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Samstag, 9. Oktober 1915.
Kbend »Kusgabe.
Nr. 472. ^ 63. Jahrgang.
Oer diplomatische Bankerott des Vierverbandes.
Man war früher vielfach.geneigt, der Diplomatie der Bierverbandsnrächte, namentlich ciber Englands und Rußlands, eine ganz besonders große WirLsamkeit und Klugheit zuzuschreiben. Und gewiß hat diese mit allen Mitteln arbeitende und in allen Wassern gekochte Diplomatie manche Erfolge auf dem Gebiete der Verhetzung und der Unterminiertätigkeit erzielt. Auf dam Balkan aber hat hie Diplomatie des Bierverlbandes ein glanzendes Fiasko erlitten.
Hier wurde von den diplomatischen Gehilfen der Grey und Genossen mit Hochdruck gearbeitet, um die wankende Sache des Bierverlbandes zu stützen; hier ließ man alle Mnen der il b e r r e d u n g s k u n st, «der Drohung, der Schmeichelei, der himmelhohen Versprechungen springen. Intrige und Gold spielten ihre Rolle. Bulgarien und Griechenland und Rumänien — man glaubte bestimmt, daß man diese drei Staaten im kritischen Moment als hilfsbereite Bundesgenossen würde begrüßen können.
Aber es ist anders gekommen. Die Vernunft und die ruhige staatsmänniscke Überlegung haben über alle diplomatischen Künste und Schliche gesiegt. Das ist eine Tatsache, die auch vom Standpunkt der politischen Moral aus nur mit freudiger Genugtuung begrüßt werden kann. Aus die Dauer siegen denn doch in den Erwägungen der Staaten, die nicht blinder Haß und uinge- zügelter Ausdchnungstrieb beseelen, die Gesichtspunkte des wohlverstandenen eigenen nationalen Interesses gegenüber den Ausgeburten phantastischer Probleme und Wünsche.
Mit dem Vollzug des türkisch-bulgarischen Vertrages war den Vierverbandsmächten bereits das Trumps-As aus ihren: diplomatischen Kartenspiel entglitten. Das russische U l t i ma tum an B ul- g a r i e n war eine weitere Niete. Mit dem Verhalten von Rumänien und Griechenland ist nun jetzt das Spiel der Entente völlig verloren gegangen. Darüber dürste man sich in London und Paris, in Rom und Petersburg kaum noch irgendwelchen Illusionen hingeben.
Rumänien verharrt in kühler Reserve. Und dem König sowohl als Herrn Bratianu wird man wohl das Zeugnis ausstellen dürfen, daß sie sich in ihrer Politik nicht von Augenblicksströmungen und auch nicht von lärmenden Straßenkundgebungen, sondern lediglich von wahlabgewogenen staatsmännischen Gesichtspunkten haben leiten lassen. Die noch vor kurzem vielleicht gehegte Hoffnung des Dierverbandes aus Rumänien dürste zuschanden werden.
In Griechenland hat sich König Konstantin wiederum als der energische rmd ziechewußte Staatsmann und Führer seines Volkes erwiesen, als den man ihn schon in einer früheren kritischen Situation erkannt hatte. Und dies ist um so bewundernswerter, als er von schwerster Krankheit kaum genesen ist — ein Moment, das schwächere Naturen besonders leicht eindringlichen Zuslüsterungen und Beeinflussungsversuchen zugängig machen könnte. Wer König Konstantin ist eine starke Natur, ein Mann, der voll erfüllt ist von der gewaltigen Verantwortung, die jetzt auf den Staatsmännern seines Landes ruht. Es ist sicher nicht leicht, dem Andrang des Vierverbandes zu widerstehen und sich den Truppenlandungen ernsthast zu widersetzen. Wer der König hat es getan, und er hat zum zweitenmal den Günstling des griechischen Volkes, Herrn Venizelos, gehen lassen, von dem er mit Recht annehmen konnte, daß er das Land unheilvolle Pfade führen würde. Mit großer Schnelligkeit ist trotz der kritischen Lage ein neues Ministerium gefunden worden, das in seinen Persönlichkeiten die Gewähr dafür bieten dürste, daß die auswärtige Politik Griechenlands nicht aus Abenteuer ausgehen, sondern sich in den ruhigen Bahnen der Neutralität halten wird — einer wirklichen Neutralität, wie sie für das Wohl des Landes allein ersprießlich sein kann.
Die Balkaustaaten, mit Ausnahme des verblendeten Serbiens, das einem schlimmen Schicksal ent- gegensieht, haben sich von der englisch-russisch-französi- schen Bevormundung losgelöst. Sie wollen zeigen, daß sie selbständige Entschlüsse nach ihren staatlichen Interessen fasten wollen. Dies bedeutet den diplomatischen Bankerott der Dierverbandsstaaten auf dem Balkan, der sich .würdig anreiht den bisherigen strategischen Mißerfolgen auf der ganzen Linie-
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Strengste Neutralität Griechenlands.
W. T.-B. Paris, 8. Okt. (Nichtamtlich.) Das „Petit Journal" meldet aus Athen: Nach Auskünften aus offiziöser Quelle soll das neue Kabinett gemäß dem Willen des Königs entschlossen sein, die strengste
Neutralität zu beobachten. Der König erklärte, er wolle mit keiner der Kriegsparteien, weder mit Deutschland und Lstcrreich-Ungarn noch mit Frankreich und seinen Verbündeten in einen Konflikt geraten.
weitere Einzelheiten über die letzten Ereignisse in Griechenland.
Die Politik Venizelos schon immer ein dunkler Punkt. — Die Neutralität des neuen Kabinetts. — Zur Truppenlandung in Saloniki.
W. T.-B. Mailand, 8. Okt. (Nichtamtlich.) Der oft gut unterrichtete Sonderberichterstatter des „Corriere della Sera" in Athen gibt unter dem 6. Oktober interessante Einzelheiten über die letzten Ereignisse in Griechenland. U. a. teilt er. mit, daß bei Bekanntwerden der Demission Venizelos Kundgebungen mit Hochrufen auf den König stattfan- ten, denen bon keiner Seite auch nur im geringsten wider-, sprachen wurde. Das Werk Venizelos', der immer angegeben habe, mit dem König eines Sinnes zu sein, während ihre Anschauungen immer auseinandergingeu, habe seit Anfang der Mobilmachung an einem Spinngewebefaden gehängt. Mit srbhllischen Phrasen habe der Ministerpräsident immer von vollem Einverständnis mit dem König gesprochen, wobei er aber immer nur von angeordneten oder zukünftigen Maßnahmen gesprochen habe und nicht von der Politik, die immer ein dunkler Punkt in der Situation geblieben sei. In einem unlängst gewährten Interview, das Venizelos nicht zu telegra- pbieren erlaubte, habe Venizelos sich über einen Punkt nicht festlegen wollen. Er habe nur gesagt, so lange er am Ruder sei, bedeute dies, daß er und der König einig seien. Aber so batte es nicht weiter gehen können, ohne die Ententemächte regelrecht zu betrügen, die einzig und allein im Vertrauen auf Venizelos ihre Soldaten ausschifften und ihre Vorbereitungen getroffen hätten. Bevor sich die Krisis zugespitzt habe, hätte Venizelos das Bedürfnis gefühlt, sein Verhältnis zur Krone zu klären, um nicht nachher in der Patsche zu sitzen. Daher seine Äußerungen in der Kammer, infolge deren der König Venizelos zu sich rief, worauf die Demission erfolgte. Bevor Venizelos den König verließ, habe er ihm den Gedanken eines Koalitionskabinetts unter Zaimis entwickelt. Dies neue griechische Kabinett, so schreibt der Berichterstatter, versuche eine versöhnliche Politik dem Vierberband gegenüber zu befolgen, da es Repressalien zur See vermeiden solle. Es sei daher möglich, daß die von dem Vier- verband verlangten Garantien für den Durchzug der Truppen an der Grenze bei Saloniki gewährt werden. Man habe übrigeqß endlich gleichlautende Nachrichten über die Landung französischer Truppen in Saloniki. Die ersten Verbände hätten sich kompagnieweise nach S a n to P ar a s k en begeben, wo Feldlager errichtet seien. Eine zahlreiche Volksmenge längs der Straße hätte sich zurückhaltend verhalten. Der Eindruck der griechischen Truppen sei sehr gut gewesen. Gemischte Wachen aus französischen und griechischen Soldaten hätten verhindert, daß die gelandeten Soldaten Saloniki betreten. Der Transport der Truppen nach Serbien solle mit 500 serbischen Wagen erfolgen; dies sei aber infolge der Ministerkrise vorerst verschoben worden.
Ein Vertrauensvotum der Kammer für das neue Kabinett Zaimis in Aussicht.
Die venizelistische Kammcrmehrheit dürfte sich fügen.
W. T.-B.Paris, 8. Okt. (Nichtamtlich.) Der „Agence Havas" meldet aus Athen: Die Landungsoperationen der Verbünideten in Saloniki dauern an. Man sagt, Zaimis unterhandle lmit Venizelos, um in der Kammer ein Vertrauensvotum zu erhalten. Zaiinis erklärte Venizelos. ein Toleranzvotum würbe der Regierung nicht die notwendige Autorstät geben, um die ernsten Probleme des Tages zu lösen.
W. T.-B. Paris, 8. Okt- (NichtamÄich.) Die „Agence Havas" berichtet: Nach Ansicht einer hochgestellten Per- sünliästeit wird die venizelistische Mehrheit der neuen Regierung keine Opposition- machen, um in der augenblicklichen Lage neue Verwicklungen zu vermeiden. Da das Land sich in der Mobilmachung befindet, würde eine Auslösung des Parlaments eine sehr verworrene Lage schassen, «denn die Verfassung gestattet nicht, während dieser Zeit Wahlen auszuschreiben.
Die fortgesetzten Eruppenlandungenin Saloniki
Berlin, 9. Okt- (Zeus. Bln.) Nach Rotterdamer Meldungen in verschiedenen Morgcnblättern wurden die Truppenlandungen in Saloniki am Mittwoch den ganzen Tag fortgesetzt. — Der Pariser Sonderberichterstatter eines Genfer Blattes will aus guter Quelle erfahren haben, daß Serbien ein H i I f s h e e r von 120 000 Franzose» und 30 000 Engländern versprochen worden sei. — Der König von Montenegro soll seinem Schwiegersohn telegraphiert haben, daß eine 60 000 Mann starke montenegrinische Armee die Offensive ergreifen werde.
Die Ueberraschung u. Enttäuschung inFrankrelch
W. T.-B. Paris, 8. Okt. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Die griechische Krisis hat in Frankreich lebhafte Überraschung
bervorgerufen. Die Presse spricht von einem Theatercoup und Staatsstreich. Sie erklärt, man habe eine solche Entwicklung nicht erwarten können. Die tieferen Gründe der Absetzung Venizelos, welche eine schwere Enttäuschung für die Alliierten und kein Erfolg ihrer Diplomatie seien, seien noch unbekannt. Die Folgen des wichtigen Ereignisses seien vorläufig unabsehbar. Es sei wohl ausgeschlossen, daß Griechenland für die Mittelmächte Stellung nehmen werde. Die Expedition der Alliierten nach Mazedonien sei aber keineswegs in Frage gestellt. Selbst die neutrale Haltung Griechenlands könne hieran nichts ändern. Allerdings wäre die Expedition der Alliierten durch die Mitwirkung Griechenlands bedeutend erleichtert worden Die Mitwirkung Griechenlands hätte wahrscheinlich auch . Rumänien zum Eingreifen veranlaßt. Dieser Vorteil sei nun hinfällig. Fraglich sei, ob irgend ein griechisches Kabinett in Übereinstimmung mit dem Parlament eine andere Politik durchführen könne als die, welche Venizelos in der Kammer entwickelt hat und die von der Kammer gutgeheißen wurde. Der „Temps" erklärt, die Alliierten werden den Weg „ach Serbien fortsetzen. Dies ist die Hauptsache, denn die Ereignisse haben wieder einmal gezeigt, daß im Orient nur Taten fehlen. Die begonnene Unternehmung muß schnell ausgeführt werden, und zwar mit Kräften, die zum Gelingen genügen. Unter dieser Bedingung wird sich die Krise, die den ganzen Balkan erschüttert, zu unseren Gunsten (!) lösen. — Diese Auffassung des ..Temps", daß sich die Balkanlage schließlich noch zugunsten des Vierverbands wenden werde, wird von der übrigen Presse geteilt. j
Der Schrecken in England über venizelos' Rücktritt.
Sr. Amsterdam, 9. Okt. lEig. Drahtbericht. Zeus. Bln.)
Der Berichterstatter des „Nienwen Rotterd. Courant" drahtet aus London: Die Stimmung des BolkeS war feit längerer Zeit nicht so gedrückt wie heute. Der Fall von Warschau hat die Engländer nur halb so betroffen wie der Fall Venizelos'. Man muß zu den Tagen von Namur und A n t w e r p e n zurückgreifen, um eine ähnliche Verblüffung und einen ähnlichen Schreck in England zu finden, znmal die englischen Berichterstatter, namentlich der der „Morning Post", mit ihren Berichten aus Athen den Glauben erweckt hatten, die große Mehrheit des griechischen Volkes wolle an der Seite der Verbündeten kämpfen.
Die Wirkung von Venizelos'Rücktritt an der Londoner
W. T.-B. London, 9. Okt. (Nichtamtlich.) Ein Citybericht der „Morning Post" sagt: Die Philosophie der Fondsbörse hat in den letzten Monaten manche Stöße ertragen, zeigte sich aber bei der Ankündigung des Rücktritts Venizelos' nicht ganz schuß fest. Als die Zeitungsplakate in der Throg- morton-Street erschienen, starrten die Börsenmitglieder, die frühstücken gingen, in blassem Erstaunen, stürzten aus die Zeitungen, und brachten sie zur Börse; wenige Minuten später erörterte die ganze Börse die Lage. Zuerst glaubte man die Nachricht nicht. Botenjungen wurden bei den Telegraphen» apparaten ausgestellt, um sofort die amtlichen Nachrichten zu melden. Allmählich verstärkte sich der Eindruck, daß die deutsche Tücke die Maschine in Bewegung gesetzt habe. Niemand versuchte, den vermutlichen Ernst der Entwicklung zu leugnen, aber die Preise ertrugen die Nachrichten ziemlich gut. Der „Daily Ehronicle" sagt in seinem Leitartikel: Ein starkes Geschwader müßte den Truppentransport nach Saloniki begleiten. Vielleicht wäre auch der freundliche Besuch eines anderen Geschwaders in anderen griechischen Gewässern zweckmäßig.
Ein Ersuchen der Entente an den neuen griechischen Ministerpräsidenten.
Br. Amsterdam, 9. Okt. (Eig. Drahtbericht. Zeus. Bln.) Reuter meldet aus Athen: Die Gesandten der Entente er- suchten den Ministerpräsidenten Z a i m i s um eine Erklärung über die Politik der neuen Regierung. Zaimis sagte eine Antwort nach der ersten Zusammenkunft des Kabinetts zu.
General Sarrail nach Saloniki abgsrsist.
vv. T.-B. Paris, 9. Okt. (Nichtamtlich.) „Journal" meldet: Der Oberbefehlshaber der Orientarmee General Sarrail verlieh Mittwochabend Paris, um sich nach Toulon zu begeben, wo er sich auf dem Seeweg nach Saloniki begibt. Der Generalstab von Sarrail reiste gleichzeitig ab.
Heftige Angriffe der „Daily Mail" auf die englische Diplomatie.
W. T.-B. London, 9. Okt. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Die „Daily Mail" greift die Regierung wegen des Verhaltens der britischen Diplomatie in einem Leitartikel: „Haben wir ein Auswärtiges Amt", an und schreibt: Die britische Gesandtschaft und das Auswärtige Amt scheinen durch Bulgarien gänzlich irregeführt worden zu sein. Großbritannien darf in diesem Kampfe um das Bestehen nicht solche Dummheit begehen.
Das dänische Regierungsblatt zum Siege der Politik König Konstantins.
W. T.-B. Kopenhagen, 8. Okt. (Nichtamtlich.) „Politiken" schreibt: Es ist dem König Konstantin geglückt, einen Nachfolger für Venizelos zu finden, wenn nicht die Zusammensetzung deS Ministeriums noch im letzten Augenblick zerbricht. Der
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