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Donnerstag» 21. Oktober 1915.
Kbend-Ausgabe.
Nr. 492. ♦ 63. Jahrgang.
Der Urieg.
Die Ereignisse auf dem Balkan.
Vas planmäßige und musterhafte Zusammenarbeiten der Verbündeten in Serbien.
Das Gegenteil auf der anderen Seite.
W. T.-B. Wien. 20. C-ft. (Nichtamtlich.) Bei einer Besprechung der Vorgänge auf dem Kriegsschauplatz des Balkans und der damit im Zusammenhang stehenden Krisis im Vier- verband stellen die Blätter fest, daß die trotz der g r ö ß t e n Schwierigkeiten von den verbündeten deutschen, österreichisch-ungarischen und bulgarischen Armeen in kurz e r Zeit erzielten beträchtlichen Erfolge dem planmäßigen und musterhaften Zusammenarbeiten zuzuschreiben sind. Hierdurch wird die Lage Serbiens um so kritischer, als die Unterstützung des V i e r v e r - dands infolge der diplomatischen und militärischen Planlosigkeit immer fragwürdiger wird. — Die „Neue Freie Presse" führt aus: Serbien ist trotz der Landung der Truppen des Vierverbands in Saloniki vereinsamt. ES gibt kein einziges Ministerium im Werverband, das nicht bis in die Wurzeln erschüttert und von einer heran schleichenden Krisis bedroht wäre. — Die „Reichspost" meint: Auf der einen Seite finden wir in allen Handlungen Einheitlichkeit der Ziele des Willens und eine unbedingte Unterordnung der politischen Forderungen unter jene des Kriegs, auf der arrderen Seite aber Beherrschung und Überwucherung aller gemeinsamen Forderungen der militärischen Lage durch den politischen Egois- rn u s der einzelnen Staaten.
Das Vordringen der Armee Gallwitz.
Die ungeheuren Geländcschwicrigkeiten und die hervorragende Haltung unserer Tapferen.
Berlin, 21. Okt. (Jens. Bln.) Über das Vordringen der Armee Gallwitz im serbischen Berglande wird dem „B. T." aus dem Felde berichtet: Außerordentliche Schwierigkesten
bietet das Gelände. Der unaufhörliche Regen läßt das Wasser in Bächen von den Berghängen strömen und verwandelt die Wege in Sümpfe. Wie ein Hauptmann, der aus dem Gelände kam, drastisch sagte, glich der Marsch _ der Truppen einen Hügel hinan einer Riefenraupe. Wie groß die Schwierigkeiten mich sein mögen, stärker ist der Wille unserer Soldaten, sie zu überwinden. Alle Offiziere erklären, daß sich unsere Truppen gercüezu hervorragend geschlagen haben. An den Kämpfen waren Märker, Ostpreußen, Bayern, Thüringer und Hessen beteiligt.
Der amtliche bulgarische Bericht vom 18.Gktober
Die Besetzung Vranjas. Ein serbisches Bataillon gefangen. Kotschana genommen.
W. T.-B. Ofcnpcst, 20. Okt. (Nichtamtlich.) „Az ©ft" meibet .aus Sofia: Amtlicher Bericht vom 18. -Oktober: Gestern setzten unsere Truppen «das Bor «dringen aus serbischem Gebiete an der ganzen Front fort. Im ,M o r «a w a - T «a l e eroberten wir V r >a n j o, wodurch die Eisenbahnlinie Uesküb-Nisch abgeschnitten ist. Bei dein E i n z u g e in Vranja empfing die Bevölkerung unsere Truppen mit Zivio-Nusen und küßte Weiße Fahnen. Dann überschüttete sie unsere Sol- «daten mit einem Geschoßhagel. Unsere Truppen sind im Vordringen von Egripalanka gegen Stracin; sie nahmen ein serbisches Bataillon mit drei Offizieren gefangen. In dem Br egal ni ca-Tale eroberten unsere Truppen Kotschana; sie «dringen weiter gegen Westen vor. (Durch das iu der Morgen- Ausgabe gemeldete Vordringen der Bulgaren bis Jstip ist dieser Bericht vom 18. inzwischen in für uns hoch st- e r f re u l i ch e r Weise überholt!)
Auch Zajecar und «najevatz in bulgarischer ksand.
Wien, 20. Okt. (Zeus. Bln.) Die „Grazer Tages- post" meldet aus Sofia: Die aus Fretka Zuka an «der Dopolowioa mit unwiderstehlichem Elan vorgedrungenen bulgarischen Truppen haben iiach eintägigen: heftigen Kampfe, wobei der bulgarischen schweren Artillerie eine bedeutende Rolle zufiel, Zajecar besetzt und damit den Mittelpunkt der Eisenbahnlinie Negotin-Nisch in Besitz genommen. Durch die Einnahme Zajecars haben die vor Negotin stehenden serbischen Kräfte ihren Stützpunkt verloren/ wodurch ihnen der Rückzug abgeschnit- ten ist. Eirrzelne Teile der aus Zasecar-Sisnti vorge- drungenen Truppen nahmen Koprivnica und setzten ihren Vormarsch gegen Sftlas fort. Die voir Kadi Bogdas und Vrbova ausgegangenen Heere sind in Knajevatz «rngedrungen. Der Niordslsigel dieser Truppen hat noch schwer zu kämpfen: Daledac ist bereits besetzt.
Die äutzerst erbitterten ttämpfe.
Br. Bukarest, 21. Okt. (Evg. Drahtbericht. Zeus. Bln.) Die „M-inerva" berichtet aus Sofia: Die Kriegs- operationen der bulgarischen Armee entwickeln sich vor- izüglich. Au «berufener Stelle herrscht die Meinung,
daß die serbische Armee vor der Vernichtung stehe. Als Beweis wird aus die Eroberung Vranjas hin- gewissen. Die Bulgaren kämpften äußerst tapfer. Vor P i r o t mußten die serbischen Stellungen mr GranLtenhagel eingenommen werden. Die Bulgaren ließen ihre Gewehre zurück urid nur _ mit dem Bajonett bewaffnet, Wichen sie sich an die serbischen Schützengräben heran. Aus den. Höhen entspann sich em entsetzlicher Kamps. Die Bulgaren würfen sich auf die Serben uird mit Messer, Basonett und der Faust wunde wütend Mann gegen Mann gesochten. In der Erlbitterung des Kampfes ereignete es sich oft, «daß sich die Gegner in die Gurgel bissen. —• Am Montag «wunde in Sofia der erste gefallene bulgarische Offizier Oberleutnant Panrtsch begraben. Die Bewohner Sofias bereiteten der Armee lebhafte Ovationen. Die Serben gestehen die Unterbrechung der Eisenbahn bei vranja ,«!
W. T.-B. Stion, 20. Okt. (Nichtamtlich.) Die hiesigen Blätter veröffentlichen folgenden serbischen Kriegsbericht vom 17. Oktober- Nisch, 17. Okt. Auf der Nordfront mußten sich unsere Truppen, die sich südlich Semendria befanden, infolge des Rückzugs der Kräfte, die Belgrad verteidigten, zurückziehen. Auf der Ostfront, im Timoktal und im Nischawatal, fanden Gefechte ohne größere Bedeutung statt. Im Vlassimatal an der bulgarischen Grenze werden die erbitterten Kämpfe fortgesetzt. Zwischen Vranja und Rrstowatz besetzten die feindlichen Truppen das Gelände, welches die Eisenbahnlinie beherrscht. Infolgedessen mußte die Eisenbahnverbindung zwischen den beiden Städten unterbrochen werden. In Vranja dauert der erbitterte Kamps fort. Die Bulgaren wurden in Zibeftze zurückgeworfen. Die Stimmung der serbischen Truppen ist ausgezeichnet. Wir haben bedeutende Verstärkungen erhalten. Jenseits Vranja sind die Telegra- phenverbindungen unterbrochen. Auf der Südfront halten unsere Truppen das Gebiet zwischen dem Berg S: r a tz i e n (östlich K u m a n o w o) und denr oberen Bresal- nrca-llfer besetzt.
Lin neutrales Urteil zur Besetzung vranjas.
Kopenhagen, 20. Okt. Die schnellen bulgarischen Siege «haben hier «den tiefsten Eindruck gemacht, «besonders «die Besetzung ,Vranjas wird für «höchst be- «deutend «gehalten. „Politiken" ist «der Ansicht, «daß, falls es «den Serben nicht gelingen sollte, Vranja zurück z n e r o b e r n, bevor «die Bulgaren «alle Bahnanlagen «ujw. gründlich zerstört hätten, der ganze Feld- zng aus denr Balkan «durch «diesen «bulgarischen Sieg entschei«den«d «beeinflußt werden würde.
wie Belgrad fiel.
Köln, 21. Okt. (Zens. Mn.) Der Sturm aus Belgrad, dessen Einzelheiten nunmehr feststehen, war den Serben «tatsächlich eine völlige Überraschung. Als im Raume um Semlin am 5. Oktober die schwere Artillerie sich einzu- schießen begann, wird der „Köln. Ztg." vyn ihrem Berichterstatter auf dem serbischen Kriegsschauplatz geschrieben, cr- widerren die Serben das Feuer überhaupt nicht. Sie beschränkten sich darauf, die Batterien zu suchen, was sie auch nachts namentlick gegen das nördliche Saweufer hin mit Scheinwerfern sehr lebhaft taten. Um dann der Artillerie weiter kein Ziel mehr zu bieten, verlöschten die Serben um Mitternacht alle Lichter, Belgrad lag st o ck f i n st e r. Die Artillerie schwieg bis zum nächsten Morgen, dann setzte das Feuer mit aller Kraft von allen Seiten so furchtbar ein, daß die alten Werke aus dem Kali Megdan vielfach zu losen Schutthaufen mein anderstürzten, das ganze Viertel der Belgrader Altstadt in Flammen aufging, und die Bevölkerung, so weit sie sich nicht in anderen weniger beschossenen Stadtteilen in den Kellern verbarg, panikartig in das Bergland südlich von Belgrad entfloh. Auch jetzt noch schwieg die serbische Artillerie, wenn man von einer kurzen Tätigkeit absieht, die am Spätnachmittag einem deutschen, zugleich mit Maschinengewehren beschossenen Flieger galt. Der Flieger kam heil mit der Meldung zurück, daß ein sehr lebhafter Verkehr auf der Bahn Topschider-Ralja herrsche.
Um Mitternacht begann die Ü b e r s ch i s f u n g der ersten Staffel Infanterie. Fünf Bataillone gingen hinüber. Die Artillerie unterstützte von Semlin her das überraschungsunternehmen jetzt von sämtlichen Batterien, sie hielt darüber hinaus nicht nur die serbische Artillerie nieder, sie zerschmetterte auch die serbischen Scheinwerfer. Gleichzeitig hielten schwere Kanonen die Wratzarhöhen, deren Artillerie die fünf Bataillone flankierten, und B a n o w o B r d o unter schwerstem Feuer.
Jetzt freilich wußten die Serben ganz klar, was geplant war. Sie hatten schließlich den Überfall von der von ihnen so eifrig abgesuchten Sawe her erwartet, aber die Koeveßschen Truppen kamen von der Donau her. General v. K o e v e ß hatte, wie schon bei seinem Sturm auf die Vorstellungen von Jwangorod, zur Überrumpelung gerade den unwahr- s ch e i n l i ch st e n und schwersten Angriffspunkt gewählt. In zwölfter Stunde begann das serbische Infanterie- und Maschinengewehrfeucr den Übergang zu wehren, aber die Artillerie von Semlin her brachte sie zum Schweigen. Die. Pioniere in den Pontons ruderten weiter« auch die
Schlepper zogen die Flöße mit den Truppen weiter. Jetzt mischte sich Artillerie vom Kali Megdan in den Kampf ein. Sie mußte ihre Feuertätigkeit bald unter dem Feuer der Semliner Artillerie wesentlich einschränken. Am südlichen« Donauufer standen nunmehr die ersten österreichisch-ungarischen Bataillone. Das war im Morgengrauen des 7. Okt. Sie hatten die Donau hinter sich, den Fei-nd vor sich. Nachts begann die Überschisfung von neuem. Dieselben Pioniere vom Tage vorher, die zurückgekehrt waren, vollbrachten dasselbe Werk mit derselben Furchtlosigkeit, nurkamen sie diesmal von der Kozara-Jnsel her aus den Kali Megdan. Auf der Wratzarhöhe rafften sich noch einmal! die serbischen Geschütze und Armstronggeschütze auf, deren englische und französische Kanoniere man dann bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt durch unsere Granaten vorfand.
Als aber die zweite Jnfanteriestaffel gelandet war, setzte der Sturm aus die serbischen Stellungen mit beispielloser Erbitterung ein. Kein Serbe wich, sie mußten Mann für Mann mit dem Bajonett niederge- m acht werden. Der Sturm ging über Minen uird durchs Handgranaten, aber der Rordteil der Stadt war am 8. Okt. genommen. Im Nordteil kam es auch zu schweren. Straßenkämpfen, an denen alles Militär, die männliche Bevölkerung, Komitatschis, sogar Frauen sich beteiligten. Der Kampf währte hier die ganze Nacht. Als den Margen des 9. Okt. dämmerte, stand das dritte Bataillon der 49er auch auf dem Kali Megdan, es hißte die schwarz- gelbe Fahne.
Während all dieser Vorgänge war gleichzeitig der Vorstoß und Angriff der deutschen Truppen erfolgt, siel kamen von der Saweseite her über die Zigeunerinsel, nachdem« sie die Serben von dort vertrieben hatten, so hartnäckig urrd zähe der Feind auch hier sich zur Wehr gesetzt hatte.^ Bewundernswert ist, wie die deutschen Truppen, ganz abgesehen von der Kaltblütigkeit und b e i s p i e llo s>e n Kraft, mit der sie den Feind selbst niederzwangen, die Schwierigkeiten des Geländes überwanden. Sie kamen von überschwemmtem Gebiet und mußten, noch ehe ihre Pioniere e9 den österreichischen Kameraden an Aufopferung und Geschick«, lichkeit gleichtaten, überschwemmtes Gebiet passievsn. Das Eindringen «vom Westen in die Stadt geschah auf steilem» deckungslösem Gelände, aber auch dieser Ansturm war trvtz des ungünstigen Geländes, trotz des Straßcnkampfes nicht eine Minute lang zu hemmeir. In den frühen Morgenstunden des 9. Okt. leuchteten wie vom Kali Megdan so auch vom Konak, die deutschen und die österreichischen Farben.
Die Bevölkerung Belgrads hielt sich, so weit sie nicht ent- flohen war, in den Kellern. Erst jetzt wagte sie sich allmählich hervor, etwa 20 000 Menschen sind in der Stadt, die Ge, schäfte sind gesperrt, der Konak ist fast leer.
Die Bedeutung von Istip.
Nach «den letzten Meldungen sind die Bulgaren bereits in Jstip und R a d o «wischte erngerückt. Sie halten damit das Becken von Jstip in der Hand und «die Zugänge nach Uesküb (Skoplje serbisch), dem Mittelpunkt Neuserbierrs, «durch das LMdsche Polje in nördlicher Richtung, und nach Köprü I ü (Weles nach ser- ,bischer Bezeichnung) «atn W-ardar. Um hierhin g«u ge, langen, mußten sic das östliche Greuzgebivge übers chver- ten, und der bulgarische General,stab rneldete schon vor einigen T«agen die Einnahme von Zarcwo Selo, Petchvwo und Berowo. Die Höhe Sultan Tepch, die i«m amtlichen deutschen Bericht evw-ähnt wird, findet «sich südöstlich «von Egripalanka und ist «wähl vor einigen Tagen erobert worden. «Von ihr uns laufen Bergptade nach Kotsch«ana und Kratowo, südlich der großen «Straße von Küstendil n«ach Kumanowo und Uesküb. In Jstip beherrscht eine alte Burg die Landschaft weithin, und zwar die Straßen nab Köprülü, nach dem. Owdsche Pol je, «und die östliche VetbrNd«ung über^ Radowischte n«ach Strumitza und dem Dal der Strnrmr.
Oie Flucht nach Monastir.
«W. T.-B. London, 20. Okt. (Nichtamtlich. Drahtbericht.). Reuter verbreitet folgende Meldung der „Morning Post" aus Athen: Das diplomatische Korps in Nisch siedelte heute nach M o n a st i r über, wohin auch ein Teil des Auswärtigeu. ?kmts, der Nationalarchive und die serbische Nationalbank verlegt worden sind. Die Regierung bleibt borläuflg in Nisch. 1
Der wuterlatz des Zaren gegen di« Bulgaren^
V»'. T.-B. Petersburg, 21. Okt. (Nichtamtlich.) Ein kaiserlicher Erlaß besagt: Wir tun allen unseren getreue« Untertanen zu wissen, daß der Verrat Bulgariens an der slawisch«en Sache, der, mit Treulosigkeit fest Kriegsausbruch «vorbereitet, aber dennoch «unmöglich schien, vollzogen ist. Die bulgarischen Truppen haben unsere^ treuen Verbündeten Serbien angegriffen, der von den« Kampfe gegen einen stärkeren Feind blutet. Rußland umdj die Großmächte, unsere Verbündeten, suchten die Regierung Ferdinands von Koburg von diesem verhängnisvollen Schritt z u r ü ck zu h a l t e n. Tie Verwirklichung der alten Be, strebungen des bulgarischen Volkes auf Angliederung Maz»z d o n i e n s wcir Bulgarien aus einem anderen Wege, der den Interessen des Slawentums angepaßt war, zugesicherh Aber geheime Berechnungen und Interessen, die von deuj Deutschen eingcgeben waren, «und der brudcrmörde^ rische Haß gegen Serbien blieben Sieger, Bulgqri^W
