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Verlag Langgaffe 21

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Mittwoch» 27. Oktober 1915.

Griechenlands Standpunkt.

Italienische Blätter wie der „Corriere della Sera" ver­heimlichen ihren Lesern nicht, daß die öffentliche Meinung Griechenlands ihr Thermometer auf den Schlachtfeldern Serbiens stehen habe. Jede gute oder schlechte Meldung laßt die Zahl der Interventionisten steigen oder fallen. Ob dre Meldung wahr oder falsch ist, kommt nicht in Betracht. Die Blätter des Herrn Venizelos behaupten, daß in Saloniki be­reits 100 000 Verbündete gelandet wären, während die gegne­rischen Blätter nur von 50 000 gelandeten Soldaten wiffen wollen. So ist es auch heute noch nicht möglich, sich hier eine annähernd richtige Vorstellung von der Lage der Serben und, Bulgaren zu machen, weil die Zeitungen die widerspruchsvoll­sten Meldungen verbreiten, und weil die Leser, die an sich schon sehr zum Pessimismus in allen Dingen neigen, welche den Verband angehen, in der Regel diejenige Lesart für die richtige halten, die von Sofia aus verbreitet wird und am katastrophalsten klingt.

Im allgemeinen geben die Anhänger und Gegner des Herrn Venizelos. wenn man sie fragt, warum sie nicht den Serben im Interesse Griechenlands zu Hilfe eilen wollen, immer die gleiche Antwort: „Schickt 300000 Soldaten, und wir werden sofort losschlagen. Eher tun wir das auf keinen Fall, weil wir nicht das Gefühl haben, als ob wir siegen könnten." Auch das Kabinett Gunaris nrächte im April dem Verband den gleichen Vorschlag, durch das bulgarische und türkische Thrazien nach Konstantinopel zu marschieren. Da­mals aber hielt der Verband, da er seinen bulgarischen Lieb­ling nicht angerührt sehen wollte, es nicht einmal für notwendig, uns eine Antwort zu geben. Heute hat man eingesehen, wie recht Gunaris damals gehabt hatte. Darum bestehen wir auch jeyt noch auf unserer Forderung wegen des Beistandes in die­ser Höhe, weil wir nicht wie Belgien geopfert sein wollen."

Augenblicklich herrscht ein A l a r m z u st a n d. Über dir Angebote des Verbands hat der italienische Ministerrat in lan­gen Sitzungen verhandelt. Der Verband hat nun in diesen Tagen einen offiziellen Schritt getan, mit welchem die vier Großmächte als Verbündete Serbiens Griechenland die Mitteilung machten, daß sie den Gesichtspunkt der Athener Re­gierung über die Auslegung des Bündnisses mit Serbien nicht teilen. Ferner haben die Gesandten des Verbands die griechi­sche Regierung ausgefordert, endgültig ihre Haltung zu offen­baren und dabei erklärt, daß, wenn die griechischen Heere so­fort mit uns losmarschieren, es an den entsprechenden Ent­schädigungen nicht fehlen wird, daß aber Griechenland, wenn es mit seinem Eingreifen so lange wartet, bis der Verband mit seinen eigenen Kräften für die Unterstützung Serbiens ge­sorgt hat, keinen Anteil an den Ergebnissen des Sieges haben koird.

Welchen Erfolg und welchen Eindruck diese Aufforderung des Vierverbands bewirkt hat, geht am unzweideutigsten ans der griechischen Antwortnote hervor, in der nicht nur gesagt wird, daß der Vierverband — der sich doch stets als Hüter der Interessen der kleinen Staaten preist — die griechi­sche Politik der Neutralität mißachte, sondern auch erneut Protest gegen die englisch-französischen Truppenlandungen er­hoben wird. Dieser Protest gleicht aber auch nicht jenem Blatt Papier, das erstmalig Herr Venizelos den Engländern und Franzosen überreichte, sondern trägt bereits die ausgesprochene. Drohung in sich, daß Griechenland auch bereit ist, seiner For­derung allen erdenklichen Nachdruck angedeihen zu lassen. Es müsse unbedingt an dem Beschluß des griechischen Minister­rats festgehalten werden, daß die gelandeten Truppen, auch diejenigen, die bereits nach Serbien abgegangen seien, über Saloniki wieder abtransportiert werden. Sonst, fügt ein weiterer Satz hinzu, müsse Griechenland zur Entwaffnung .und Internierung dieser widerspenstigen Truppen schreiten. Die Ausführung dieser Drohung könnte Griechenland nicht schwer werden, hat doch der griechische Generalstab bereits sein Quartier in Saloniki aufgeschlagen, sind doch die dort zusam­mengezogenen Truppen abermals um zwei Divisionen ver­stärkt worden, so daß die englisch-französischen Truppen gegen­über dieser Macht wohl oder übel an ihr Schicksal glauben müßten.

Mit der Ablehnung des Zhperngeschenks, das ein Stück vom eigenen Leib bedeuten sollte, hat sich England bereits eine zur Erniedrigung gewordene Niederlage geholt, die Internie­rung und Entwaffnung seiner Truppen samt denen des fran­zösischen Verbündeten würde das Gelächter der ganzen Welt erregen und das Großbritentum an seiner empfindlichsten Stelle treffen, indem ein kleiner neutraler Staat, über den man bisher mit spöttischem Achselzucken hinwegsah, dem Niesen Goliath ein Bein stellte, über das er notgedrungen in den Abgrund stürzen müßte. Denn damit wäre auch das Dardanellenabenteuer endgültig verloren, weil doch ein Heer, das sich bisher ans türkischem Boden unsterblich blamiert hat, und dessen glanzlosen Ruhm man nur mit Hilfe des neuen Salonikiunternehmens zu verdecken hoffte, unmög­lich wieder an die erste Stelle hinsenden könnte. Nicht nur militärisch, auch diplomatisch und politisch erleidet das einst so gefürchtete Jnselreich eine Niederlage nach der anderen. Diese wohlverdiente Behandlung in Griechenland dürfte aber die Löher schwerste in seiner Geschichte sein.

Morgen - Kusgabe.

Griechenland zur Internierung der Ententetruppen bereit.

IIi'. Budapest, 26. Qkt. (Erg. Drahtbericht. Zenf. Bin.) Das hiesige Blatt „A Villag" meldet aus Athen: Über die Antwortnote auf die letzte englische Note werden neue Einzelheiten bekannt. Die grie­chische Regierung erwähnt darin, dass (Griechenland un­bedingt und cntschloffen daran festhalte, daß die gelandeten Truppen, auch diejenigen, die bereits nach dem Kriegsschauplatz abgegangen seien, unter allen Umständen über Saloniki wieder abtransportiert werden müßten. Die griechi­sche Regierung würde bedauern, wenn sie bei etwaiger Außerachtlassung dieses ihres Wunsches in die schwere Zwangslage gerate, die gelandeten Truppen ent­waffnen und in Gefangenenlagern inter­nieren zu müssen. Dem Prinzen Nikolaus, Komman­danten der Salonikicr Streitkräfte, sollen genügende Kräfte zur Verfügung gestellt werden, um der Forderung der Regierung Nachdruck zu geben.

Der Umschwung der Stimmung.

Die Antwortnote eine schwere Niederlage der Entente.

Br. Budapest, 26. Qkt. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Nach weiteren Meldungen aus Athen halten die dortigen politischen Kreise die Lage für äußerst kri­tisch Der Inhalt der Antwortnote an die En­tente findet allgemeine Zustimmung, bloß einige Blätter meinen, die Stellungnahme der Regierung könne ge­fährliche Folgen haben. Nach Berichten aus Sofia wurde das Salonikicr griechische Korps neuerlich um zwei Divisionen verstärkt. Die der bulgarischen Regierung nahestehende „Kampana" beschäftigt sich mit dem in Griechenland cingetrrtcnen Umschwung und stellt mit Befriedigung die neuerliche schwere Nie­derlage der Entente fest. Das Blatt weist dar­auf hin, daß Griechenland der bisher gelandeten Streit- lräfte noch leicht Herr werden kann. Sollten jedoch neue Truppen kommen, so ist Bulgarien stark ge­nug, den Feind auch aus Griechenland hinanSznschlagen. Griechenland kann darauf rechnen, daß es nicht allein bleiben wird. — Auf den neuer­lichen Vorschlag des englischen Gesandten, die Frage der Beziehungen gegen Bulgarien und Rumänien einem Schiedsgericht zu unterbreiten, erklärte Zaimis aber­mals, daß dieser Vorschlag undiskntierbar wäre.

Italiens Mitwirkung auf dem Balkan:

Ein kleines Mißverständnis.

1V.ll-.-S. Paris, 26. Oft. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Der parlamentarische Berichterstatter des Mailänder „Secolo", der in Rom mit zahlreichen gut unterrichteten Politikern ge­sprochen hat, erklärt in einer Zuschrift an den „Petit Parisien", die Worte Vivianis im Senat über die Mit­wirkung Italiens ans dem Balkan seien mitzv er­st a n d e n worden. Italien habe keine Entsendung eines Expeditionskorps, dagegen dre Mitwirkung seiner Flotte bei der Blockade und Beschießung der bulgarischen Küste zu- gesagt und seine Handelsmarine für die französisch­englischen Landungen in Saloniki zur Verfügung gestellt. Italien hätte sich den Truppenlandungen in Saloniki ange- schlossen, wenn die Umstände es gestattet hätten, aber Italien habe seit Monaten die Offensive an der österreichischen Front vorbereitet, die von der Öffentlichkeit gefordert worden sei. Diese Offensive entlaste mittelbar Serbien, weil die Österreicher Truppen an die italienische Front schaffen müßten. Wenn die italienische Offensive beendet sei, werde Italien wissen, welche Karte es um der allgemeinen Wohl­fahrt willen ausspielen werde. Aber man müsse abzuwarten verstehen.

Der Zusammenbruch der englischen vlplomatenlüge.

Aus einem englandfreundlichen amerikanischen Blatt!

W. T.-B. New York, 26. Okt. (Nichtamtlich. Durch Funkspruch von dem Vertreter des W. T.-B.) Unter dem Titel „Trug" wird in einem mehrspaltigem Leit­artikel in der englandfreundlichen „New York Tribuns" der völlige Fehlschlag der englischen Diplomatie im letzten Jahrzehnt besprochen. Die gegenwärtige Kabinettskrise sei ein letzter Schritt in der fort­schreitenden Enthüllung eines Betruges und in dem schlicßlichen Zusammenbruch einer Lüge. Jahrzehntelang ist das englische Volk getäuscht wor­den. Kann es überraschen, daß das englische Volk der Politiker müde ist, welchen der Mut fehlt, die Wahr­heit zu sagen, weil sie glaubten, das Volk wolle die Wahrheit nicht wissen! England sei der Marktschreier und Lügner überdrüssig und bereit der Wahrcheit in die Augen zu sehen. Die englische Nation sei nicht k r i e g s m ü d e, aber müde eines nutzlosen Krieges. Das britische Volk halbe von der Schlachtfront aus den Briefen von Söhnen und Brüdern stückweise die Wahr­hark erfahren.

Nr. 501. ♦ 63. Jahrgang.

Englands Herrschaft in Regypten.

W. T.-B. Koustantinopel, 26. Qkt. (Nichtamtlich.) Den Blättern zufolge führt der englische Kommandant in Ägypten, General Maxwell, in der letzten Zeit eine Schr ecken sherrschaft gegen die Muselmanen in Ägypten. Es sind verschiedene Maßnahmen ergrif­fen worden, um eine vollständige Verarmung der Mufel- mianen herbeizuiführen. Die muselmanische theologische Fakultät in Azhar und die Universität sind ge­schlossen worden. Professoren und Studenten der Fakultät sind Beleidigungen aller Art ausgesetzt. Me Lage in Ägypten scheint einer inneren Krise ent- g eigenzusteuern. _________

Der Krieg gegen England.

Gewerkschaftsbeschlüffe gegen die Tätigkeit der Munitionsgerichtshöfc.

W. T.-B. London, 26. Okt. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Über 200 Vertreter der Gewerkschaften der Schiffsbauer vom Clyde, die 97 500 Arbeiter vertreten, nahmen einstimmig eine Entschließung an, in der sie die sofortige Aufhebung der Verurteilung dreier Schiffsbauer zu Gefängnisstrafen for­dern. Die Entschließung ist Lloyd George übermittelt worden.

Immer mehr Kritik an der Regierung.

W. T.-B. London, 26. Okt. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Lovat Fraszer schreibt in der „Daily Mail": Kein Zweifel kann bestehen, daß das Vertrauen der Nation zu der jetzigen Regierung merklich abgenommen hat. Die Regierung ist selbst daran schuld; sie verlangt Vertrauen, gewährt aber keines. Fraszer erwähnt, daß ihm bei Kriegsbeginn von amtlicher Seite mitgeteilt worden ist, daß die Hospital» Einrichtungen zu den Gegenständen gehören, jiber die er nicht schreiben dürfe. Er führt das Urteil der „New York Tribüne" an, daß die britischen Schlachtberichte zum Spott der ganzen Welt geworden seien, was ganz richtig sei. Fraszer kritisiert, daß nichts über das Entkommen des deut­schen Schiffes „Goeben" verlautet sei, was vielleicht der größte Fehler der Engländer im Kriege gewesen sei. über die Landung in der Suflabai sollte die Wahrheit gesagt werden. Die Regierung hindere die Presse, die auswärtigen Fragen zu erörtern. Das Publikum wisse auch noch nnA, daß, wenn Risch falle, die direkte Bahnverbindung nach Kou- stantinopel sofort möglich wäre, was an den Dardanellen schnell fühlbar werden müsse. Der Verfasser des Aufsatzes fordert, die Regierung solle den Argwohn beseitigen, daß sie die Zensur nicht sowohl aus militärischem Interesse benutze, als um unangenehme Taffachen zu verheimlichen, die ihre eigene Stellung beeinflussen könne.

Die amerikanische Note an England gegen die völkerrechtsoerletzung bei der Blockade gegen Deutschland.

Br. Christiania, 26. Okt. (Eig. Drochtbericht. Zenf. Bin.) „Aftonposten" ntdfben aus London: Nach einer Washingtoner Meldung betont «die amerikanisch« Note in Sachen der britischen Blockade gegen Deutschland, daß die britische BlockadeerWrnng das Völkerrecht verletze und außerdem willkür­lich sei, da die skandinavischen Länder auchwei» t e r Waren nach Deutschland verschiffen könnten, wäh­rend Amerika vonEngland daran gehindert weide. Ans alle Fälle verlange die amerikanische Regierung, für sich das Recht, Waren, die nicht Bannware sind, nach Deutschland verschiffen zu können. Me Note der» langt nachdrücklich die Freiheit der Meere.

von den östlichen Kriegsschauplätzen,

Räumung von Minsk und Wolhynien.

Fragen der inneren russischen Politik und Organisation.

W. T.-B. Moskau, 26. Okt. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) „Rußkoje Slowo" schreibt: Wolhynien und Minsk wer­den immer mehr geräumt. — In Regierurrgskreisen verlautet, daß die Duma nicht früher als am 3. Dezember einbe- rufen würde, da sie jetzt gar nichts zu tun hätte und sich nur mit unnützen Kritiken beschäftigen und dadurch dem Lands schaden würde. — Alle Kriegsuntauglichen sollen noch einmal ärztlich untersucht werden. — In der Landes» extei- drgungskommission ist die Frage der militärischen Organisierung aller Fabriken erörtert worden. Ein Beschluß wurde vorläufig nicht gefaßt.

Der Aeppelinbesuch über Minsk.

Br. Stockholm, 26. Okt. (Eig. Dvahtbericht. Zenff. Bln.) Über den letzten Z eppelinb efluch in Minsk am 16. Oktober gibt „Rjetsch" folgende Einzelheiten: Um 3 Uhr nachts wunde die Bevölkerung von Minsk von einer fta r k e n Explosion, die die Zeppelim- bontben verursacht hatten, geweckt. Der Zeppelin kam aus südlicher Richtung und flog sehr niedrig. Er warf kleine und große Bomben herunter. Der Schaden, den der Zeppelin angerichtet hat, wird verschwiegen. Um 3 Uhr erschien er im Zentrum der Stadt, das er jedoch nicht mit Boncken bewarf. Er beleuchtete nur jedes Haus mit dem Scheinwerfer. r-*