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*» Jahrgang.

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U0.443. Verlags-Fernsprecher No. 2953.

Morgen - Ausgabe.

_ 1. Matt._

Me Wale Inge der MienWn Kandarbetter.

Aus Rom schreibt man uns:

Das Vorgehen der italienischen Regierung gegen die Organisation der Landarbeiter hat zu einer mächtigen Bewegung geführt, die gleichzeitig wirtschaftlicher und politischer Natur ist. Italien ist bekanntlich' seit etwa einem Jahrzehnt das klassische Land der Streiks; die­selbe sind dort in einer Periode anhaltender Steigerung begriffen. Im Jahre 1889 wurden 126 Ausstände in der Industrie gezählt, 1899 bereits 259 und 1901 lva«n dieselben auf mohr als 2000 gestiegen. Die landwirt­schaftlichen AuSstände des Jahres 1901 belaufen sich ebenfalls auf einige Tausende; im Gebiete von Novara allein brachen deren 22 aus. Die italienische Landwirt­schaft trägt ein von der unsrigen durchaus verschiedenes Gepräge; dasselbe gibt sich nicht nur in den durch Klima und Bodenbeschasfenheit bedingten Kultur- und Pro- duktionsarten, sondern auch in der sozialen Miederung der landwirtschaftlichen Bevölkerung kund. Die Haupt- grnppen, in welche die landwirtschaftliche Bevölkerung Italiens zerfällt, sind folgende: 1. die Großgrundbesitzer und mittelgroßen Eigentümer. Von diesen leben die letzteren häufig, die ersteren immer in der Stadt, kennen ihre Besitzungen oft nur dem Namen nach und überlassen Äeselben einem Genevalpächter, welcher die Ländereien parzelliert und ch Asterpacht gibt. Bei sehr großen Be­sitzungen kom'ml meistens noch ei,re Nachafterpacht vor; 2. die kleinen Grundeigentümer, welche ihr Besitztum selbst oder in Gemeinschaft nrit wenigen Taglöhnern be­bauen ; 3. die rächt sehr zahlreiche Gruppe der Pächter und Hintersassen; 4. die noch spärlicher vorhandenen Erb­pächter und Zinsbauern; 5. die Teilb-auern und Meier und 6. die Taglöhner. Die große Masse der in der italie- mschen Landwirtschaft beschäftigen Personen setzt sich aus Keinen Eigentümern, Teflbauern und Taglöhnern zu­sammen, und zwar kommen auf die Grundbesitzer 18 bis 19, ans die den Teilbau betreibenden oder in einem ähn­lichen Verhältnisse zu dem Grundherrn sichenden Land­wirte 33 und auf die bäuerlichen Taglöhner 40 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Bevölkerung. Das Wesen des TsilbaueS besteht darin, daß der Ertrag eines landwirtsch!aftlichen Gutes in bezug auf alle Produkte zwischen Eigentümer und Bewirtschafter geteilt wird; 'dabei besitzt'der Herr das Recht, nicht nur die Arft der Produktion zu besttmmen, sondern auch zu jeder Zeit in den Betrieb einzugreifen. Der Vertrag, welchen der Herr mit dem Teilbauer abschließt, ist eher als Lohnvertrag denn als Pachtvertrag aufzusassen. Der Landeigen­tümer verpflichtet eine unter einem Oberhaupt stehende Emilie oder Hausgenossenschaft_ zur Verrichtung be­stimmter landwirtschaftlicher Arbeiten auf einem Grund­stücke für die Dauer des Vertrages, indem er dieser Ge-

Donnersiag» de« 22. September.

meinfchaft als Lohn für ihre Arbeit einen bestimmten Teil des Rohertrages zuweist. Es sei bemerkt, daß mit der Teflwirtschast auf verschiedene Art und Weise die verschiedensten landwirtschaftlichen Zwecke verfolgt wer­den, infolge dessen der Teilbau sehr zahlreiche Varietäten ausweist. Was dm intellektuellen und physischen Zu­stand der kleinm Eigentümer, Pächter, Teilbanern und Taglöhner betrifft, so ist zunächst zu betonen, daß die soziale Stellung, der Bildungsgrad, die geistige und moralische Anlage bei diesen allen sehr geringe Unter­schiede zeigt. Sie wohnen meist in einer Hütte, oft in einem Zimmer mit einander und essen zusammen an einem Tische. Die Nahrung der Landarbeiter ist zum 'weitaus größten Teile eine vegetabilische; hier und da gibt es Käse, selten Schaf- oder Ziegenfleisch. Von den Alpm bis zur Linie Rom-Ankona bildet Maisbrei die Haupt­nahrung der Taglöhner. In den biegenden mit inten­sivem Weinbau wird täglich Wein genossen. Die Wohnungsverhältaisse stad vielfach nicht besser als die Ernährungsbedingungen. Wes gilt besonders für dm Süden Italiens. Allerdings ist dort das Wohnungs- bedürfnis bei weitem nicht in dem Grade vorhanden wie in der Po-Ebene oder gar in unseren Breitm; doch auch in diesen Gegenden kann «der Mensch zu gewissen Zeiten ein schützendes Obdach nicht entbehren. Am schlimmsten sieht es in dieser Beziehrmg auf Sizilien aus. Hier ist die große Masse der Landarbeiter meist in Dörfer von vielen Tausenden von Bewohnern zusammengsürängr Der Wog nach dem Arbeitsfelde und zurück hat häufig eine Länge von je 2 bis 3 Stunden. Diese Leute kommen tat Frühjahr und Herbst oft wochenlang nicht zu ihrer Behausung, sondern übernachten in Höhlen und Löchern. Im Norden dimt während des Winters vielfach der Stall als Aufenthaltsort oher auch die große Küche, um deren offenen Herd man sich abmds versammelt.

Aus der skizzierten Art und Weise der Ernährung und Wohnung der Bauem kann man mit Sicherheit darauf schließen, daß die ländlichen Lohnverhältnisse sehr im argen liegen. Muß auch zugegeben werden, daß einerseits die mit enovmm Steuern belasteten italieni- schm Grundsigentümer keine hohen Löhne zahlen könnm und daß andererseits das Bedürfnis nach der teurm Fleischkost in Italien während eines großen Teils des Jahres bei der körperlich arbeitendm Klasse sich nicht in dem Maße geltend macht wie in unserm Klima, so muß dennoch ein täglicher Verdienst von durchschnittlich 1,20 M. der nur in der Periode dringender Feld­arbeiten das Doppelte bis Dreifache dieses Satzes beträgt als durchaus ungenügend für den verheirateten Lohn­arbeiter bezeichnet werdm. Eta um zwei Drittel höherer Lohn als der genannte wird nur in Ligurim erreicht. Daß der italienische Bauer und Landarbeiter fleißig, ausdauernd, sehr sparsam und sehr mäßig ist, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Eta gewisser Luxus wird nur an Sonn- und Festtagen in bezug aus Kleidung in der Nähe von Städten getrieben. Der größte Ehrgeiz eines jeden geht dahin, in dm Besitz eines Gütchens zu

Redaktioris-Ferusprcche» No. 52. 1904*

gelangen, und es ist geradezu wunderbar, daß dies vielm trotz des kärglichen Einkommens nicht selten gelingt. Auch unter den Tausenden, die ins Ausland gewandem sind, gibt es zahlreiche, die nach der Rückkehr ins Vater- larid ihre Ersparnisse auf dm Ankauf eines kleinen Be­sitztums verwenden. Der italienische Bauer ist durch­gängig mit guten Geistesanlagen begabt und besitzt her» vorrageitde Geschicklichkeit für alle in seinen Beruf ein- schlagende Arbeiten: >aber er ist mit vielen Vorurteilen behaftet und steckt in arger Unwissenheit und tiefem Abevglaubm. Der Hauptgrund für diese Erscheinungen liegt in der äußerst mangelhaften Schulbildung der Landbevölkerung. Bei der durchschnittlich mangelhaften Ernähmng und Wohnung der italienischen Landleute können sich die Gesundheitsvevhältnisse derselben in dem größeren Teile des Landes nicht günstig gestalten. Als erschwerendes Moment kommt hinzu, daß gerade die Landbevölkerung vorzugsweise von zwei Jnfektions- lrankheitm heimgesucht wird. Diese Krankheiten stad die Malaria und die Pellagra. Die Malaria oder das Wechselfteber fordert in Italien alljährlich gegen 30 000 Opfer und versetzt außerdem viele Tausende in dauerndes Siechtum. Erst in dm letzten Jahren hat man behörd­licherseits angefangm gegen diese Krankheit energische Maßregln zu ergreifen. Ae Pellagra, welche durch dm Gmuß von unreifem und verdorbenem Mais entsteht, ist fast nur unter dm Landleuten- verbreitet, und zwar durch ganz Oberitalim: in Mittelitalien bis zur Linie Rom- Ankona. Diese Krankheit, an der in einzelnen Bezirken der Po-Ebene bis zu 40 Prozent der Bevölkerung leiden, beginnt mit einem Hautausschlag und ergreift und zer­stört allmählich die inneren Organe des Körpers; auch erzeugt sie geistige Störungen. Wenn noch nicht zu weit vorgeschritten, verschwindet die Pellagra, tvenn der Er- krankte dem Genüsse von verdorbenem Mais entsagt. Infolge der gewaltigen Ausdehnung des italienischen Bahnnetzes und bei dem längeren Bestehen der allge­meinen Wehrpflicht konnte es auf die Dauer nicht aus- bloibm, daß Bauern, insbesondere ländliche Taglöhner, die draußen viel günstigere Verhältnisse als die heimat­lichen kmnm gelernt hatten, ihre Berufsgenossen in vielm Gegmden über ihre trauvige Lage aufklärtm und in weiten Kreisen derselben das Verlangen nach agrarischen Reformen erweckten. So kam die agrarische Bewegung allmählich in Fluß; sie verbreitete sich mächtig und die Organisation der ländlichen Taglähner wurde außer­ordentlich gefördert durch die in letzter Zeit in die weitestm Kreise der Landarbeiter getragene, äußerst rührige sozialistische Agitation. Die auf die Besserung ihrer sozialen Lage zielenden Bestrebungen der Land­arbeiter fanden hauptsächlich in dem Auftreten einer sehr großen Zahl von Ausständen ihren Ausdruck. Ae in Szene gesetzten Streiks hatten in ihrer Gesamtheit den Erfolg, daß in den meisten Gegenden Italiens bie ländlichen Löhne eine namhafte Erhöhung erfuhren und daß auch in dm Lohnverträgm zwischen Eigentümern und Taglöhnern vielfach' für die letzterm günstigere Be­dingungen erreicht wurden. s. r.

Feuilleton.

Wider die falschen Propheten.

(Ein Beitrag zur Bewertung von Eduard Hanslicks kritischem Wirken.)

Die Zeiten liegen noch nicht weit zurück, wv man es ziemlich allgemein hören konnte, daß Eduard Hanslick doch unstreitig die hervorragendste, wichtigste und einsluß- reichsteErscheinung am musikkritischen Himmel sei und daß er es auch geblieben, trotz und nachdem die engen Grenzen der von ihm vertretenen ästhetischen Richtung durch das siegreiche Borwärtsdrängen der Modernen längst beiseite geschoben waren. Wie sich doch so ein einmal feststehendes Urteil 'Jahrzehnte lang in dem allgemeinen Wissensschatz einer ganzen Welt von gebildeten Menschen erhalten, ja sortwerben kann. Erst bei dem kürzlich erfolgten Tode des einst gefürchteten Mannes wurden die meisten darüber belehrt, daß es mit der Macht und Größe Hans­licks außerhalb seines engeren Wiener Wirkungskreises in Wirklichkeit längst vorbei gewesen fei. Dem bei Leb­zeiten in den Hintergrund Gedrängten brauchten die Verteidiger des Fortschritts nicht mehr mit der Feder gegenüber zu treten; das war schließlich überflüssig ge­worden. Und darum wurde der Name Hanslicks in den letzten 10 Jahren kaum noch in dem öffentlichen Streite der Meinungen genannt.

Der Ruhm und der Glanz vergangener Zeiten hatten den Namen Hanslicks mit einem Nimbus umwoben, daß er sich trotz der entschiedenen Niederlage seines Trägers noch lange Jahre hindurch weiterhin in der nicht spezi­fisch fachmännisch gebildeten Welt zu halten vermochte. 'Dem Umstande, daß Hanslick bis zum Abschluß seiner irdischen Laufbahn Gelegenheit gegeben wurde, in dem in literarischen und künstlerischen Dingen einflußreichsten Organ der österreichischen Hauptstadt seinen erbitterten Kampf gegen alles ernsthaft Fortschrittliche in der Musik ftrtzusetzen, ist es zuzuschreiben, daß sein Wirken in

Wien selbst nach wie vor ein verhängnisvoller Hemmschuh für die Fortentwickelung der musikalischen Kunst blieb, obschon in der musikalischen Welt draußen seine starren einseitigen Dogmen längst widerlegt und umgestoßen waren.

Jetzt, nachdem sich die Erkenntnis von der Verkehrt­heit und Unhaltbarkeit des Hanslickschen Standpunktes wohl allgemein Bahn gebrochen hat, ist man geneigt, die mannhafte Überzeugung und Prinzipientreue des alten Kämpen zu bewundern, der bis zu seinem Tode nicht einen Zoll breit von seinen bereits in den fünfziger Jahren niedergelegten ästhetischen Grundsätzen abge- wichen ist, obwohl er sah, wie die von ihm bekämpften Richtungen die Welt für sich eroberten. Diese nach außen hin gewiß imponierende Standhaftigkeit erscheint freilich in einem weit weniger idealen Lichte, wenn man sich die Mühe nimmt, die künstlerische und kritische Überzeugung Hanslicks einmal unter die schärfer beobachtende Lupe zu nehmen.

Hanslick war von Haus aus Jurist. Erst allmählich gleitete er ins musikalische Fahrwasser hinüber, und zwar, ohne zunächst bestimmte Tendenzen in seinen ersten Publikationen zur Geltung zu bringen. Anpassungs­fähigkeit und jugendlich fortschrittliche Begeisterung ver­leugnen sich bei ihm in diesen ersten Jahren keineswegs. Er tritt freudig für Berlioz ein und schreibt ein be­geistertes Feuilleton über denTannhäuser", der ihn mir so frohen Hoffnungen für die Zukunft erfüllt, daß er Wagner auflucht, um sich mit ihm in persönliche Fühlung zu setzen. Wagner selbst ist hocherfreut über den neuen Apostel und schreibt ihm einen herzlichen Dankesbrief. Bald darauf setzt der Umschwung in Hanslicks Anschau­ungen ein. Sicher ist es wohl, daß es ein ernsthaft durch­dachtes und ehrlich gemeintes System der Ästhetik war, mir dem 1854 Hanslick in seinem BucheVom Musikalisch- Schönen" die damalige Musikwelt, wenigstens in ihrer größeren Mehrheit, mehr entzückte als überraschte, über­raschend konnte dieses strikte Negieren der nicht in be­

stimmten formalen Grenzen gehaltenen, unbeschränkten Ausdrucksfähigkeit der Musik nur auf die eben aufstre­benden kühnen Neuerer, hauptsächlich auf Liszt und Wag­ner, wirken. Das unbegrenzte Schalten und Walten der Phantasie, das freie Bilden der Formen aus der poetischen Idee von innen heraus, wurde durch das Hanslicksche Dogma für unkünstlerisch, wurde als mit dem eigentlichen Wesen der Musik nicht vereinbar erklärt. Diese Doktrin war der damaligen starken reaktionären Musikpartei, die mit rücksichtsloser Gewalt gegen das neue Wagnersche Kunstprinzip zu Felde zog, eine will- kommen« Waffe.

Erfuhr schon derLohengrin", ganz im Gegensatz zumTannhäuser", durch Hanslick eine wenig sym­pathische Beurteilung, die Wagner sich übrigens zunächst nicht anders als durch persönliche Malice zu erklären vermochte, so stellte sich derberufene" Hüter der abso­luten Musik dem darauf folgenden Tristan und den Meistersingern mit aller Schärfe entgegen. Die schmäh­liche Geschichte von der mit mehr als 70 Proben ver­suchten ersten Tristan-Ausführung in Wien, die dann schließlich doch noch durch das verhetzte Sängeapersonal vereitelt wurde, gibt beredtes Zeugnis von der Form des Kampfes, der von der Wiener musikästhetischen Hochb'urg aus gegen Wagner geführt wurde. Den großen Refor­mator konnte dieser prinzipielle Widerstand nur vor­übergehend schmerzen: der Siegeszug seiner Kunst ging über diese feindselige Opposition, die noch besonders durch eine starke Clique reaktionär gesinnter, rechthaberischer und leider auch s-chr einflußreicher Dilettanten genährt wurde, im schnellen Fluge hinweg. Doch Schlimmeres hatten die anderen fortschrittlichen Geister, speziell die österreichischen Tonsetzer, von seiten des Hanslick-Bill- rothschen Kritik-Regimes ider berühmte Chirurg war bekanntlich einer der unerbittlichsten Mitrufcr im Streite gegen den musikalischen Fortschritt) zu erdulden. Es seien nur die beiden Namen Anton Bruckner und Hugo