es. Jahrgang.
a dnt in zwei Ausgaben. — Bczugs-Preis: den Verlag S« Pfg. monatlich, durch die
Verlag: Langgasie 27.
, Anzeigen-PreiS:
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Kbenö-Kusgabe.
1. Matt._
PLeUeicht im nächsten Jahr.
Daß wir uns im Zeitalter -der Schnellebigkeit und der dadurch bedingten Nervosität befinden, können wir auch daran merken, daß schon jetzt, sieben Monate nach dem Ausbruch des r u s s i s ch - j a p a n i s ch e n K r x c g c ä , allen Ernstes von einer Beendigung desselben, von emer Vermittlung oder gar von. einer Intervention ge- lsprochen wird. Freilich, derartige Erörterungen sind mehr der Ausdruck der allgemeinen Friedenssehnsucht, als der Ausfluß ernsthafter politischer Erwägungen Denn wenn auch aus Grund der modernen Waffen und der modernen Strategie die Zeiten der siebenjahrrgen Kriege endgültig vorüber sind, so ist doch die Wasfen- technik und die Strategienoch nicht so modevmsrert, daß wir bereits bei der Ära der Sicbenmonatskrrege an gelangt wären. „ . r .
Auf eine kurze Dauer konnte am allerwenigsten in einem Kriege gerechnet werden, der sich aus einem so weit entfernten Schauplatz ab spielt, daß für -den ein en der beiden kriegführenden Teile die Herbeischassung neuer Verstärkungen Monate in Anspruch mmnst. Tre vielfach vertretene Auffassung, daß bei Liaoyang bereits em Entscheidungskamps geschlagen sei, oder wenigstens dem- nächst nördlich von Mittden ein solcher vor sich gehen werde, bericht auf einer vollständigen Verkennung der Kriegslage und der militärischen Machtmittel des Zarenreiches Die für viele unerwartet gekommenen bedeiit- kamen Erfolge der Japaner und die schweren Nieder- lagen der 'Nüssen haben vielfach von dem einen Extern, d h. von der starken Überschätzung der russischen Macht, zum anderen Extrem gefichrt, zu einer starken Unterschätzung derjenigen russischen Machtfaktoren, welche aus der ungeheuren Überzahl und auf den stärkeren Relervcn
(berufen.
Man kann ohne Mertreibung sagen, -daß wir uns zurzeit noch immer in den Anfangsstadien des russtsch- Befirtben, denn bon tuflifcfycr ©eite ist bisher erst ein Teil der Machtmittel zur Verwendung gokommen, über welche das Zarenreich verfügt. Es ist richtig, daß dieser Teil der russischen Machtmittel start zusammLNgeschmolzeii ist, uiid es dürfen auch dre ^gewaltigen Schwierigkeiten nicht verkannt werden, welche für Rußland mit der Herbeischaffung weiterer Militari- scher Kräfte, sei es der Landtruppen, sei es der Ostsee flotte, verbunden sind, Wie aber auch die Dinge liegen, so darf doch, wenn man zu einer richtigen Abwägung der Kriegslage kommen will, nicht übersehen werden, -daß sich bisher der Haupttest der militärischen Kräfte Japans mit einem Bruchteil der militärischen Kräfte Rußland ge-
messen hat! „ .
Daß sich der Krieg in der Tat noch immer im ersten Stadium seiner Entwickelung befindet, darüber ist man
sich ebenso in Japan wie in Rußland klar. Die russMe
Kriegsleitung mußte, wenn sie über die eigenen, in Ostasien verfügbaren Kräfte und über die des Gegners unterrichtet war, von vornherein darauf gefaßt sein, daß der Feldzug des ersten Jahres, der jetzt feinem Ende ent- gegengeht, nur ein Defensivkrieg sein könne. Aber auch auf japanischer Seite hat man die ganze Strategie von vornherein -auf einen lange dauernden Krieg zugeschnltten, denn die japanischen Staatsmänner und Heerführer find weitblickend genug, um zu erkemien, daß selbst die völlige Aufreibung der jetzigen Mandschurei-Armee noch lange nicht das Ende des Krieges bedeuten würde. , Daß die Japaner weit davon entfernt sind, ihr Heil in schnellen Siegen zu sehen, haben sie schon -gezeigt, als sie nach dem Siege von Haitschöng auf eine schnelle Ausnutzung des Sieges verzichteten und statt dessen den wohlvorbereitcten Vorstoß nach Norden organisierten. Und die gleiche, mehr die Zukunft als die Gegenwart berücksichtigende Taktik haben die Japaner jetzt -abermals verfolgt, als sie auch nach dem Siege von Liaoyang von einer übereilten Fortsetzung ihres Vorstoßes Abstand nahmen und statt dessen ihre bisherige Taktik der schrittweisen konzentrischen Umflügelung fortfetzten. .
Zeigen somit ebenso -die russischen Rustitirgen wie die Taktik der Japaner, -daß beiderseits auf eine lange Dauer des Krieges gerechnet wird, fo läßt auch die politische Konstellation das Gerede von Friedensverhandlungen oder Vermittlungsversuchen als müßig erscheinen., Die politische Konstellation ist heute noch dieselbe wie bet dem Ausbruch des Krieges, -und dieselben Ursachen, welche vor sieben Monaten den Krieg herbeiführten, finid noch heute -wirksam und stehen jedem Vermittlungsversuch als un- übersteigliches Hindernis im Wege. Ja, für Rußland liegen die Dinge heute so, daß es noch weniger m der Lage ist. den Degen in die Scheide zu stecken, als es vor stöben Monaten in der Lage war, ihn darin stecken zu lasseii Für Rußland würde heute nach den schweren Niederlagen, die es erlitten hat, jede Friedensverhand- liing eine Aufgabe seines militärischen Prestige bedeuten. Und so ergibt sich, daß von Friedensaussichteu erst die Rede sein konnte, wenn entwederRußlands Macht imKern aetroffen wäre, oder wenn Japan mit seinen Machtmitteln am Ende wäre, oder endlich, wenn beide Parteien militärisch und finanziell so geschwächt wären, daß sie einen Vermittlungsversuch als freundlichen Dienst empfinden würden Von diesen drei Möglichkeiten wird rm laufenden Fahre sicherlich keine, möglicherweise -aber eine tm- nächsten Jahre eintreten!
Poolevelts Politik in Panama.
Ir. New Uork, 3. September.
Unter den Argumenten, die von -den Demokraten der Äersinigten Staaten im gegenwärtigen Wahlkampf gegen Roosevclt vor-gebracht werden, spielt der Imperialismus des Präsidenten, dem die allen -Ausdehnuiigsbestrebungen abgeneigte friedlichere Politik des Mchtörs Parker ent
gegenge-setzt wird, keine geringe Rolle. Die Annexion», o-olitik des gegenwärtigen Lenkers der Geschicke Nord- amerikas wird als eine Art staatlich- autorisierten Raub- zugs hingestellt und Rov-sevelt selbst gilt nach -der geschmackvollen Schilderung, die jüngst aus einem demo- kratischeii Bankett von seiner Persönlichkest gegeben wurde, als „der Halsabschneider, der Abenteurer auf den Wogen , des politischen Lebens, der sein. Land in einen Krieg verwickeln würde, um sich selbst den Lorbeer aufs Haupt drücken zu können." Hat man es hier allenfalls mit der Ausgeburt einer vom Wahlkampfe erhitzten Phantasie zu tun, so läßt sich doch nicht leugnen/ -daß Ro-osovelt -durch seine Expansionsbestrebun-gen seinen . Gegnern gerade unter den jetzigen Umständen -einen wert- vollen Dienst leistet und ihnen Angriffspunkte liefert, die geschickt auSgenutzt werden. Voii der vielumstrittenen Philippinenfrage soll hier nicht die Rede sein. Dagegen haben sich neuerdings Differenzen zwischen, der Regierung der Vereinigten Staaten und der Republik Panama ergeben, die man aus demokratischer Seite „ schon längst vorausgesehen haben will. Z-ii-m Dank für seine guten Dienste wurde Amerika bekanntlich von feiten Panamas eine Zone -des interozeanischen Kanals vertragsmäßig ab- getreten. Nun behauptet die Regierung in Washington, daß -die Hafenplätze von Cristab-al und Ancon, -die an den beiden Enden des Kanals liegen, zu der unter amerikanische Kontrolle gestellten Zone -gehören, während die neue Republik diese Häfen für sich beansprucht. Würde es sich hier nur um eine untergeordnete Gebietsabtretung handeln, dann hätte Panama längst uachgegeben, in -der Tat stehen aber die vitalsten Interessen der Republik aus -dem Spiele, denn die Abtretung von Cristobal und Ancon an Nordamerika -würde die vollständige Lahmlegung des Handels von Kolon und Panama und damit den zwetfel- losen Rinn des jungen Staatswesens bödeuten. T-ie Verhandlungen in -der Angelegenheit werden zwischen dem -amerikanischen Gesandten in Pan-a-ma, Ba-rett, und dem dortigen Minister des Äußern, Arias, geführt. Dom Standpunkt des unbefangenen Beobachters, muß zuge- geben werden/daß die Ansprüche Nordamerikas^ die sich auf einen- seinerzeit vom Gesandten Panamas in Washington an den Staatssekretär Hay gerichteten Brief stützen, auf sehr schwachen Füßen stehen. Nichts-desto- weniger ist es fast gewiß, daß die Vereinigten Staaten mit dem Rechte des Stärkeren ihre Forderungen auf diplomatischem Wege durchsetzen werden. Vorläufig hat der Präsident der Republik, Amador. einen öffentlichen Aufruf erlassen, in dem es heißt: ..Die Regierung von Panama verlangt nachdrücklich die volle Beobachtung des Tertes und Geistes des mit -den Vereinigten Staaten ab- geschlossenen Vertrages und wird sich mit einer Der- ietzung desselben, welche die Würde der Nation iii den Augen der Welt hcrilntcrsetzeu könnte, weder , still- schweigend noch auf irgend eilte andere Weise eintocr- standen erklären!" — Für Europa ist die Streitfrage von nicht geringem Interesse. Speziell für den Handel ist es durchaus nicht gleichgültig, ob der Verkehr über Panama unter der Kontrolle der Vereinigten Staate,r steht oder
Stella.
Roman von Johanne Schjörring.
Autorisierte Übersetzung von Wilhelm Thal.
(14. Fortsetzung.)
Auf einem -weißen Blatt, -das in dem G-otteskinder- Almanach lag, las er folgendes:
Auszug aus einer Predigt:
, Und durch die Welt fährt ein ungeheurer Eisen- bahuzug, und alle drängen sich, mitzukommen. Ter Teufel führt ihn, und in dem Zuge sitzen auch eine Menge irrgläubiger Priester, Lügenpriester „und falsckie „Propheten, die die Sterbenden damit trösten, „daß ste ihnen sagen: „Weinet nicht! Doch es s o I l geweint werden, es soll geweint werden über die Sünde, die zum Hollen- feuer führt ..."
Himmel! war das alles Amaliens Lektüre?
„Calamus" von Paludan Müller. .
Gott sei Dank, das trug den Namen Stella. Ebenso „Zwei Städte "vor, Charles Dickens.
„Aha, dein Geschmack ist etwas altmodisch, aber er ist gut. " Er machte sich an das letzte, und schon beider ersten Seite mußte er lachen, als er las: Da,saß ein König mit einem -großen Unterkiefer und eine Königin -mit simplem -Gesicht auf Englands Thron; da saß ein König mit einem großen Unterkiefer und eine Königin mit einem schönen Gesicht -auf Frankreichs Thron.
Er war gar nicht -mehr so aufmerksam wie, vorher, das Buch interessierte ihn, und oft führte er es liebkosend cm sein Gesicht. Das gehörte Stella; schon der Duft allein jagte es ihm.
Eine bekannte Stimme und ein eigenartiger T-t,ft kann noch nach einer Anzahl von Jahren die Erinnerung wachrufeu; denn Geruch und Gehör sind starke otuue,
hie tiefe Spuren da hinterlassen, wo andere -Sinne zu weilen wirkungslos verpuffen. .
Er wußte, er würde diesen Duft nie vergessen, und er war überzeugt, er würde für ihn stets „Stella" heißen.
Nicht dsr leiseste Windhauch, nicht ein Laut drang zu ihm Da stand ste selbst in einem -Airgenblick vor ihm, als der Duft des Buches ihn ganz berauschte.
Mit einem Satz war er bei ihr. , . _ .. .
„Verzeihen Sie, ich wußte ja recht gut, daß diese Stelle für mich verschlossen ist." ■ . r ..
Als sie die häuslichen Angelegenheiten erledigt hatte, suchte sie diese Freistätte auf — vielleicht um zu träumen und- zu weinen; vielleicht auch nur, urn sich atlszuruhen, — ohne seine Anwesenheit zu ahnen. Als sie Niels fragte, ob jemand in den Zimmern wäre, anwvrtete er, iie waren alle fort Sie wollte nicht weiter fragen, und gegen lerne Gewohnheit wußte er auch nicht mehr. Man . konnte glauben, s i e hätte sich- eingedrängt, fo verwirrt stand ste
vor ihm. ■ ‘ „
„Frau Oberst, Sie müssen mir verzeihen . . . .
Ihre Augen begegneten sich; die Sprache, d-re sie redeten, ton nicht mistzuverstehen. ,
Er ergriff ihre Hand und führte sw -an seine Lippen; daiin zog er sie sanft auf das Sofa nieder, blieb- aber
selbst vor ihr stehen. , .. ... . T
„Sie haben doch gar nichts gesagt, mich nicht einmal gescholten?" fragte er. „
Seine Stimme zitterte leise, als Ware er, nickst Herr über sie, denn mit unabweisbarer Klarheit ging ihm die Erkenntnis auf, daß er sie über alles in der Welt , liebte, wie er nie einen Menschen geliebt und nie emen in alle Ewigkeit lieben würde. . . ..
Das war das Wunder: das Mirakel, an das die meisten glauben, von dem alle träumen, .das viele zu erleben glauben, während cs in seinem vollsten Glanz doch nur wenigen aufgeht. Wie klein und winzig war doch alles, was hinter chm lagt
Das war neu! neu! neu! Ein Lichtmeer -aus emer anderen Welt brach über ihii herein; in wenigen Sekunden fühlte er -eine Seligkeit, daß ihm schwindelte.
Vielleicht sind solche Augeii-blicke ‘bic beste Erkenntnis -dafür daß es ein Dasein aibt, wo die Vollkömmeicheit, nach -der die Menscheiiseele sich sehnt, vor uns, über ims, oder uliter uns liegt und uns gegen unseren Willen -nitt unwiderstehlicher Macht fortreißt. Eiii ew-rg raunendes Exzelsior!
Ter fröhliche, vergnügungssüchtige Paul Lykke, der bis dahin über den Sinnesransch nicht hinausgekommen war, genoß zum erstenmal einen Becher aus der Quelle b er Sic&e.
So mächtig war die Wirkung, daß -all das früher Erlebte, Alte, in das ungeheure Meer der Vergessenheit versank. Er war verwandelt!
Da saß sie zitternd und bleich vor ihm wie die weiße Rose.
Was sie wohl fühlte? .
Keiner vermag zu sagen, was zwei Menschen in einem bestimmten'Augenblick fühlen können.
„Soll ich reisen — gleich — wollen Sie das?' fragte er zitternd und ergriff wieder ihre Hand.
„Ja, nein . . . noch nicht!" hauchte ste mehr, als sie sprach.
„Stella, Stella . . !" .
Er sank vor ihr in die Knie und küßte, Zeit und Ort vergessend, ihre beiden Hände.
Keines von ihnen dachte in den wenigen, kurzen, glücklichen Augenblicken an die Hindernisse, die zwischen ihnen lagen, als der Laut einer Tür, die heftig z-uge- warfen wurde, Stella erweckte.
In einem Augenblick ritz sie sich los, um an ihm
vorbeizueileu. „
„Ich werde mit ihm sprechen", flüsterte Lykke ihr zu.
„'Nein, nein", gab sie, ihn -mißverstehend, zuruck, „das ist meines Mannes Schritt."
