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*» Jahrgang.

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U0. 319. verlagS-Fernspreche, R». «K». KieNSltt-» dvN 12. I«li. NedaktI-n-.Fern,vr-«er No. -i-. 1904.

Morgen-Ausgabe.

1. Matt.

Iron.

Was ist der Zionismus? Kann man ihn eine Partei pennen? Wohl nicht. Denn zur Partei gehört die Ge. meinsamkett der materiellen wie der gesellschaftlichen Be­dingungen auf dem Boden eines sicheren, national geord- neten Staatslebens. Kann nian den Zionismius eine Weltanschauung pennen? Auch dies nicht, denn zur Welt­anschauung gehört, daß sie alle Gebiete des Lebens in ihren Bereich zieht, daß sie die Einheitlichkeit dessen, was ie fordert, für die gesamte Kultnrmenschheit zur idealen Voraussetzung hat. Eine Weltanschauung in diesem einzig möglichen Sinne ist der Liberalismus, ist der Konser­vatismus, ist die Sozialdemokratie, ist auch der Klerika- lisinus und der Protestantismus. Der gläubige Katholik, der überzeugte Protestant, sie wollen mindestens die kau­kasische Welt erfüllt.wissen vom Geiste ihrer Weltanschau- ung und die theoretische Möglichkeit besteht, daß chre Ideale oder Ideologien allumfassende Wirklichkeit wer­den. Der Zionismus dagegen will nur sehr wenig, will nur ein Winkelchen im Leben der Menschheit neu an­bauen, und daß er tatsächlich Unmögliches will, praktisch unendlich Schwieriges, ändert nichts daran, daß seine Ziele, am Ganzen der Geschichte gemessen, doch nur be­scheidene sind. Der Zionismus ist die Sehnsucht von Ge- kneckiteten, die religiös verstiegene Träumerei von Ver- zweifelten, ein Rütteln an Gitterstäben mit schwachen Händen. Und wenn das Gitter unwahrscheinlicherweise doch nachgeben sollte, so würde der Schritt hinaus nicht in die Freiheit führen, sondern in den Abgrund.

Wir sagen dies, da Theodor Herzl gestorben ist, der Mann, ohne den der Zionismus nicht wäre. Und weil dieser merkwürdig kluge Idealist nicht mehr ist, darum wird der Zionismus wohl auch bald nicht mehr sein. Wir glauben nicht, daß der andere Pfeiler, auf dem er ruht, Max Nordau, stark genug sein wird, um die jetzt verdop­pelte Last tragen zu können. Wäre es aber auch, der Fall, so sieht man nirgends gleichwertige Kräfte sich regen, nirgends erhebt sich ein Führer über die wimmelnde Schar derAnhänger, über diese Heerde, die ohne Hirten garnichts ist, die ohne Hirten nun wieder sein wird, was sie Jahrhundertelang gewesen ist: nichts als Hundert- tausende und Millionen von Parias, die in Galizien, Russisch-Polen, Südrußland und Rumänien das kümmer- We Dasein führen, gehetzt, elvig auf der Grenze zwischen halber Sättigung und Hungertod. Man muß wissen, daß der Zionismus sich auf jene Gebiete beschränkt, und daß die Ausläufer, die er in die westlichen Kulturländer ent­sandt hat, seinem Wesen liichts hinzutun. Es mag ein paar tausend zionistische Schwärmer auch in Deutschland geben, aber die Masse der deutschen Juden kümmert sich nicht um sie, mag von ihren Träumereien nichts wissen i|t vielmehr int Herzensgründe unwillig darüber, daß von

xener Seite her durch stärkeres Nachgiehen der trenneitden Grenzen den Antisemiten in die Hände gearbeitet wird.

Es ist bezeichnend, daß Theodor Herzl die lebhaftesten Sympathien für seine Phantasie von der Ansiedelung der >wden in Palästina gerade bei den Fürsten, den Regierun­gen und den Bolksstimmungen fand, die sich in schärfstem Gegensatz zum Judentum fühlen. Der Zar, der Sultan, der Papst, sie alle waren entzückt, wenn Herzl, der wunder­schöne, edelgesinnte Mann mit feiner feinen modernen Kultur, der aussah, wie man sich einen König Salomo vorstellen mag, ihnen seine Gedanken entwickelte und ihre Mitwirkung zur Entfernung der Juden aus Europa er­bat Nun brauchte die Übsreiitstimmung solcher Personen und auch des westeuropäischen Antisemitismus mit dem Zionismus noch nichts gegen die Ersprießlichkeit der zionistischen Bewegung zu bedeuten, wenn es nur denkbar wäre, daß die Sache praktisch durchgeführt werden könnte. Aber wie sollte man sich das vorstellen? Staaten werden doch nicht aus dem Nichts geschaffen, sondern entstehen organisch. Zum Staate gehört Land, das seine Bewohner ernähren kann, das ihre Fähigkeit, es zu bebauen, voraus­setzt. Das ausgetrocknete Palästina ist solches Land- nicht, und die galizischen und südrussischen Juden sind nicht die Leute, die diesem Boden Ertrag abgewinnen könnten. Ackerbaukolonien in Argentinien aber (auch dorthin geht die Sehnsucht einiger Zionisten), was wäre sie anders als eine Übertragung des kümmerlichen Elends, darin die südwesteuropäischen Juden schmachten, nach jenseits de? Ozeans?

Immerhin, so lange der Zionismus lebendig ist, wird er Aufmerksamkeit beanspruchen können. Aber nicht lange mehr, und er wird nicht mehr sein, was er einzig durch Theodor Herzl werden konnte. Der Tod dieses Mannes bedeutet nach unserer Überzeugung den Anfang vom Ende der zionistischen Bewegung.

Der GWIside Krieg Mi! dir DMmIIenstW.

. Die beim Ausbruch des russisch-japanische,r Krieges vielfach gehegte Befürchtung, daß dieser Krieg leicht ein ganzes Bündel internationaler Zeit- und Streitfragen im Gefolge haben könnte, hat sich bisher erfreulicherweise als unbegründet erwiesen. Man soll den Tag aber nicht vor dem Abend loben, umsomehr als seit Ausbruch des Krieges erst fünf Monate verflossen sind, die eben nur einen Bruchteil der Zeit bilden, welche dieser aller Voraus­sicht nach langwierige Krieg in Anspruch uehmen wird Damit das ruhebedürftige Europa nicht übermütig werde, haben wir beim auch dieser Tage den ersten Ansatz zu einer lener befürchteten iutsruatioualen Verwicklungen zu ver­zeichnen gehabt, der allerdings nicht zur vollen Entfaltung gelangt ist: wir meinen den Konflikt, der durch die Dirrch- fahrt russischer Schiffe der sogenannten freiwilligen Flotte durch die Dardanellenstraße entstanden ist.

_ Wie wir berichteten, haben drei Schiffe der freiwilligen schwarzenmeerflotte den Bosporus und die Straße der Dardanellen passiert, um sich, niit Truppeu, Kanonen und

Feuilleton.

Keisebriefe aus Aufiland ) ur Zeit des ruMch-japanischen Krieges.

Von Tanera.

In Irkutsk und über den Baikalsee.

So romantisch habe ich mir die Ankunft in der Haupt- ,tM Sibiriens nicht vorgestellt. Infolge unserer Ver- ip-itung mar es glücklich ein Uhr nachts .geworden. Ich WH als alterfahrener Reisender schnell aus dom Zuge, gav mein Handgepäck einem Träger, kümmerte mich gar myt um mein großes Gepäck und ging durch den Bahnhof ouett nach der Straße, um eine Droschke zu suchen. Daö Glück. Es standen nämlich nur einige Le­iste Wagen hier, aber es kamen noch zwei Droschken aus der lenseits der Angara liegenden Stadt. Von diesen paare ich «ine, ließ mein Handgepäck etnlegen, ries fvu Hotels und wollte losfahren. Zu meiner grMen Überraschung fvug mich mein Kutscher auf deutsch, e ich ein Deutscher sei? Auf meine Bejahung antwortete sm & "Die Fahrt in das Hotel Deko kostet drei Rubel", ii*» ' f' te stnd wohl verrückt! Im Baedeker steht, die ^achttaxe betrage einen Rubel."Ja, im Frieden. Jeyt Wer haben war Krtcg. Unter drei Rubel fahre ich nicht." ^swollte ich machen! Ich wußte recht gut, daß so irrt m fünfundzwanzig Offiziere erscheinen, nach -rechten rufen und dann die Geschichte noch teuerer wewen würde Da stimmte ich zu, und wir fuhren an.

Vollmond stand herrlich am klaren Himmel, die mLn l d) ^ Eder frisch, der Jswoschtsch-ik jagte im Är in 'i! e Sache fing an mir großes Bcrgnügcn N.^sten. Mit einem Male sah ich die hier über M0 tw* ormte Angara und ihre lange Brücke vor mir. ro<lr sehr hoch über dem Wasserspiegel. Plötzlich Jswoschtschik nicht mehr gerade aus, sondern 8 rechts um auf eine angebaute Holzrampe, wieder

Ddunition an Bord, dem russischen Ostsee-Geschwader an­zuschließen, das nun doch endlich seine Ausfahrt nach Ost- asien -antreten soll. Die sogenannte Freiwill-en-Ftotte ist eine jener russischen Eigentümlichkeiten, welche anderen Staaten unbekannt sind. Rußland unterhält Kriegsschiffe unter Handelsflagge, die als freiwillige Kreuzer bezeich­net werden.. Die Regierung hat über sie zu verfüge!,, aber sie unterscheiden sich militärisch nicht von den Kriegsfghr- zeugen der Marineverwaltung, abgesehen davon, daß sie durchweg zu den kleineren Schiffstypen gehören und die Handelsflagge führen. Es sind Schnelldampfer, Me, im Frieden Handelszwecken dienen, aber im Kriege als Hülss- kreuzer verwendet werden.

Drei Schiffs dieser Art haben nun die Dardanellen Passiert, und es heißt, daß England bei der Pforie da- gegen Einspruch erhoben habe, ohne Laß dieser Einspruch irgend welche greifbaren Folgen zeitigte. Es frag: sich nun, wie die internationale Rechtfrage ist, und wie sie sein würde, wenn Rußland den Versuch machte, nicht nur Schisse der Freiwilligen-Flotte, sondern auch reguläre Kriegsschiffe der Schwarzenmeerflotte durch die Darda­nellen fahren zu lassen, da Mes ja der einzige Weg wäre, um das im Schwarzen Meer eingeschlossene Geschwader in den ostasiatischen Krieg eingreifen zu lassen.

Der Bosporus und die Dardanellen stehen unter der Landeshoheit der Türkei und im Dardanellenvertrag von 1841 wurde ausdrücklich als Rechtssatz des Völkerrechts anerkannt, daß die Meerengen nur türkischen Kriegs- schissen ofsenstehen, wobei die Türkei sich verpflichten mußte, sie den Kriegsschiffen fremder Mächte zu ver- schließen und nur die Gesandtschaftsschiffe zuzulassen. Diese Bestimmung wurde im Pariser Frieden von 1856 aufrecht erhalten und im Londoner Vertrage vom 13. März 1871, der die Neutralität des Schwarzen Meeres und die Beschränkung Rußlands, dort Kriegsschiffe zu halten, aufhob, und in Artikel 63 der Berliner Kongreß- akte von 1878 bestätigt. Diese Bestimmungen über die Durchfahrt fremder Schiffe durch die Dardanellen lauten wie folgt:

Art. 1. S. M. der Sultan einerseits erklärt, daß er des festen Willens ist, in Zukunft das als alte Regel seines Reichs unwandelbar festgestellte Prinzip, infolgedessen es den Kriegsschiffen der fremden Mächte zu allen Zeiten untersagt war, in den Meerengen der Dardanellen und des Bosporus einzulaufen, aufrecht zu erhalten, und daß, so lange die Pforte sich im Frieden befindet, S. M. kein fremdes Kriegsschiff in die genannten Meerengen einlassen wird : und Ihre Majestäten der Kaiser von Österreich usw. (folgt dieAufzählung der Großmächte) andererseits ver- pflichten sich, diese Willensbcstimmung des Sultans zu achten und sich das vorhin erwähnte Prinzip zur Nicht- schnür zu nehmen. Art. 2. Wie in früherer Zeit behält sich der Sultan vor, denjenigen leichten Fahrzeugen unter Kriegsflagge Passagefermane zu erteilen, ivelche der Ge- wohnheit gemäß im Dienst der Gesandtschaften der be- frerindeten Mächte verwendet werden sollen. Art. 3 Dieselbe Ausnahme bezieht sich auf diejenigen leichten Fahrzeuge unter Kriegsflagge, welche eine jede der kon-

links um, der Weg ging sehr steil abwärts, und mit einem Male befand ,ch mich allein in meinem Wagen auf einer großen Fähre inmitten von etwa zwanzig sonderbar ans- schenden Kerlen. Unwillkürlich -überzeugte ich mich, ob rch denn meinen für alle Fälle mitgenommenen Degenstock i-m -schirmsutteral hatte, denn der Revolver lag ja im Ki-Fker, -und wartete, was es wohl geben werde. Warum der Manu hierher und nicht -ans der Brücke weiter ge­fahren war, ahnte ich nicht, -und die Stille der Nacht ließ Me ganze Szene sehr romantisch -erscheinen. Da ich einer- leits mit den Leuten nicht reden konnte, denn Russisch und Hottentottisch ist mir gleich fremd, andererseits diese ruhig stehen blieben und überdies der klare Mond mich jedes Detail erkeunen ließ, machte mir die Geschichte riesig -spaß, und ich wartete ruhig ab, wie sie sich weiter entwickeln werde. Nun hörte ich ein Traben auf der Brücke, ein zweiter, hinter ihm ein dritter und vierter Wagen nahmen den gleichen Weg wie vorher der meine und erschienen auch auf der Fähre. Jetzt war die Sache klar, die Brücke durste wahrscheinlich -wegen Ausbesse­rungen nicht passiert werden, wir mutzten uns übersetzen lassen. Nach und nach fanden sich 14 Wagen ein, die Fahrt über die Angara begann. Die Fähre war nach Art der rheinischen fliegenden Brücken gebaut, d. h. eine in der Mitte des Stromes verankerte Kette lief über eine Reihe von Kähnen und hielt die Fähre, welche je nach ihrer Stellung zur Strömung von rechts nach links oder umgekehrt getrieben wurde, fest.

Die auf dem rechten User der auö dem Baikalsee kommenden und in den Jcnisey fließenden Angara ge­legene staö-t sah in der magischen Monöbelcuchtung höchst malerisch aus. In der Nähe freilich änderte sich das Bild etwas zu ihren Ungunsten. Nun erkannte ich auch, daß dl-e Schiffsbrücke an einer Stelle repariert wurde u.id daher für Wagen unpassierbar war. Deshalb die romantische Fahrt bei Bollmond nachts 1 y 2 Uhr über den mächtigen Strom. Kaum landete die Fähre und das Geländer war w-eggeuommen, so drängten die Wagen aus o-as User, wobei es etwas bunt, aber doch ohne

Schreien und Schimpfen a-bging, und oben begann eine flotte Hetzjagd durch die breiten, schnurgeraden Straßen. Da sah und merkte ich es, -welch ein bodenloser Schmutz auch hier in der sibirischen Hauptstadt zu finden ist. Man begreift es, wenn man hört, daß sogar hier nur die bci- den Hauptstraßen gepflastert sind, in allen übrigen aber nicht die geringste künstliche BerbesserNng des Bodens ansgeführt ist. Auf diesem dunklen Lehm lag bisher der Winterschnee. Dieser ist jetzt gewichen, aber an seine -stelle ein unglaublicher Morast getreten. Es ist nickst die geringste Übertreibung, weiin ich anführe, daß das Wagenrad wiederholt bis -über die Nabe in dem Schmutz uutertauckste. Ich -habe am folgenden Tage solche Löcher zu Diitzenden gesehen und einzelne photographiert. An ?cn seiten der Straßen sind zwar hölzerne Fußgänger- stcige angelegt. Aber bei jedem Straßenübergange muß inan doch durch die dicke Tunke steigen, und das ist meist trotz der hohen Überschuhe nicht -möglich. Aus diesem -Grunde ist man gezwniigen, selbst bei den Tleinstcn Ent- fernungeu einen -Jswoschtschik zu nehmen.

Ich kam in mein Hotel, bin -mit demselben -aber ebenso hereingesallen wie der sonst auch- in -Sibirien ausge­zeichnet verlässige Baedeker. Das -in dem Reisebuch als erstes -angeführte Hotel Deko -ist nämlich eine wahre SpclnNt-e, während die anderen Hotels einen -ziemlich guten Eindruck machen. Es -gibt nickst einmal einen speisesaal, sondern man -muß -alles in seinem Zimmer genieße-n. Dieses ist noch -dazu sehr schmutzig, schlecht nud teuer. J-ch habe zuerst meine Postsachen besorgt. Da sah ich hier auch wie schon vorher in Moskau eine originelle Erscheinung in Gestalt einer kurzgcschorenen, Zigarrctten rauchenden, uniformierten Frau oder Fräu- lcm P-vstbeamtin. Oben sah sie ganz männlich aus und stel mir zuerst gar nicht auf. Als icl, aber unter dem Tisch die Fran-euröcke entdeckte, sah ich mir die sonder­bare Gestalt genauer an und geriet jetzt erst recht in Ziveifel. War dies ein Aiann, der u-n-ten Frauenkleidnug trug, od-er eine Frau, die einen männlichen Oberkörper hatte. Jedenfalls war es ein Neutrum -mit -unö-efinier-