Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts,
Nr. 252. Donnerstag, 28. Oktober.
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Roman von Edcla Rüst.
Frau Dr. Sichren hatte schon zweiinal im Zeitraum von zehn Minuten die FensterWgel aufgeworfen und die kleine uniberingte Hand hinausgehalten und hin und her gedroht — sie zag sie immer wieder beregnet zurück.
Der Himmel holte einen Prospekt nach dem anderen aus der groben Wetterrnmpelkammer vor, aber der neu auftauchende war immer schwarzblauer und bleierner als der versinkende.
So sah „Fünf-Hügelchen", wie die Stadt im Munde der Spötter hieb, an denr Tage aus, als Sehrens einziger Sohrs Herbert aller Eramensorgen ledig in seiner Heimat zurückerwartet wrrrde, um hier als Rechtsanwalt die für ihn bereitstohende Glücksleiter zu evklimnien: der kommende Mann von Fünf-Hügelchen! Frau Malwine gab das Wetterprüfen auf, griff nach Hut und Cape und schlüpfte mit großer Vorsicht die Treppe hinunter am Sprechzims-uer ihres Gatten vorbei, umcbcnso geräuschlos die Haustür zu öffnen rind zu fchlietzen.
Mit beiden Händen ihre Garderobe raffend, trippelte sie bis auf den naben Markt, wo die einen sechs Droschken der Stadt standen, die anderen sechs waren am Bahnhof stationiert. Frau Malwine, die nie einen Schirnr benutzte, stieg in dir erste, und entstieg ihr wieder kurz darauf auf dom Bahnhof.
Es war die höchste Zeit — gleich darauf rasselte, nutz wie ein begossener Pudel, das schwarze Ungeheuer heran, das ihr ihren Sohn brachte.
„Nu, Mütterchen, wieder ungehorsam?" lachte der Erwartete hinter ihr her, der am entgegengesetzten Ende den Zug verlassen hatte, umfing sie und küßte sie dreimal zärtlich auf den Mund.
„Ach Gott Junge, mit dir meint Vater das doch nicht so, wenn er auch sonst weder Empfänge noch Mb- schiodsszenen liebt!"
„Mit mir gerade — da haspele dich nur nicht heraus —" rief Dr. Sehren jr. munter, und fah dann zu, daß sein Gepäck richtig besorgt wurde.
Er mußte gleich sehr viel grüßen und Handschiittein, und er tat es mit einer selbstbewußten heiteren An- imut, die fast schon das „Geschäft" im Auge zu haben schien.
Herbert Sehren war eben dreißig geworden — er hatte sich beim Studieren auch genügend Zeit zum Vergnügen gegönnt und — er wäre so sehr viel lieber Musiker geworden. Aber da langte es doch vielleicht nicht ganz für seine ehrgeizigen Pläne. So schloß er obenhin Frieden mit seinem Vater und blieb bei der Juristerei.
Herbert war etwas über mittelgroß, schlank, mrt langen, schmalen Händen rind Flitzen und einem scharf
S eschnittenen feinen dunklen Kopf. .Hätten die braunen lugen nicht so sonnig in die Welt geleuchtet, das Ge- hätte leicht etwas Hartes, Kaltes gchabt: fo rassig ... wie eine Gernme war es gemeißelt.
Go tadellos wie seine ganze Erscheinung war auch sein Gepäck. Er hatte viel von der Mutter, emer Frankfurterin. Es siel recht auf, als sie jetzt Arm in Arm im
Wagen saßen, wie ein paar hübsche, lustige Kameraden.
„Der Alte ist natürlich übelster Laune, was Mütterchen?"
„Aber gar nicht! Er freut sich gerade so wie ich, baü pv htrfi nun fair immer fiter bat: er zeigt es nur
nicht so."
„Nein, er zeigt es nicht!"
„Du kennst doch nun seine Art! Sei recht lieb mit ihm, ja, lieber Junge?"
„Ich habe die besten Vorsätze, Mütterchen, ober wri
platzen ja doch aufeinander-Ach, Mütterchen,
mir graut fo vor allem ..."
„Aber, Junge, Junge, so mußt du dies nicht vornehmen. Du siehst an deinem Vater immer nur -die Schattenseiten . . ."
„Wie er an mir!"
„Dein Vater ist ein solcher Prachtmensch, solch ein Prachtvater, Prachtgatte, Prachtarzt und . . ."
„. . . Prachtpedant! Na, wollen sch'n, an mir soll's
wirklich nicht liegen-ich habe ja nur zu viel Grund
mich mit ihm gut zu stellen. Aber, ach Mütterchen., wenn er mich in Berlin gelassen hätte, wie dankbar wäre ich
ihm geworden-1 Mein Gott, das Leben da, die
Kreise, in denen ich im Umsehen hätte Fuß fassen können! Und nun hier dies Fünf-Hügelchen, dies Nest für Maikäfer, nicht für Menschen!"
„Sieh bloß, Herbert — die Sonne kommt vor, es hat wahrhaftig aufgchört zu regnen! Ach, ist das aber schön! Das ist ein gutes Zeichen für deinen Einzug ins Vaterhaus!"
Die Mädchen hatten die Haustür weit anfgerlssen und eilten an den Wagen schlag. „Mllkoininen, Herr Doktor! Wo Sie find, wird gleich schön Wetter!"
„Das will ich meinen, Minna — guten Tag! Guten Dag, Rese! Nehmt mir den Geigenkasten, bitte, in acht! Der bleibt iminer das Hauptstück! Wenn mal nichts mchr znm Versetzen ..."
„Herbert, da fft Papa, fall ihm um den Hals — sei
lieb!"
Frau Mcalwine flüsterte dre Begrüßungssormel hastig ihrem Sohne zu. sie hatte den Doktor aus dem «Sprechzimmer treten sehen, er stand jetzt mitten auf der Zweiten Diele und erwartete den Sohn.
„Na, bist du da?"
„Ja, Papa, ich bin da! Mama wünscht, >daß ich dich umhalse und küsse, wie ich es mit ihr machte, aber ich vn,M& irt iKa 6 Sn Wfü SVitn nitf.t aoutierlt! Wie aebt's
Herbert legte dom Vater, der ihn fast um Haupteslänge überragte, beide Hände ans die Schultern und sah ibni freundlich in die Angen. Es griff ihm etwas ans Hem, der Doktor schien ihm um so viel weißer geworden seit Weihnachten, als er ihn zuletzt goschen.
„Mich strengt die Arbeit doch schon ein wenig mchr an! Du freilich sichst mehr nach Weltreise als nach abgelegten Examina aus. Bleibe so frisch, hier kannst du es brauchen! Willkommen zu Haufe, mein Junge!
