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§ Der Roman. ^

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orgen-Veilage der Wiesbadener Tagblattr. l«--* ->

Nx. 243.

Sonntag, 17. Oktober.

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(17. Fortsetzung.) HT# ! (Nachdruck verboten.!

Roman von Otto Elster.

Frau Schaffer trat jetzt auch hinzu und begrüßte Horst. Die in die Mission geflüchteten Chinesen, Män­ner, Frauen und Kinder, umringten Horst und die Matrosen und machten ihren Gefühlen in lärmenden Dankesäußerungen Luft.

„Kommen Sie bitte in das Haus, Herr Leutnant", sagte Frau Schaffer. „Ein einfaches Mahl steht bereit, und mich für Ihre Leute soll gesorgt tverden. Ich bin ja so froh, einmal wieder deutsche Landsleute bewirten zu dürfen!"

Man begab sich in >das Haus, während die Matrosen in der Schulftube bewirtet wurden.

„Wollen Sie nicht mitkommen, Käthe?" fragte Frau Schaffer diese, als sie zurückblieb.

„Ich bitte mich zu entschuldigen", entgsguste Käthe, wie aus einem schweren Traum erwachend. ,Zch darf meinen Bruder nicht verlassen."

„Nun, auf später denn . . und die kleine, geschäf­tige Frau eilte den Männern nach in das Haus.

Käthe blieb allein auf der Veranda zurück. Wiar denn >das Wahrheit, was sie eben erlebt hatte? War das wirklich Horst gewesen, dessen Blick sie mit solch finsterem Ausdruck gestreift hotte? Was war geschehen? Was hatte fein Wesen so ganz und gar verändert?

Sie schaute sich um wie in einer ihr ganz fremden Umgebung. Aus dem Haufe schallten einzelne Worte der Unterhaltung, die die Herren führten, zu ihr Heraus; das Plaudern und Lachen der Matrosen und der Chinesen im Schulhause klang herüber, sie foh die chine­sischen Frauen hin und her eilen, Speise und Trank her­beizuholen, sie sah >den Posten am Tore, 'den Horst dort ausgestellt hatte, aus- und abgehen, das Gewähr unter dam Arm •— sie sah alles und «doch wieder nichts. Wie ein Schleier lag es vor ihren Augen; die Sonne, die stncchlend -über den Bergen emporstieg, schien ihren Glanz verloren zu haben; das Rauschen öer Bäume diinkte ihr eine eintönige, traurige Melodie, und der Gesang der Vögel schien sie zu verspotten.

Dunkle Nacht umhüllte sie!

Wie war es möglich, ,daß er die Worte der Liebe, die er ihr vor kurzem noch in das Ohr geflüstert, so rasch vergesten hatte? Sie hatte ihm freilich damals ver­boten, von seiner Lieb zu sprechen, aber der frühe Glanz ihrer Augen, ihr glückliches Lachen, ihr inniger Hände­druck, ihr sanftes Änschmiegen während des Tanzes — das alles war doch die stumme Sprache der Liebe, der Sehnsucht, des Glückes gewesen, die sein eigenes lieben­des Herz verstehen mußte. War das alles vergessen? War das alles versunken und gestorben? Wer hatte sie seiner Liebe bevcrubt? Welcher Schatten, welches Ge­spenst stand zwischen ihm und ihrer Liebe, ihrem Glück?

Und plötzlich überkam ihr stolzes Herz eine tiefe Scham, daß sie ihm ihr Herz geöffnet, daß sie ihm einen Blick in ihr innerstes Empfinden hatte tun lasten, daß sie nicht stolzer und stärker gewesen war. daß ihr Herz von Hoffnungen evfüllt gewesen war, die sich jetzt als eitle Träume heransstellten.

, Sie dachte an die demütigenden Worte, die einst seine Mutter zu ihr gesprochen; sie dachte an den Hoch­mut seiner Familie, an den Hochmut des Mannes, dem sich ihr Herz hatte zuneigen wollen; die Gespenster der alten Heimat, die der freie Luftzug der großen, weiten Welt verscheucht chatte, stiegen vor ihr empor, sie und ihre Liebe verspottend, und nun glaubte sie zu wissen, was diese Wandlung seines Wesens hervorgebracht hatte.

Tränen der Scham, Tränen des Stolzes, Tränen des Zornes quollen in ihren Augen empor. Aber ihre Gestalt straffte sich, ihre Züge nahmen einen kalten, stolzen Ausdruck an, seiner Milte, seiner Gleichgültig­keit setzte sie ihren Stolz entgegen.

Mit Gewalt unterdrückte sie die Tränen, die jetzt ihrer unwürdig erschienen. Mit Gewalt unterdrück« sie den Schmerz, der ihr Herz zerreißen wollte; mit Ge­walt zwang sie sich zur Ruhe, zur Kälte, zuur Stolz. Und plötzlich stand die Gestalt des Mannes wieder vor ihr, dem ihr stolzes Herz sich zuerst zugeneigt hatte, der sich in scheuer Manncslicbe ihr genaht und dem sie voll Stolz ausgewichen war, damals, als er gekommen war, um ihre Hand und Herz zu werben.

Wenn sie ihren Stolz bezwungen, wenn sie den Muk gehabt hätte, ihm zu folgen, würde er sie auch haben fallen lasten um kleinlicher Bedenken willen? Würde er nicht zu ihr gestanden haben, der ganzen Welt zum Trotze?

Würde jene Mcmnesliebe nicht stärker und tiefer ge­wesen sein, als die Jünglingsschwärmerei Horsts, die heute lichterloh aufflammte, um morgen in Asche zu zerfallen?

Fast fühlte sie Sehnsucht nach jenem starken, stolzen iMann, der mit seiner Liebe rang, der, wie sie wohl wußte, um ihretwillen die Heimat verlassen, um drau­ßen in der weiten Welt sein trotziges Herz zur Ruhe zu zwingen. Fast bereute sie, daß sie damals nicht den Mut gehabt hatte, ihre Hand in die seine zu legen, um sich von ihm führen zu lassen.

Ohne das gemeinsame Wohnzimmer, wo die Herren noch immer hei Tische saßen, zu betreten, begab sie sich zu ihrem Bruder, der bereits wieder in einem Sessel am Fenster saß.

„Nun, Kleine", rief er ihr gut gelaunt entgegen, »jetzt ist ja alle Not zu Endel Wer ist denn der Offizier, der uns Hilfe gebracht hat?"

.Leutnant von Haidebrink . . ."

„Ei der Tausend!" rief Fred lachend'. „Dünn freust' du dich wohl doppelt?"

„Ich wüßte nicht weshalb", entgegnete sie kühl.

Fred sah sie erstaunt an.

„Was ist dir denn. Klein«? Ich denke. Haidcbrink ist dein ganz spezieller Freund? Brauchst dich vor mir nicht zu schämen, liebes Schwesterchen. Er ist wirklich, ein netter Mensch und scheint dich in brr Bat Rtft zu haben."