**. Jahrgang.
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sss.
BerlagS-Kerusprecher R«. 89M.
Mittwoch, den 13. Juli.
RebaktionSHernsprecher N«. S2.
1904.
Kbend-Ausgabe.
_ 1, Wlatt.
Sit MMM KMksdMd. die MstuW SMt- K»lst Ad die CIilMW der MMMisle.
Won H. Ncnsch-Wiesbaöen.
(Schluß.)
Der Scheck der Nassauischen Sparkasse.
Zehntausend Tausend . . Hundert . .
Zehn-
Einer....
123456789
123456789
123456789
123456789
$ i7. Mark.
Die Nassauische Sparkasse zu Wiesbaden wolle durch dieLandcs- bankhauptkasse zu Wiesbaden gegen diesen Scheck aus meinem Guthaben zahlen an...
.oder Überbringer
Mk.
Vorstehend gebe ich den Wortlaut des Schecks der Nassauischen Sparkasse, der berufen ist, künftig eine arotze Rolle in dein Geschäftsverkehr der Sparkasse zu spielen Wer noch nie mit einem Scheck zu tun gehabt hat dem kommt er als etwas Unheimliches vor, so un- aefähr wie ein Wechsel oder dergleichen. Und dabei ist doch so ein Scheck das Einfachste, was man sich denken kam. Man darf natürlich kein juristisches Buch ausschlagen, wenn turn sich über den Scheck informieren will Schlägt man ein solches Buch auf, so erfährt man:
Der Scheck ist eine vom Handelsverkehr ausgebildete besondere Art der kaufmännischen Anweisung." Wenn man dann im Bürgerlichen Gesetzbuch nachschlägt, was eine solche „Anweisung" eigentlich ist, so findet man im § 783: „Händigt jemand eine Urkunde, in der er
einen anderen anweist, Geld, Wertpapiere oder vertretbare Sachen an einen dritten zu leisten, dem dritten aus, ko ist dieser ermächtigt, die Leistung bei dem Angewiesenen im eigenen Namen zu erheben: der Angewiesene ist er- Nächtigt, für Rechnung des Anweisenden an den An- lveisungsempsänger zu leisten."
Ich glaube nicht, daß irgend jemand durch diese Erläuterung klüger geworden ist, als er war. Ich werde deshalb einmal versuchen, auf einem anderen Wege den Scheck und seine Bedeutung zu erklären.
Zunächst muß man wissen, was eine „Anweisung an eine Bank" ist.
Nehmen wir einmal an, es ginge der Rentner Schulze mit seinem Sparkassenbuch zur Nassauischen Sparkasse, um sich 150 Mark zu holen. Wenn er in den Spar- kassenraum eingetreten ist, fragt ihn ein Beamter: „Was wünschen Sie?" Darauf sagt Herr Schulze: „Die Sparkasse soll mir auf mein Sparkassenbuch 150 Mark zahlen."
Das ist eine „A n w e i s u n g", und zwar eine „m u n d- I i ch e A n w e i s u n g", denn der Herr Schulze „w e r st die Sparkasse ait", ihm 150 Mark zu zahlen.
Nun gehen wir einen Schritt weiter. Der Herr Schulze hat kein Sparkassenbuch mehr, er hat nur noch ein „Kontokorrent-Konto" bei der Nassauischen Sparkasse. Er braucht jetzt 200 Mark. Er geht deshalb wieder nach der Rheinstraße in das Landes'bank-Gebäude, diesmal aber nicht links in den Sparkassenraum, sondern rechts in die „H auptkass e". Dort wird er wieder gefragt: „Was wünschen Sie?" Darauf sagt Herr Schulze: „Die Sparkasse soll mir von meinem Guthaben 200 Mark zahlen." Auf diese „mündliche Anweisung" bekommt er seine 200 Mark, denn Herr Schulze hat auf seinem Konto recht viel „stehn" und ist auch von Person dem Kassierer wohl bekannt.
Nach 14 Tagen hat Herr Schulze wieder 200 Mark nötig. Er hat sich aber stark erkältet und darf das Zimmer nicht verlassen. Da denkt er: „Ja, hätte ich noch mein Sparkassenbuch, dann würde . ich einfach meine Köchin zur Sparkasse schicken und mir das Geld holen lassen. Sie würde dort einfach mein Sparkassenbuch! vorlegen und „im Auftrag" quittieren, dann würde sie auf ihr ehrliches Gesicht die 200 Mark bekommen, aber was jetzt machen? Das Geld muß unter allen Umständen beschafft werden." Da kommt Herr Schulze aus eine Idee. Er denkt: „Was ich sonst immer mündlich gesagt habe, kann ich ja diesmal schriftlich sagen." Er nimmt ein Blatt Papier und schreibt daraus: „Die Nassauische Sparkasse soll mir von meinem Guthaben 200 Mark zahlen. Rentner Schulze." Wie er das geschrieben hat, denkt er, „besser ist, ich schreibe gleich hinein, daß die 200 Mark an unsere Käthe gezahlt werden sollen." . Er tut's, und jetzt lautet das Papier: „Tie Nassauische Sparkasse soll von meinem Guthaben an Fräulein Käthe Blümlein 200 Mark zahlen. Rentner Schulze." Er klingelt. Käthe erscheint. Herr Schulze macht ihr klar, was sie tun soll. Ta sagt sie: „Ja, aber der Herr Kassierer weiß doch nicht, daß ich die Küthe Blümlein bin!" Das leuchtet dem Herrn Schulze ein. Er kommt aber als praktischer Mann ans eine neue Idee. Er nimmt das Blatt Papier und schreibt hinter den Namen der braven Köchin „oder Überbringer". „So," sagt Herr Schulze, zufrieden lächelnd, „jetzt kann es dem Kassierer einerlei sein, an wen er mein Geld auszahlt."
Sehen wir uns jetzt einmal das Schreiben des Herrn Schulze genauer an. Es lautet: „Die Nassauische Sparkasse soll von meinem Guthaben an Fräulein Käthe Blümlein oder Überbringer zahlen 200 Mark. Rentner Schulze." Der Jurist wird sagen: Es fehlen nur die Worte: „gegen diesen Scheck zahlen", und dann wäre das Schreiben der schönste Scheck! Und so ist es auch. Der Scheck hat absolut nichts. Unheimliches und Schwieriges, er ist gar nichts anderes als ein schon vorgedruckter Zettel, auf dem man aufschrcibt, wieviel die Bank an den Überbringer des Zettels auszahlen soll.
Ob man aber auf einen solchen Scheck nun wirklich von. der Bank das gewünschte Geld bekommt, ist eine andere Frage. Die Bank zahlt natürlich nur aus, wenn der Betreffende, der den Scheck ausgestellt hat, auch e i n entsprechendes Guthaben bei der Bank hat, — geradeso, wie die Sparkasse auf ein Sparkassenbuch nur dann etwas auszahlt, wenn noch ein Sparguthaben da ist. Wer also von irgend jemand einen Scheck bekommt, der tut gut, möglichst bald zu der betreffenden Bank hinzugehen und sich das Geld geben zu lassen.
Gehen wir jetzt noch einen Schritt weiter. Das Blatt Papier, das der Rentner Schulze beschrieben hatte, sieht ja einem Scheck so ähnlich wie ein Ei dem andern. Die Nassauische Sparkasse würde es aber ebenso wenig, wie eine andere Bank als Scheck anerkennen — aber nur aus rein äußerlichen Gründen. Denn wenn so ein primitives Scheckexemplar bei der Kasse präsentiert würde von irgend einem fremden Menschen, wie soll da der Kassierer wissen, ob die Unterschrift echt ist, oder ob nicht sonst etwas gefälscht ist. Eine Bank verlangt deshalb, daß zur Ausstellung eines Schecks nur ein besonderes, Formular genommen wird, das sie selbst drucken läßt. Sie händigt ihrem Kunden ein Päckchen solcher Formulare aus, die zu einem Büchelchen zusammengeivunden und nummeriert sind. Sic legt dem Kunden warm ans Herz, daß er dieses Scheckbüchelchen gut verschlossen aufbewahrt, damit nicht ein Fremder dran kann und einen Scheck fälscht. Es ist alles schon dagewesen! Wenn der Kunde nicht vorsichtig genug war, so hat er den Schaden zu tragen. Also Vorsicht beim Aufbewahren!
Der Konto-Inhaber trägt nun seinen Scheck meistens nicht selbst zur Bank, sonderm übergibt ihn einem andern. Da könnte es leicht passieren, daß dieser andere eine Fälschung vornimmt, indem « eine höhere Zahl hinein- schreibt, verschiedenes ausradiert usw. Daß das bei einem Scheck der Nassauischen- Sparkasse nicht passieren kann, dafür ist reichlich gesorgt. Das Papier ist so dünn, daß die Tinte fast ganz durchdringt. Da hilft kein Radieren!
Aber auch mit chemischen Mitteln ist nichts anzu- fangen. Der blaue Überdruck über dem unterm Teil des Schecks — feine Linien mit drei kleinen Löwm, die die Zunge herausstreckeu — ist von einer Beschaffenheit, daß er von chemischen Mitteln sofort deutlich angegriffen wer- den würde. Um aber ganz sicher zu gehen, hat die Landesbank-Dii-ekfton sich entschlossen, noch ein weiteres Sicherungsmittel einzuführen, nämlich das „Zahlensystem des österreichischen Postschecks." Es sind das die Zahlenreihen, die auf dem vorgedrucktcn Formular die rechte Seite einnehmen. Wenn man einen Scheck fix und fertig ausgestellt hat, nimmt mau eine Schere zur Hand und schneidet alle Zahlen weg, welche den geschriebenen Betrag übersteigen. Ein Beispiel wird das klar machen: Angenommen, ein Scheck lautet auf 1473 Mark. Man schneidet dann mit der Schere die Kolonne „Zehntausend" ganz weg, von den „Tausend" läßt man nur die 1 sieben, von den „Hundert" schneidet man bis auf die 4, von den
Die Fahrt ums Glück.
Roman von Paul Oskar Höcker.
(40. Fortsetzung.)
Ihrer Mutter wollte Liselotte von Marions Durchfahrt überhaupt nichts sagen. Sie wußte sie im, Hos- ziinmer neben der Küche mit der kleinen Edith beschäftigt. Mehrmals hatte sie nach den beiden gesehen. Edith hatte sich mit ihrem Puppenkram beim Lehnsessel der Großmama aufgebaut. Sie waren, beide derart in ein Märchen vertieft, daß sie kaum nach ihr hinblickten, als sie sich in der Tür zeigte.
Für die Durchfahrt der Automobilwagen hatte die alte Frau Kerkhövt, als das Thema am Abend zuvor flüchtig aufs Tapet gekommen war, keinerlei Interesse gezeigt. Schon der zweimal alljährlich stattfindende Jahrmarkt mit seinem bunten Gewühl der Schaubuden, der Verkaufszelte und der sich rücksichtslos an einander vorüber drängenden Leute war ihr von jeher ein Greuel gewesen.
„Laßt mich aus mit dem neumodischen Zeug!" hatte sie entsetzt ausgerufen, als Liselotte ihr die im Abenö- blättchen abgedruckte Bekanntmachung des Landrats vor- ffelefen. „Mich bringen keine zehn Pferde aus meinem behaglichen Stübchen."
Es kostete Liselotte eine große Überwindung, der Mutter eine Komödie vorzuspielen. Von jeher war Marion deren Lieblingskind gewesen. Nun war es Liselotte nicht klar, ob die Betrübnis der Mutter, Marion so kurz nach Vaters Tod bei einem solchen Unternehmen LU wissen, größer sein würde, als der Schmerz, wenn sie nachher erführe, daß Marion durchs Städtchen gekommen war, ohne daß sie davon eine Ahnung gehabt hatte.
In steigender Nervosität begab sich Liselotte, nachdem sie Edith noch einmal äußerste Ruhe zur Pflicht gemacht batte, in die Krankenstube zurück.
. Raoul atmete schwer. Sein Puls ging stockend; in seinen großen Augen lag die Fieberglut. Seine Lippen waren dunkelrot und brüchig von der überstandenen Hitze.
Sie legte dem zuweilen leise und in heiserem Tan weinenden Kleinen Konipressen auf die Stirn. Für den Scnfteigumschlag um den Hals hatte sie alles zurecht gelegt. Da ihr das schmerzliche Röcheln des kleinen Patienten in die Seele schnitt, war sie mehrmals versucht, ihn eigenhändig anzulegen. Der Doktor mußte ja aber doch jeden Augenblick hier eintreffen, er hatte sein Kommen bestimmt für zehn Uhr angesagt.
Von der Kirche schlug's halb elf, dreiviertel. Da endlich fuhr das Laudwägelchen des Sanitätsrates vor.
Im Hausflur sprang ihm Edith fröhlich entgegen. Frau Kerkhövt folgte.
„Nun, alles gut hier?" fragte er.
Auf dem oberen Treppenabsatz bemerkte er Liselotte, sah deren bleiche, verstörte Miene. Sie machte eine hastig abwehrende Geste, deren Bedeutung er sofort verstand: Liselottens Mutter sollte nicht durch einen offenen Bericht über den Zustand des Kleinen aufgeregt^ werden. Einmal erforderte ihre eigene Gesundheit diese Schonung; dann wäre aber auch ihre Nervosität, ihr unpraktisches, unbehülfliches Wesen bei der Behandlung des kleinen Patienten nur lästig gefallen.
„Ah, da ist Fräulein Liselotte und winkt mir schon ganz vergnügt zu", sagte er, sich kurz Vau dem Paare abwendend.
Edith wollte auf die Tante lasstürmen. Der Doktor brachte die Ausreißerin aber rasch und ziemlich energisch der Großmama zurück.
„Liebste Frau Kerkhövt, tun sie mir den einzigen Gefallen und bleiben Sie mit dem Mädel hier unten. Wie es scheint, geht oben ja alles nach Wunsch: aber Ruhe iin Haus ist dringend erforderlich, sonst verliert man am Ende den Kopf. Es ist heute so schon alles außer Rand und Band in Chatcau-Lanney. Diese gräßliche Reimerei rund um die Stadt herum! — Es war mit meinem alten Gaul
Methusalem kein Vorwärtskommen, sonst wäre ich schon längst wieder hier gewesen."
Nach einem kurzen, ausgelassenen Sichhaschenlassen, womit Edith die gutmütig polternd hinter ihr her humpelnde Großmama neckte, verschwand das Paar wieder in der kleinen Eckstube» die im Erdgeschoß lag.
Wenigs Sekunden später stand der Doktor droben am Krankenbett.
„Ist ja nicht so schlimm, liebes Fräulein Liselotte, ist ja nicht so schlimm!" suchte er sie zu beschwichtigen.
Aber seine ernste Miene strafte das, was er sagte, Lügen.
„Herr Sanitätsrat", stieß Liselotte stammelnd aus, indem sie den Doktor entsetzt anstarrte, „es ist doch nicht etwa Diphtheritis?"
„Ei, warum nicht gar. Aber 'ne nichtswürdige Bräune. Ich Hab' mich verspätet. Dieses verflixte Gedränge auf der Chaussee."
Er lief selbst nach der Küche, um Wasser zu bestellen.
„Setzen Sie sich doch ruhig hin, Kind", zankte er Liselotte aus, die ihm fast wankend folgte. „Das Mädchen kann mir ja alles bringen, was ich brauche, Sie sollen sich nicht aufregen, zum Geier."
Wer die Magd war nicht zu finden. Zweifellos hatte der allgemeine Trubel des Sportfiebers auch sie erfaßt und sie war auf die Straße gelaufen.
Der kleine Patient erkannte den Doktor für ein paar Sekunden. Er lächelte ihn schmerzlich an, dann erlosch sein Blick wieder. Den Mund vermochte er kaum einen Finger breit zu öffnen. Tie Mandelgeschwulst hatte sich bedeutend verschlimmert. Wenn der Kleine schluckte, so verzog sich sein Gesicht so schmerzhaft, daß sich Liselotte das Herz zusammenkrampfte.
„Bitte, sagen Sie mir ehrlich", begann sie wieder, „wie es um ihn steht. Sie dürfen mich nicht schonen wollen."
„Sie sollen still sein, Fräulein Liselotte, und sich nicht den Kopf heiß machen."
