5a. Jahrgang.
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Mg. 188. Berlags^erusprecher No. 295»
Dienstag, den 5. April.
Redaktions-Ferufprecher No. 52.
1994 .
Kbend-Ausgabe.
_ 1. Matt.
Tibet.
L. Berlin, 2. Zlpril.
Dis Vorgänge in Tibet erregen gespannte Aufmerksamkeit in hiesigen Politischen Kreisen. Man weiß aus dem vor Äuigeu Wochen veröffentlichten britischen Blaubuch über die tibetanische Frage, tvelche scharfen Gegensätze zwischen England und Rußland schon im Beginn der englischen Aktion hervorgetreten waren. Als sich der russische Botschafter in London im Aufträge des Graf«: Lambsdorff über die britischen Zettelungen in Tibet beschwerte, wurde ihm mit einer im diplomatischen Verkehr sonst nicht gebräuchlichen Schärfe erwidert, Rußland fraSe sich am wenigsten über Länderraub zu beklagen, da es selber überall an seinen Grenzen der Störenfried sei. Auf diese höchst unfreundliche Vorhaltung wurde russischerseits nichts Mtgegnet, wenigstens weiß das erwähnte Blaubuch über eine Antwort von Petersburg her nichts zu berichten. Der Ausbruch des Krieges mit Japan mußte freilich die russische Politik zunächst von der Verfolgung ihrer durch den englischen Vormarsch bedrohten Interessen nördlich des Himalaya abspnken. Ob sich Rußland aber fetzt noch passiv verhalten wird, wo die britische Politik augenscheinlich auf die Einverleibung des tibetanischen Hochlandes in die indo-britische Interessensphäre airsgeht, diese Frage ist darum von so weittragender Wichtigkeit, weil es von ihrer Beantwortung abhängen wird, ob zwischen den beiden Mächten ein schwerer Konflikt entstchen soll. Wenn man von den Äußerlichkeiten absieht, wenn man es also, wie selbstverständlich, gelten lassen muß, daß der englisch-russische Gegensatz nach der formellen Seite hin nicht gleichbedeutend mit dem russisch- japanischen Kriegszustände sein kann, so bleibt als Kern der Sachlage doch bestehen, daß England gegenwärtig bereits als Bundesgenosse Japans aktiv auftritt, indem es den russischen Eroberungstendenzen auf dem asiatischen Kontinent wirksam von Süden her entgegenairbeitet. Was England gewinnt, das verliert Rußland unter allen ^Umständen, und wenn England seine Macht bis weit über den Himalaya hinaus, bis an die östliche Grenze des russischen Turkeftans, verschiebt, so würde das für das Zarenreich eine Schmälerung auch dann bedeuten, wenn es ihm möglich wäre, die Mandschurei zu behaupten. Auf die weitere Entwickelung der Dinge in Tibet darf man somit wohl begierig sein. Das Blaubuch über
Tibet ließ mit der Bestimmtheit der Sprache, die die britischen Aktenstücke führen, keinen Zweifel darüber, daß man es hier mit einer groß angelegten Aktion zu tun hat, zu der sich die Staatsmänner an der Themse nicht gerade leicht entschlossen haben mögen, zu der sie vielmehr erst nach Längeren eindringlichen Vorstellungen seitens des Vizekönigs von Indien gebracht worden sind. Aber nachdem England sich einmal in dies Unternehmen
eingelassen hat, wird es auf halbem Wege nicht stehen bleiben wollen und auch nicht stehen bleiben können.
*
wb. Tun«, 3. April. (Reuter.) Nach dem Gefecht mit den Tibetanern ließen mehrere Ärzte und Krankenpfleger auch den tibetanischen Verwundeten Hülfe zuteil werden. Am nächsten Tage wurde auf Tragbahren, die von Tuna geschickt wareu, eine große Anzahl tibetanischer Verwundeter nach Tuna gebracht. Alle bezeugten große Dankbarkeit für die Pflege, die ihnen zuteil wird. Der politische Charakter der Mission, die noch bis Gyangtse Vorgehen wird, wird durch das Gefecht keine Änderung erleiden.
wb. Tuna, 3. April. (Reuter.) Oberst Ijounghus- band erhielt vom Vertreter Chinas in Lhassa ein Schreiben, in dem dieser mitteilt, er wünsche mit dem englischen Vertreter zusammenzntreffen, der Dalai Lama weigere sich aber, ihm die Reise zir ermöglichen. Cr be- absichtige daher jetzt nach Gyangtse zu kommen.
bd. London, 5. April. Die radikalen Blätter fahren fort, die Tibet-Expedition scharf zu kritisieren und kündigen der Regierung eine heftige Preßfehde an.
Ter Vormarsch der Engländer von Phari aus hat jetzt zu dem ersten Zusammenstöße mit den Tibetanern geführt, welch letztere natürlich schwere Verluste erlitten. Da diese Expedition die Aufmerksamkeit Rußlands mtf jeden Fall im höchsten Grade erwecken nmß, so wird es interessant ■ sein, abzuwarten, was in den nächsten Tagen erfolgen wird. Rußland kann ja zurzeit feine Kräfte nicht zersplittern, denn auch in Ostasien bedarf es aller Anstrengungen, um der JapanerHerr zu werden. England könnte daher ganz gut im trüben fischen. Ob aber Rußland nicht, wenn es in Ostasien glücklich sein sollte, auf einen plötzlicheir Flankenangriff der Engländer bedacht sein >muß, durch derr die Engländer ihren Bundesgenossen eine Erleichterung verschaffen wollen, ist eine andere Frage. Rußland nmß auf jeden Fall seine Grenze schützen und da- zu bedarf es großer Machtmittels
Noirtische Übersicht.
Zur Nunziaturfragc.
Es ist kaum nötig, daß uns offiziös lang und breit auseinandergesetzt wird, warum die Gerüchte über die Errichtung einer Nunziatur in Berlin unzutreffend sein müssen. In dieser Beziehung liegen die Verhältnisse für jeden unbefangenen Blick ohne weiteres so klar, daß von einer Beunruhigung über die angeblich eifrig betriebenen Pläne des Vatikans, sich in Berlin dauernd diplomatisch vertreten zu lassen, nirgends etwas wahrzunchmen ge-
Die Mxe.
Eine Petersburger Geschichte.
Von Fürst Golitzyn-Murawlin.
. Sie hatte kaum das achtzehnte Jahr vollendet, und doch, o Gott! wieviel Leid' hatte sie schon erfahren, welches Mißgeschick war über sie, die arme Waise, nicht schon hereingdbrochen . . . Sie war gänzlich verwaist; den Vater hatte sie niemals gekannt, die Mutter war vor fünf Zähren gestorben ... ihr Kind auf der Straße lassend.
letzten Worte der Sterbenden waren: „Warja, nimm M in acht vor den bösen Menscher: . . . das Tier des Waldes ist nicht so schrecklich, wie der böse Mensch . . . behalte meine Worte, behalte sie immer im Gedächtnisse!" Warm zählte damals erst dreizehn Jahre, aber sie wußte bereits, daß es auf der Welt böse Menschen genug gebe; hatten diese doch sie und ihre Mutter während eines ent- letzuchen Frostes, nur mit dünnen Hauskleidern angetan, auf die Straße hinausgestoßen. Warja wußte, daß chnen deshalb so geschehen, weil die Mutter seit drei ^sVtüten die Miete für die Höhle, die sie in einem Erdgeschosse bewohnt hatten, rückständig geblieben war; der Hausherr, ein pensionierterBeamter, hatte sie ausgewiesen, ow ihnen gehörigen armseligen Gerätschaften, darunter vuch einen charmen Mantel, zur Deckung für die schuldige - stete zurückbehaltend. Ihre alte Mütter, die ohnedies Eidend war, erkrankte, nachdem sie im leichten Kleide oenr Frost einige Stunden lang ausgesetzt gewesen war, so lchwer, daß sie am selben Tage noch in ein Spital mußte.
■ . Warja war mit ihr dahingegangen; da sie aber bst gesund war, so mußte sie der diensttuende Arzt vor lern» wieder aus der Wärme der Krankenstube auf die sitraße hinausschicken, und so stand Warja wieder, in ^snem leichten Kleidchen und mit einem durchlöcherten jauche auf dem Kopfe, mitten auf der eisbed-eckten Straße, war allein, ganz allein; niemand achtete ihrer, nie- w dem ganzen, großen Petersburg. Sie wußte mcht, wohin sie sich wenden solle, und dabei war es so a *t,.... und gegessen hatte sie auch nicht seit dem gestrigen Tage . * . Die .Arme war zum Krankenhaus
zurückgegaugeu; doch der Türhüter hatte sie nicht einmal dm Flur betreten lassen.
^ „Wohin willst du?" herrschte er das unglückliche, ourch die Kälte ganz erstarrte Mädchen an.
„Onkelchen, mir ist so kalt, so entsetzlich kalt!" ant- wo riete ihm Warja flehenden Tones.
„Nun, dann gehe nach Hause, wenn dir kalt ist! Was streichst dir da herum, neben dem Spitale?"
„Onkelchen, ich habe ja kein Haus!"
^Was, was soll das heißen, du hast kein Haus?"
„Ich habe keines, keines mehr; man hat uns 'auf die Straße 'geworfen, Onkelchen, Mütterchen hat man aber ins Spital ausgenommen, und ich stehe jetzt hier. Onkelchen, laß mich auch hinein .... ich kann lesen, ich werde dir Es den Büchern' vorlesen . ., . ."
Tie Tränen des unglücklichen Geschöpfes rührten den Türhüter. @r führte Warja in ein Gemach des Erd- geschosses, das ihm zur Wohnung diente. Dort übergab er das Mädchen seiner Gattin.
„Ich habe dir einen Gast gebracht", wandte er sich an diese. „Sieh, sie sagte mir, daß sie kein Obdach habe und daß ihre Mutter hier bei uns liege, auf dem Zimmer der Schwerkranken. Sie mag bei uns übernachten."
„Meinetwegen, sie soll da bleiben, es macht ja nichts."
Gütiger Gott, wie paradiesisch erschien der armen, halb erfrorenen Warja das niedere Erdgeschoß. Und als ihr dann auch die gute Frau eine Tasse heißen Kaffee vorsetzte und ihr noch ein Stück Brot mit Salz gab, lebte sie förmlich neu auf und erschien sich die Glücklichste unter den Sterblichen.
Am folgenden Tage, gegen Mittag, wurde Warja zur Mutter herein ins Krankenzimmer gelasseri. Dre kranke Frau erkannte ihre Tochter mrd freute sich ob ihres Anblickes.
„Run, gelobt sei Gott!" sagte sie; „ich habe schon geglaubt, sterben zu müssen, ohne dich gesehen zu haben."
Und dann, dann hatte sie dem Töchterchen jene Worte gesagt, von den „bösen Menschen", vor denen man so sehr auf seiner Hut sein müsse, mehr als vor den Tieren des Waldes. Eine Stunde später starb die Frau, und eine weitere Stunde später vernahm Warja vom Portier, daß
man ihre Mütter in einer Art von Truhe weggeführt habe.
„Onkelchen, wohin hat man mein Mütterchen denn geführt?" drang Warja in ihn, während heiße Tränen über ihre Wangen rollten.
„In die Wiborgstrahe hat man sie geführt, selbstverständlich. Man wird sie zerschneiden", fügte der Portier teilnahmslos hinzu.
„Warum zerschneiden, Onkelchen, weshalb zerschnei- den? Sie hat doch niemals jemandem etwas Böses getan. Ich will es nicht geschehen lassen, daß man sie zerschneidet!" schrie Warja und zog das Kopftuch vor das tränenüberströ-mte Gestchtchen. „Onkelchen, wo ist denn die Wiborgstraße?" fragte sie dann den Portier in entschlossenem Tone.
„Warum denn, willst du etwa hinlaufen? . . . So gehe! Gehe diese Straße entlang immer geradeaus, dann kommst du über eine Brücke . . . uiid dann, dann mußt du weiter fragen. Aber siehe, Kind, zu uns darfft du iricht mehr zurückkommen; wir haben es auch ohne dich enge geniig."
Bald stand das arme Mädchen vor dem Tore eines großen Gebäudes. Mit Mühe Märte sie dem dort postierten Beamten ihre Angelegenheit. Dieser, ein guter, alter Mann, streichelte die Wangen des Kindes. „Ei, ei, du armes, schwaches Ding; sieh', sich', du bist ja ganz erfroren, Herzchen! Geh', geh' zu meiner Frau und erwärme dich ein Wenigs"
„Ich danke dir, Onkelchen! Mir ist sehr, sehr kalt; aber ich fürchte, daß man mein Mütterchen zerschneiden wird, weirn ich mich aufhalte."
„Nein, liebes Herzchen, fürchte dich nicht. Ter Pro- fossor komnrt erst morgen zur Vorlesung; früher wird man sie nicht sezieren und morgen, morgen werden wir zu ihm gehen" . . . beruhigte sie der gute Alte und führte sie in seine Wohnung. Und dank der Fürbitte des alten Kriegers wurde auch die Mutter des Kindes am nächsten Tage nicht der Sezierung nnterivorfen, so,n- dern auf den Uspenjer Friedhof gebracht und dort be- stattet.
Ter Beerdigung wohnten nebst Warja auch der alte
