s». Jahrgang.
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Uo. 469. Verlags-Fernsprecher No. 2983 . Freitag, den 7. Oirtoder.
Ncdakiioris-Fcrnfprccher No. 5ö 1904 .
Morgen - Ausgabe.
1. Wlatt.
SgMlpolttische Umschau.
— Anfang Oktober. —
Die deutsche Sozialgesetzgebung soll also in der bisherigen Weise weiter ausgebaut werden. Das hat der Vertreter der Reichsregierung der internationalen Vereinigung sür gesetzlichen Arbeiterschutz vor einigen Tagen in Basel im Aufträge des Reichskanzlers und des Grafen ^Posadowsky versichert. Das ist ein tröstliches Wort. Oft wollte es in der letzten Zeit scheinen, als ob jene Richtung durch die Reichsregierung verhängnisvollen Einslutz erhalte, die in völliger Verkennung sozialer Enkwickelungs- gesetze am liebsten einen dickenStrich durch alleHofsnungen auf gedeihlichen Fortschritt der deutschen Sozialpolitik ziehen möchte. Man wird die Reichsregierung beim Wort halten und ihre Zusicherung nicht 'vergessen. In Basel hat sie versprochen, namentlich' den gesetzlichen Arbeiter- schütz weiter auszubauen, dessen allgemeine Regelung durch Verträge zwischen allen Industriestaaten sie wünscht. Der Vertreter unserer Reichsregierung war der Ansicht, es sei in erster Reihe erforderlich, die öffentliche Meinung für diese Regelung zu gewinnen. Das ist eine leichte Mühe, wenn die Regierungen' ernstlich wollen. Allerdings auf den Widerstand der Interessenten wird man sich gefaßt machen müssen. Auf deren Widerstand ist jeder sozialpolitische Fortschritt gestoßen. Das wird auch wohl kaum anders werden, solange der Egoismus eine Haupttriebfeder menschlicher Handlungen ist. Würde man auf diesen Widerstand Rücksicht, genommen haben, so säßen wir heute noch auf den untersten stufen sozialer Kultur. Wie heftig wird von manchen Interessenten doch gerade heute die Verkürzung der Frauenarbeit in Fabriken befehdet und nun gar die Einführung eines Zchnstunden- tages für Pfänner! Wieder einmal soll das Vaterland in Gefahr sein und doch ist nicht daran zu zweifeln, daß dex Tag kommen wird, an dem nicht nur die zehnstündige, sondern noch eine kürzere Arbeitszeit ganz allgemein in deutschen Fabriken eingeführt sein wird. Und das Vaterland wird nicht wirtschaftlich zugrunde gegangen sein. Viel tiefere Wunden als durch den sozialpolitischen Fortschritt wird es erhalten durch handelspolitischeRückschritte, und gegen diese mit unbezwingbarer Energie Front zu machen, mit der nachdrnckvollsten Entschiedenheit für günstige Handelsverträge zu kämpfen, hätte gewissen deutschen Industriellen besser angestanden, als ihr sozial- politischer Jammer. Aber man konnte in den letzten Jahren die Beobachtung machen, daß die sozialpolitischen Rückschrittler auch handelspolitisch durchaus im Zeichen des Krebses stehen, ganz unbekümmert um das gemeine Wohl, sobald nur der eigene Vorteil gut abschlietzt. Für des Reiches Wohl ist aber eine gesunde Arbeiterschaft
Grundbedingung, wir brauchen daher den sozialpolitischen Fortschritt und eine unsere Weltmarktmteressen voll berücksichtigende Handelspolitik. Diese Notwendigkeit der En.twickAüng wird> schließlich über allen Widerstand hin- wsgschreiten, aber die Wege müssen ihr im zähen TageS- kanipfe geebnet werden.
Das geschieht, wenn man den in Basel bekundeten Willen der Reichsregierung nicht nur unterstützt, sondern sie selbst vorwärtsschiebt, wenn widerstrebende Kräfte etwa das Schleifzeug zu scharf anziehen wollen. Ein derartiges Schieben scheust jetzt z. B. bei der Verkürzung der Arbeitszeit der Fabrikarbeiterinnen nötig. Die Reichs- regierung will wohl, aber sie kann nicht über den Berg der entgegenstehenden Unternehmerinteressen, kommen. Wenn kürzlich gar angekündigt wurde, die Regierung wolle auch sür männliche Fabrikarbeiter den Zehnstundentag durchzusetzen versuchen, so gibt es wohl nur wenige Gemüter, die naiv genug sind, daran zu glauben. Tie Regierung wird ihre schwere Not im Reichstage mit dem Zehnstundentage sür Frauen bekommen. Wie schwer sie sich der gegen einen gründlichen Avbeiterschutz gerichteten Forderungen gewisser Jndustriekreise zu erwehren ver- mag, zeigt gegenwärtig wieder die Ausführung des sogenannten Kinderschutzgesetzes. Man ist jetzt daran, das Gesetz in seinen Grundlagen durch zahlreiche Ausnahmebestimmungen zu untergraben. Die Zcchl der Ausnahmen ist schon heute so groß, daß die Mehrzahl der gewerblich beschäftigten Kinder kaum noch von der Wohltat des Gesetzes berührt wird. Wenn das so fortgcht, so- ist es besser, das ganze Kinderschutzgefetz wieder auszuheben, als eine gesetzliche Maßregel weiter besteh'en zu lassen, die nur einen papiernen Schutz bedeutet und das öffentliche Gewissen täuscht und beruhigt über die bis zum Überdruß erörterten und allgemein bekannten Schäden ausgedehnter gewerblicher Kinderarbeit. Man muß der ^deutschen Lehrerschaft, der ja das Kinderschutzgefetz im wesentlichen zu danken ist, auch heute nachdrücklich beistimmen, wenn sie jetzt wieder chre Stimme gegen die Ausnahmen vom Gesetz erhebt. Wenn unsere Regierung wirklich, wie sie in Basel erklärte, den Avbeiterschutz vor allem ansbauen will, so soll sie bei den Kindern anfangen und fest auf ihrem Schein bestehen. Es wird Sache der öffentlichen Meinung sein, die ja der deutsche Reichsvertreter in Basel angerufen hat, dem Buirdesrat das Rückgrat gegen die beliebten Ausnahmebestimmungen zu steifen.
Gegenwärtig werden von den Regierungen auch Erhebungen über die Krankenversicherung der Hausgewerbetreibenden Sngestellt. Diese soll reichsgesetzlich geregelt werden und man will namentlich wissen, in welchem Umfange die Gemeinden oder weiteren Kommunalverbände statutarisch die Krankenversicherung auf die Hausgewerbetreibenden ausgedehnt haben. Auch die Witwen- ünd Waisenversichernng soll „allmählich greifbare Gestalt"' annehmen. Wir gestehen, daß wir über diese Versicherung in der geplanten Form schr kühl denken. Man will sie bekanntlich auf den Ertrag der künftigen
sehr hohen landwirtschaftlichen Zölle begründen, soviel dieser Ertrag höher ist als der Durchschnitt der Jahre 1898—1903. Damit hängt diese ganze Versicherung in der Luft. Auch ist es sozialpolitisch ein Widersinn, die notwendigsten Nahrungsmittel der ärmeren Bevölkerung durch hohe Zölle zu verteuern, um den Arbeiter- witwen und -Waisen einen Bruchtell des Preisaufschlages als Unterstützung wieder zukommen zu lassen. ^Doch diese Art Sozialpolitik ist schon oft genug erörtert; hoffentlich zerfließt das luftige Gebilde, ehe es „greifbare Gestalt" angenominen hat. Eine Versicherung der Arbeiterwitwen und -Waisen fft sicher ein erstrebenswerter Fortschritt, aber nicht auf dieser Grundlage. Gesund fundiert, wird sie eine notwendige Ergänzung der deutschen Avbeiterversicherung bilden. Nach einer jetzt veröffentlichten neuesten amtlichen Zusammenstellung hatte diese gesetzliche Arbeiterverficherung von 1885 bis 1901 eine Einnahme von etwa 5 Milliarden und eine Ausgabe pon 3Milliarden. An den Beiträgen sind die Unternehmer mit 2136, die Arbeiter mit 2017 und das Reich mit 336 Mllionen beteiligt; an Zinsen und anderen Einnahmen sind der Versicherung etwa 393 Mllionen zugeflossen. Nach diesen neuesten Feststellungen werden jährlich für Kvankenfürsovge 191^, sür andere Entschädigungen 192 und für Verwaltung 36^ Mll. ausgegeben. Von der deutschen Gesamtbovölkernng waren 10 Millionen gegen Krankheit, 17% Millionen gegen Unfall und 131/2 Millionen gegen Invalidität versichert. Auf dieses Ergebnis praktischer Sozialpolitik können wir mit Genugtuung blicken, auch wenn Einzelheiten zu wünschen übrig lassen und vor allem mit Recht eins Heraufsetzung der Unterstützung bei der Jnvaliditäts. Versicherung verlangt wird.
Erheblich weniger Genugtuung erwecken die immer wieder sich in den Vordergrund drängenden törichten Wünsche gewisser rückständiger Handwerkerkreife, die noch immer glauben, die Gebrechen des Handwerks mit der allgemeinen Einführung des Befähigungsnachweises heilen zu können. Dieser hat in den letzten Wochen abermals eine schr deutliche Absage durch die Reichsregierung erhalten, die den Freunden jener Maßregel offiziös sagen ließ, eine allgemeine Einführung des Befähigungsnachweises sei gänzlich ausgeschlossen In den Kreisen, die es angeht, wird auch das nicht wirken, aber das Handwerk selbst ist bekanntlich in dieser Frage geteilt und noch jüngst hat sich der Verband deutscher Gswerbevereine in Straßburg entschieden gegen den allgemeinen Be- fähigungsnachweis erklärt.
Auf ihrem Bremer Parteitage hat die deutsche Sozial- Demokratie einstimmig Grundsätze für eine Gemeinde- Politik beschlossen, die hier wenigstens kurz erwähnt werden müssen. Diese Grundsätze berühren sich mit den Forderungen bürgerlicher Parteien auf Gemeindegeblet; abermals ein Zeichen, daß die Sozialdemokratie durch ihre Entwickelung immer mehr zu praktischer Mitarbeit auf den Boden der bestehenden Verhältnisse gedrängt
Feuilleton.
Noch immer Herbstmoöen.
Berlin, 1. Oktober.
Dieser Herbst hat wahrhaftig etwas fertig gebracht, was man für unmöglich halten sollte: er hat die Saison verschoben!
Freilich in den Schaufenstern sieht man allenthalben die Herbst- und Winterkleider, --Hüte, -Mäntel. Aber getragen werden sie noch recht wenig, und darum ist immer noch nicht zu konstatieren, was in anderen Jahren um diese Zeit schon längst bestimmt ist: was man. im Herbst bis in den Winter hinein eigentlich tragen wird. Vielleicht ist es entschieden, wenn diese Zeilen der verehrten Leserin zu Gesicht kommen, — vielleicht auch nicht. In Modeangelegenheiten gibt es eben kein bestimmtes Ja und Nein. t , .
Sicherlich werden wir Hunderte und Aberhunderte der langschüßigen anschließenden Casaqucs Louis XV. sehen — dieser Casaques, die von all den Hunderten von Trägerinnen vielleicht nur ein, zwei Dutzend wirklich tragen könnten und dürften, die nur sehr schlanke, langtaillige, gut gewachsene Frauen kleiden, und die demzufolge von ollen schlecht gewachsenen, starken und kurztailligen mit besonderer Inbrunst getragen werden. Immer in der schönen Hoffnung, daß sie nun ebenso langtailng, schlank und elegant aussehen werden wie diese oder jene Normalfigur, bei deren Anblick der heiße Wunsch ausstieg, genau solch eine Casaque sein eigen zu nennen.
-Es ist immer wieder die alte Geschichte; die klügste Frau verliert 'den Maßstäb, wenn es sich darum handelt, ob eine besonders elegante Mode gerade pe kleiden wird. Diese und jene kleidet sie doch —' warum nur nicht! lind so wird unentwegt solch ein Stück erstanden und mit einem Mute, der einer anderen Sache wert wäre, getragen!
Das kann man auch an den eingercihten Röcken augenblicklich so gut beobachten. Der vom Taillenschluß abwärts eingereihte Rock ist auch so eine Tracht für SchlaNkhüftige, und nur sür sie. — Aber es ist gerade, als seien die aller—molligsten Damen am erpichtesten aus diese Machart! Der Effekt ist furchtbar, aber die
StB. 1. Stß. 2.
Trägerinnen sind stolz im Bewußtsein des allerüeuösten Schicks, lind dabei sind die festgelegteu und aufgesteppten Längsfaltcn ebenso modern und natürlich für jede nicht ganz schlank« Erscheinung unendlich viel kleidsamer. Bei den Hüten ist cs ganz dasselbe Schauspiel. Auch die modernen Hüte sind diesen Herbst ganz besonders gefährlich. Wen um's Himmelswillen kleidet denn eigent
lich solch papageigrüner Sammet- oder Velpelhut, Rem- brandtform, mit wallenden Ködern oder einem anspruchsvollen Paradiesvogel?
Oder eine breite Kiepe aus grell orangegelbem Panne mit einer Tollfaltengarnitur, die aussieht, ars sei sie direkt aus Urgroßmirtters Truhe nach hundertjährigem Ausruhen ans Licht der Welr gezogen.
Oder die türkisblaue Directoiveforni mit so enorm geschweifter Krempe, daß der Hut von der Seite aussieht wie das umgedrehte Unterteil eines Schaukelpferdes I
Genau genommen — niemanden. Eine schöne Frau, ein reizendes junges Mädchen werden vielleicht trotz dieser ungeheuerlichen Kopfbedeckung schön, reizend erscheinen. Aber es ist doch jedem einigermaßen vernunftbegabten Menschen ohne weiteres klar, daß weniger schöne, weniger reizende Gesichter unter diesen Hüten zu direkten Karikaturen iverden. — Und doch! Wie viel ■folcfji; papageigrüne, orangegelbe und grell blaue Hüte wird man diesen Winter sehen? Die schönen, geschweiften W>atöan-Hüte mit Agraffe und Strautzseder werden ja in Schwarz und allenfalls noch in Braun sehr kleidsam sein. Aber tragen wird man sic meist in leuchtenden Farben, und da leider die allerwenigsten Frauen ihren Sinn für Farbenharmonie so weit ausgebildet haben, um Verstöße zu vermeiden, werden wir diesen Winter viel Unerquickliches zu sehen bekommen.
Uber Herbstumbänge ist das letztc'mal schon berichtet worden. Da ist schon nachzutragen, daß sich der stark halb- und der dreiviertellange Sackpalctot beliebter erhält, als man anfangs glaubte. Er ist eben bequem, mollig und schick. Die übrigen Formen haben sehr viel den spitzzipfligen Kragen, der auch für die Daillengarnitur sehr en vogue bleiben wird. Von dieser Mantel- und Taillengarnitur ist es nur noch ein Schritt zum spitzzipflig garnierten Rock, der übrigens für große, schlanke Figuren sehr vorteilhaft ist.
Vorläufig haben wir für die Straße u-ndPromcnad« den rund garnierten Rock, der — allen pro und contra zum
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