Seite 4. _ Samstag. 7 . Mai 1904. _ Wiesbadener Cagblalt. _ Marge,r-A«sgabe. 1. Blatt. _ M». 21 Z.
lbrarmte im Keller! „Rette sich, wer kann!" Der Gläubiger und der Beamte ließen sich aber keineswegs stören, sondern suchten emsig weiter nach etwas Greifbarem. Und jetzt fanden sie in einem Kinde rbettläöchen ein Kaffettchen mit 1000 M. Inhalt! Darob natürlich große Fronde auf der einen — arge Verstimmung auf der anderen Seite!
— Walhalla-Theater. Zwischen Julius Freund, dem Libret- listen des Vaudeville „Durchlaucht Radieschen", welches am 16. Mai zur Eröffnung der Operetten-Spielzeit in Szene geht, und Feybcau, dem Verfasser der „Dame von Maxim", schwebt zurzeit ein interessanter Prozeß um das geistige Eigentum von „Durchlaucht Radieschen". Feydeau hat eine Fortsetzung seines Schwankes geschrieben, die mit dem erfolgreichen „Durchlaucht Radieschen" viel Ähnlichkeit haben soll. Zu wessen Gunsten auch der Prozeß entschieden werden mag — während sich Autoren streiten, freut sich der — Theaterdirektor. Der Prozeß allein ist eine riesige Reklame für das reizende Vaudeville, das sich dem deutschen Publikum übrigens als eine vollständig deutsche Schöpfung präsentiert. Schöne Melodien, die schnell populär geworden. enthält das Werk neben einer pikanten, an komischen Situationen reichen Handlung, die ihm auch den glänzende» Erfolg sicherten, den es bisher gehabt. Alle ersten Kräfte sind darin beschäftigt.
— Unerwarteter Besuch. So sohr man sich freut, wenn liebe Verwandte oder Freunde, die fern von uns wohnen, uns für einige Tage besuchen, so unangenehm ist in diesem Falle das „überraschen", das aber immer noch so beliebt ist. ,Meyers leben in guten Verhältnissen, wie ich weiß", sagt Herr NebUhr, „wir können sie ruhig mal in ihrer neuen Wohnung überfallen, ohne befürchten M müssen, ihnen dadurch Ausgaben aufzuerlegen, die über ihr Vermögen gehen." Und so machen sich denn Herr Nebuhr, seine Frau und das 11jährige Töchterchen eines Tages aus, um die lieben Verwandten zu besuchen, nNd malen sich unterwegs schon die große Freude, welche ihr Erscheinen Hervorrufen mutz, in den buntesten Farben aus. Aber o weh) die weite Reise ist ganz zwecklos gewesen; denn als das „Dreigespann" am Ziele angekommen, bei Meyers klingelt, wird ihm der Bescheid, die Herrschaft sei auf 3 Tage verreist. Noch schlimmer trisft es Frau Barch, die ihre Jugendfreundin, Frau Apel, überraschen will und sich schon tüchtig mit Gesprächsstoff versehen hat, um die 10 Jahre der Trennung von der Pensionsschwester rasch in wenigen Stunden durch- plaüdern zu können. Frau Apel liegt gerade an heftiger Lungenentzündung zu Bett und kann natürlich keinen Besuch empfangen. Wie oft trifft es der Freund, welcher, wie man sagt, „in die Suppe fällt", so schlecht, daß ihm die Lust vergeht, ein zweitesmal das Experiment zu wagen. Die Familie hat längst gegessen, und es ist gerade heute nichts vom Mahl übrig geblieben, so daß die Hausfrau in die tödlichste Verlegenheit kommt, was sie ihrem Gast vorsetzen soll, der nach der langen Reise sehr der Stärkung bedarf. Da das Dienstmädchen noch neu ist, mutz sie sich selbst um die Küche kümmern und hat so von der anregenden Unterhaltung ihres Besuches fast nichts. Wieder ein anderesmal gerät der unerwartete Gast gerade in das „große Reinemachen" herein; alle weiblichen Mitglieder des Hauses sind in keineswegs salonfähigem Anzug, alle männlichen ausgeflogen, und unglücklicherweise öffnet die älteste Tochter die Dür, da sie fest glaubt, die Aufwartefrau habe geläutet. Daß es den Gast da mit Grausen faßt und er sich schleunigst zu- bückzieht, versteht sich nicht nur wegen des Chaos, in das er gekommen ist, von selbst, sondern auch wegen der Rücksichtnahme auf die stark beschäftigten Damen, die zu allem eher fähig sind, als jetzt die „Liebenswürdigen" zu spielen. All diesem Ungemach kann man aber leicht entgehen. Man braucht nur eine Karte zu schreiben mit der kurzen Angabe: „Ich komme dann und dann; paßt cs Euch?" und die Antwort abzuwarten, daß man willkommen ist, um die Freude des Wiedersehens seiner Lieben zu genießen, sowie die peinlichste Ordnung und Sauberkeit vorzusiüden. Ein gemütliches Gastzimmer ist sorgsam vorgerichtet, alles mit Geschmack und Geschick arrangiert; Blumen stehen aus dem Tische als Willkommensgruß. Alle Zimmer sind aufgeräumt uüd gleichsam im Fest- gewande, ebenso wie die Familienangehörigen sich hübsch gokleidet und alle Arbeit, die nicht durchaus getan werden muß, um einige Tage verschoben haben. Mit frohen Mienen wird der Gast begrüßt; jeder tut sein möglichstes, ihm den Aufenthalt recht angenehm zu machen, und wenn es dann ans Scheiden geht, so freuen sich beide, Besuch und Besuchte, schon auf ein Wiedersehen. Darum liebe Mitmenschen, wenn ihr dem Hause, dem ihr euren Besuch zugedacht habt, wirklich eine große Freude bereiten wollt, so meldet euch vorher an. Es kostet dies wenig Zeit und Mühe, trägt euch die besten Früchte und macht euch zu Gästen, die man stets gern kommen, aber ungern gehen sieht. -g.
— Freie Schulstelle« in: 1. R e i ch e n b o r n , Kreis Oberlahn. evang. Lehrerstelle mit 1050 M. Grundgehalt, freier Dienstwohnung und 180 M. Alterszulage. — 2. A r f u r t, Kreis Ober- lahn, kathol. Lehrerstelle mit 1170 M. Grundgehalt, freier Dienstwohnung und 180 M. Alterszulage. In dem Grundgehalt ist eine Vergütung sür kirchliche Dienste von 120 M. enthalten. — 8. Erbach, Kreis Limburg, kathol. Lehrerstelle mit 1080 M. Grundgehalt, sür verheiratete 180 M. und für unverheiratete Lehrer 00 M. Mietsentschädigung und 150 M. Alterszulage. — 4. E s ch e n h a h n , Kreis Untertaunus, evang. Lehrerstelle mit 1050 M. Grundgehalt, freier Dienstwohnung und 180 M. Alterszulage. — 5. Allendorf b. Gl., Kreis Biedenkopf, evang. Lehrerstelle mit 1050 M. Grundgehalt, freier Dienstwohnung und 150 M. Alterszulage. Anmeldungen müssen bei sämtlichen fünf Stellen bis 1. Juni 1904 erfolgt sein, Antrittstermin am 1. Juli 1904. — 6. Wahlrod, Kreis Oberwesterwald, evang. Lchrer- stelle mit 1120 Grundgehalt, sreier Dienstwohnung und 160 M. Alterszulage. In dem Grundgehalt ist eine Vergütung für kirchliche Dienste von 120 M. enthalten. Anmeldungen müffen bis 15. Juni 1904 erfolgt sein, Anirittsiermin am 1. August 1904.
— Strafkammer. Die Verhandlung gegen die Eheleute Joseph Haas von hier wegen Unterschlagung zum Nachteil der Schuhfirma TackLCo. war bei Schluß der Redaktion noch nicht zu Ende.
— Interessant für Skatspieler ist die Aufzeichnung von drei Herren, die während einer Spielzeit von 15 Jahren Gewinn und Verlust gebucht haben. Wie gerecht Fortuna ihre Gaben verteilt hat, tritt bei folgendem Ergebnis deutlich zutage: Die Herren haben während der fünfzehn Jahre an 1105 Tagen mit einer Spielzeit von je 3 bis 31/2 Stunden 43 059 Spiele gemacht. Von diesen waren 781 Null ouvert, 6872 Grand, 2306 Eichelsolo, 1862 Grünsolo, 2126 Rotsolo, 2001 Schellen- folo, 5832 Nullspiele, 3332 Ramsch und 17 707 Tourn6. Alle diese Spiele wurden mit *4 Pf. bezahlt und ergaben
für A. einen Gewinn von 26,33 M., sür B. einen Verlust von 15,72 Ai. und für C. einen solchen von 10,61 M. Auf den einzelnen Spieltag kommt ein Umsatz von -st 2% Pf.: - 1 % Pf.: - 1 Pf.
— Schadenfeuer. In vorvergangener Nacht wurde durch einen Wächter der „Wiesbadener Wach- und Schließgefellschaft" ein brennender Strohhaufen entdeckt, der, da in der Nähe Gebäulichkeiten stehen, zu einem größeren Schaden führen konnte, wenn der Wächter nicht mit einem zu Hülfe kommenden Schutzmann dem Elemente ein Ziel gesetzt hätte.
0 . Vergeben würben von ber städtischen Bandeputation a) die Einebnung der Bicbricherstraße zum Zwecke der Herstellung von Kleinpflaster an Herrn A. I. A n d r e s zu Kastel und b) die Lieferung des Jahresbedarfs an Anthracitkohlen an die Firma O. Wenzel Nachf. hier.
— Kleine Notizen. Herr Emil May, Mineralwasserhaud- lung, Blücherstraße 3, bittet uns, veröffentlichen zu wollen, daß er den Knecht, welcher sich kürzlich so skandalös einem Tierschutzfrcunde gegenüber benommen hat, sofort nach Kenntnis des Tatbestandes aus dem Dienst entlassen habe.
Vereins-Versammlungen.
* Der Männergcsang-Verein „C ä c i l i a" hielt am vcr- gangenen Samstag seine Jahres-Hauptversammlung ab, welche gut besucht war. Aus dem sehr umfangreichen und ausführlichen Jahresbericht des Vorsitzenden Herrn A. Krollmann ging hervor, daß der Verein auch iw verflossenen Vereinsjahr eine sehr rege Tätigkeit entwickelte. Der Chor unter Leitung seines Dirigenten, Herrn Lehrer K. Henkel, hatte bei seinen Konzerten und sonstigen öffentlichen Auftreten in jeder Weise die besten Erfolge zu verzeichnen. Im Vereinsjahr 1903/04 wurden 43 Mitglieder in den Verein neu ausgenommen, ein Zeichen, welcher Beliebtheit sich die „Cäcilia" crsreut. Ans dem Bericht des Kassierers ging hervor, daß der Verein mit seinen Einnahmen und Ausgaben mit einem recht ansehnlichen Kapital gearbeitet hat und der Rechnungsabschluß ein recht günstiger zu nennen ist. Dem Kassierer Herrn I. Michel wurde für seine musterhafte und korrekte Kassenführung Entlastung erteilt. Der Vorstand wurde in seinem bisherigen Bestand bis auf Herrn K. Henrich, welcher eine Wiederwahl ablehnte und an dessen Stelle Herr I. Lang gewählt wurde, einstimmig wiedergewählt und setzt sich zusammen aus den Herren A. Krollmann 1., A. Stamm 2. Vorsitzender, G. Lcimer 1., W. Bopp 2. Schriftführer, I. Michel Kassierer, K. Link Ökonom und den Herren G. Ney, I. Bach und I. Lang als Beisitzer. Als Rechnungsprüfer für 1904/08 wurden die Herren Otto Faust, F. Luft und Ammon gewählt. Als Fahnew- träger wurde Herr H. Birk, als Stellvertreter Herr K. Hartman» gewählt, als Fahnenbeglciter fungieren die Herren Th. Schmidt und Fuchs, als Stellvertreter die Herren K. Henrich und C. Cäsar. In die Vergnügungskommisston wurden die Herren Fr. Schuck, Fr. Gönnheimer und L. Birk gewählt. Im weiteren wurde beschlossen, am zweiten Pfingstfeiertage ein großes Wald- fest mit Volks- und Kinderbelustigung in dem herrlich gelegenen Eichelgarten abzuhalten, sowie, daß tm Sommer ein größerer Familien-Ausflug mit Musik stattsindcn solle.
Aus dem Landkreise Wiesbaden, 8 . Mai. Sonntag, den 8 . Mai d. I., nachmittags um 3V 2 - Uhr, findet die Frühlings- Versammlung deö 13. landwirtschaftlichen BezirkA Bercins in dem Lokale des Herrn Gastwirts Julius Rieser, Gasthaus „Zur Erholung" in Auringen (Bahnhof) statt. Nach Abwickelung des geschäftlichen Teiles wird Herr Landwirtschafts- Inspektor Keifer-Wiesbaden einen Vortrag über Milchwirtschaft halten. Gewiß wird der zeitgemäße Vortrag seine Zugkraft auf die Landwirte der Umgegend ausübcn. Freunde und Gönner des Vereins sind ebenfalls willkommen.
I. Bierstadt, 6 . Mai. Die Gemeindeverordneten wählten in der gestern abend staitgefundenen Sitzung als Schöffen: die Herren Landwirte Karl Heymach I., Karl Wilhelm Bierbrauer und Ludwig Kaiser III. Während Herr Karl Hcymach wiedergewählt ist, sind die Herren Karl Philipp Bierbrauer und Ludwig May ausgeschiedcn. — Am nächsten Dienstag, den 10. Mai, findet unser diesjähriger Viehmarkt statt.
§8 Erbenheim, 5. Mai. Zur Feier des 2. Stiftungsfestes hielt die hiesige Freiwillige Feuerwehr eine größere Übung ab, zu welcher die Vertreter unserer Gemeinde, Herr Krctsbrandmcister Tropp-Biebrich und einige Brandmeister der Pflichtfeuerwehren ans der Umgegend erschienen waren. Die Übung bestand ans dem Schulexerzteren, verschiedenen Marschbewegungen und einem Sturmangriff auf die alte Schule. Sämtliche Übungen wurden exakt ausgesührt und ernteten reichlichen Beifall. Nach der Übung fand eine Besprechung im Gasthause „Zum Engel" statt, bei welcher die Biebricher Feuerwehrmusik hübsche Weisen spielte und Herr Brandmeister Tropp eine herzliche Ansprache an die Wehr hielt, welche lebhaften Änklang fand. Abends fand im Saalbau „Zum Engel" Ball statt.
* Ans der Umgebung. Dem pensionierten Oberbriefträger Georg Becker zu Rennerod wurde das Allgemeine Ehrenzeichen verliehen.
Ein Züchtling ber Strafanstalt Diez benutzte eine günstige Gelegenheit zur Flucht und nahm seinen Weg in der Richtung nach Birlenbach. Da seine Verfolgung sofort ausgenommen wurde, konnte er sich der goldenen Freiheit nicht lange erfreuen.
In Z e i l s h e i m ist der Typhus ausgebrochen. Auf Anordnung des Kreisarztes wurden die Trinkbrunnen der Häuser, in welchen die Erkrankten wohnen, . geschlossen. Ob die Erkrankungen auf schlechtes Trtnkwasser zurück,msühren sind, bezweifelt man. Bei allen Erkrankten ist der Zustand sehr bedenklich: eine Person ist bis jetzt gestorben.
Sport.
* Der Großherzog von Hessen ans de« Opel-Werken z« Rüffelsheim. Am Moniag statteie Se. Kgl. Hoheit der Großherzog von Hessen mit Gefolge den Opel-Werken in Rüsselsheim a. M. einen Besuch ab. Die Herrschaften wurden mit zwei Opel- Automobilen am großherzoglichen Schlosse zu Mainz abgehoir und trafen um 3 Uhr nachmittags in Rüsselsheim ein, wo sie in ber Villa Sophienheim des Herrn Opel abstiegen. Dann wurde ein Rundgang durch die Fabrik unternommen, wobei der Grotz- herzog ein lebhaftes Interesse für den ganzen Betrieb an den Tag legte und sich anerkennend über die verschiedenen Einrichtungen aussprach. In der Automobil-Abteilung der Fabrik gab Se. König!. Hoheit einen Motorwagen zum eigenen Gebrauch «n Auftrag/ Die Heimkehr nach Darmstadt erfolgte ebenfalls auf Opel- Motorwagen und verlies, ebenso wie die Herfahrt, zur größten Zufriedenheit der Gäste. Wie wir hören, soll der Motorwagen, welchen die Opel-Werke sür den Landesfürsten zu liefern übernommen haben, ein Vierzylinder-Wagen in gediegenster Ausstattung sein. _
Gerichtssaal.
* Eine schreckliche Geschichte. Aus K 0 b u r g , 2. Mai, wird geschrieben: Der Oberregisseur der hiesigen Oper, Mahling, hatte gegen die Opernsoubrette Fräulein Jslar Klage erhoben, weil diese behauptet hatte, seine Gattin, die jugendlich-dramatische Sängerin der Hofbühnc, Frau Mahling-Bailly, habe auf einer Probe zum „Freischütz" dem Hcldentenor Bernhardt eine Ohrfeige verabreicht! Da die „Freischütz-Probe-Ohrseigengeschichte" völlig erfunden war, wurde die Verbreiterin dieses Klatsches in erster und zweiter Instanz zu zehn Mark Geldstrafe vernrtetlk.
* Nürnberg, 4. Mai. Das Schwurgericht verurteilte den Vorsteher der hiesigen Zeitungsabteilung, Postmeister Zimmerer, wegen Unterschlagung zu zwei Jahren eineu Monat Gefängnis.
* Ulm, 3. Mai. Wegen zahlreicher Mißhandlungen Untergebener hatte sich heute vor dem Kriegsgericht der 27. Division der Unteroffizier Kasten von der zweiten
Kompagnie des Infanterie-Regiments Nr. 120 zu verantworte. Bevor er in dieses Regiment trat, war er Unteroffizier in W in Weingarten garnisonicrenden Infanterie-Regiment Nr. 13 , und hatte in seiner Korpvratschaft int Winter 1900/01 den Mus!?, ttcr Ebele. Diesen, der später als geistesgestört vom Mtlitij, entlassen werden mußte, hat Kasten nach der Anklage in 38 Faltr, mißhandelt resp. vorschriftswidrig behandelt. Außerdem lautet, die Anklage noch auf je einen Fall von Mißhandlung, vorschxjfjz, widriger Behandlung und Beschädigung von Dienstgegenstände,,, Der Vertreter der Anklage beantragte eine Gesamtstrafe »c,, sechs Monaten Gefängnis und Degradation. Das Urteil lautet, aber wieder sehr milde, nur auf sechs Wochen Mittelarrest. der Urteilsbegründung heißt es, das Gericht habe dem Ange, klagten geglaubt, daß er nicht die Absicht gehabt habe zu aii|, handeln, sondern angenommen, daß er sich lediglich aus Dien«, eifer (!) zu den Tätlichkeiten Hinreißen ließ.
Vermischtes.
* Kaiser Wilhelms Meinung über Sprachenstndinn,.
Bei seinem kurzen Aufenthalte in Mailand hat der deutsche Kaiser im Gespräch mit einem italienischen Gym. nasiasten über ben Sprachunterricht ans den höheren Schulen eine bemerkenswerte Äußerung getan. Der Münchener „Allg. Ztg." schreibt man darüber: Ter
Kaiser hatte,den Grafen Jacini, der jahrelang als italst- nischer Gesandtschastsrat in Berlin gelebt hat, mit seiner Familie auf den Bahnhof gebeten und unterhielt sich während des Aufenthaltes in Mailand mit diesen Herrschaften. Das Gespräch kam dabei auch auf den Gym- nasialnnterricht. Der Kaiser fragte einen Sohn des Grasen Jacini, ob er auf dem Gymnasium auch moderne Sprachen lerne. Die Antwort lautete verneinend, „überall wie bei uns!" rief der Kaiser, und fügte 'dann hinzu, daß nach seiner Meinung schon in den erste« Klaffen der höheren Schulen die modernen Sprachen ge. lehrt worden müßten, womöglich auch Russisch, Chinesisch und Japanisch.
* Ei» neues Maschiuengeschütz und zwei neue Ge» wehre soll ein Bergmann in Schlesien erfunden haben. Das „Oberschles. Tagebl." in Kattowitz erzählt nämlich folgende Geschichte: Am letzten Freitag erschien aus den Bureau des Richthofenschachtes, 5er sich im Besitz der Georg v. Mescheschen Erben befindet, ein einfacher Berg, wann, Schlepper seines Zeichens, um sich Urlaub sür Berlin und einen Vorschuß zu dieser Reise auszübitten» weil er zur Vorstellung ins Kriegsministeriüm geladen sei. Der Mann, der zwar den guten deutschen Namen Albert Ludwig führt und aus Schoppinitz stammt, ist ein Stockpole, der kein Wort Deutsch versteht. Um so berechtigter war der Bureaubeamte, Zweifel in die Richtigkeit seiner Angabe zu setzen und ihn für einen Schwindler zu halten. Doch Albert Ludwig vermochte die Richtigkeit seiner Angabe durch zwei Urkunden zu belegen und folgendes anzugeben. In seinen Mußestunden hat er sich ■mit wasfentechnischen Studien befaßt. Dabei ist es ihm gelungen, eine eigene Art von Maschinengeschütz und zwei neue Gewehrarten zu erfinden. Er ließ sich von einem technischen Bureau in Kattowitz die dazu nötigen Zeichunngen anfertigen und sandte sie dem Kriegs ministe- rium ein. Alsbald bekam er von diesem ein Schreiben, daß seine Zeichnungen dem geheimen Prüfungsausschuß für Waffen überwiesen seien, der ihm weitere Mitteilungen machen werde. Am Freitag voriger Woche erhielt er von diesem Ausschuß ein Schreiben, er möge sich ihm sofort in Berlin zur Verfügung stellen. Das Ganze ist um so wunderbarer, als Albert Ludwig erst gegen 20 Jahre alt ist, noch nicht Soldat gewesen ist und nie ein Militärgewehr in der Hand gehabt hat. Man könnte diese Angaben für einen verspäteten Aprilscherz halten. Doch der Gewährsmann, jener Bnreaubeamte, hat die beiden Schreiben des Ministeriums selbst gesehen und- sich somit von der Richtigkeit der Angaben des Mannes überzeugt. Er gibt an, das technische Bureau habe ihm sofort für seine Erfindung 36 000 M. geboten, sie sei ihm aber dafür nicht feil gewesen. Albert Ludwig ist nach Berlin gereist und von dort noch nicht znrückgekommen. Dem Bureaubeamten der Grube hat er ferner mitgeteilt, daß er sich auch mit der Lösung der Frage beschäftigt habe, wie das Sinken eines schwer getroffenen Kriegsschiffes erheblich erschwert werden könne. Auch diese Ausgabe will er so gut wie gelöst haben.
* Humoristisches. Ein Gewissenhafter. Leutnant: „Karl, morgen bin ich dienstfrei; brauchst mich also nicht zu wecken!" — Bursche: „Um wie viel Uhr
befehlen Herr Leutnant, nicht geweckt zu werden?"-
Stilblüten aus Familienromanen. In der Nacht kam alles an den Tag. — Der Tote schreibt sich Huber. — Sie senkte das niedliche Köpfchen und schaute in die Abendwolken empor. — Das Komitee verteilte 20 Paar Schuhe, womit manche Träne getrocknet wurde. — — Aus der Affäre gezogen. Dame (zum Porträtmaler): „Aber lieber Herr Klexel, warum haben Sie mich denn so alt gemacht?" — „Das tue ich immer so, meine Gnädige, damit die Bilder länger ähnlich bleiben."
Kleine Chronik.
Die Protestationskirche zu Speyer, zu deren Bau in ganz Deutschland, sowie in Amerika gesammelt wurde, wird Mittwoch, den 31. August, festlich eingeweiht werden.
Der älteste Stadtteil Elberfelds, das mehrere Jahrhunderte alte „Island", mit bedeutendem Geschäftsverkehr, oft von Wupper-Uberschwemwungen hcimgesucht, verschwindet in diesen Tagen und wird modernen Straßcnzügen in hochwasserfreier Lage Platz machen.: Nur durch Bildung einer Genossenschaft, welche von der Stadt finanziell unterstützt wurde, war es möglich, dieses große Projekt durchzuführen.
Hochstämmige Lorbeerbäume sind jetzt zu Seiten dei Denkmalsanlagen vor dem Brandenburger Tor in Berlin in Kübeln aufgestellt worden. „Das wird wohl", meint die „Tägl. Rundschau" ebenso richtig als sarkastisch, „der einzige Lorbeer sein, der diesen „Denkmals-s anlagen" blüht."
Im Irrsinn. In Hannover schlug in einem Ansalli von Geistesgestörtheit die Frau eines Formevmeisters im Streit ihre Flurnachbarin mit einem Beil auf den Kops; da die Bedrohte sich aber bückte, so wurde sie nicht schwer verletzt. Dann ging die Frau mit ihren beiden Kindern (von 7 und IV 2 Jahren) an die Ihme, um sich und die Kinder zu ertränken. Der größere Junge hielt
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