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Wiesbadener TsMt.

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Samstag» 23. Oktober 1913.

Kbend-Kusgabe.

Nr. 496. ♦ 63. Jahrgang.

Die Teuerung und ihre politischen Folgen.

Die eindringliche Mahnung eines national- liberalen Führers.

Was jetzt zur Teuerungsfrage auf idem Spiel steht, urtb daß Gefahr im Verzüge ist, entwickelt der nativ n allid erale Führer, Oberverwaltungs­gerichtsrat Schiffer, in einem Aufsatz des „Tag" in einem eindringlichen Appell. Abgeordneter ischifser schreibt u. a.:

Die Erregung über die ungeheuerliche Preissteige­rung fast aller Bedarfsgegenstände ,gcht immer tiefer und hat sich auch durch die neuesten Maßnahmen nur wenig besänftigen lassen. Diese Tatsache ist unbe­streitbar, und über ihren Ernst sollte man sich k e i n e r Selbsttäuschung hingeben. Trotzdem bedarf es, um Mißverständnisse zu verhüten, eines doppelten Vorbehaltes. Einmal hat die vorhandene Erregung nichts mit der Sorge zu tun, daß etwa ein bedrohlicher Mangel herrsche. Eine solche Sorge besteht nicht mehr. Niemand zweifelt mehr daran, daß wir, wenn wir uns auch einschränken müssen, doch im ganzen für des Lebens Notdurft genug haben. Ein gut Teil der Erbitterung stammt sogar gerade aus der Über­zeugung, daß insgesamt genug da ist, denn dadurch empfindet man es, um so härter, wenn nicht überall genug da ist. Ebensowenig aber fließt die Verstimmuirg aus einem Mangel am Opfer- Willigkeit. Man ist nach wie vor bereit, alles zu tragen, ohne Murren und Widerstreben. Man sträubt sich nur gegen Lasten und Entbehrungen, die nicht zu sein brauchten und lediglich durch staatliche Mißgriffe, bureaukratische Schwerfällig­keit oder gar wucherische Schiebungen ver­ursacht werden. Es liegt bei den Opfern an Gut eben nichts viel anders als bei den Opfern an Mut. Sie geben sie hin und lassen sie ruhig zichen, den Vater, den Sohn, den Mann, den Bruder, aber der bloße Gedanke, daß es andere nicht ebenso machen, und daß es einzelnen ge­lingen könnte, sich in Sicherheit und noch .dazu ihr Schäfchen ins Trockene 31 t bringen, macht die Menschen rebellisch, und das von Rechts wegen.

Aber so tröstlich diese beiden Vorbehalte sind, so dür­fen sie doch nicht dazu dienen, auch nur irgendwie die Schwierigkeiten zu verhüllen und die Müaßnahmen hint­anzuhalten. Es ist wirklich Gefahr im Ver­züge und jeder Augenblick kostbar, überstürzte Schritte sind nicht selten die Folge zu langen Zau­derns. Nun scheint man ja an den maßgeben­den Stellen jetzt die Sprache und die Entschluß­fähigkeit lviedergcfunden zu haben, nur hat es etwas lange gedauert. Jedoch reichen die ge­troffenen Anordnungen weder nach Art noch nach It m fang aus. Es heißt vielmehr, den beschrittenen Weg schnell und kraftvoll fortzufetzen. Das ist das Gebot des Tages, aber nicht nur des heuti­gen, Die politische Z u k u n f t des deutschen Volkes ist nur zu sehr beteiligt. Zunächst handelt es sich um die Autorität der Behörden. In erster Reihe derer vom Zivil. Daß die Zivilbchörden vor den militäri­schen Stellen stark in den Hintergrund getreten sind, bringt der Krieg mit sich. Desto notwendiger ist es, daß sic in dem ihnen verbliebenen Machtbereich sich kräftig behaupten und erfolgreich regen, Jetzt aber steht die Sache so, >daß an die Stelle des „Hilfe, Herr Landnot!" der Ruf „Hilfe, Herr stellvertreterder komimandierender General!" getreten ist. Der violgefchmähte Mili­tarismus gewinnt nicht bloß draußen im Felde, son- dern auch drinnen im Lande immer mehr Raum, macht nicht allein militärische, sondern auch moralische Erobe­rungen. Fehl- und Übergriffe, die natürlich auch bei den Militärbehörden nicht ausbleiben, nimmt man ver­hältnismäßig leicht in Kauf angesichts der Verständnis- vollen Art und erfrischender Schmeidigkeit, mit der oft wahrhaft volkstümliche Maßregeln von ihnen getroffen und durchgeführt werden. Nun ist frei­lich nicht zu verkennen, daß sie es auch erheblich leichter haben als die Zivilbshörden. Schon der komplizierte ■ Bau unserer Verfassung, das Verhältnis zwischen Reich und Bundesstaaten, die Monge der Ressorts, die oifer- süchtig und nicht selten etwas einseitig ihren Ressort­standpunkt wahren, das Fehlen einer klaren Gewalten- Verteilung und eines unzweideutigen Unterordnungs- Verhältnisses — all das und allerlei Menschliches und Allznmenschliches, zumal in der Personalunion zwischen Sachverständigen und Interessen­ten mag manche Vorgänge und manche Unterlassungen erklären und selbst entschuldigen.

Aber damit ist der Lache und auch den Behörden nicht viel geholfen. Beginnt erst Las Vertrauen zu ihnen ins Wanken zu komimen, so entsteht ein Schade, der nicht Wer Nacht gutzumachen ist. Ge­

rade das Vertrauen zum Staat Wer und die dadurch bedingte Staatsgesinnung sind Güter, die wir aus diesen: Kriege als inneren Siegespreis herausbrm- gen müssen. Damit war es allmählich bedeMich b e r g» ab gegangen. Erst der Krieg hat eine Besserung, und zwar eine gründliche herbeigeführt. Es wäre jammer­schade. wenn dieser Gewinn jetzt durch Säumigkeit oder Zaghaftigkeit wieder in Frage gestellt würde. Schwächliches Zandern würde auch das Verhältnis der einzelnen Volksteile zueinander gefährden. Schon kann man wieder vernehmen, daß an der wirtschaftlichen Notlage ,/die Landwirtschaft" oder „der Handel" oder sonst irgendein Sammelbegriff schuld sei.^ Da hätten wir also den alten Zwist der Stände und Klassen von neuem und können ganz sicher sein, daß sich auch die po l i t i s ch c n Parteien wieder einfin- den werden, um ihn für sich nutzbar zu machen. Es gibt kann: etwas Törichteres, aber auch Schlimmeres als diese Verallgemeinerungen. Endlich ein drittes: das Vertrauen zu Recht und Gerechtigkeit. Vieles, was zunächst wie Wucher aussieht, inag sich bet näherem Zusehen ganz anders Ausweisen. Die Höhe der Erzeugungs- und Beschaffungskosten, die Vielheit der Hände, durch die ein lGegenstand geht, ohne idaß jede einzelne Hand sich übermäßig bereichert, die Einheitlich­keit des Wirtschafts- oder Geschäftsbetriebes, in dem der Gewinn aus der einen Ware bis zu einem gewissen Grade den Verlust aus anderen ausgleichen muß: Solche wirtschaftlichen Zusammenhänge werden manchen Vor­wurf nach der persönlichen und sittlichen Seite hin ent­kräften und ihn höchstens noch rein objektiv gegenüber der unzweckmäßigen Organisation und Entwicklung un­serer Volkswirtschaft gcrechtferflgt erscheinen lassen. Aber ein Rest, ein Bodensatz wird sicherlich übrig bleiben.

Da heißt es nun zuqreifen und aufraumen, weit, weit mehr als bisher. Neue Vorschriften, wenn auch von nicht imtner glücklicher Fassung, sind ergan­gen, aber, soviel man hört, haben sich in ihren Maschen nur erst einige armselige Gründlinge gefangen. Die großen Hechte schwimmen noch unbehel- ligt umher. Auch sie und gerade sie .müssen dam Recht Werliefert weiden. Mit einer Krregsgewinn- steuer darf und wirdes nicht abgetan sein. Man darf nicht jetzt die Hände einfach in den Schoß legen oder lediglich dazu verwenden, Para- graphen auf Papier zu schreiben. Man statuiere Exempel und gebe dem beleidigten Rechts­gefühl unseres Volkes wenigstens eine Abschlags- Zahlung auf die Genugtuung, nach der es der- langt. Es steht also in der Teuerungsfrage wirk­lich viel auf dem Spiele, besonders für denjenigen, der nicht bloß von heute auf morgen, sondern auch auf Wermorgen denkt. _

Oie Balkan-Offensive.

vor bulgarische Vormarsch auf Monastir.

UeSküb schon geräumt.

Berlin, 23. Okt. (Zens. Bln.) Nach einer Pariser Mel­dung der „Bcrlingskc Tidcndc" ist laut „B. T." U e s k ü b ge­räumt worden. Bei Äotschana stehe eine große Schlacht bevor. Die Bulgaren dringen über Bclcs jKöprülü) gegen Monastir vor. Die Bahn nach Rislowic sei von den bulgarischen Truppen, die hier ein Lager bezogen, besetzt worden. — In Saloniki sollen neue Truppen der Alliierten ankommen und nach der Front ziehen.

Der amtliche bulgarische Bericht.

W. T.-B. Sofia, 23. Okt. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Amtlicher Bericht über die Operationen vom 21. Oktober: In dem Tale des oberen Timok gelangten unsere Truppen auf das rechte Ufer des Flusses. In Mazedonien wird der Feind weiter verfolgt. Wegen der außerordentlich schlechten Witterungsverhältnisse wurden die Operationen an gewissen Teilen der Front verlangsamt. Bon 1 Uhr nach­mittags bis zum Abend beschossen 12 englische und französische Schiffe die Küste des Ä g ä i s ch e u Meeres, besonders die offenen Ortschaften Porto Lagos, Moronis, Makpy und Dcdeagatsch, die keinerlei Befestigungen besitzen. Diese Operationen der feindlichen Flotte haben keinerlei militärische Bedeutung.

Die Schlacht bei wallandowo.

Ein sehr verlustreiches Gefecht für die im Aufmarsch

befindlichen englischen und französischen Truppen.

Br. Wien, 23. Okt. (Eig. Drahtbericht. ZcNs. Mn.) Aus Saloniki wird gemeldet: Die Kämpfe zwischen den französischen und bulgarischen Truppen bei Wallandowo hatten großen Umfang. Die englischen und französischen Truppen waren bei Wallandowo im Aufmarsch, als sic von den Bulgaren angegriffen wur­den. Aus der großen Zahl der in Saloniki eintreffen­den Verwundeten kann man schließen, daß das Ge­fecht sehr verlustreich war.

Zur Räumung von ttotschana und Jstip.

Serbiens Eingeständnis.

W. T.-B. Lyon, 23. Okt. (Nichtamtlich.) Der „Progres" meldet aus N i s ch unter dem 17. d. M. amtlich: Unter den, Truck des Feindes wurden wir gezwungen, Koischana und Jstip zu räumen und starke Verteidigungsstellungen zu suchen. Die bulgarisch-deutsche Taktik richtet sich in diesem Gebiet gegen die Vereinigung der serbischen Truppen mit den aus Saloniki kommenden Truppen der Alliierten.

Die Sperrung der Eisenbahnverbindung von Saloniki nach dem inneren Serbien.

Nr. Budapest, 23. Okt. (Eig. Drahtbericht. Zeus. Bln.) Der „Pester Lloyd" meldet aus Sofia: Es bestätigt sich, daß die Bahn Risch-Saloniki an verschiedenen Stellen ge­sperrt ist. Fünf Eisenbahnzüge, mit Truppen und Kriegs­material aus Saloniki ■ nach Serbien unterwegs, wurden auf Befehl des Oberkommandierenden ans offener Strecke ange>- halten und kehrten nach Saloniki zurück. 7

König Ferdinand beim Heere.

Budapest, 23. Okt. (Zens. Bln.) König Ferdinand von Bulgarien, der (wie bereits gemeldet) in Begleitung des Kronprinzen Cyrill und des Generals Lodorow zu den Truppen im Felde gereist war, hat dem Kampf hei Stracina beigewohnt und wurde besonders von der Bevölkerung des eroberten Egripalanka festlich empfangen. Radoslawow wird in der Kammer nur Gutes berichten können.

Berlin, 23. Okt. (Zens. Bln.) Aus Sofia wird ver­schiedenen Blättern gemeldet, daß Ministerpräsident Rados­lawow mehreren Abgeordneten gegenüber geäußert habe, daß, wenn das Kabinett vor der Kammer .erscheinen werde, wahr­scheinlich der größte Teil der Aufgaben der bulgarischen Armee erledigt sein lvürde. /

Der wahre Befreiungskrieg.

Br. Berlin, 23. Okt. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Der Kriegsberichterstatter des „L.-A." meldet seinem Blatte: Die DkarschleistutMN., der hstAxüschen Armee bei einer Front vbn 600 Kilometer uni) gebirgigem Terrain sind bewun­dernswert. Die Kavallerie, die in einem Gefecht über 2000 Gefangene machte, ist hervorragend. Die Erobe­rung Mazedoniens schreitet rüstig fort. Jetzt ist der Krieg in den Herzen aller Bulgaren der wahre Befrei- u n g S k r i e g.

Die Beschießung von Dcdeagatsch und Portolagos.

Sofia, 23. Okt. (Zens. Mn.) Die Beschießung von Portolagios ist eine törichte, zwecklose Barbarei, da dort außer halbverfallenen Fischerhütten nur sechs, fast ganz verfallene Häuser stehen und keine Spur von einer Garnison oder einer Batterie vorhan­den ist. In Dcdeagatsch wurde die griechische Mühle zer­stört.

Die serbische Rrmee schon jetzt in drei Gruppen gespalten.

Die Einnahme von Uesküb bevorstehend.

Br. Sofia, 23. Okt. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Nachdem die im N 0 r d 0 st e n Serbiens gegen die bulgarische Grenze operierende serbische Heeresgruppe durch den Vorstoß der Bulgaren und die Offensive der deutschen und öster­reichisch-ungarischen Truppen im Morawatale abgedrängt er­scheint, ist die serbische Armee schon jetzt indreiGruPpcn zerteilt, welche nacheinander leicht überwältigt werden können. Die südliche serbisch« Kruppe in Mazedonien ist bereits des­organisiert und kann keinen großen Widerstand leisten. Die Einnahme von Uesküb seitens der Bulgaren steht un­mittelbar bevor.

weiteres aus dem serbischen Kronrat. 1

Sendet Italien Truppen?

Köln, 23. Okt. (Zens. Bln.) Das Blatt „Vilag" erhält über Saloniki die Nachricht aus Monastir, daß nach dort cingetroffenen Meldungen im serbischen Hauptquartier unter dem Vorsitz des Kronprinzen und unter Teilnahme Putniks und der Gesandten der Ententemächte ein Kronrat stait- sand, in welchem festgestellt wurde, daß die Lage Ser­biens gegenüber den Zentralmächten und Bulgarien aus­sichtslos fei; die Hilfsaktion der Verbündeten sei, wie die „Köln. Ztg." obengenanntem Blatte zufolge meldet, ver­spätet und auch undurchführbar. Wenn nicht Grie­chenland zur Anerkennung des casus foederis gezwungen werden könne, sei Serbien verloren, wenn es nicht um jeden Preis Frieden schließe. Putnik und Paschitsch schlossen sich dieser Ansicht des Kronprinzen an. Es wurde beschlossen, der Kronprinz solle an den Zaren Nikolaus, an Poincare und König Georg telegraphieren, sie möchten Grie­chenland zur Einlösung seiner Bündnispflichten zwingen oder Serbien gestatten, sein Schicksal allein zu bestimmen. Die Ententegesandten wider setzten sich dem. Die Telegramme gingen aber ab, es erfolgte bisher keine Antwort. Putnik legte sein Amt wegen Zerwürfnisses mit den Generalen der Verbündeten im* serbischen Hauptquartier nieder, indem er jenen andeutete, daß ihre Anwesenheit ohne ihre Truppen im serbischen Hauptquartier überflüssig sei. Einer Athener Meldung desselben Blattes zufolge teilte dev italienische Gesaiidte S a i m i s mit, daß die in Saloniki ge-