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Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. !--°>

Nr. 240. Donnerstag. 44. Oktober. 191a.

l14. Fortsetzung.)

S. m. s. Grille!

Roman von Otto Elster.

lNachdruck verboten.!

10 .

S- M. S. „Grille" enterte wieder auf der Müde von Schanghai. Es herrschte sonntägliche Ruhe an Bord, die Offiziere und ein Teil her Mannschaft waren beurlaubt und nach der Stadt gefahren; nur die Wache und der wachhabende Offizier -befanden sich an Deck. Im Workastell saß die Wache beisammen, soweit die Mann« schäften nicht auf Posten standen, plauderte und schickte wohl ab und an einen sehnsüchtigen Blick zur Stadt hin­über. die sich panaraniaartig am Strande aufbaute. Run. man blieb ja nicht nur einen Tag hier liegen und hatte noch genug Gelegenheit, die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu genießen.

Auf dem Achterdeck schritt der wachthabende Offizier auf und ab. Er gähnte zuweilen, es war aber auch herzlich langweilig, es gab nichts zu tun und nichts zu befehlen, es ging alles seinen geordneten Lauf. Der Wachthabende war daher -froh, als ein anderer Offizier zu ihm trat.

„Ra, Haidebrank", fragte er, „nicht an Land?"

„Ich hatte keine Lust", entgegnete Horst. „Ich mußte noch; einige Briefe schreiben."

„Sie haben Nachrichten aus der Heimat erhalten, nicht lvahr?"

„Ja . . - von meiner Mutter . .

„Seien Sie froh, daß Sie noch eine Mutter haben", sagte der um mehrere Jahre ältere Offizier, indem sein Mick mit ernstem Ausdruck über die weite Wasserfläche schweifte. „Meine Eltern sind schon -lange -tot. Hoffent­lich haben Sie gute Nachrichten erhalten."

„Ja ... ich danke - . . doch Sie entschuldigen, ich möchte gern an Land, nm die Briefe zu besorgen . .

Der Wachthabende lächelte.

„Und däbei einen Besuch in der Billa Schuhmacher abstatten", sagte er neckend. „Ra, ich verdenke 's Ihnen nicht — Fräulein Schuhmacher ist eine reizende junge Dame. . ."

„Sie irren sich", erwiderte Horst. „-Herr und Fräu­lein Schuhmacher sind nicht in Schanghai."

„Doch nicht abgereist?"

„Nein, sie machen einen Ausflug nach einer Faktorei der Finna bei Jtschang, wie mir die Dienerschaft sagte-"

„Ich finde es sehr mutig von der jungen Dame, sich unter den unsicheren Verhältnissen in das Innere zu be­hoben. — Doch Phr Boot liegt bereit, lieber Haidebrink."

Horst stieg den Fallreep hinunter in das Boot, das, von vier kräftigen Matrosen bedient, rasch dem Kai des Hafens zuflag. Horsts Blick schweifte ernst und ge­dankenvoll zu der Stadt hinüber, die sich im Halbkreise um den eigentlichen Hafen zag und mit seinen -eleganten Billen die landeinwärts liegenden Berge hinan-skle-tierte. Eine breite, schöne Straße zag sich zwischen den Villen nach dem Vorort Sika-wn hinauf, wo sich die Sternwarte und Wetterstation befanden, die die Jesuiten dort an­gelegt hatten. Auch die ausgedehnten Bauten der ka-tho- ttschön und evangelischen Missionen und Waisenhäuser erhoben sich hier, eingebettet in 'das Grün der Wälder.

Hier lag auch die Villa Schuhmacher, in der Horst einige schöne Abende verlebt hatte und an die sich die Hoff­nungen feines liebenden Herzens knüpften.

Das war nun vorüber, diese Hoffnungen waren ver­nichtet, und seine eigene Mutter war es gewesen, deren Brief alle seine frohen und zärtlichen Hoffnungen zer­stört hatte. In Tsingtau hatte er diesen Brief erhalten, der ihm das Herz so -schwer gemacht hatte.

Zum Schluß dieses Briefes, der ihm alle Neuig­keiten aus der Heimat mitteilte, hieß es:

„Noch eines möchte ich Dir sagen, mein lieber Sohn, und ich hoffe, Du wirst die Berechtigung meiner Worte einsehen. Wie Du durch den Brief Weras erfahren haben wirst, hat Käthe Schuhmacher ihren Bruder nach Schanghai begleitet. Da Ihr nun, wie Du schreibst, auch Schanghai anlaufen werdet, so ist es nicht ausgeschlos­sen, daß Du Küche Schuhmacher wiedersiehst. Ich habe es Wohl bemerkt, -mein lieber Junge, daß die Schönheit Käthes Eindruck ans Dein Herz gemacht hat; ich habe kein Wort darüber geäußert, da mir dieser Flirt unge­fährlich erschien, bis mich Herr von Neithavdt darüber aufklärte, -daß dieser Eindruck doch wohl tiefer gewesen ist, als ich annahm. Herr von Neithardt sechst war ja regelrecht verliebt in das Mädchen, um dessen Hand er sogar anhalten wollte- Weshalb es nicht geschah, brauche ich Dir, der Du -den Stolz Neithardts auf seine alte Familie -kennst, wohl nicht zu sagen. Bei Dir liegen die Verhältnisse nicht anders, mein Sühn, nur bist Du nicht in der günstigen Lage wie Herr von Neithavdt, über ein großes Vermögen zu verfügen und in voller Selb­ständigkeit daznstehen. Wenn ich mich auch mit der Tatsache abfinden könnte und wollte, daß Du ein Mäd­chen aus einfach -bürgerlicher Familie heiratest, so sehe ich -doch keine Möglichkeit, wie Du -es in Deiner Stellung möglich machen könntest. Wie Du weißt, ist Radowitz Majorat und fällt an Deinen älteren Bruder; nennens­wertes bares Vermögen, das Dir zufallen könnte, be­sitzen wir nicht, ich wäre also außerstande. Dir den nöti­gen Zuschuß zu einer Heirat mit einem unvermögenden Mädchen zu geben. Als Offizier brauchst Du ein ziem­lich bedeutendes Kapital als Kaution, diese Dir zur Ver­fügung zu stellen, bin ich nicht in der Lage, und Deine Laufbahn wirst Du doch Wohl nicht ausgeben wollen. Ich wüßte au-ch nicht, was D'.l sonst -anfangen wolltest. Ich bitte Dich also, -mein lieber Sohn, vorsichtig in dem Umgänge mit Fräulein Schuhmacher, die ich sonst ihrer trefflichen Eigenschaften wegen sehr schätze, zu sein und Dich durch Deine Neigung nicht etwa bestimmen zu lassen, bindende Verpflichtungen einzugehen. Ich muß Dir auch noch mitteilen, daß Herr von Neithavdt von der Liebe Fräulein Schuhmachers zu ihm überzeugt ist und irach meinen Beobachtungen mich wühl zu dieser Überzeugung berechtigt ist. Am besten ist es daher, Du vermeidest den Umgang ganz üder hältst ihn, wenn Du ihn nicht umgehen kannst, in den zu nichts verpflichten­den gesellschaftlichen Formen. Von Herrn von Neithardt haben wir lange nichts gehört; er befindet sich auf

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