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Wiesbadener Tagblstt

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S-. Jahr««««. Verlag: Langgafle Zi. Die einspaltige Pctitqkilc süi I-k-le Anzeige»

ss. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. Bezugs-Preis: durch den Verlag S» Psg. monatlich, durch du Vost » Mk. Pfg. viertel,ahrlich für de,de v Ausgaben zusammen.

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Abend-Kusgabe.

August unö Keptembev

auf das

Miesbadener Tagblatt"

^abonnieren, findet sich GelegenKeit

im JJerlag LatttzgalU 27, bei den Ausgabestellen, de» Zweig-Expeditionen

der Nachbarorte,

und bei sämtlichen deutschen Rrichspokanstalten.

Königsberg und Notes Meer.

Die russische Woche", die wir jetzt ja irr der Haupt- lache alü'cklich hinter uns haben, hat die beiden Begriffe Tmgsberg" undRotes Meer" wie wert auch decke säumtich von einander entfernt sind, für die weltgeschrcht- Mip Betrachtung innig miteinander verschmolzen. Da» .Mcke Zusammentreffen des sensationellen Konrgs- deraerHochverrats- und Geheinibunds-Prozesses", der sin so erschreckendes Kultnrgemälde der halbasiatischen Chiftambe in Rußland entrollte, mit den Völkerrechts- Mriaen Übergriffen, welche sich die Kapitäne der frag- Dürdmenfreiwilligen" Kreuzer Herausnahmen, mutzte um so stärker wirken, als der Gegensatz zwischen der uber- rus entgegenkonmienden Haltung, welche die preußischen Aehörden bei der Einleitung des Gcheiinbunds- und Hoch- oerratS-Verfahrens gegen die russische Regierung gezeigt hatten, seltsam kontrastierte mit der unfreundlichen Haltung, die wir bei den Vorfällen im Roten Meere seitens der russischen Regierung erfahren habe,..

Der Königsberger Prozetz, welcher am Montag sein Ende gefunden bat, wird ans mancherlei Gründen kein Ruhmesblatt unserer Rechtsgeschichte bilden. War doch das Verfahren so mangelhaft vorbereitet und die^einge- holten Informationen so unzuverlässig, daß die Staals- anwaltschast das Verfahren wegen Beleidigung des Zaren fallen lassen und das Gericht lnegen Hochverrats auf Frei­sprechung erkennen mußte. Dieser Ausgang hatte ver­mieden werden können, wenn Staatsanwaltschaft und Gericht sich nicht ans die verdächtigen Auskünfte des rnssi scheu Generalkonsuls' in Königsberg und der russischen Botschaft, deren eigentümliche Rolle in diesem Prozeß wir ja schon früher beleuchtet haben, verlassen hätten.

Von dem sensationell angekündigten Hochverrats Zarenbeleidig.uugs- und Geheimbunds-Prozeß ist mit­hin nur ein keineswegs sensationelles Geheimbund verfahren übrig geblieben, welches zu einer Verurteilung von 6 Angeklagten wegen Geheimbündelet aus Grund des § 128 des Strafgesetzbuches zu Gefängnisstrafen von

8 Wochen bis drei Monaten geführt hat. ^-rese V r- urteilten sind gewiß alles weniger als Märtyrer, und

gehört derOptimismus derVerteidiger dazu, um zu glauv i

oder zu behaupten, daß die Nowagrotzky, Kugel und Ge­nossen den Schristenschmuglgel betrieben, um das russsiche Reich zu ^formieren. Aber so unsympathych> die Persow lichkeiten der Verurteilten an sich sind, so mutz es doch Erstaunen erregen, daß das Gericht in dem sreiden der Verurteilten eine Geheimbündelei_ sah und daraufhin zu ihrer Verurteilung gelangte. Da die Angeklagten voraus­sichtlich Revision gegen ihre Verurteilung Mögen wer­den, ist es nicht unmöglich, daß in dieser Frage poch nicht das letzte Wort gesprochen ist.

Aber ob auch der Prozeß mit der Verurteilung von 6 Angeklagten ansgegangen ist, so hat doch die russische Regierung, auf deren Wunsch das Perfahren xmgelcitet wurde, allen Anlatz anszuruscn: Weh inir, ich have ge­wonnen! Neben den bedeutungslosen Fignien der Nowagrotzky und Genossen hat auf der Anklagebant in Königsberg das herrschende Regime in Rußland gesessen, und dieses ist als der am schwersten Verurteilte ans dem Prozeßverfahren hervorgegangen, zwar nicht verurteilt von dem. Gericht, das hier nicht zuständig war, aber von der öffentlichen Meinung der gesamten zivilisierten Welt.

Das Entgegenkommen, welches seitens der preußi- scheir Behörden bei der Einleitung dieses recht unrühmlich ansgegangenen Verfahrens gegenüber den Wünschen der russischm Regierung gezeigt wurde, ist auch in den Krei,en lebhaft bedauert worden, welche der Anteilnahme an den Personen der sozialdemokratischen Schriftenschnmggler iind an ihrem Tun und Treiben jedenfalls unverdächtig 'sind Der Gegensatz zwischen diesem Verfahren der preußischen Behörden und dein der russischen Regierung mutzte angesichts der Lässigkeit, mit welche^ Die Be schwende Deutschlands wegen desPrim Hernnch Falles behandelt wurde, um so schärfer hervortreten. Tiefe Lässigkeit hat ja denn auch die deutsche Regierung veranlaßt, 'sich bei dem völkerrechtswidrigen Verfahren -gegen dieStandia" nicht mit einer Beschwerde zu be­gnügen. sondern geharnischen Protest zu erheben. Und die 'Wirkung hat sich auch gezeigt. Während jene Be­schwerde zurzeit noch immer nicht völlig erledigt ist, bat der Protest bereits gute Früchte getragen und zur Frei gebung derStandia" geführt.

S>o haben wir wieder die alte Erfahrung -gemacht, daß die russische Regierung sich gerade so viel heraus, nimmt, als sie sich herausnehmen zu können glaubt. Wir zweifeln nicht daran, daß die russische Regierung, nach­dem sie von seiten Deutschlands und Englands so unsanft .uis die Hühneraugen getreten worden ist, in Zukunft .'Üvas mehr Respekt vor dem Völkerrecht und vor der neutralen Flagge zeigen wird. Aber wenn wir auch durchaus ans dein Standpunkt des Fürsten Bismarck stehen, daß wir mit Rußland so gute Beziehungen auf­recht evhalteu sollen, wie sie nach Lage der Sache, und

ohne unserer Würde etwas zu vergeben, möglich sind, so wird man doch aus den Afsär"en in Königsberg und vm Roten Meere eine Lehre ziehen müssen, nämlich die, daß nichts törichter für uns ist, als unser politisches Heil von demselben Rußland zu erwarten, welches sich und das ist ein pikantes Seitcnstück zu dem Königsberger Pro­zeß mit deinrevolutionären" Frankreich verbündet

hat, um bieten!

UNS

"und dem Dreibund ein Paroli zu

Di*, j.'P.

JleUtiSVilc ßberstcht.

Konsumvereine der Eisenbahner.

Zu denn Erlasse des Ministers v. Budde gegen die Konsumvereine schreibt dieSoziale Praxis": Wenn die Eisenbahner sehen, daß sic mit aller ihrer bisherigen Unterwürfigkeit und bedingungslosen Disziplin nur er­reichen, daß man über ihre Rechte iind Freiheiten von oben her beliebig ohne Rücksicht auf ihre eigensten Anter- essen verfügt, dann kann es auch einmal dahin kommen, daß die loyale Stimmung in trotzige Verbitterung um- schlägt. Und wenn derVerband deutscher Eisenbahner auf 100 000 anschwillt, dürfe es schwer halten, sie alle durch die Bank zu maßregeln. Schließlich bleckt noch eme Frage bei dieser Konsumvereinsbekäimpsung offen:Hat der Herr Minister bereits Äeii höheren Eisenbahnbeamten den Austritt aus -den Offiziers- und Beamtenkanf- vereinen befohlen?" Es ist nur eine Frage der sozialen Gerechtigkeit.

Städtische Bodenpolitik.

Rasch anwachsenden Städten nick solche gibt es noch in Deutschland, wenn auch bei vielen Großstädten eine Verlangsamung der Zunnahme festzustellen ist kann man keinen dringenderen Rat geben, als den, sich in den an die Stadt anstoßenden Gebieten möglichst viel Grundeigentum zu sicliern, soweit solches noch zu Acker­oder Gartcnlandpreis zu erhalten ist. Auch verkrachte Terraingesellschaften bieten niitunter noch, gute Gelegen- hest Die Gemeinden können dabei vielfach nicht nur m ihren Ausgaben sparen, weil sie doch überall Baugrund sür die Anlage von Straßen, Plätzen und öffentlichen Anstalten brauchen, sondern sie können sogar geradezu einen Teil des vielberufenen Mehrwerts der -Grundrente der ßlesamtheit selbst, die lfm doch allein erzeugt hat, wieder zuführen. Allerdings ist dazu eine weitsichtige, zuverlässige und vor allem in keiner Werse mit der Grundstücksspekulation verquickte Verwaltung erforder- lich Eine solche wird auch die Aussichten des einzelnen Terrains in der Umgebung viel richtiger beurteilen können als die Prrvatspekiilation. Das Risiko ist also für sie nicht groß. Was durch eine solche Politik erreicht Vierden kann! zeigt in sehr deutlicher Weise ein von dem Statistischen Amt der Stadt Kiel veröffentlichter Bericht. Die Stadt Kiel hat, namentlich in der zweiten Halste der

Villa Tournesol.

Baöeroman von Paul Bonhomme.

Autorisierte Übersetzung voll Wilhelm Thal.

I.

Herr Maxime Tournesol war weniger heiter als ge­wöhnlich, als er an jenem Abend sein Arbeitszimmer

betrat.

Mit einein Druck des Fingers auf den elektrischen Knopf ließ er ein Lichtbad ans die Einbände der Biblio­thek, die Büsten in den Ecken und das grüne Tuch des Schreibtisches herniederfließen, auf welchem Stöße von Manuskripten iind Theaterstücken lagen. Dann schloß er seine Tür, um. bequemer nachzudenken, schob seinen Sessel zurecht, setzte sich, den Rücken nach dem Fenster, uiid wickelte sich zerstreut eine Zigarette.

Er schien ärgerlich.

Tatsächlich hatte sich gegen Ende der Mahlzeit eine ziemlich lebhafte Diskussion entspannen, seiner zweiten Tochter wegen, für die man ihm im Laufe des Tages einen Heiratsantrag gemacht hatte. Einer Aufwallung der Aufrichtigkeit nachgebend, die ihm jetzt leid tat, hatte er mit seiner Meinung nicht hinterm Berge gehalten. Er hatte Berthe den Vorwurf gemacht, sie verschmähe fast systematisch alle ernsthaften Partien, die sich ihr böten, einer Neigung wegen, deren Wertlosigkeit er recht schlagend beweisen wollte; und dieses Eingreifen in die Herzensangelegenheiten seiner Tochter hatte ihn etwas unruhig gemacht.

, Bei längerem Nachdenken erschien ihm die Rolle »eines borstigen Papas" für einenVater, der seine Tochter anbetete, recht häßlich. Es widerstrebte ihm so sehr, den grausamen Familienvater gn spielen und er war es w der Regel auch so wenig, daß er schon bei dem Ge­danken, den blauen Lebenshimmel seiner Tochter mit einem Wölkchen verdüstert zu haben, Gewissensbisse empfand.

Denn schließlich war dieser Gärard Monvillc ein recht liebenswürdiger Mensch. Er kannte ihn besser als jeder andere. Er liebte ihn sogar, diesen Sohn eines alten Freundes, diesen. jungen Ingenieur, der mit glänzendem Zeugnis die polytechnische Schule verlassen hatte, und dem eine große Zukunft bestimmt war. Dazu war er eine ehrliche Natur, große, offene Augen, ein brünetter ginger Mann, mit ambrafavbmem Teint, dessen äußere Erscheinung zu der blonden Schönheit Berthes einen hübschen Kontrast bildete.

. Er war tatsächlich auf. sich böse,, daß er seine Tochter deswegen geneckt. War es vielleicht seine Aufgabe, ein Gefühl dieser Art zu. hindern und unterdrücken zu wollen? Im Gegenteil, als Dramatiker und Roman­schriftsteller war er geradezu verpflichtet, Liebesheiraten zu fördern und zu begünstigen. ,. ...

Gewiß, Berthe hatte ganz Recht gehabt, als sie mit ihrer gewöhnlichen Logik einwarf:

Aber Väterchen, deine Figuren machen es doch nicht anders. An' den Romanen endigt die Geschichte doch immer so."

Allerdings endigte die Geschichte in seinen Romanen immer so. Doch- Romane und Wirtlichkeit ist zweierlei. Und ebenso wie es den: Schriftsteller in den schönen Ge­schichten, die er zum Vergnügen seiner Leserinnen schreibt, nicht das geringste tostet, wenn er seine Figuren im Golde wühlen läßt, ebenso gut kann er sie auch zur Diät der Liebe und des trockenen Brotes verurteilen. Er braucht dem geschätzten Leser nur einzureden, sie hätten einen ge­funden Magen. Außerdem fragen die Leser in der Regel auch nicht danach, wie der Held oder die Heldin mit ihrem Gelde auskommen. ,

An der Wirklichkeit dagegen treibt ein Vater die Neu­gier etwas weiter, wenn er seine Tochter verbeiraten will. Er findet es sehr nett, daß das junge Paar sich zunächst anbetet. Da das Leben aber auch seine kleinen Anforderungen stellt, so läßt er die Verliebten zwar weiter in ihveni Blau schwärmen, beschäftigt sich a-ber desto eingehender mit den irdischen Fragen,

Und gerade weil -der junge Gärard Monville mit seinem bescheidenen Gehalt bei der Nordgesellschaft nur unge- nügende Garantien bot. hatte Herr Tournesol m dre Drs- kussion einbegriffen. Doch seine Worte waren rym so schwer gefallen, daß ein Teil ihm auf dem Herzen scheu geblieben war, mck als er seine Zigarette anzirzunden der- suchte, die einzige Konzession die er seinem Arzte der- weigert hatte. ging seine Nervosität so weit, daß er fast den' vierten Teil des Anhalts seiner Streichholzschachtel verbrauchte.

Am allgenieinoii hatte Herr Tournesol nur eine Methode diese Skrupel zu verscheucheic; wenn er eme feiner Töchter betrübt zu haben glaubte, so legte er sich eine Buße auf. Die Zahl der Hüte, der Toiletten, der Landpartien, die unter solchen Umständen zugestanden wurden.ließ sich nicht mehr zählen.

Weim seine Frau ihm seine Schwäche vorwarf, sagte

er zu ihr: - t

Was willst du, mein Küid; das rst meine «schuld, ich brauchte mich ja iir die Geschichte nicht hineinzustecken. Wer aber einen Fehler begangen hat, ist es sich selbst schuldig, daß er sich rehabilitiert."

In seinen Sessel zurückgelehnt, mit gekreuzten Beinen, die Zigarette im Munde, die Daumen im Westen-Aits- schnitten, dachte er in der Haltung eine» Menschen, dev eine Idee sucht, darüber nach, was er wohl ausfindig machen könnte, um seine Rehabilitierung zu verdienen. Und da man sich gerade im Monat Mai befand, d. h. kurz vor den Sommerreisen stand, seine ganze kleine Gesell- sihaft aber für Reisen schwärmte, so begann er den Plan eines Ausflugs in die Schweiz genauer ins Auge zu

Vielleicht würde Berthe bei dieser Gelegmheit auch ihren Flirt vergessen, wenigstens für einige Wochen, Madeleickk. ihre Schwester, deren poetische Phantasie beim Anblick schöner Aussichten schwärmte, würde diesen Ausflug benutzen, um angenehme Eindrücke zu sammeln. Was Madame Tournesol betraf, so konnten ibre Lungen ein bißchen gute Luft recht wohl vertragen. Nach all den