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Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblattr. a^sa)

Üj, 247. Zreitag, 22. Oktober.

(21. Fortsetzung.)

S. M. S. Grille!

Roman von Ott» Elster.

(Nachdruck verboten.!

Ein trübes Lächeln glitt über ihr Gesicht, als sie jetzt in ber einsamen Stunde der Nacht an «diese Worte dachte. Liebe und Treue — wo fand «man sie «auf dieser wandel­baren Welt? Ernst hatte sie geglaubt, sie gefunden zu haben, sie halten zu können, auf sie ihr Leben ausbauen zu können, es «war eine Tärrschung gewesen, ein irrender Stern, «der in Nacht und Nebel spurlos versank.

Nein, nicht spurlos! In ihrem Herzen hatte er erne Spur hinterlassen, die jetzt noch heitzglühend brannte und ihren Glauben, ihr Vertrauen zu den Menschen vernichtete, daß ein dunkler, leerer Raum in ihrem Her­zen zurückbtieb, den nichts mehr zu erhellen, zu er­wärmen vermochte. t „

Liebe und Treue — Irrlichter des Lebens, dre kalt und wärmelos aufstrahlten, um ebenso rasch wieder zu erlöschen. . „ . t

l\ttb doch — war es ihr nicht, als ob rn den Augen des Mannes, den sie einst in stolzem Trotz von sich ge­stoßen «hatte, ein wärmer Lichtschein aufglühte? Klang in seiner Stimme nicht eine tiefe Bewegung, die auch in ihrem Herzen Widerhall fand?

Nein, nein, das alles war ja nur Täuschung, nur Jrrlichterglanz, der sie nicht wieder verlocken Zollte. Sie kannte jetzt ihren Weg — Liebe und Treue bezeichnelen ihn nicht, nur Arbeit und unablässige Pflichterfüllung! Die würden ihrem Leben «Wert und Inhalt verleihen.

Sie schloß «das Fenster und zog die Jalousie her­unter. Sie mochte die Sterne nicht mchr scheu, die Trost und neue LiLenshossnung in ihr wachrufen woll­ten. Sie mochte den Duft «der Blumen nicht mchr emp­finden, der ihre Seele und ihre Sinne mit süßen Träunwn schmeichelnd erfüllen wollte. Sie begab sich zur Ruhe.

Wer sie fand noch lange nicht den Schlaf. Mit gvoßm, offenen Angen starrte sie in die dmrkle Nacht hinein, «die wie ein schwarzes Bahrtuch ans ihr lastete. Nacht war es unr sie, Nacht war es in ihrem Herzen, ihrer Seele. ^ , , , „ „ , .

Und wie Käthe kerne Ruhe fand, so floh auch «der Schlaf die Augen Neitharbts. Als Fred und Käthe sich zurückgezogen hatten, blich er noch bei seiner Zigarre sitzen. In tiefem Sinnen versunken, blickte er vor sich hin. dann stand er auf und «ging in den Garten hinunter, wo er ruhelos auf und ab schritt. Die Sterne strahlten auch ihm, auch ihn umhauchte der Dust der Blumen, cber wenn sie das Herz «des einsamen Mädchens nur schwerer und trauriger machten, so erfüllten sie sein Herz mit süßen Träumen und frohen Hoffnungen.

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.-Werden Sie in diesem Sommer oder im Herbst wieder Madowitz besuchen?" fragte Neilhardt.

,^ch glaube kaum", entgegnete Käthe, dre Haride mn die Knie faltend und hinausblickeiid auf das blaue Meer, das zu ihren Füßen in leiser Brandung an die felsige Küste schlug. . _ „ „ . „

„Weshalb nicht? — Stchsn Sie mit Fraulern Wem »icht mehr in Verbindung?" fragte er weiter.

„Mr schreiben uns ab und an — aber seit unserer Abreise von Schanghai habe ich keine Nachricht mehr. «Es ist wohl meine Schuld, da ich Wem noch mcht ge-« schrieben Hobe."

„Es wäre doch schön, wenn wir uns in «Radowitz oder in Neuhof Wiederschen könnten. Sie wollen nun« Wbazia bald verlassen . . ."

„Ja — mein Bruder hat sich ja sehr erholt ...

„Gewiß — und Sic haben wohl auch «Sehnsucht nach ihrer Mama."

„Freilich..."

„Auch ich «Hobe Sehnsucht «nach meinem alten Neuhof — nach meinen Feldern und Wäldern. Die Sonne des Südens, das blaue Meer, der wolkenlose Himmel — all die Wunder dieser schönen Welt, sie können uns die Heimat nicht ersetzen. Auge und Seele ermüden von all dem Glanz."

„Ich kann das wohl verstchen", entgegnete sie ge- dankenvoll, „wenn man eine so schöne Heimat hat wie ^§16 . .

„Nur einsam wird es für mich in dem alten gmuenl Hause werden . . ."

Die Worte klangen wie ein leichter Seufzer. Käthe fühlte «den geheimen Sinn in ihnen, den er nicht auszu- .sprechen wagte. Sie antworte nicht, sondern blickte schweigend in die Ferne, wo ein Schiff mit geschwellten Segeln langsam, wie ein Traumbild, vorüberzog.

Sie saßen auf einem Felsstück an einer einsauren Stelle i>e§ Strandes, entfernt von der Straudprome- nade, die ein elegantes internationales Publikruu be­lebte. Käthe liebte diese einsamen Spaziergänge, und Neithardt hatte um die Erlaubnis gebeten, sich ihr an- schliehen zu dürfen. ' .

Er störte sie kaum in ihren «Gedanken. Oft gingen sie lauge schweigend neben einander dcchin. «Er schien überhaupt ein ganz anderer geworden zu sein wie früher. Sein ironisches, spöttisches, überhabendes Wesen «war-verschwunden und hatte einer ruhigen Höflichkeit Platz gemacht, die auf das angenchmste berührte. Ja, selbst eine gewisse Bescheidenheit zeigte jetzt sein Wesen, «eine Zurückhaltung, die ihm früher fremd gewesen war. Die guten «Seiten seiner Natur traten mehr in den Vor­dergrund, die rnnfassende Bildung seines Geistes, die nrännliche Kraft ohne Überhebung, das tiefe Verständ­nis der Menschen und des Lebens, die er früher hoch­mütig lächelnd zu verachten schien. ,

Das alles machte den Umgang mrt rhm angenchm, und Käthe verniochte sich dem Einfluß seines Wesens nicht zu entzivljen. Stur eines fürchtete sie: daß er wie» der auf seine frühere Werbung zurückkommen könne. Aber bislang hatte er jedes Wort vermioden, «das sie daran hätte erinnern können.

Nach einer Welle fuhr er fort: .

„Ja, einsan, wird «eS für mich werden rn dem grauen Haufe, auf den Feldern und in den Me­dern meiner Heimat. Ich könnte mir ia einladen «— zur Jagd und zu einem guten