m m Morgen.Veilage der Wiesbadener Tagblatts,
Nr. 245. Donnerstag, 2t. Oktober. _ 1915.
(20. Fortsetzung.)
S. m. s. Grille l
Roman von Ott» Elfter.
(Nachdruck verboten.)
Am nächstfolgenden Tage gingen Fred und Käthe an Bord des „Umberto", der gegen Abend die Anker lich° tete und rauschend in die offene See hinausdampste. Käthe stand auf den: Promenadendeck, die Hände auf die Reeling gestützt, und schaute ernsten Auges auf die mchr und mehr zurückweichende Küste, aus die Stadt mit ihren Häusern, in deren Fenstern sich die Sonne spiegelte, aus die Berge, in deren Grün sich die weiß- schimmernden Villen der europäischen Kaufleute - ver- stecken zu wollen schienen, auf die kleine evangelische Kirche und daS hoch zum Himmel aufragende Observatorium der Jesuiten.
Das Herz war ihr schwer. Von lieben Freunden hatte sie Abschied nehmen müssen; eine glückliche, froh- bewegte Zeit hatte sie doch in Schanghai verlebt, der erfrischende Hauch der großen Welt hatte sie umweht, und tausend Wunder hatten sich ihrem erstaunten Auge geöffnet.
Sollte sie jetzt wieder in die Enge ihrer alten Welt zurückkohren? Sollten sich wieder diese kleinlichen Anschauungen und Verhältnisse drückend auf ihr Leben legen, daß sie nicht frei aufzuatmen vermochte? Sollte sie wieder daheim sitzen mit einem Roman oder einer unnützen Handarbeit beschäftigt?
Sie würde dieses enge, nutzlose Leben nicht mehr ertragen! Wenn sie -mit Fred nicht nach Schanghai zu- vückkehren konnte, dann wollte sie doch ein tätiges Leben
g >ren, dann wollte sie als Krankenschwester in das te Kreuz eintreten — nicht daheim, sondern draußen in den Kolonien, in die das Rote Kreuz Pflegerinnen entsandte. Sie hatte ja von einer anderen Tätigkeit, von einem anderen Leben geträumt, ober diese Träume waren ja in eitel Dunst zerflattert. So mußte sie sich denn selbst ein freies, tätiges Leben schaffen.
Jetzt dampfte die „Umberto" an einigen weit draußen auf der Reede ankernden Kriegsschiffen vorüber. Eta es bereits dunkelte, hatten sie schon die Lichter aufgesetzt, deren Reflexe in dom dunklen Wasser wider- stüegelten.
Eines der Schiffe war besonders hell und festlich beleuchtet. Girlanden von buntfarbigen Laternen zogen sich über das Deck. Lustige TanKveisen der Schiffs- kapelle klangen herüber, arrf dom Deck sah man die Paare sich im Tanze drehen. — Käthe erkannte das Schiff, es war die „Grille", deren Offiziere der -Gesellschaft Schanghais einen Ball gaben.
Mt großen, ernsten, fouchtschimmernden Augen sah Käthe zu dam festlich erleuchteten Schiss hinüber. Ob Horst sich unter der fröhlichen Gesellschaft befand? Ob er jetzt einer anderen Dame seine Huldigungen zu Wißen legte? Ob sich noch eine Erinnerung an sie in seinem Herzen regte?
Sie seufzte tief auf und legte die Hand über die Augen. Sie wollte das glänzende Schiff nicht mchr Mesi. sie wollte die fröhlichen Tanzweisen, die ihr ins Herz schnitten, nicht mehr hören — es war ja doch alles Vorüber I
Als sie wieder ausblickte, war es dunkel um sie ge» worden. In der Ferne verschwand das erleuchtete Schiff wie ein schönes Traunchtld. —
Nach wochenlanger Fahrt warf die „Umberto" Anker im Hafen von Triest. Fred fühlte sich nicht wohl; er hustete und fieberte zuweilen, der Schiffsarzt riet von einer weiteren Reise ab.
„Gchen Sie nach dem nahen Ilbbazia", sägte er. „Dort haben Sie dieselbe schöne, frische Luft, wie an der italienischen oder französischen Riviera, Sie werden sich sicherlich dort erholen."
Fred war damit einverstanden, und so fuhren sie mit dem nächsten Dampfer nach ivein schönen, von Palmen umrailschten Abbazia, dem Mittelpunkt der österreichischen Riviera.
In: Hotel „Zum König von Ungarn" fanden sie ein vornehmes und behagliches Logis. Das Hotel lag unweit des Meeres, und von seiner Terrasse aus genoß man einen herrlichen Ausblick auf «das blaue Meer, das sich schäumend an den Felsen der Miste brach.
Käthe war viel allein. Fred war noch rnnner leidend, er mußte sich ruhig halten und viel liegen. Auf der schattigen Veranda des Hotels stand fein Liagestuhl, in dein er die heißen Morgen- und Nachmittagsstunden verbrachte. Käthe streifte dann in der schönen Umgebung umher, namentlich liebte sie es, einen einsamen Platz an der Meeresküste aufzusuchen und sich an dem Favbenspiel des Himmels und des Meeres zu erfreuen. In Gedankcin folgte sie dann den vorüberzieheuben Dampfern, die, eine lange, schwarze Rauchfahne hinter sich herfchleppend, am Horizont untertauchden, oder den leichtbeschwingten Segelbooten, die so zierlich und flink über die blaue Flut dähinglitten. Eine wunschlose Stille hatte sich ihres Herzens bemächtigt; ihr Glück, ihre Hoffnung War versunken: nur ans weiter, weiter Ferne leuchtete noch ein Schein herüber, unerreichbar Wie die Sterne am dunklen Himmelszelt der Nacht.
Als sie an einen: Nachmittage von einem weiteren Spaziergang zurückkechrte, fand sie ihren Brüder im Gespräch mit einem Herrn, der, ihr den Rücken kohrend, auf einem Stuhl neben dem Sessel Freds saß.
Als Fred sie eintreten sah, streckte er ihr die Hand entgegen und sagte: „Da bist du ja, Käthe! Hier ist ein alter Bekannter von dir . . . ."
Der fremde Herr erhob sich. Käthe erschrak jäh, sie sah sich Herrn von Neithavdt gegenüber.
Fassungslos stand sie da. Neithavdt bezeugte sich höflich.
,,Sie sind erstaunt mich hier zu tresfon, gnädrges Fräulein", sagte er lächelUd. „Als ich gestern abend hier anlangte, fand ich auf der Fromdenlifte Ihren Namen und erlaubte mir, mich Ihrem Herrn Bruder auf Grund uni-'-or ottert vorzustellen. Ich
hoffe, Sie sind mir nicht böse darüber", setzte er ertzst hinzu. .
„Ich bin allerdings überrascht, Sie hrer zu troffen ,
