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53. Jahrgang.

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U». 460.

Verlags-Fernsprecher Ko. 2953.

Samstag, den 1. Oktober.

RcSaktions-Ferilfprechcr No. 52

1904.

Kbend-Ausgabe.

1. Wtatt.

Die französische Kriegsflotte.

Unser Pariser Korrespondent schreibt uns: Tie außerparlamentarische Marineuntersuchungskommission hat Marntttirf) auf ihrer Inspektionsreise in die franzö­sischen Kriegshäfen bereits Cherbourg und Brest besucht und Zustände entdeckt, die von vielen zwar geahnt, aber von niemand außerhalb der nächstbeteiligten Kreise genau gewußt wurden. Vor der Kommission sagten diesmal nicht Deputierte ans, -deren Zeugnis stets mehr oder weniger von politischen G-esichts-pun.kten beeinflußt wird, sondern die kompetentesten Sachverständigen, wie Vize­admirale- Konteradmirale und sonstige obere Marine­offiziere, sowie Arsenalbeamte bis herunter zu den Hafen­arbeitern. -Was durch den Pfund dieser verschiedenen Personen bekannt wurde, klingt fast unglaublich und- es ist außerdem zu bedenken, daß nicht jeder, aus Furcht seiner Stelle verlustig zu gehen, die volle Wahrheit ge­sagt haben durfte.

Nanientlich in Cherbourg scheinen die Verhältnisse erbärmlich zu liegen und für den Kriegsfall in keiner Weise zu genügen. Wenn sich, erklärte Vizeadmiral Touchard, im Augenblick der Eröffnung der Feindselig­keiten ein Geschwader in der dortigen Reede befände, müßte -es die Flucht ergreifen, um nicht auf der Stelle in den Grund gebohrt zu werden. Sowohl für die Küsten­befestigung als -auch für das Geschwader fehlt es an Mannschaften. Das Reservegeschwader ist nicht in Kriegsbereitschaft. Zwei Reserveschiffe, die kviogsfertig sein -niüßten, können erst in mehreren'Monaten in See gehen. Besonders frappant ist der Fall des Kreuzers „Fricmt", der feit länger -als Jahresfrist auf einen Dampfkessel wartet. Man hat dieses Fahrzeug im MarinMiinisterium einfach vergessen und keinen Kredit ins Budget eingestellt. Ter Bau der llntersee- und der Tauchboote wurde an dem Tage plötzlich unterbrochen, als Pelletan Marineminister wurde. Traurig ist es aber — darin stimmen alle Aussagen überein — hauptsächlich um die Disziplin bestellt. Die Lockerung der Mannes­zucht, streift an Anarchie. Die Matrosen grüßen die Offiziere nicht mehr und singen auf ihrem Schiff die Internationale. Stc unteren Seeoffiziere wagen mit­unter nicht, Befehle zu erteilen, weil sie wissen, daß diese nicht ausgeführt werden. Als der „Dupleix" kürzlich in See gehen wollte, fehlten 42 Matrosen beim 914143611, die ruhig fortfuhren, sich in den Kneipen des -Hafens zu be­rauschen, weil sie wissen, daß sie im Marineminister einen Chef besitzen, der die Strafen hinterher wieder aufhebt. Unter den Matrosen ist der Glaube allgemein verbreitet, daß Pelletan die Offiziere von Grund seines Herzens

Stella.

Roman von Johanne Lchjörring.

Autorisierte Übersetzung von Wilhelm Thal.

(29. Fortsetzung.)

-Doch wie sollte sic ihn aus ihrem Herzen aus- schließen, da,jedes Wort — die gesprochenen und die geschriebenen — wie eingegraben in ihren . Gedanken stand, um von da, so lange ihr Herz -schlug, -in die Er­innerung überzugeh-en.

O, daß sie ihm für ewig, ew-ig Lebewohl sagen -mußte! Daß sie gezwungen war, seine warme Liebe mit Füßen zu treten! — Stand er nicht, auf der Küste ihres Jugendlandes, um sie zu sich her-überznzaubern?

Als ihre Augen nicht mehr weinen konnten, zündete sie ein Licht an, hielt die Papiere hinein und sah, wie die Schrift sich noch in den verkohlten- Resten hielt, gerade wie seine Worte in ihrem Gedächtnis standen.

Sie sammelte die Asche in einem kleinen Kästchen, in dem ein Ring mit einem- Opal lag, den sie getragen, während er ihr Gast war, und den er bewundert hatte. Doch die Verse bebten über ihre Lippen, und die Er- innerung nahm, sie auf und verbarg sie in dem unsicht- baren, wunderbaren Reich, dessen Grenzen die Ewig­keit bildet.

Nach dem Empfang ihres Briefes, mußte sie ihm wohl in dem abscheulichsten Lichte erscheinen; das, würde seinen Schmerz lindern. Dieser Gedanke war ihr ein Trost.

XXX.

Als Amalie am Abend zurückkam, hatte Stella ihren Brief eigenhändig in den Kasten geworfen; Niels, der, solange der Oberst abwesend war, sie nicht mehr aus den Augen zu verlieren wagte, war ihr aus der Ferne gefolgt, ' '

haßt.. Die Offiziere fühlen sich vollkommen entmutigt, da bei der Beförderung nach politischen -Gründen Verfahren wird.

In Brest ist die Sachlage kaum anders. Auch hier be­schwerten sich die Admirale über ungenügende Effektiv- bestände, administrative Smunseligkeit und vor allem durchaus mangelh-aste Disziplin. Ein Mitglied der Untersuchungskömmission faßte seine Eindrücke dahin zu­sammen, daß er sagte, in der französischen Kriegsflotte herrsche eine Wahrhafte spanische Erschlaffung. Herber und härter kann man sich nach- dem Zugrundegehcn der spanischen Flotte unmöglich ausdrücken.

Die der Marinekommission unterbreiteten Enthüllun- gen, von denen wir nur einen kleinen Teil Wiedergaben, da sich ja die ausländische Presse dieses Gegenstandes längst bemächtigte, bedürfen keines Kommentars. Einige Pariser Zeitungen verlangen ungestüm, daß die Enquew abgebrochen werde, um dem Ausland nicht länger ein erwünschtes Schauspiel darzubieten; -andere dagegen wollen, daß die Untersuchung zu Ende geführt werden solle, damit den: Lande einmal gründlich- die Augen über seine Marine und seinen Marinem-inister geöffnet wllr- den. Letzterer, den der radikale Deputierte Paul Donmer vor einigen Monaten eine „össe-ntliche Gefahr" nannte, -macht mit seiner Gemahlin eine Bergnügungs- fahrt nach- Sizilien.

Internationaler Arkeiterschuh.

Aus Basel schreibt man uns:

Die imposante Versammlung -der Vertreter und Dele­gierten zahlreicher europäischer Staaten auf -dem Baseler internationalen Ar-beiterschutzkongreß zeigt unzwei­deutig,, daß die rastlosen Bemühungen -des Bureaus der Vereinigung, dieindustriellen Staaten zum gemeinsamen Vorgehen aus -dem -Gebiete -des gewerblichen Arbeiter­schutzes zusammonzusch-ließen, nicht fruchtlos -geblieben sind. Deutschland-, Österreich, Frankreich, Belgien, Ungarn, Italien, Luxemburg, Norwegen, Niederlande, der Heilige Stuhl und die Schweiz waren offiziell ver­treten-, auch England, sowie Rumänien hatten Abgeord­nete geschickt. Tie ersten greifbaren Resultate -dieser inter­nationalen Bestrebungen, der französisch-italienische Ar- beiterschutzvertrag vom 16. April 1904, betreffend die grundsätzliche -Gleichbevechtigung -der Staatsangehörigen in der Alters- und Invalidenversicherung, sind bereits er­zielt worden. Auch die internationale Regierungs-Kon­ferenz im Frühjahr 1905 ist -gesichert. Der Vertreter -des Deutschen Reiches -betonte, daß -die deutsche Reichsrvgierung den festen Willen habe, auf dem Gebiete des Arbeiter­schutzes stetig fortzuschreiten. Um den Willen in die T-ar umsetz-en zu können, bedarf es erstens eingehender, wissenschaftlicher Vorbereitungen der in Frage- stehenden Materien und ferner Aufklärung breiterer Schichten, -wo-

Amalie fand Stella wie gebrochen in ihrem Erker, dessen Gardinen dicht vorgezogen waren.

Sie lag auf dem Sofa, das vom Weinen, ange­schwollene Gesicht dicht in die Kissen gedrückt, und hörte Amaliens Rufen erst, als sie es wiederholte.

Amalie hatte riach dem letzten Gespräch beschlossen, ihren Koffer zu packen und fortzufahren; doch ihr Weg führte sie am -Misfionshause vorbei, wo sie wieder von den magischen Worten: „Zwingt sie, zwingt sie!" er­frischt wurde; außerdem gebot ihr -auch eine innere Stimme, noch ein wenig bei Stella zu bleiben.

Ihr Haß gegen Paul war ein wenig abgekühlt; sie war etwas milder gestimmt und hatte sich vor-geno-mmen, liebevoll mit Stella zu sprechen und sie- zu tröste».

Mit heftiger Angst sah sie die schwarzen Ränder unter den halb unsichtbar gewordenen Augen; selbst Stellas Stimme klang so verschleiert, daß die Worte -oft undeutlich wurden.

„Ist dein Wann zurückgekommen?" fragte sie äugst- lich, denn sie dachte, es müßte zu einer Szene ge­kommen sein.

„Nein!"

Amalie beruhigte sich, als sie -den Zusammenhang vernahm: sie war im- Gegensatz zu Stella der -Ansicht, Paul würde nicht mit dem Obersten zusammenstoßen, falls er nach der Hauptstadt gereist war; -denn sie glaubte nicht, daß der Oberst ihm dahin folgen würde.

Stella vertraute ihr alles, — bis auf ihre Begeg­nung mit Paul im Walde.

„Hast du nicht seinen Brief? Laß mich ihn lesen; dann werde ich für -dich an ihn schreiben."

„Ich habe seinen Brief verbrannt, doch ich kann dir sagen, was -darin stand."

„Wie schändlich!" ries Amalie, -als sie Stellas kurzen Bericht gehört, „dir damit zu droben, er werde Hand an sich legen. Das ist eine seine Manier, seine Liebe zu -erklären. Tröste -dich damit, daß von Zehntausend kaum einer die Drohung ausführt; kümmere dich nicht darum!"

durch dann -eine starke günstige Strömung in der öffent­lichen Meinung hervorigerusen würde, -auf die -sich die Regierungen stützen könnten. Diesen Strömungen aber könnte sich aus -die Dauer keine Regierung entziehen. So­wohl in bezug -aus wissenschaftliche Vorbereitung der Materien als auch was nützliche Aufklärung und Pro-pa- -g-auda -betrifft, habe sich die internationale Vereinigung hervorragende Verdienste erworben und mit großem Interesse verfolge die Reichsregierung die bedeutsamen Arbeiten, der Vereinigung.

-Es ist hier nicht der Ort, aus die umfangreiche To-geS. o-rdniung emzugehen. Konstatieren wir nur, daß die sorg­fältig vorbereiteten Referate wesentlich zu»» schnellen -und gedeihlichen Fortgang der Arbeit beigetvagen haben. Auf Vorschlag -des Präsidenten wurden 5 Kommissionen ge­bildet^ Die erste Kommission beschäftigte sich mit der finanziellen Lage des Arbeitsamtes, übrigens ein h-eikler Punkt, da die Druckkosten viel größere Summen ver­schlungen h.aben, -als vorgesehen -waren. T-i-e zweite Kommission -befaßte sich mit -der Bleifrage und den anderen gewerblichen Giften. Die dritte Kommission mit der Nachtarbeit -der jugendlichen Arbeiter. Tie andern mit der Regelung der Heimarbeit und der eventuellen Ver­anstaltung einer internationalen -Enquete über -den Ar­beiterschutz in derselben, mit der Unfall-, Kranken- und Haftpflicht-Versicherung, und zwar in bezug auf solche Personen, -die außerhalb des Landes arbeiten, indem sie selbst oder ihre Angehörigen wohnen.

Was die finanzielle Lage des Internationalen Ar» bcitsamtes angeht — es ist ein Defizit von 28 000 Frank bis Ende -des Jahres zu -decken —, so wurde beschlossen, zunächst mit kleinen Mitteln eine pekuniär bessere Lage herbeiz »führen. Trotz dieser vorgesehenen Maßnahmen muß fest-gestellt werden, daß, wenn die Regierungen ihre Beiträge nicht erhöhen, die ersprießliche Fortführung des Internationalen Arbeitsamtes ernstlich bedroht ist. Denn die Einnahmequellen stehen außer Verhältnis zu den Kosten für die Vorbereitung des internationalen Ar- beitersch.utz.es. Der Vertreter der ungarischen Regierung Mb eine sehr gewundene Erklärung ab- betreffs der Stellung Ungarns zur Erhöhung seines Beitrags, -die andern Regierungsvertreter -hüllten sich in diplomatisches Schweigen. Nur -der Direktor -des französischen Arbeits­amtes Fontaine erklärte -— allerdings erst aus dem Bankett der Delegierten —, -daß seine Regierung geneigt sei, einen höheren Beitrag zu zahlen.

. Was die Verwendung des Bleiweißes im Maler, und Anstreichergewerbe betrifft, so hält die internationale Vereinigung grundsätzlich das absolute Verbot -der Ver­wendung dieses Produktes dort für geboten, wo es durch andere Stoffe ersetzt werden kann. Tie Frage der ge­werblichen Nachtarbeit der jugendlichen Personen wurde der nächsten Delegierten-Versammlung überwiesen, da die nötigen Vorarbeiten erst in Angriff genommen wer­den müssen. Die Anträge der 5. Kommission zeitigten

„Du glaubst nicht?" fragte Stella.

„Nein, wahrscheinlich glaubt er, der Tod ist ein voll­kommener Schlaf oder eine Vernichtung alles Lebenden; doch da er -gerade noch am Leben ist, wird er es wohl auch noch ein bißchen bleiben wollen."

Stella fühlte sich gekränkt, daß Amalie nicht an die Stärke seiner Gefühle glaubte; doch bevor sie noch ant­worten konnte, subr die andere fort:

„An deiner Stelle würde ich weit mehr um meinen Mann zittern, diesen- stolzen und ehrenw?rten C-ha-rakter

— liebe Stella, kannst du zwischen den beiden noch schwanken?" Stella schwieg noch immer.

„Du meinst vielleicht, er ist über die Jugend hinaus

— das dachte ich auch-, als ich hierhcrkam; doch ich ent­deckte bald, daß er ein Ebenso junges Gemüt hat wie du und ich und weit jünger ist als viele junge Leute, deren Lebensjahre mit Erfahrungen gespickt sind, die sie weder geistig noch körperlich verjüngt haben."

Wieder dachte -Stella -daran, ob ihr Mann nicht eine Waffe bei sich -hatte, und sie zitterte uni- alle beide; doch wie konnte Amalie ihre Angst verstehen!

Am-alie wurde des ewigen -Alleinsprechens müde und sah sie starr an.

Kurz daraus sagte sie: „Liebtest du deinen Mann, als -du dich- mit ihm verheiratetest?"

„Nicht so sehr, wie später, aber . . ."

„Nicht so sehr wie Paul Lykke, meinst du?" fuhr Amalie fort. „Tu bist für mich — nimm es mir nicht übel — wie ein verzogenes Kind, das den Arm voller Spielzeug -hat und nun nach einem- Gegenstand- weint, für den es keinen Platz mehr besitzt. Tu hast ein selten prächtiges Heim, -aber vor -allem einen ausgezeichneten Mann, jawohl, einen echten Mann, Stella, energisch, vornehm, klug und gut, der dir jeden deiner Wünsche von den Augen ab liest, der in erster Reihe nur immer daran denkt, wie er dich erfreuen kann, der sich jeder Entbehrung unterwerfen würde, um dich zu schonen, kurz, der dich so uneigennützig liebt, tvie es nur wenigen vergönnt ist, geliebt zu werden."