlichen Rech-tsbewußt- seins stellen. Die Verwaltung hat die von der Gesetzgebung ausgestellten Normen nicht nur im allgemeinen als Richtung gebend, sondern als bindend für jeden einzelnen Fall zu betrachten. Im allgemeinen wird man auch den Verwaltungen der Einzelstaaten nicht den Vorwurf machen können, daß sie bewußtermaßen sich über diesen.Grundsatz hinwegsetzen. Immerhin gibt es ein Gebiet, 'auf -dem ein offenbarer, ja anerkannter Widerspruch zwischen den Forderungen unserer Reichs- gesetzgebung und der von Staat und Gemeinde ausgeübten Polizei besteht. Es ist dies freilich ein dunkler Fleck, von dem den Schleier hinwegzuziehen bei manchem mehr Anstoß erregt als der Schmutz und das Elend, welches sich unter diesem Schleier verbirgt.
§ 150 des R.-St.-G. bestimmt in klarer einwands- freier Weise: „Wer gewohnheitsmäßig oder aus Eigennutz durch seine Vermittlung oder durch Gewährung oder Verschaffung von Gelegenheit der Unzucht Vorschub leistet, wird wegen Kuppelei mit Gefängnis bestraft; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte, sowie auf Zulässigkeit von Polizeiaufsicht erkannt werden." Trotzdem ist es ein öffentliches Geheimnis, daß wohl i« fast allen Groß- und vielen 'Mittelstädten unter den Augen der Behörden Einrichtungen bestehen, die der Forderung des Gesetzes geradezu Hohn sprechen. Das sind die Bordelle und Animierkneipen. Und gerade weil die Polizei bezüglich der Behandlung dieser Unzuchtsstätten sich in Widerspruch mit den reichsgesetzlichen Vorschriften weiß, sucht sie die Kenntnis und die Er- forschung der bestehenden Sachlage möglichst hintanzu- halten. Fast nirgends finden sich in den umfänglichen Drucksachen, die jahraus, jahrein zur Unterrichtung des Publikums von den Verwaltungsbehörden herausgegebm werden, Berichte über die Prostitution und über alles, was mit ihr zusammenhängt. Über dieses für die Sittlichkeit und Gesundheit eines Volkes so maßgebende Gebiet glaubt die Verwaltung der Öffentlichkeit gegenüber der Rechenschaft überhoben zu sein.
Eine Frau ist es nun, die es versucht, freilich mit den beschränkten Mitteln, wie sie einer Privatperson eben nur zur Verfügung stehen, einiges Licht in diese Schatten unserer Kultur hinein zu werfen. Beseelt von dem Wunsch, der öffentlichen Wohlfahrt einen Dienst zu leisten, hat im Auftrag des Vorstandes des Bundes der Deutschen Franenvereine Frau Kacharina Scheven-
Dresden eins „Denkschrift über die in Deutschland bestehenden Verhältnisse in bezug auf das Bordellwesen und über seine sittlichen, sozialen und hygienischen Gefahren"*) veröffentlicht. Sie soll zur Begründung einer Petition dienen, die der Bund der Frauenvereine an den Reichstag betreffs Abschaffung der Reglementierung und Unterdrückung des Bordellwesens gerichtet hat.
Im theoretischen Teil legt die Denkschrift in klarer, bündiger Form die mannigfachen Gefahren und Mißstände dar, die aus dem heutigen unhaltbaren Zustand erwachsen. Sie deckt vor allem die furchtbaren Schädigungen auf, die aus -dem trügerischen Sicherheitsgefühl dem Publikum erwachsen, das ha meint, im Hinblick ans Zwangsuntersuchungen ruhig darauf los sündigen zu können, sie zeigt, wie aller Reglementierung zum Trotz die freie Prostitution sich ins Schrankenlose vermehrt, und wie das sittliche Urteil der Jugend dadurch ver- wirrt wird, daß sie mit einem Schein von Recht annimmt, die fürsorgliche hohe Obrigkeit sanktioniere und schütze das Treiben in den Höhlen des Lasters.
Der tabellarische Teil gibt die Antworten einer Umfrage wieder, die die Verfasserin bei Ärzten in all denjenigen deutschen Städten vorgenommen hat, in denen man anneinnen kann, daß die Prostitution eine gewisse Rolle spielt. Sie wandte sich an Ärzte in allen Städten über 20 000 Einwohner, alle Residenzen, Hochschulstädte, Hafenstädte und die sogenannten kleinen Garnisonen. Im ganzen wur-den die Fragebogen an 238 Städte gesandt. Aus den Großstädten war mit Ausnahme von Bremen, Braunschweig, Breslau, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Halle a. S., Königsberg, Krefeld, München und Stettin nichts zu erfahren, im ganzen liefen aber doch Antworten ans 166 Städten ein. Es wurde gefragt: ob überhaupt Reglementierung bestehe, nach der Zahl der Prostituierten, ob -Minderjährige darunter seien, ob Bordelle oder Dirnenstraßen, vorhanden, ob Bestimmungen existieren über die Anzahl der Prostituierten, toeMje in einem Haufe wohnen dürfen, und in welchem Rechtsverhältnis dieselben zu ihren Wirten stehen? Ferner wurden allgemeine Darlegungen, Äußerungen von Wünschen und Vorschlägen erbeten.
Es ist ein buntes Bild, welches die Antworten widerspiegeln. Von dem laisser faire bis zur schärfsten Reglementierung und Kasernierung könnte man Bei- spiele aufzählen. In 46 von 166 Städten gibt es überhaupt keine Reglementierung, freilich mitunter steht die nicht recht tröstliche Erklärung dabei, „.die in der Nähe gelegene Großstadt mache solche überflüssig" oder „bei uns sind die Animierkneipen sehr verbreitet". In 19 Städten wird das Bestehen von Bordellen im „polizei- technischen Sinne" zugegeben, in 14 anderen sind die
Kath aiiit« Scheven: Denkschrift über bie in
'Deutschland bestehenden Verhältnisse in bezug auf das Bordell- wescn und über seine sittlichen, sozialen und hygienischen Ge- iabren (Schriften des Bundes Deutscher Franenvereine. Heft 6.) 81 S. u. Tabellen. Dresden 1901, O. V. Böhmert. 1 M.
Prostituierten in Dirnenstraßen konzentriert. Es ist kaum zu glauben, aber es wird berichtet, daß in einigen Städten schon Mädchen im Alter von 16, in noch mehreren von 18 Jahren, also Unmündige, in die Kontrolllisten amtlich eingetragen werden! Und imter^solchen Umständen befürworten aus nicht ganz wenigen Städten die befragten Ärzte die Einrichtung von Bordellen, manche freilich in der Erwartung, daß das schmähliche Treiben der Animierkneipen dann trn Zaume gehalten werden könnte. Daß das Unlvesen der Animierkneipen nicht nur gegen das Strafgesetzbuch, sondern auch in allevflagrantester Weise gegen die Gewerbeordnung ver- stößt, scheinen Viele Behörden gänzlich zu übersehen!
Wenn nun auch die Denkschrift Behörden und Publikum das Gewissen zu schärfen sucht, so wird sie doch auch den wohlgemeinten Bestrebungen der Staatsautoritäten gerecht, wenn sie rühmend die Bemühungen her- vorhebt, die das Kgl. Sächsische Ministerium des Innern und die Dresdener Polizeidirektion 1888 in die Wege geleitet Haben, um die Derwaltungspraxis der Gesetzgebung entsprechend umzugestalten. Das beste Wollen wird aber lahm gelegt, wenn nicht die maßgebenden Kreise und die öffentliche Meinung den Regierungs- bchörden als Bundesgenossen zur Seite treten. Daran hat es bislang freilich gefehlt! P. S.
Ebenbürtigkeit.
Die Ebenbürtigkeit ist ein alter Zopf, der sobald wie möglich beseitigt werden sollte. Ein nationalliberales Blatt, der „Hannov. Cour.", schreibt: Die Ebenbürtig, keitsfragen, die dem lippeschen Streit zugrunde liegen, haben für die weitesten Kreise etwas unendlich Vorsintflutliches, wenn nicht gar Verletzendes. Ein Rudiment der Vergangenheit, das in unsere Tage hineinragt, und dessen Vorführung und Anwendung sicher gerade den Anschauungen, die dadurch gestützt werden sollen, mehr und mehr' .abträglich ist.. Der monarchische _ Gedanke wirr.de .sicher in noch weit höherem Maße, als es jetzt schon der Fall ist, mit dem modernen Dolksbewußtsmi ver- schmolzen werden, wenn man ihn frei machte von solchen Unverständlichkeiten, die nichts mehr für sich haben wie ihr ehrwürdiges Alter, und wenn man ihn einzig ans den Boden der Verfassung und der modernen Gesetz- gebung stellte. In außerdeutschen Landen und in einem Teil der deutschen Staaten hat man denn ja auch diesen Weg mit Erfolg beschritten.
Dem neuen Graf-Regenten Leopold von Lippe wird das Recht ans Thronfolge bestritten, weil er angeblich einer nicht ebenbürtigen Ehe entstamme. Seme Mutter, eine Gräfin Wartensleben, sei ebensowenig ebenburirg gewesen wie die Ahnfrau der Biesterfelder, Modeste von Unruh Die Ebenbürtigkeit des Grasen Leopold von Lrppe-Biesterfeld wird in Frage gestellt von seiten des Prinzen Adolf zu Schan-mburg-Lippe. Diesem wiederum
Feuilleton.
Ein- und Ausfälle.
(Für das „Wiesbadener Tagblatt".)
Von Joseph Kaislcr.
Klsistifheichrnrirgsn.
„Wenn Sie mich einen ganzen Menschen sehen lassen, Miß ich nichts von ihm, zeigen Sie mir aber nur seine Nase, so erzähle ich Ihnen feine Lebensgeschichte."
So pflegte ttinser lieber alter Lehrer im Tone tiefsten Ernstes zu sagen, während in den hundert Fälschen um feine klugen, so jungen Augen das Lächeln arbeitete, das sich an unserer Verblüffung freute. Dann nahm er den Bleistift und warf mit flüchtigen Strichen eine ganze Galerie charakteristischer Nasen hin. Da konnte man genau sehen: Das war ein hoher Rcgierungsbeamter mit großem Verantwortlichkeitsgefühl, das ein Lyriker mit verblaßten Purpursamtstimmnngen, das ein gerissener Bankgründer und das dort sicher eine ckame de freute ans aus der Jagd nach der großen Leidenschaft. .
Der Zeichenstift schien mit der Hand ,n eins verwachsen, keine tote Materie, nein, nervös und lebendig wie ein beseeltes Glied — ein sechster Finger. Man begriff Leonardo, der klagt, daß man nicht mit den Fingern malen könne. Jeder hat sicher schon vor den 'Studienzeichnungen eines Meisters zu einem großen Bilde empfunden, daß sie ihm in dem einen oder anderen mehr sagen als das Werk selbst. Es ihm wenigstens unmittelbarer sagen. Beide, der Künstler und der Betrachter, Helsen dazu zusammen. Der Künstler hat nicht die tausend Hemmnisse einer großen, mühevollen Technik. Der Funke der Inspiration springt unmittelbar vom Empftn- dungszentrum zum Werkzeug über. Der Betrachter wird durch nichts abgelcnkt. Sein Schauen -konzentriert sich sofort auf die klar heraustretcndc Hauptsache.
Die Bleistiftzeichnung ist gegen das Gemälde wie dav warme, nahe Wort/ das beim Glas alten Wein, von leuch
tenden Augen und dem Druck einer lieben Hand begleitet, auffliegt gegen das rollende, erschütternde Pathos des Redners auf der Tribüne. Und welcher Reichtum in der Schlichtheit. Sag' nicht, der graue Stift hat keine Farbe. Er hat sie, deine Phantasie hat sie vielleicht nicht.
Allerdings — war unser Lehrer so weit, dann gab er den Stift mit einer einladenden Verbeugung dem Nüchst- stehenden in die Hand. Hatte der unter den scharfbeobach- tendcn Augen sein Werk zögernd vollendet, dann konnte es wohl passieren, daß der alte Herr dem Armen mit spöttischem Wohlwollen auf die Schulter klopfte: Ja,
mein Lieber, soll das nun die Nase eines Jesuiten oder der Schnabel eines Geiers sein. Leicht sind die beiden ,a freilich nicht auseinander zu halten. Aber „treffen , meine Herren, „treffen", das ist eben das Geheimnis des Bleistifts. ,
Unsstsche MslrMsterirng.
Kolo Stanjewitsch war ein guter Sohn. Das ganze Dorf wußte das. Nie hatte feine alte, halb verkrüppelte Mutter hungern müssen, obwohl sie nur eine magere Ziege und die elendeste Hütte des Dorfes besaß. Kolo war jung und stark und arbeitete gern für seine Mutter ,O ja, mein Mütterchen" machte er mit hawgeschlosgnen Augen, wenn ihn einer'fragte, wie es ihm gehe, und er sang und pfiff bei der Arbeit. Nicht einmal, als die Zc t kam, da fick die Mädchen nach ihm umzu>chau«n anfmgen, ließ er seiner Mutter etwas fehlen. Und da «Kn doch die meisten und kaufen ein rotes Band oder eine Kette für das Mieder, ihr Glück zu versuchen, und vergessen die Alten. Nein, sie hatte nie hungern müssen, die alte Maria, selbst jetzt nicht, wo mancher richtige Bauer nicht wußte" wo er für Kind und Knecht zu essen hernehmen
' l ' Ute Vhtn wird sie's doch lernen müssen," sagte die alte Pala hämisch, die Marja um den fleißigen Koto beneiec c und sie deswegen öfter eine Here nannte. - hatten Kolo zum Militär eingezogcn. Biele fttncr Kameraden hatten cs schlauer gemacht und waren beizeiten über die nabe Grenze gegarlgen. Ein gutes Stuck Geld
kostete das freilich immer. Aber mancher Bauer verkaufte die letzte Kuh, von der alle lebten, um feinem Sohn vom Kriege zu helfen. Kolo hatte nichts zu verkaufen und er war doch der einzige Ernährer seiner Mutter. Der Zar konnte doch nicht wollen, daß sie verhungerte, sre wurden ihn nicht nehmen. Rußland war ja so groß und der Zar hatte andere Soldaten genug.
Nun waren die Kosaken da. , Unter widerlichen Flüchen und Knutenhieben trieben sie ihren Transport zusammen. Auch Kolo hatten sie geholt. Vergebens hatte sich Marja dem Offizier zu Füßen geworfen, mit einem Fußtritt jagte er sie weg. Nun lag sie zerbrochen, vom Weinen halbblind vor dem Marienbild, dessen grelle Farben im Flackern des ewigen Lichtes zu unruhigem
Leben erwachten. „ , _ rir _. r . „
Ihr armer alter Kopf fieberte. Seltsame Bilder standen in ihm wie Gespenster in der trägen Ruhe eines friedlichen Kirchhofs auf. Nun würde sie hungern, was lag daran. Aber ihr Kolo mußte in den Krieg. So wert — kein Mensch konnte denken, wie weit! Gegen die Japaner. Was war das: Japaner? Nachbar Jrtschik sagte, sie sähen aus wie 'die Assen. Auf einmal säßen sie einem im Genick und drückten einem mit ihren langen, braunen haarigen Fingern, an denen sie Krallen wie die wilden Katzen Hütten, die Gurgel zu. Darum wären die toten Russen aus dem Schlachtfelde alle so blau und grün iin Gesicht und man könnte keine Wunden finden. Ihr Kolo Der Pope sagt, es wären Teufel vou der Hölle zum Verderben der guten -Christen ausgespien. Und darum müßte man Heiligenbilder mit in den Krieg nehmen, sonst rissen sie de» erwürgten Russen noch die arme Seele aus der Brust und führen mit ihr zur Hölle. Aber so ein Heiligenbild, das wirklichen guten Schutz gab, verkaufte er nur für viele Rubel. Wenn ihr Kolo so daläge ... Nein, sic gab ihn nicht her. Wenn diese Teufel ihm seine Seele stahlen! Sie konnte ihm kein Wunderbild imt- geben Sicher würden sie's tun, weil sie sonst nie über
ihn Macht gehabt hatten, da er gut und brav war und feine Mutter ehrte. Wenn er doch auf der weiten Fahrt gürb' —. Erschreckt, mit stieren Augen fuhr sie auf. Jetzt hatte sie Gott versucht. Und mechanisch bewegten
