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Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatts, « =?= » )

Nr. 242.

Samstag» 1b. Oktober.

L^lrr.

(16. Fortsetzung.)

§. m. §. Grille!

Roman von Otto Elster.

(Nachdruck verboten.)

Der Offizier war scheinbar in großer Verlegenheit, was er tun sollte. Aus /die eigenen Landsleute schießen Hu lassen, konnte er sich nicht entschließen; er hätte die Menge, die seiner Handvoll Leute um das Zehnfache überlegen war, nur noch mehr -gereizt und setzte sich «und seine Leute der Gefahr aus, von der Überzahl erdrückt und vernichtet zu werden. Er ritt, -von dem Trompeter begleitet, der Menge entgegen und suchte «mit ihr zu unterhandeln. Mer seine Worte verhallten wirkungs­los in dem wilden Geschrei, und plötzlich sah er sich von allen Seiten umringt von der tobenden, wütenden Menge, die drohend ihre Waffen -schwang und ihn aus dein Sattel zu reißen versuchte.

Er riß den Sabel heraus und versuchte sich freie Wahn zu schaffen. Aber iin Nu hatte «man ihm -den Säbel entrissen und ihn selbst vom Pferde gezogen. Machtlos war er der -wütenden Menge preisgegeben, ebenso wie der Hornist, der von groben Fäusten miß­handelt wurde.

„Oh, diese Schufte!" rief Krause wütend. „Wollen denn die Soldaten von ihren Waffen keinen Gebrauch machen?"

Man konnte von der Missionsstation die Vorgänge auf der Landstraße genau beobachten und sah mit Er­staunen, daß die Soldaten keine Miene machten, ihrem Vorgesetzten z-u Hilfe zu kommen.

Unschlüssig standen -sie da, ohne ihre^Gewchr zu be­nutzen.

„Sollen wir ihnen nicht zu Hilfe kommen?" fragte Schüffer.

„Daß wir mit in ihren Untergang verwickelt wür­ben?" entgegncte Krause. „Das sind die feigen Bur­schen nicht wert. Wir -müssen auis unseren Posten aus­harren."

Jetzt wälzte sich die Menge den Soldaten entgegen. Diese ermannten sich, und einzelne Schüsse krachten. Da­durch wurde jedoch die Wut «der Mvnge nur noch mehr angefacht; sie stürzten sich mit wildem Geheul auf die Soldaten, die vollständig den Mit verloren, ihre Waffen zum Teil fortlwarsen und in eiliger Flucht dav-on- vannten.

„Oh, diese Feiglinge!" knurrte Krause ingrimnrrig. „Hätte ich nur ein Dutzend unserer braven Blaujacken hier, ich wollte es den Kerlen schon zeigen."

Durch die Flucht der Soldaten schien sich «die Wut der Menge gelegt zu hoben; triumphierend einige der iortgewovfenen Gewehre schwingend, kehrte sie in das Dorf zurück, ahne sich weiter um den Offizier zu be­kümmern.

Dieser raffte sich von der Erde auf, bestaubt, be­schmutzt, feine Kleidung zerrissen, «mit einer blutigen Wunde an der Stirn. Sein Pony stand geduldig mit gesenktem Kopf ncken ihm.

Er schüttelte die Faust drohend der obziehenden, johlenden Menge nach: dann kletterte er in den Sattel, stieß dem -geduldigen Pony beide Hacken in «die Flanken,

daß dieses erschreckt au-ffuhr und galoppierte seinen ent­flohenen «Soldaten nach.

Die Rebellen hatten einen vollständigen Sieg er­fochten. Sie feierten ihn, indem sie auf dem Marktplatz« des Dorfes ein großes Feuer «anzündeten, an «dein sie einen erbeuteten Hammel brieten. Ein Füßchen Brannt­wein ward auch herbetgeschafft, und bald erschallte trun­kenes Jauchzen und Toben.

„Wir haben von den Burschen «heute nichts mehr zu befürchten", meinte Krause, sein Repetiergewehr zur Seite stellend. „Sie werden sich sinnlos betrinken und die Nacht durch wie die Klotze schlafen."

„Wäre es da nicht am besten, wir benutzten die Dunkelheit, -um uns nach Hankau zu retten?" fragte Doktor Schäffer.

„Und die Frauen und Kinder der Wut jener Halun­ken überlassen?" fragte Kraute nachdenklich.

„Ja, Sie haben recht", rief der Doktor. „Das geht nicht. Wir müssen hier ausharren, bis Hilfe kommt. Aber sehen Sie «da — ist «da nicht ein Boot auf dem Fluß?"

„Boi Gott — es ist das Motorboot, die Libelle"! Vielleicht bringt sie uns Hilfe. Sehen Sie, es nähert sich dem Ufer!"

In der Tat dampfte die „Libelle" langsam und vor­sichtig auf «das Ufer zu. Man konnte mehrere Leute in dem Boot erkennen. Aber auch von seiten «der Rebellen «hatte man das Boot bemerkt. Eine Anzahl «von ihnen lief nach dem Ufer des Flusses, wo mehrere leichte Kähne der Chinesen lagen. Rasch waren sie bemannt, die Ruder tauchten in das Wasser «und rasch flogen die leichten Fahrzeuge «dahin. Man schien «die „Libelle" unrkreisen und überfallen zu i vollen.

Auf dem Motorboote hatte man jedoch die Gefahr erkannt. Es -wendete und -dampfte so rasch den Strom hinunter, «daß die Ruderboote seine Verfolgung bald ausgeben mußten. Diese kehrten an Land zurück, u-nd nun gab sich alles dem wilden Treiben bei «dem großen Feuer hin.

Der Abend senkte sich nieder. Blutrot versank dis Sonne hinter -den Bergen und übergoß Berg und Tal mit violettem Licht, «das rasch sich zur «grauen Dämme- rung verwandelte. Von dem Flusse stiegen die Nebel empor und hüllten «das Tal in dichte Dunstschleier ein» «durch die die Feuer «der -Empörer rotglühend hervor- sahen, wie die blutunterlaufenen Augen rissiger Unge­heuer. Wer über den Bergen -wölbte -sich ein dunkel­blauer Hirnmel, an dem abertausend Sterne funkelten.

Tiefe Ruhe war jetzt eingetroten. In trunkenem Schlaf «lagen die Rebellen; nur ab «u«nd zu «vernahm man ein vereinzeltes Ja-uchzen, einen Schrei, dem ein dump­fes Gemurmel folgte, wie das zornige Knurren eines gewaltigen, wilden Tieres, das in feinem Schlafe ge­stört war. Die Mission umschlichen wohl einzelne dunkle Gestalten, «doch wagten sie sich nicht näher heran, denn sie merkbrn wohl, «daß dort «aufmerksmne Wacht ge­halten wurde.