Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 244. Dienstag, 19. Oktober. IVio.
(18. Fortsetzung.)
S. m. S. ©rille l
Roman von Otto Elster.
(Nachdruck verboten.)
Als der Abend sich niedersenkte, glitt -die „Libelle" in rascher Fcchrt den breiten Strom hinunter. Sorg- (am aus ein bequemes Lager gebettet ruhte Fred in der kleinen, aber komfortabel eingerichteten Kajüte. Zu Füßen des Lagers kauerte «sein chinesischer Diener, den Schla-f seines Herrn bewachend und ihm die Fliegen und Mücken abwehrend. An Deck des kleinen Fahrzeugs aber wß in einen leichten Mantel gehüllt Käthe, mit ernsten träumenden Augen auf das immer mehr verschwindende Stück Erde blickend, wo sie das Glück ihrer Zukunft verloren hatte.
Freunduch blinkten zwar die Lichter der Missions- station herüber, aber drunten im Tal war eine große, schwarze Trümmerstätle, ein Bild ihres eigenen Lebens. Liebe und Freundschaft. Hoffnung und Vertrauen, 'das alles lag zertrümmert zu ihren Füßen, und nur die Kraft ihrer stolzen Seele vermochte sie aufrecht zu halten in dieser Welt des verlorenen Glücks.
Wohl streute der Mond seinen Silberglanz über die weite, glitzernde Wasserfläche, daß sie in wunderbaren Lichtreflexen oufleuchtete; wohl blickten tausend und abertausend Sterne mild tröstend vom dunkelblauen Nachthimmel herab; wohl flüsterte feierlich traut der laue Nachtwind in den zum Fluß herandrängenden Wäldern und in den: niederen Buschwerk leuchteten die Glühkäfer und -jwürmer auf, ein Abbild der Sterne droben am Hinrmel, aber das einsame Mädchen empfand nichts von der Schönheit der sie umgebenden Welt. Die funkelnden Sterne sagten ihr nichts; in dem Murmeln des Wassers, in den: Rauschen des Waldes hörte sie keine heimlich trauten Märchen, es schien ihr nur dumpfe, traurige Lieder zuzuraunen, Sterbagesänge ihrer Hoffnung, ihrer Liebe, ihres Glückes.
So saß sie die ganze Nacht «da und starrte hinauf zu den Sternen und horchte auf das Rauschen der .Wälder und sann nach über das Rätsel des Lebens, bas unlösbar vor ihren seelischen Augen schwebte. Als der Morgen graute, ward es lebhafter auf dem Strom; man näherte sich «der Stadt Hankau. und Fracht- und Personendampfer, Ruderboote und flinke Segler belebten die breite Wasserfläche. Die Sonne glitzerte auf den zierlichen Bauten chinesischer Tempo! und funkelte in den Fenstern der Häuser, welche den Kai umgehen. Eine geschäftige Menge eilte hin «nb wieder. Da erwachte Käthe aus ihrem dumpfen Träumen; mit festenr Blick sah sie wieder dem Leben entgegen.
13.
Der Aufstand machte im Innern des Landes weitere Fortschritte und fraß nm sich wie ein eiterndes Geschwirr. Die Regierung entsandte Truppen gegen die Rebellen, blutige Gefechte fanden statt, Hinrichtungen tzon gefangenen Aufrührern, und wenn die Rebellen sich im allgemeinen auch hüteten, das Eigentum der «Europäer anz»tasten, um ein Eingreifen der Groß- jchüchte zu verhindern, io entsandte die Rebellion doch huck, einige Wellen nach Schanghai, wo es namentlich A der von einer Mauer umgebenen Chinessnstadt zu
blutigen Zusammenstößen kam. Unter diesen Umständen war an eine Abberufung der fremdländischen Kriegsschiffe nicht zu denken; im Gegenteil legten sich diese jetzt näher der Stadt vor Anker, jeden Augenblick bereit, NLamychaften zum Schutz ihrer Landsleute zu landen Die Schisfsgefchütze waren klar zum Gefecht und blickten mit ihren dunklen Augen drohend auf die Stadt.
Auch iS. M. S. „Grille" blieb im Hafen von Schanghai liegen, und Kapitän Sanders stand mit dem, deutschen Konsulat in ständiger Verbindung.
Horst war mit feiner kleinen Matrosen-Abteilung zurückgekehrt, nachdem die chinesische Regierung einen größeren Trupp Soldaten nach Jtschang entsaft hatte.
Am heutigen Tage «war er dienstfrei und ging langsam die prächtige Hafenstraße, den „Bund", entlang. Wie immer herrschte hier lebhaftes, geschäftiges Treiben, dos in seiner Vielgestaltigkeit wohl das Auge ergötzen konnte. Doch Horst achtete nicht auf bas bunte Gewühl, auf die vorüberrollenden Wagen, ans die durch stämmige Kulis gezogenen Rickscbas, auf die vorüber- skutende Menge, er ging stumm und in sich versunken dahin. Er war mißmutig und unzufrieden mit sich; er sagte sich, «daß es wohl seine Pflicht gewesen wäre, sich nach dem Befinden Käthes und ihres Bruders zu erkundigen, aber er brachte es nicht über das Herz, ihre Billa aufMsuchen, der Brief seiner Mutter hatte all sein frohes Gliicksgefllhl unterdrückt und an Stelle der Liebe ein dninpfes Gefühl des Mißtrauens gegen Käthes wahre Gesinnung gesetzt. Er vermied eine Aussprache, die vielleicht «die Wolken- seines Mißtrauens verscheucht haben würde, und versank immer tiefer in diese dumpfe, mißmutige Stimmung, die ihn zu keinem festen Entschluß kommen ließ.
Ein Helles, fröhliches Lachen an seiner Seite ließ ihn aufschauen. Er sah sich zwei Damen gegenüber, in denen er Frau von Steinitz und ihre Tochter Asta erkannte.
Er grüßte erfreut. Mit freundlicher Gebärde streckte ihm Ivan von Steinitz. eine elegante, vornehme Evscheinnng, die Hand entgegen.
„Sieht man Sie auch einmal wilder, Herr von HaidebrirÄ?" fragte sie lächelnd. „Wir 'hörten, >daß Sie eine Expedition in das Innere des Landes unternommen heben, wir sind neugierig auf die Erzählung Ihrer
Wenteuer."
„Es ist nicht viel zu erzählen, gnMige Frau", ent- gygnete er. „Es ist ja alles gut abgelaufen."
,Zch möchte auch einmal eine Reise in «das Innere machen", sagte Asta. „Es muß doch fchr interessant sein." ..
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Gefahr", erwiderte er. .
„Das würde ja nur den Reiz erhöhen", meinte Asta keck. Er sah sie an. Ihre großen, dunklen Augen blitzten fröhlich zu ihm auf; um ihren Keinen Mund, Der einer frisch erblühten Granatknofpe glich, schwebte ein
