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Sonntag, 17 . WKtober 1915 . Morgen-Ausgabe. Nr. 485 . . 65 . Iahrgang.

lveitereZortschrittein Serbien

Tin Erfolg am unteren Stqr.— Iurüchgeschla- gener klngriff in Tirol. — vie stark verschanzten Stellungen südlich vines genommen. — ver Uebergang der Bulgaren über die Grenzgebirge

ver österreichisch-ungarische Tages bericht.

W.T.-B. Wien, 16. Oft. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 16. Oktober, mittags:

Russischer Kriegsschauplatz.

Die im Gebiet des unteren Styr kämpfenden k. und k. Truppen haben den Feind 20 Kilometer nördlich von R a s s i o w k a neuerlich aus mehreren zäh verteidig­te» Stellungen geworfen und einen Gegenangriff abgeschlagen. Sonst im Nordosten nichts Neues.

Italienischer Rriegsschauplatz.

In Tirol wurde auf den Nordhängen des A l t i s s i m o, südwestlich Riva, ein Angriff der Italiener z u r ü ck g e s ch l a g e n. In den Dolo­miten hielt die feindliche Artillerie gestern den Raum Corte und den Monte Piano unter lebhaftem Feuer. An der kustenläudischen Front wurden einzelne Ab­schnitte des Plateaus von Dvberdo von italienischer schwerer Artillerie beschossen. Jnfanteriekämpfe fanden keine stakt.

Südöstlicher Kriegs chauplatz.

Die Angriffe der Verbündeten schreiten vor­wärts. Die im Raume von Belgrad vordringen­den österreichisch-ungarischen Truppen kamen in der Ver­folgung des Gegners ans Sknrmdistanz an die Aval a- Befcstigungru heran und entrissen den Serben die stark verschanzten Stellungen auf den Höhen süd­lich Vines. Eine unserer Divisionen las auf dem Ge- fcchtsfclde 800 tote und schwerverwnndctc Serben ans.

Bulgarische Streitkräste erkämpften sich zwi­schen N e g o t i n und S t r um i tz a au vielen Stel­len den Übergang über die G r e n z g c b i r g e. Die Ostwerke von Z a j e z a r sind genommen.

Der Stellvertreter des Chefs des Gencralstabs: v. Höf er, Feldmarschalleutnant.

Serbien und wir.

Wenn jetzt in irgend einem deutschen Theater Goethes „Faust" gegeben wird, dann geht eine ver­ständnisvolle Heiterkeit durch den Zuihörerraum bei dem Vortrag der bekannten Worte des Bürgers beim Oster» spaziergang; „Nichts Bess'res weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen, als ein Gespräch von Krieg und Kriegs­geschrei, wenn hinten weit in der Türkei die Völker aus­einander schlagen. DLan steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus und sicht den Fluß hinab die bunten Schisse gleiten; dann kehrt man abends früh nach Haus und segnet Fried' und Friedenszeiten." Und diese leise Heiterkeit mag sich noch steigern, wenn dann der andere Bürger hinzusetzt: „Herr Nachbar, ja! So lass' ich's auch geschehen. Sie mögen sich die Köpfe spalten, mag alles durcheinander gehen! Doch nur zu Hause bleib's beim alten!"

Wie weit liegen die Zeiten hinter uns, wo wir über das, was weit unten in der Türkei oder am Bal­kan geschah, mit der behaglichen Miene des behäbigen Bürgersmannes sprechen konnten, den die Dinge da unten absolut nichts angingen und der sich für sie nur insoweit interessierte, als sie ihm einen kleinen Nerven­kitzel bereiteten und ihm so recht drastisch zeigten, wie gut er es doch daheim im Glück und Frieden hat. Aber sind diese Zeiten wirklich so außerordentlich weit ent­fernt? Nun, cs ist noch nicht allzu lange her, daß B i s- marcks Wort vom Balkan, der keines pommer- schen Grenadiers Knochen wert sei, mit Überzeugung zitiert wurde. Auch für uns Zeit­genossen sind Türkei, Balkan. Serbien, Albanien noch vor wenigen Jahren lediglich die interessanten Gegenden gewesen, aus denen man von Mord und Tot­schlag hörte, wo man sich die Köpfe spaltete; ein näheres politisches Verhältnis, ein weitgehenderes Interesse an dem, was dort geschehen war und sich gestaltete, hatte man in Deutschland nickt.

Und jetzt kämpfen unsere feldgrauen Jun­gen dort unten! /Jetzt ist uns Serbien ein Land, an das sich die Hoffnungen auf neuen deutschen, dem siegreichenFriedcn iins näherbringenden Wa f s e n r u h vi, auf glänzende soldatische Einzelleistungen, aber auch die Sorgen und Tränen vieler Mütter, Frauen und Kinder knüpfen werden.

®r ahnten es wohl, als der Erzherzog-Thronfolger Franz Ferdinand dem Movdblei des serbischen Buben in Serajewo zum Opfer fiel, daß auch für uns

Deutsche die Balkanfrage aus dem Bereich der mohr oder weniger anregenden Zeitungslektüre heraustreten und daß sich dort 'eine große Entscheidung, vor- bereiten Lvürde. Aber selbst beim Anspruch bes Krieges glaubten wohl nur wenige, daß wir leib st, aktiv in Serbien und damit in den Balbanangelegenhelten mft- sprechen würden. Der Gang der Dinge ist a n d e r s gekommen. Jetzt sind wir auch dort dabei und helfen unseren Verbündeten, klaren Tisch zu machen. Während

wir noch vor Zwei Jahren fragen konnten: Was ist uns Serbien, gewinnen jetzt Flüsse uud Ortschaften wie Semendria und Morawa, Pvscharawitz und Belgrad, Drina und Kragujowatz Klang und Farbe.

In diesem großen Völkcrringen werden alle Gren­zen übersprungen; es bekämpfen sich Völker­schaften, die nur die leisesten Beziehungen wirtschaft­licher, seelischer, politischer Natur mfteinander gehabt «haben: Kanadier und Türken, Japaner und Österreicher, Serben und Deutsche. Es wirbelt alles durcheinander. Und die beschauliche Aufiassung, als ob die „Türkei", der Balkan. uns im Grunde genommen gar nichts an­ginge, auf den Gang unserer Ereignisse gar keinen Ein­fluß hätte, ist gründlich durch die neuzeitliche Ent­wicklung widerlegt. Jetzt spitzen sich die Dinge der Welt so zu, daß aus deni S ü d o st e n Europas die Entscheidung fixe Deutschland und für zahlreiche andere Länder kommen kann.

Wir Deutschen tragen unser Schauert in weite, fremde, unserem Gefühlsleben und unseren bisherigen Interessen ganz abgewandte Gegenden; wir pr- scheinen wieder wie im Mittelalter auf allen Krieg tz- schau Plätzen. Damals als Landsknechte — wie anderes heute! Jetzt als die Männer, die den deutschen Ruhm und den deutschen Namen glanzvoll künden, die auch auf fernstem Boden kämpfen nicht auf fremde Rechnung und Gefahr, sondern für den e i g e n e n heimischen Boden, für ihres Vaterlandes Ehre und Größe. Wenn jetzt der geruhige Bürger von Krieg und Kriegsgeschrei da hinten weit in der Türkei spricht, so leuchtet wohl sein Auge auf in freu­digem Stolz, denn er weiß: auch wir sind dabei und wenn wir es schaffen, wie wir alle aus fester Hoffnung glauben, dann wird auch bei uns zu Haus nicht alles „beim alten bleiben", sondern sich manches zum B e s s e r e n wendenl

ver erste serbische offizielle Kriegsbericht. „•

Zugegebene Erfolge der Bulgare«.

W. T.-B. Risch, 13. Cft. (Nichtamtlich.) Amtliche Mittel, lang des serbischen Pressebureaus: Am 11. Oktober, morgens, überfielen uns die Bulgaren in Koritza-Clave. Dieser Angriff wurde an demselben Tage zurückgeschlagen. Die Bul­garen griffen unsere Stellungen von Jwauowa-Ltwade an. Sie wurden zurückgeschlagen. Noch am selben Tage griffen sie unsere Stellungen von Pissina-Bukwa an und erlitten ohne Ergebnis zu erzielen, starke Verluste im Arssowati-Kamen, Weirulebossopa und Golesch. Am 13. Oktober griffen die Bul­garen unsere Linien von Tschernikamen, Pissina-Bukwa, Wesselin und Notwatwerdka an und schlugen unsere Abteilungen zurück. Auf der ganzen Timok- front eröffneten die Bulgaren das Feuer. Unsere Stellun­gen erwiderten nicht. Am 14. Oktober überfielen die Bulgaren Echtschani-Kladenatz und Tscherniwin, besetzten diese L rtschaften und setzten ihre Angriffe fort gegen Dfulesa, Glawa, Plachitza und Gowadschewrid bei P i r o t. Bei Krrwa» Valanga griffen die Bulgaren am 13. Oktober um 11% Uhr das Feldwerk von Pawno-Gnire und unsere Stellungen von Dewervair, Pojicharitza und Ruwan bei Radowitze an. Am selben Tage griffen sie an in der Richtung von Radischewo, O grabgena und'durch das Tal der Strumitza. So haben die Bulgaren den Krieg mit uns begonnen, gleich wie im Jahre 1613, verräterisch durch Überrumpelung und ohne Kriegser­klärung. (Die amtliche bulgarische Berichterstattung hat be­kanntlich festgestellt, daß die Serben ihrerseits durch Überfall bulgarischer Grenzposten die Feindseligkeiten eröff­net haben. Schriftl.)

Vie Lage au der serbischen Krönt wird täglich britischer.

Laut französischem Bericht!

IV. T.-B. Paris, 16. Cft. (Nichtamtlich. Draht­bericht.) Der Nischrr Sonderberichterstatter des „Journal" drahtet vom 11. Oktober: Die Lage au der serbischen Front werde täglich kritischer. Die Deutschen und Österreicher hätten ungeheuere A r- t i l l e r i e m a s s e n an die Front geschasst uud erhal­ten Verstärkungen über Verstärkungen. Ohne fremde Hilfe könne die serbische Armee nicht viel tun. Die griechische Regierung habe Serbien erklärt, sie werde der Landung von Bierver- bandstruppcn und ihrer Beförderung nach Serbien keine Schwierigkeiten cntgcgenstrllen. Wenn die französischen Truppen, welche seit 5 Tage» in Saloniki seien, noch nicht unterwegs seien, geschehe dies, weil die Heeresleitung zögere und ab warten wolle.

Serbiens dringendes Verlangen nach 300 OOO Mann.

Tiefe Niedergeschlagenheit in Nisch!

W. T.-B. Lyon, 16. Okt. (Nichtamtlich. Draht- bericht.) Tie hiesigen Blätter melden aus Nisch: Man vertritt hier die Ansicht, daß, wenn man in Frankreich und England unter dem Vorwände, die Umstände des Eingreifens zu regeln, noch Zeit verliere, dieser Fehler ein Unglück hrrbeiführcn werde. Wenn mau Serbien weiterhin sich selbst überlasse und den Mittel­mächten gestatte, Serbien niederzuringen, seien nachher die zehnfachen Anstrengungen nötig, um den Fehler wieder gut zu machen. Wenn die Hilfe zeitig eintresse, sei der serbische Generalstab des Er­folges sicher. Man brauche 300000 Mann. Nisch, welches vor 5 Tagen noch vollerFrrude war, gebe heute ein Bild großer Niedergeschlagen­heit.

ver serbische Thronfolger in Belgrad beinahe gefangen genommen.

Sr. Bukarest, 16. Okt. (Eig. Drahdbericht. Jens. Bin.) Nach hier eingetroffener Meldung wäre der serbische Thron­folger Alexander bei der Eroberung Belgrads beinahe in die Hand der angreifenden Truppen geraten und gefangen genommen worden, wenn es ihm nicht gelungen wäre, noch im letzten Augenblick zu entkommen. Bei der verzweifelten Verteidigung der Serben traf er bis zur letzten Minute sein« Anordnungen und blieb zur Stelle. Erst als fei^ckiche Truppen im Weichbild der Stadt eingedrungen waren, dachte er an Flucht, und kaum 10 Minuten vor dem Einmarsch ungarischer Honveds entkam er in Gesellschaft des englischen Generalstabshauptmanns Lord Hixton der drohenden Ge­fangennahme. Mehrere Offiziere seines Stabes, die bfe Operationen an der Donaufront geleitet hatten, konnten sich nicht mehr in Sicherheit bringen. Sie wurden zum größten Teil gefangen genommen, während einige von ihnen gefallen sind.

Griechenland stellt auch England gegenüber das Nichteintreten des serbischen Bündnisfaves fest!

W.T.-B. London, 16. Oft. (Nichtamtlich.) Das „Reutcrschc Vurean" erfährt, daß der griechische Ge­sandte Grey formell die Note seiner Regierung «chre- teift hat, in welcher erklärt wird, daß das griechische Kabinett den Bündnisfall des grlechiich-serbijchen