53. Jahrgang.
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Uo.461. Berlags-Fernsprecher No. 2858. SoNNtttg, frltt 2. QUtobtV* Redaktions-Fernsprecher No. 52. 1904.
Morgen - Ausgabe.
1. MLatt.
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Politische Wochenschau.
Es hat ganz den Anschein, als ob das Abloben des schon seit langen Jahren von schweren Leiden heimgesuchten Graf-Regenten E r n st zur Lippe -Bieste r - seid die unselige Lippische Frage wieder cmf- rollen wird, welche fast ein Jahrzehnt hindurch die öffentliche Meinung in Deutschland beschäftigt und mehr als es wünschenswert war, erregt hat. Die einzelnen Phasen des Lippischen Streites, die hoch-gelahrten und hochnot- peinlichen Untersuchungen darüber, ob das Fräulein Modeste von Unruh ebenbürtiges Blut in den Stamm der Diesterfelder gebracht und ob sie dem Fräulein v. Friescn- hausen, der Dorfahrin des Prinzen Adolf von Lippe- Schaumburg, an Ebenbürtigkeit nachgestanden habe, find noch in frischer Erinnerung. Soll dieser unerquickliche Streit, der in schroffem Widerspruch zu unserem modernen Empfinden steht, wirklich noch einmal aufgerollt werden? Es hat ganz den Anschein, als ob dies wirklich geschehen werde, denn aus Detmold wird gemeldet, daß von Lippe- Schau-mburgischer Seite ein Protest gegen den Antritt der Regentschaft durch den Grafen Lewpold, den Sohn des verstorbenen Graf-Regenten Ernst, beim Bundesrat erhoben werden solle.
In ernster Sorge ist man überall uin das Leben eines anderen Bundesfürsten, des hochbetagten Königs Georg von Sachsen, der in letzter Zeit wiederholt von schweren körperlichen Leiden heimgesucht war, und dessen Krankheitszustand in den letzten Tagen eine sehr bedrohliche Wendung genommen hat. Tie kurze Regierungszeit 'des Königs Georg ist für ihn keine glückliche gewesen. Zu den Gebrechen des Alters und seinen körperlichen Leiden trat die Sorge über die ungünstige Gestaltung der politischen Verhältnisse in Sachsen und vor allem der tiefgehende Schmerz über die Ehetragödie im Hause des Kronprinzen Friedrich August.
Die in letzter Zeit ebenfalls recht unerquicklichen Politischen Verhältnisse im Großherzogtum Oldenburg scheinen fich -endlich einer Klärung zu nähern. Der so schwer beschuldigte Iusti z -minister R u h st r a t hat sich nunmehr zu dem Versuch entschlossen, die gegen ihn erhobenen Bezichtigungen als eitel Verleumdung zu er- Ngisen. Wir wollen hoffen, daß dieser Versuch von vollem Erfolg begleitet wird, aber wir können den Tadel nicht unterdrücken, daß der Justizminister so lange mit dem Versuch gewartet hat, diese ihn schwer belastenden Gerüchte als Flunkerei zu erweisen.
Arg viel Flunkerei war in den letzten Tagen bei den Kommentaren zu dem Besuch des italienischen Ministers G i o I i 11 i b e im Reichskanzler Grafen B ü I o w im Homburg zu verzeichnen. Daß die beiden Staatsmänner angesichts der vielfach gespannten internationalen Lage das Bedürfnis hatten, sich mit einander
auszusprechen, ist unschwer zu verstehen. Wenn -aber von verschiedenen Seiten den beiden Staatsmännern untergeschoben wurde, daß sie sich mit dom Plan einer Der- mittlung oder gar einer Intervention im rassisch-japanischen Kriege trügen, so zeugt das von einer ebenso starken Verkennung der Weltlage wie der Grundsätze der deutschen Politik.
Ein derartiger Vermittlungsversuch, zu dem, fich Staatsmänner, welche, wie Graf Bülow, die Politik als die Kunst des Möglichen betrachten., schwerlich hergeben werden, Hütte zurzeit genau ebenso viel Aussichten wie der abenteuerliche Plan des Präsidenten. R o o s.e v e l 1, eine neue Friedenskonferenz anznregcn, und noch dazu während der russisch-japanische Krieg noch in vollsten« Gange ist. Es kann fraglich sein, ob es dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika hierbei wirklich um viel mehr als um eine zugkräftige Wahlagitation zu tun ist. Sein demokratischer Gegenkandidat Parker setzt ihm weidlich zu, und da man jenseits des , großen Teichs" in bezug auf die Wahlagitation durchaus „vorurteilsfrei" ist, so wäre es gar nicht undenkbar, daß es dem smarten Roosevelt, bei den« ja das Klappern stets zum Handwerk gehört hat, wirklich nur um die Wvhlmache zu tun war. Jedenfalls hat er bereits zirka 50 Prozent von seinen weltbeglückenden Friedenskonserenzplänen nachgelassen, nnd die anderen 60 Prozent werden vielleicht folgen, wenn Herr Roosevelt erst wiedergewählt oder, was freilich unwahrscheinlich ist, durchgefallen feil« sollte.
Eine Zeit, du ;ber zwei Großmächte in einen blutigen und mörderischen Krieg verwickelt sind-, dessen Ende noch gar rächt abzusehen ist, kann nicht als geeignet für Friedens- und ähnliche Konferenzen erachtet werden. Daran aber, daß den« gewaltigen Ringen in O st a s i e n in absehbarer Zeit Einhalt getan wird, ist nicht zu denken. Ist doch Rußland, das Wohl geschlagen, aber bei seinen ungeheuren Hülfsmitteln nicht so leicht besiegt werden kann, soeben im Begriff, eine zweite M-.rndschu re i -Armee zu organisieren, und auch ai;f javanischer Seite werden die Rüstungen rnit äußerstet Anstrengung fortgesetzt. Freilich, das neue russische Aufgebot dürfte -ebenso wenig imstande sein, in den mörderischen Kampf um Port Arthur einzugreifen, wie das recht phlegmatische russische Ostsecgeschwader, das allem Anschein nach seine Flagge in den ostasiatischen Gewässern erst zeigen- wird, wenn das Schicksal der russischen «eefestung längst besiegelt ist!
Großbritanniens Wohlstand.
Unser Londoner n-KorrcsPondent schreibt unterm 24. September:
Ter Jahresbericht der sogenannten Kommissare der Inland.Revenue Sr. Majestät des Königs von England, der soeben veröffentlicht wurde, ist ein in vieler Hinsicht bemerkenswertes Werk. Es enthält nicht nur -eine große. Fülle des an sich bereits Interessanten, sondern ermöglicht es auch dem Nationalö-konomen, an der Hand- einer
Menge erschöpfender Einzelheiten die Antwort auf viele, für England wichtige wirtschaftliche Fragen zu finden. Eine dieser, die im gegenwärtigen Augenblick, wo Mr. Ehamberlain England vor jämmerlichom Bankerott zu lbomahren sich zur Ausgabe gemacht, ganz besonders oft aufgeworfen wird, ist die, ob Englands Reichtum wächst oder sei«« Wohlstand nur auf schein beruht. Jenes Blaubuch kani« -darauf vielleicht keine wirklich erschöpfende Antwort geben, doch einige seiner statistischen Tafeln, namentlich aber die auf die Einkommensteuer bezüglichen, vermögen uns bei der Lösung des Problems größeren Beistand zu leisten. Tie Einkünfte aus JnlaNÄzöllen lieferten in dem Wirtschaftsjahre 1893/94 62 835 262 Pfd. Sterl. und in 1903/04 94 723 002 Pfd. Sterl. Es ist das ein in einem so kurzen Zeiträume ungeheures Wachstum, -das -außer allem Verhältnis,-zu der Zunahme der Bevölkerung des Landes uird derjenigen seines Handels steht. Die Einkünfte aus dem in« Ausland in einer oder der anderen Weise angelegten englischen Kapital -sind -bereits ungeheure, aber sie bleiben um ein volles Drittel hinter denjenigen -aus den inländischen Zöllen, beziehungsweise den Steuern zurück. Zu diesen lieferten die Brauer, denen eine gewisse Partei im Lande imnier weitere Laste«« auszuladen wünscht, einen Beitrag von nicht weniger als 36 863 509 Pfd. -Sterl. Ter zweitgrößte Betrag entfällt jetzt, wie in 1893/94, auf die Einkommensteuer, die 30 500 450 Pfd. Sterl. gegen 15 200 000 Pfd. Sterl. in ersterern- Iah«: ergab. In 1893/94 betrug die Abgabe allerdings aber auch nur 7 d. für je 20 8. des Einkommens und in- 1903/04 nicht weniger als 11 d., wobei jedoch noch zu berücksichtigen ist, daß vor zehn Jahren kleinere Einkommen besteuert wurden als he«itc, wo solche unter 160 Pfd. Sterl., beziehungsweise 3300 Bk. von Abgaben befreit sind. Es ist daher schwer, wem« nicht unmöglich, aus den angegebenen- Ziffer«« Schlüsse auf das Wachstun« des Wohlstandes zu ziehei«, -doch «v-erden uns solche -durch eine interessante Tafel des Buches erleichtert, in der die Steuerergebnisse auf den Penny -der -Abgabe berechnet sind. In 1893/94, wo diese 7 d. betrug, entfielen 2 191 000 Pfd. Swrl. auf joden Penny und- in 1903/04 war das -mit 2 546 000 Pfd. Sterl. der Fall. Die Einkommensteuer stieg somit um 16 v. H., indes die Be- völkernngsziffer es gleichzeitig um- 10 v. H. tat. Die Zahl der Einwohner -des Vereinigten Königreiches, die .in 1893/94 etwa 38 490 000 betrug, erreichte im -vorigen Jahr 42 373 000. Was die bereits oben -erwähnte große Steigerung der Biererzeugung au-betrifft, so machte diese in den letzten Jahren indes keine Fortschritte. In 1893/94 wurde die Steuer aus 32 273 790 Faß eines -bestimmten Gehaltes erhoben. In 1899/1900 war diese Zahl auf 37 163 031 gestiegen, und seitdem fand- alljährlich ein stetiger Rückgang statt, bis man in 1903/04 auf 35 328 360 Faß anlangte. Da ober ein Teil dieses Bieres nach dom Ausland ging, wurde i>« dem Bericht noch eine besondere Tafel -zusammeng-estellt, die den- einheimischen Bierverbrauch nachweist. T-arnach belief -sich dieser ii« 1893/94 aus 31 789 826 Faß oder auf 29,73
Feuilleton.
5lu§ meiner Mappe.
(Für das „Wiesbadener Tagblatt".)
Von Walther Schulte vom Brühl.
I.
Keberr.
Es h-cvbstelt. Schon zeigt das Laub an den steilen Hän-gen hie und da eine bunte Schattierung. Ter Strom -der Somm-erfrischlcr und Touristen hat sich fast verlaufen und tote schrillen Stimmen der Stadtkinder stören nicht mehr die Einsamkeit der Täler. Die Nat««r tritt wieder in ihre Rechte.'
Stundenlang schlendere ich die nun einsamen Pfade an der rauschenden, trystallklaren Liestr dahin. Schroffe, wilde Felsen zu beiden Seiten, zwischen ihnen das Flüßchen mit seinen schmalen, smaragdenen Wiesen, seinen moosigen- Steinblöcken und dem rieseligcn Laub seiner Erlen-büsche. lind über alle dem der reine, tiefblaue Hcrbsthimmel. Meise«« huschen zirpend durch das Gebüsch, gelbe Bachstelzen laufen über die Steine -am Ufer. Fern i«ber den Burgruinen schraubt ein Falke empo-r und schreit jauchzend nieder.
Es ist wieder Friede in der Natur, so weit ein Frieden möglich ist, und Ruhe und Harmonie senkt sich m die Seele des einsam Wandernden. Am Waldweiher halte ich Rast. Von einer morschen Dank aus, umer_ nieder- hängenden Buchcnzweigcn läßt er sich ganz uberschen in scinam stillen Zauber. Große Inseln von hellaeuneii Soerosenblättern jchivimmen -auf seinem- dumeln, klaren Gewässer. Noch glänzt hin nnd wieder einer der weißen Blumenkelche hcryo-r, während die plebepschen gelben Nixenblumcn längst crbgeblnht haben. Ein mannshoher
Rohrw-ald umkränzt beit Wasserspiegel, mächtige Kolben rnit ihren braunen Walzen strecken sich darüber hinaus. Es flüstert in Schilf und Zweigen. Hii« und wieder springt ein Fisch hoch empor. Da schnurrt es über das Wasser hin, blau glänzend, anfblitzend imsonnenlicht. Ein Eisvogel ist's. Auf einem .Baumstumpf -am Ufer läßt er sich nieder. -Seine braune Weste ist deutlich zu erkennen. Er wirft etwas Blinkendes im Schnabel hin und her, dann würgt er es hinunter, dos Fischchen, das er fich gefangen. Ich trete an beit Rand des Weihers. Eine große Wasserjungfer fliegt mit pfeilschnellem Fluge davon. Scharen von Fische«« spielen weitab in der Mitte des Wassers. Ihre breiten Rücken schauen fast -aus der Flut hervor u«id lassen -die Yvonne auf -den Schuppen glänzen. Dicht vor mir am Ufer laufen Wasserspinnen über die Fläche. Und auf dem Grunde ein Regen nnd Wegen von Taufenden winziger Geschöpfe. Man muß schon genau Hinschauen, um dessen inne zu werden, aber das -meiste bleibt dem Auge verborgen. Es ist eine «mgeheure Kleinwelt, die sich da betätigt im Waldweiher, von dem Jnfusorium bis znm Riesen, dem- ausgewachsenen Spiegelkarpfen. Was ist die anderthalb Milliarde von Menschen, -welche die Erde bevölkert, gegen den Lebensreichtun« in diesem Wasserbecken. Und jedes dieser Tiere «nid Tierchen, Pflanzen und Pflänzchen tut dasselbe, was der Mensch tut: cs entsteht: es lebt. Ivächst, ernährt sich, es pflanzt sich fort und- stirbt. Aber das hat keine Kultur,, guter Gott, es hat keine Kultur. Es hat keinen Glauben, es hat keine Ethik und Ästhetik -und keine Philosophie. Es fehlen ihm -alle höheren Begriffe.
Ich werfe noch einen Blick auf die malerische Teich- fläche und wandere wieder das Tal entlang, Neben mir in dem Flutgraben Tausende junger Forellen. _ Sie schießen davon bei meinem Nahen. Vorsicht ist ihnen allen schon eigen, so winzig sie auch noch sind, Nun stehe ich wieder am Flüßchen. Ein kleines Wehr aus
Stämmen und Steinblöckcn ist da errichtet. Unter ihm ein tiefes, klares Becken, in das die Wasser niedevstürgen. Große Forellen stehen da, Prachtkerle. Sie sichen gegen das Wasser, schauen, ob der Strom nichts Eßbares für sie mitbringt, eine ertrunkene Motte, eine zappelnde Fliege. Sie schießen hin und her: jede Bewegung spricht von Kraft und Anmut. Sie scheinen sich ungeheuer wohl zu fühlen in ihrem tiefen Künkel, da zwischen den naß- glänzenden, moosigen Blöcken. Aber es sind stumpfe Tiere in ihrem Räubersinn. Guter Gott, sie haben eben keine Kultur. Aber wie vollkommen, -wie herrlich ist ihr Körper dem Element aug-epaßt, in dem sie leben — loben. Ach, sie müssen -sich doch ungemein wohl fühlen dort in ihrer klaren Flut.
Ich weiß nicht, wie ich ihnen so zuschaue, kommt über mich, kommt über den Kulturmenschen, so etwas wie ein Gefühl des Neides.
II.
Der Rest ist Schweigen.
Ich sah cs nicht, aber ich empfand- es, daß er sich lonqsam wieder heraiisckstängelte. Aber ich war znm Glück -mit meiner Zeichnung der -alten, düsteren Kloster- rnine, die da einsam im Waldestale lag, fertig. lind wie ich so die Arbeit auf dem Papier betrachtete, diese wüsten, im Verfall noch majestätischen Ruinen, hinter denen der dunkle Bergwald aufragte und schwere Wolken sich auftürmten, da kam. cs mir so in den Sinn und ich schrieb das Wort Hamlets unter bte Zeichnung: „Der Rest ist Schweigen."
„Darf mau fragen, weshalb der Rest Schweigen ist?" tönte die Stimme des in dem Tale sommerfrischelnden Schulmannes hinter mir. „Ich für meine Person finde vielmehr, daß diese Trümmer eine -deutliche Sprache reden. Sie reden von der einstigen- Macht und Größe dieser nun verfallenen Abtei, redezi -von der Jahrhunderte
