1915,
Der Roman.
Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagbiaiis. c
D
Nr. 237.
Sonntag, 10. Oktober.
1915.
tll. Fortsetzung.) §• HT 0 $• ®ftllC ! (Nachdruck verboten.!
Roman von Otto Elster.
Am übernächsten Morgen dampfte denn auch Las große Motorboot „Libelle" den gewaltigen Jangtse- Strom hinauf durch das Gewirr des Hafens und der Schiffe aller Art, die dort vor Anker lagen. Leichte Ruderboote schossen hin und wieder. Schwere Fracht- dainpfer keuchten stromauf und -ab, schlanke Segelboote flogen wie leichtbeschwingte Möwen dähin und plumpe und breite chinesische Dschunken zogen schwerfällig über den breiten Strom, den „Sohn des Weltmeers", wie ihn die Chinesen nennen. Volkreiche Städte breiteten sich an seinen grünen Ufern aus und auf den Kais und in den Häfen wimmelte es von Menschen aller Rassen und Farben; einsame Chinesendörfer versteckten sich in den den Flußlauf begleitenden Bergen, und von manchem Hügel schauten ernst die grauen Mauern eines buddhistischen Klosters nieder in das Dal.
Dann tvard es immer einsamer und menschenleerer. Der große Verkehr hörte auf; nur hin und wieder begegnete den Reisenden ein Dampfer, dafür aber mehrten sich die chinesischen Dschunken, die langsam stromaufwärts zogen.
Die Berge traten dichter an «das Ufer heran; die tropische Natur entfaltete ihre Wunder und Reize in vollem Miaße.
Nach einer Fahrt von einigen Tagen erreichte die Libelle" Jtschang. Hier drängte sich der Strom zwischen gewaltigen Felsen hindurch; große Felsblöcke lagen in dem Nutzbett und brausend und zischend 'schoß der Strom durch und über die Felsen. Größere Fahr- euge konnten diese Stromschnellen nicht passieren; nur ie leichten chinesischen Boote glitten gefahrlos über die brausenden Wasser hinweg.
Jtschang selbst war ein schmutziges Chinesendorf, das sich einem schluchtähnlichen Dal hinaufzwängte: aber ein weites Gebiet öffnete sich jenseits der Berge, von äußerster Fruchtbarkeit und stark bevölkert. Deshalb hatte die deutsche Mission auch hier auf der halben Höhe der Berge ihre Station errichtet und die Firma Petersen und Sohn eine Faktorei angelegt, die ihre Waren unter der Bevölkerung vertreiben und die Erzeugnisse der chinesischen Kultur und des chinesischen Gewerbes einhandeln sollte.
Der Faktoreilciter Herr Krause, eine vierschrötige Gestalt, dessen Gesicht ein dichter, brauner Vollbart bedeckte, empfing die Reisenden in dom kleinen Hafen des Städtchens mit einem freudigen Willkommen. Auch Doktor Schaffer, der Vorsteher der Mission, war erschienen, schüttelte Fred freundschaftlich die Hand und begrüßte Käthe in liebenswürdigster Werse.
„Ich würde Ihnen Vorschlägen, Herr Schuhuracher", sagte er freundlich, „Ihre Fräulein Schwester bei mir in der Mission einzuquartieren. Meine Frau wird sich herzlich freuen und in der Faktorei ist doch wenig Platz
namentlich für eine Dame."
„Ich nehme Ihren Vorschlag gern cm, Herr Doktor", ßntgegnete Fred. „Und ich glaube, auch meine Schwester Wird einverstanden sein."
Auf Käthe hatte der Missionar ans den ersten Blick einen angenehmen Eindruck gemacht. Sein glattrasiertes Gesicht zeigte einen Ausdruck von freundlich-ernster Milde, die sofort sympathisch berührte, und seine grauen Augen blickten so sanft und freundlich, daß man Zutrauen zu ihm fassen mußte.
So nahm Käthe denn gern seine Einladung an und zog mit ihm zur Mission hinauf, gefolgt von ihrer indischen Dienerin, der kleinen zierlichen Maja mit den großen, dunkelbraunen Rehaugen, während sich Fred mit Krause nach der Faktorei begab, die dicht am Flusse errichtet war.
Am Wege standen die Einwohner und vor den Düren der armseligen Hütten hockten die Frauen und Kinder. Manche von ihnen grüßten den Missionar ehrerbietig, aber die meisten, ihauptsächlich die Männer, sahen ihm und 'einer Begleiterin «mit finsteren, gehässigen Blicken nach.
„Sie kommen zu einer unruhigen Zeit", sagte der Missionar ernst. „Im Lande jenseits der Berge treiben politische Agitatoren ihr Spiel und Hetzen die Bevölkerung aus. Diese Bewegung, die sich gegen die Gesetze und Verordnungen der neuen Regierung richtet, hak auch schon in unseren Distrikt übergegriffen. Dazu kommt, «daß die chinesischen Arbeiter der Faktorei streiken; sic sind mit Herrn Krause unzufrieden, der ein etwas barscher und harter Herr ist."
„Auch in Schanghai hörte man von den Unruhen", entgognete Käthe. „Aber man meinte, daß die Fremden nichts zu fürchten hätten-"
„Vorläufig wohl nicht", sagte der Missionar, „obgleich die Agitatoren den Fremden die Schuld an den neuen Gesetzen der Regierung zuschreiben. Wenn aber die 'Volksleidenschaft einmal erwacht ist, kann man ja nie wissen, nach welcher Seite hin sie sich entladet. Wh habe aber unter den hiesigen Einwohnern Viole Freunde, so daß wir hier nichts zu fürchten haben. Doch da sind wir zu Haars — seiin Sie herzlich willkommen."
Die Missionsstation befand sich auf halber Höhe der Berge. Sie bestand aus einen: Wohnhaus, das von einer schattigen Veranda umgeben war, einer kleinen Kirche, einem Schulhause, in dem der Missionar die Kinder der christlichen Chinesen unterrichtete, mehreren Stallungen und einem großen Garten. Das alles war von einem hohen Palrsodenzaun umgeben und machte einen traulichen, freundlichen Eindruck. Im Gegensatz zu den Gehöften der Chinesen herrschten hier die größte Sauberkeit und Ordnung; man merkte es, daß hier eins deutsche Hausfrau das Szepter schwang.
Frau Schäffer, eine kleine resolute Frau mit freund'- lichen, braunen Augen, begrüßte Käthe mit großer Herzlichkeit.
„Ich freue mich sehr, einmal wieder mit einer deutschen Frau plaudern zu können", versicherte sie, indem sie Käthes Hände kräftig schüttolte. ,-Mtt der Chinesen^ ggsellschast ist ja doch nichts anzufanaen." , i
