«s. Jahr««*«.
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44h VerlagS-Fernsprecher Ro. 2958.
Morgen * Ausgabe.
1. Matt._
Minister Falk und die Simultan schule.
Als Falk 1872 Untexrichtsministec wurde, gab es in ganz Preußen nur noch 60 Sinmltanschulen. Derart hatten seine Vorgänger im Amt, v. Mnhler, v. Raumer, unter den «Liinullanschulen aufgeräumt. Als 1879 Falk gestürzt wurde, war die Zahl der Sinmltanschulen 412. Aus Falk folgte v. Puttkamer Äs Unterrichtsminister. Schon bei seinem Rückrritt vom Amt sprach Falk .die Be- fürchtung einer Reaktion in der Schulverwaltung aus. Der bekanute Elbinger Schulstreit 1879 charakterisierte die Wendung. Neue Simultanschulsysteme wurden unter v Puttkamer nicht mehr begründet. Andererseits sind von 1879 bis 1888 im ganzen 23 Schulen mit etwa 21 000 Schülern (davon 17 000 Schüler in der Rhein- Provinz) rekonsessionalisiert. Unter dem Minister v. GoKer war in der Simultanschulfrage nur der Schutz 'der Minorität das leitende Motiv.
SLach -dem Statistischen Jahrbuch für den preußischen Staat waren 1901 unter 36 756 öffentlichen Volks- schulen nur 803 paritätische, d. h. Schulen, deren Lehr- personal, abgesehen vom Religionsunterricht, verschiedenen Konfessionen angehörte. Das sind also etwa- drei Prozent der Schulen und fünf Prozent der Schüler (234 675 v. 5 670 870).
In einer Rede vom 17. Juni 1876 (Beantwortung einer Interpellation von Kleist-Retzow) führte Falk aus er müsse für sich in Anspruch nehmen, daß der Artikel 24 der Derfassungsurkmide („Bei der Einrichtung der öffentlichen Volksschulen sind die konfessiouelleu Ver- Haltnisse möglichst zu berücksichtigen") in der Tat „kein geltendes Recht ist". „Mit klaren und dürren Worten", so fuhr Falk fort, „spricht es der Artikel 112 der Ver- fassungsurkunde in Verbindung mit Artikel 26 aus" (Artikel 112 lautet: „Bis zum Erlaß des im Artikel 26 vorgesehenen Gesetzes — ein besonderes Gesetz regelt das ganze Unterrichtswesen — bewendet es hinsichtlich des Schul- und Unterrichtswesens bei den jetzt geltenden ge- setzlichen Bestimmungen.") — In betreff der „bis jetzt laufenden gesetzlichen Bestimmun- gen", führte Falk in derselben Rede aus, daß nirgend in den bis dahin bestehenden Gesetzen eine Verbindung der Schulen zu Simultauschulen verboten sei, im Gegenteil, „Sie werden Andeutungen finden bestimmtster Art, die dahin gehen, daß solche Verbindung statchiaben, ein solches paritätisches Schulwesen existieren kann." Falk bezog sich hierbei auch auf die §§ 29 und 30 des zwecken Titels XII des Allgemeinen
Mittwoch, den 21. September.
Landrechts. Die Gesetzgebung am Rhein,^ die Schulordnung für die Provinz Preußen von 1845 befasse sich mit diesem Punkt gar nicht.
Im Gegensatz zu dem Antrag des jüngsten Schulkompromisses, welcher die Konfessionsschule als „Regel" hinstellt und Ausnahmen nur „aus besonderen Gründer:" zulassen will, weist Falk in der erwähnten Herrenhaus- rede darauf hin, daß d>amals bei Beratung des Artikels 24 der Verfassungsurkunde Kleist-Retzow „mit seinem Antrag, die konfessionellen Verhältnisse seien grundsätzlich zu, berücksichtigen, bei der damaligen zwecken Kämmer nicht durchgedrungen sei". Es sei das „möglichst zu berücksichtigen" stehen geblieben. Man sei sich damals, und das spreche wohl für die Berechtigung, den Artikel 112 hier, ganz besonders in Anspruch zu nehmen, völlig bewußt gewesen, daß dieses „möglichst" durch das Unter- richtsgesetz erst ordentlich definiert werden sollte, um zu wissen, was sein wahrer und voller Inhalt sei. Der damalige Kultusminister v. Ladenberg sei prinzipaliter der Meinung gewesen, daß eben wegen der Unbestimmtheit jenes Ausdruckes es an sich besser sei, diesen Satz nicht in die Verfassung aufzunchmen.
Bekanntlich ist 'der Artikel 24 nicht in öer im Dezember 1848 von der Regierung oktroyierten Verfassung enthalten gewesen, sondern erst bei der Revision durch den Schulrat Brüggemann in der ersten Kammer hinein- praktiziert worden.
Falk selbst stimuck mck der Auslegung von Ladenberg dahin überein, daß in der Simultairschulfvage die Interessen -des Staates sicher zu stellen seien in ihrer allge- meinen Beziehung und in der Richtung, die sich geltend macht in der Unterrichtsverwaltung und ihren Forderungen an das Schulwesen. Daß aber in dieser Beziehung jetzt nach- 26 bis 30 Jahren die Kultusminister etwas -andere Anschauungen -haben müssen, als Herr von Ladenberg damals, liege, so meinte Falk, aus der Hand.
In dem Reskript vom 16. Juni 1876 erklärt Falk die Einrichtung von Simu-ltanschulen für geboten, wenn Übelstände der konfessionellen Schulen ftie Erfüllung der Ausgaben der Schulen wesentlich -beeinträchtigen, und wenn die Schulgemeinden oder die zur Unterhaltung der Schulen verpflichteten bürgerlichen Gemeinden im Interesse einer wesentlichen Verbesserung solches beantragen. Nach dem jüngsten Kompromißantrag dagegen würde auch bei voller Übereinstimmung- der Beteiligten eine „wesentliche Verbesserung", zur Einrichtung einer Simul- tanschule noch nicht hinreichen.
In dem Ko-mpro-mißantrag wird die „Zahl" der schul- Pflichtigen Kinder -einer konfessionellen Minderh-eit für ausreichend erklärt für den Anspruch--aus Einrichtung einer Konfessionsschule. Falk in seiner Herrenh-ausrede führt dagegen aus, „daß noch manche andere tatsächliche
Redaktions-Fernsprecher No. 52
Verhältnisse als gerade die Zahl der Schüler einen
zwingeirden Einfluß auf die Entscheidung", ob Konfessionsschule oder Simiultanschule, äußern dürften.
Falk äußerte am Schluß der Herrenhausrüde: „daß unser Schulwesen so lange Zeit einseitig-konfessionell ge- sondert behandelt worden ist, das hat -mck absoluter Notwendigkeit dahin führen müssen, diese Einseitigkeit zu schärfen". Wenn man sich in einem einseitigen Geleise bewege und bewegen müsse, würden alle Mittel, die in irgend -einer Verbindung- mit dieser Einseitigkeit stehen, in Anwendung gebracht, um diese Einseitigkeit stark zu machen. In solchen Verhältnissen könne -man das Wort „schiedlich, friedlich" nicht zur Anwendung bringen.
(Franks. Ztg.)
Nom sozialdemokratischen Parteitag.
Stimmungsbilder aus Bremcu.
2. Die erste Vollversammlung.
Gleich zum Beginn hat der sozialdemokratische Parteitag für viele eine Enttäuschung gebracht. Die Lchulfrage ist trotz zablreicher Anträge nicht auf die Tagesordnung gesetzt wurden. Bebel begründete die Ablehnung -mit einer Naivität, als wenn -er einer der jüngsten Parlamentarier wäre, Nach seiner Meinung würde -die Kanalvorlage die preußische Landtagskampagne zu stark beschäftigen, als daß man mit der Schulvorlage zu Ende kommen würde. Als wenn das preußische Parlament nicht unter Umständen sehr schnell arbeite» könnte, wie sich das z. B. bei der letzten Ansiedelungsvorlage gezeigt hat. Gerade wenn -die Konservativen eine Opposition durch die Vokks» stimmung fürchten, können sie wunderbar schnell arbeiten-. Außerdem machte Bebel den- von ihm sonst so geschmähte» Liberalen -das Kompliment, daß diese schon die nötige Agitation übernehmen würden. Die Konservativen und das Zentrum würden den Schulentwurf so verschlechtern-, daß die Liberalen in die entschiedenste Opposition treten würden. Die Sozialdemokratie will erst nächstes Jahr» für Preußen nach der Schlacht, auf breitester -Grundlage die Schulfragc verhandeln. Auf diese Weise hat die Partei Bebet die beste Aussicht, die Partei -der verpaßtenGeleg-en» hciten zu werden. Vielleicht bringen die preußischen Delegierten nach Schluß des Parteitages noch eine preußische Sonderkonferenz zustande und machen den Fehler de- Parteitagcs wenigstens zum Teil, wieder gut.
Im übrigen hat der Parteitag ziemlich nüchtern eingesetzt, wie das auch sonst meist geschehen ist. Es -dauert immer einige Zeit, bis die Gemüter in Bewegung und' Wallung kommen. Der Besuch ist ausgezeichnet, genau so gut wie in Dresden. Das Lokal gehört einer Aktiengesellschaft, die schon bisher die Sozialdemokracke ebenso gern ausgenommen hat wie die feinsten Gesellschaften.
Der Geschäftsbericht -des Vorstandes und der Kontrollkommission bot nichts Besonderes. Nur war es auf»
Feuilleton.
GesmWilsMe in der herdMtze» Mene».
Won Dr. Otto Gotthilf.
Schon wieder ist der Herbst gekommen. Wohl bringt er noch schöne, herrliche Tage, oft sogar die klarsten des ganzen Jahres, wo man von der Berge weitsch-auendcn Gipfeln das erhebende Naturfchau-spiel der ausgehenden und untergehenden Sonne in seiner ganzen berückenden Schönheit am besten genießen kann. Aber er bringt auch naßkalte Nebel, welche so leicht durch die Poren der Kleidung bis auf die empfindliche Haut dringen; und die oft sehr kühlen Abende rufen bei noch sommerlich gekleideten Leuten meist Schnupfen, Husten und andere Erkältungskrankheiten hervor. Schon zwickt und zwackt es die privilegierten Rheumatiker in den Gliedern, schon hört man hier und da munkeln von Influenza und Diphtheritis. Wenn man daher sich nichr schon jetzt in Stubengefangenschast begeben und dadurch sehr bald winterlich-stubensiech werden will, so muß man bei Zetten -sich wappnen und wehren gegen die Unbilden der Witterung durch Befolgen des hygienischen Grundsatzes: vorsichtig abhärten, warm anziehen, täglich« Bewegung -draußen im Freien!
Bei Beginn der kälteren Jahreszeit müssen wir zur Erwärmung unseres Körpers besonders dahin streben, den Stoffwechsel energisch anzuregen, den Blutkreislauf gehörig zu fördern, und namentlich in den Extremitäten die leicht stockende Zirkulation in schnelleren Fluß zu -bringen. Hierfür gibt es drei Mittel: warme Kleidung, erwärmende Nahrung und körperliche Bewegung. Es ist gesundheitlich ganz falsch, sich jetzt noch mit dünner Sommerkleidung brüsten zu wollen. Besonders bei nebeligem Wetter versäume man nie, wollene Unterkleider an- zulegen. Von größter Wichckgkeit ist das sofortige Wechseln nasser Kleidung, namentlich der Strümps«: wenn di« Eltern daraus bei ihren Kindern mit aller Strenge halten, so werden sie manche Erkrankung fernhalten und sich und ihren kleinen Lieblingen viele schwere Stunden ersparen. Gerade hier gilt das Wort: Kleine Ursachen — große Wirkungen!
Wärmespendende Nahrung besteht hauptsächlich in
Fleisch und Fett. Daher sind derartige Speisen jetzt wieder mehr zu genießen als im Sommer. Ebenso leisten zur sofortigen Erwärmung sehr gute Dienste: morgens Kaffee oder Kakao, zum Frühstück Bouillon, -mittags Suppen und abends Tee. Diese Gen-utzmittel sind wirksamer, gesünder, nahrhafter und billiger als Gier und Wein.
Das beste und nachhaltigste Erwärmungsmittel aber ist und bleibt körperliche Bewegung. Wer so glücklich ist, «in Gärtchen sein eigen zu nennen, möge darin jetzt die umfangreichen Herbstarbeiten vornehmen, selbst bei Nebel und Regen. Auch Holzhacken möge niemand unter seiner Würde halten: ging doch darin der alte Gladstöne, -der „englische Bismarck", mit gutem Beispiel voran. Im Zimmer aber werden regelmäßige Übungen mit Hanteln oder Stäben stets gute Dienste tun. Freilich darf man darüber das Spazierengehen draußen in der frischen freien Luft nicht vernachlässigen. Wohl scheuen sich ängstliche Gemüter vor der naßkalten herbstlichen Nebelluft, jedoch mit Unrecht. Biele bleiben jetzt schon in den wenig oder gar nicht gelüfteten Zimmern und verlassen die Wohnung nur, wenn es durchaus sein muß. Das ist ganz falsch, denn dadurch werden sie gegen die Wttte- ruugseinflüsse nur um so empfindlicher. Was Wunder, wenn dann beim geringsten Luftzuge Schnupfen und Husten als ungebetene Gäste bei diesen Luftfcheuen sich einstellen. Man bedenke wohl: Noch haben wir den ganzen langen Winter vor uns und wissen nicht, welch rauhe Witterung und furchtbare Kälte er uns vielleicht bringen wird. Da heißt es bei Zetten, jetzt in der Übergangsperiode, sich tüchtig abhärten, sonst kann man später, wenn erst Schnee und Eis kommt, gar nicht mehr hinaus in die frische Luft, sondern wird von Woche zu Woche immer mehr stnbensiech, und wenn dann im Winter eine Gelegenheitskrankheit, z. B. Influenza, sich einstellt, so fallen die Luftscheuen „wie Fliegen" um. Darum nur mutig hinaus, auch in den Herbstnebell Nur mutz man draußen nicht stille stehen, sondern sich möglichst kräftige Bewegung machen. Dann wird sogar die Nebelluft sehr gut bekommen. ^ ^ „ Pi ,
Man betrachte doch einmal die auch rm Herbst im Freien kampierenden Zigeunerfamilien, deren Kinder halb nackt in dieser sogenannten „giftigen" Lust herum- svringen, ohne daß sie jemals dem Apotheker etwas für
Dustensäftchen" zu verdienen geben. Dasselbe sah man
a größten Maßstabe im Jahre 1873 auf dem Biederizer nger bei Magdeburg. Mit dem Oktober-Quartalwechse! »eichte nämlich die Wohnungsnot «ine solche Höhe, daß » Magistrat von Magdeburg sich genötigt sah, für di« bdachlosen trotz der nebeligen Herbstwitterung vorläu» g Zeltwvhnungen im städckfchen Glacis einzurichten,
0 sich dann so etwas wie ein großes Zigeunerbiwak ltwickelte. Weit entfernt aber, etwa Krankheit zum usbruche zu bringen, übte dies Leben vielmehr den rüstigsten Einfluß auf den Gesundheitszustand aller rs und bekam namentlich der „armen zarten" Kinderelt so vortrefflich, daß man sehr wohl von einer impro- sierten Ferienkolonie reden konnte. Der dortige Kreis» jystkus, Medizinalrat Dr. Voigt, schrieb damals an r. P. Niemeyer: .gestimmt weiß ich, daß von sämt- chen Insassen dieses Lagers jeden Alters und Geschlech- s nicht ein einziger erkrankte. Bei den Kindern konnte an sogar aus der Rötung der vorher blaffen Gesichter m ganz positiven Nutzen dieses Zeitlebens Nachweisen."
Wir wissen nicht, ob uns nicht ein sehr rauher und ilter Winter beoorsteht, welcher wochenlang alle schwäch- chen und kränklichen Personen zwingt, die Stube zu Uten und ihr Lebenselement, die frische Luft, zu ent- chren. Die jetzt kommenden, hoffentlich noch recht zahl» ckchen schönen Herbsttage bieten uns nun gleichsam eine tztc Gnadenfrist dar, welche wir in Gottes freier Natur ill und ganz ausnützen müssen, um das pabulum vitae, « Lebenslust, in unser edelstes Organ, die Lunge, recht
1 und in vollen tiefen Zügen einzuatmen. Dabei soll an keineswegs in sportsmäßigem Leichtsinn mit dünner bmmer-kleidung seine Haut den schädlichen Witterungs- mschlägen preisgeben, sondern man möge sich warm i,-ziehen und möge bei milder Witterung und in wärmer ituß« durch kalte Abreibung seinen Körper stählen und -ästigen. Dann kann man sorglos auch dem rauhesten ckntcr entgegen sehen und wird sich und den Seinen viel ummer und Mühe ersparen!
„Gesund an Leib und Seele sei«,
Das ist der Quell des Lebens,- Es strömet Lust durch Mark und Bein,
Die Lust des tapfern Strebens.
Was man mit irischem Herzensblut Und keckem Wohlbehagen tut,
Das tut man nicht vergebens." Wotz.l
