Bogen kommt „Dell" von der ergebnislosen Suche zurück. Ich wende mich mehr nach rechts dem Narew zu, um ein Stück Waldland, halbe Meter hohe Kiefern und stachliches Wacholdergestrüpp, abzusuchen. Wieder ist der Schäferhund auf gegebenen Befehl lautlos in der Dunkelheit verschwunden. Nach einigen Schritten, mit denen ich ihm folge, liegt dicht am Waldrand des Gehölzes ein toter Russe. Eine mächtige Gestalt. Die erdfarbene Uniform von oben bis unten beschmutzt, ein paar verkrampfte braune Hände, ein verfärbtes Menschengesicht, weit geöffnete, doch schreckhaft leere Augen. Zwischen den schwarzen Brauen quillt dickes Blutgerinnsel. Der Tod ist ihm gnädig gewesen. Wer weiß, wo im weiten Reich des Gossudars ein Herz um ihn bangt, ein Herz, das jetzt noch hofft, noch lange hoffen wird, denn der Krieg dauert fort, und das Land ist groß. Und wenn er endlich, endlich nicht wiederkehrt, dann werden sie in der sibirischen Hütte oder im Kosakendorf am Don wissen, daß er tot ist. Wo sein Grab liegt, werden fie nie erfahren.
Ein leises Brechen trockener Zweige schreckt mich aus meinen Gedanken. „Dell" kommt in rasender Eile zurück und sein freudiges Wedeln, während er an mir hochspringend die schweren Pranken gegen meine Brust drückt, gibt den sicheren Beweis, daß er gefunden hat. Rasch irnrd der Hund angeleint u-nd auch ohne das Kommando .Zeig schön!" legt sich das brave Tier mächtig in den Riemen, so daß ich beide Fäuste zum Halten zu Hilfe nehmen muß. Etwa 100 bis 120 Meter ioeit geht die rasche Reise, dann hält der Hund neben einem ins Weidendickicht gedrückten menschlichen Körper; ein Kopf richtet sich auf.und ein „Gott sei Dank" entringt sich dem blaffen Lippenpaar des glücklich aufgospürten Kameraden. Einen Schuß in den Unterschenkel hat er beim Sturm erlitten, dann versucht, sich die Wunde selbst zu verbinden, wobei ihm sine zwei Kugel den Arm zerschmetterte. Vielleicht kam st« aus der Büchse desselben Schützen. Mit Mühe hat sich der Verwundete in das Weidendickicht geschleppt, hat zwei Tage lang in S-nnenglut, zwei Tage lang in Kälte und Nässe gelegen, bis chn der Hund jetzt gefunden hat. Ich labe den Gefundenen mit einem Schluck kalten Tees aus der Feldflasche und bette ihm den Kopf bequem auf den Tornister, indem ich rasch Träger mit einer Bahre zu senden verspreche. „Tell" ist furg vorher wieder von der Dunkelheit verschlungen worden und bleibt merkwürdig lange aus. Leises Locken, selbst gedämpftes Rufen ist vergeblich. Endlich kommt von irgendwoher ein kurzes Winseln. Gleichzeitig schiebt sich der Mond hinter dem Wolkenvorhang hervor, und auf weniger denn 60 Schritte zeigt jidj mir ein herrliches Bild. Dort am Abhang steht „Dell und blickt unverwandt nach seinem Führer herüber, während ein verwundeter Krieger ihn am Halsband festhält, und ihn zum Lautgeben zu veranlassen sucht. Die Kenntnis der Aufgaben der Sanitätshunde ist leider bei unseren Truppen in viel zu geringem Maße verbreitet. Die meisten glauben, der Hund müsse beim aufgeftindenen Verwundeten stehen bleiben und Laut geben, während der Deutsche Verein für Sanitätshunde — in erster Linie die Zentralstelle Oldenburg — diese ftüher gepflogene Praxis längst, weil viel zu gefährlich für Führer und Hund, abgeschafst hat und nur noch Hunde ins Feld schickt, welche stumm verweisen. Mit raschen Schritten bin ich auch bei diesem zweiten Aufgefundenen, der durch Schrapnellkugeln schwer am Oberschenkel und Kopf verletzt toorden war. Ich mutz mich wiederum auf eine Labung und das Versprechen beschränken, so rasch als möglich Hilfe zu senden. Es ist in der Tat dringend nötig, denn just der Ort des Schlachtfeldes, an dem er hilflos liegt, ist grausig. Hier hat der Tod im Bersten der Granaten ein grelles, hohles Lachen aufgeschlagen, mit ihm Menschengebeine entsetzlich zerrissen. Wild pfauchend haben die Geschosse den Boden zerwühlt, unter dem Sensengeklingel der Maschinengewehre sind die Kämpfer in Reihen hingesunken. Zu Hause liest sich das Sterben auf dem Felde der Ehre so einfach. Eine Kugel kam geflogen ... Ja, wenn's immer damit aus wäre. Wer nur einmal über ein Schlachtfeld geschritten ist, der weiß, daß der Tod hier ganz anders kommt wie auf dem Theater, wo er meist unter Blumen in sorgsam abgestimmten Farben erfolgt, daß er sich nicht um Bühnengesetze kümmert und für Farben kein Gefühl hat.
Eine längere Weile hindurch bleibt meine Suche ergebnislos. Dann findet der Hund zwei Verwundete zugleich, die sich in ein Granatloch geschleppt haben. Leider läßt der Zustand des einen, der einen häßlicher Schuß in den Unterleib erhalten hat, nur wenig Hoffnung auf Erhaltung des Lebens.
Der nächste, den „Tells" feine Nase aufspürw, hatte keine all- zu schweren Verletzungen, dafür aber lag er seit zwei Tagen bis über die Brust in einem Sumpfloch und konnte vor Frost kaum noch ein Glied rühren. Schon will ich die Suche ab- brechen, denn langsam verlöschen die Sterne, und im Osten färbt sich das Firmament bleigrau. Eine knappe Stunde aber mutz ich noch gehen, ehe ich Hilfe für die Verwundeten find«. Dann reißt mich „Tell" am Riemen scharf rechts ab vom Wege, wühlt an einem mächtigen Granattrichter mit Nase und Krallen und hat im Augenblick einen Körper freigelegt, der nur leicht zugedeckt unter Sand und Erde gesteckt hatte. Der Verwundete ist ohne Besinnung, aber er atmet durchaus gleichmäßig. Nun im Laufschritt zurück zum Tvuppenver- bandsplatz, um Tragbahren heranzuholen! Unterwegs treffe ich unseren Führer, Leutnant Gl., der für die rascheste Herbeischaffung der Geräte sorgt.
Die Bergung der draußen im Gelände Liegenden ist bei dem inzwischen erfolgten Anbruch des Tages kein leichtes Be> ginnen. Jede, auch die unscheinbarste Deckrng muß von den Krankenträgern, denen ich den Weg weise, benutzt werden; denn die Russen haben ihr Jnfanteriefeuer inzwischen verstärkt und auch ihre Artillerie schickt von Zeit zu Zeit Schrapnells herüber. Merkwürdigerweise werden wir gerade in nächster Nähe der russischen Gräben am wenigsten beschossen; kein Zweifel, daß die Russen das rote Kreuz der Sanitäts- mannschasten erkannt und respektiert haben. Wir brachten sie alle glücklich zum Verbandsplatz. Leider war bei zweien alle ärztliche Kunst vergeblich. Am Nordausgang des Dorfes Skwa liegen sie unter vier Linden mit einigen anderen Kameraden begrabsn. Von jenem, aber, denen wir das Leben retten konnten, vergißt sicherlich keiner die Leistung des braven Sanitätshundes, haben sie doch schon «inen Beweis ihrer Dankbarkeit dadurch gegeben, daß jeder vor dem Abtransport vom Hauptverbandsplatz unserer Kompagnie nach dem Feld- lazarett noch einmal den klugen Kopf des treuen Tieres, das sie aus Qual und Pein erlöste, zu liebkosen verlangte.
In der Morgenfrühe des sonnigen Tages bin ich heimgegangen, bin über die knisternde Stoppel geschritten, in der allerlei kleine Blumen blühten und an der bereits die Herbstseide im blauen Luftzuge flatterte, wo mrnherliegende Sprenge stücke zackigen Eisens, Blindgänger aller Kaliber auf Schritt und Tritt cm den Kampf und seine Schrecken erinnerten. Und dennoch freute ich mich heute doppelt der goldenen Blüten d«S Rainfarns, des stolzen Leinkrauts an den bunten Steinhaufen, der knallroten ^Blätter des hohen Ampfers, die so sonderbar im Winde hin und her wedelten. Denn mit mir schritt das Bewußtsein, mit Hilfe der klugen Hundoseele anl meiner Seite heilte nacht einen Teil beigetragen zu haben, die Rot dieses Weltkrieges zu lindern.
„Hell strahlt das Kreuz, das rote.
Und seines Segens Spur,
Auf der als Retter wandelt Die stumme Kreatur!"
* Sollte Welt.
Kus der Nriegszelt.
Die Einarmfibel. Als würdiges Dokument deutscher Heilpädagogik ist vor kurzer Zeit im Berlage von Braun-Karlsruhe ein Büchlein erschienen, das sich die Aufgabe stellt, allen denjenigen, die im Kriege einen Arm verloren haben, ein praktischer Ratgeber zu sein, die auftretenden ScAvrerigkeiten des täglichen Lebens zu überwinden. Es stellt die Anfangsgründe, das ABC. dar, die der Einarmer wiedererlernt haben muß. ehe er den Kampf um das tägliche Brot avfnehmen kann. Mit Recht führt es daher den Titel „Einarmfibel". Entstanden ist es in der bekannten Heidelberger Einarmschtite, herauSgvgeben von deren Leiter, einem „Alt-Einarms", dem« Privatdozenten Dr. Eberhard Freiherr v. Künßberg, im Verein mit den ebenfalls einarmigen Lehrern der Schule Fritz Büttner. Adolf Asmussen und Richard Ruppe. Auch außenstehende Einarmer, wie der bekannte Graf Geza Zichv, haben mit Rat und Tat beigestcuert Die Fibel verliert sich nicht in theoretischen Erörterungen. sondern ist aus der Praxis für die Praxis geschrieben. Bei ihrem Studium wird der Eindruck zur Gewißheit, daß der Einarmige durchaus nicht gezwnngLn ist, sich tn> seinem ferneren Leben auf die Mildtätigkeit und HilfSberett- fchcift seiner Mitmenschen zu verlassen, sondern daß er durch,
