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Zreitag, 8. Oktober 1913.

Kbend-5lusgabe.

Nr. 470. . 63. Jahrgang.

Oer neue valkankrieg.

Zar Nikolaus ist OberbefehlAhaber nur noch über das russische Heer, nicht aber über ben Balkan. Seine Rolle als 'Säiiedsrichter ist dort ausgespielt, seine Ukase fin­den keine Beachtung mehr, und sein Ultimatum an Bul­garien hat eine runde Ablehnung erfahren, so baß der Vievverbcmd nach dieser Abfuhr wohl oder übel bie biploinatischen Beziehungen abbrechen mußte. Was nun? Wenn die Herren in London, Paris, Petersburg und Rom logisch handelten, müßte bie Kriegs­erklärung alsbald folgen, müßte dieser neue Balkan- krieg schon jetzt beginnen. Wer allem Anschein nach hat inan sich innerhalb der BierverbaNdsdiploimatte, deren Zerfahrenheit immer 'größer wird, über die weiteren Schritte noch nicht geeinigt. Doch was auch die Entwicklung auf dem Balkan mit sich bringt, in Bul­garien ist man darauf gefaßt und g e r ü st et. Das Organ des Ministerpräsidenten RaboslawowNarobni Prawa" sprach es offen aus: Das Schwert hat bas Wort! Was König Ferdinanb nach dem letzten Bal- kankrisge ankündizte, baß Bulgarien seine ruhmvollen Fahnen eingerollt habe für bessere Tage, jetzt soll es wahr werben. Jetzt soll Bulgarien burch die Ein­verleibung des ihm von den Serben entrissenen Maze­doniens zum Grotz-Bulgarien anwachsen, soll zugleich der Weg von Deutschland und der Donaumonarchie über Bulgarien nach der Türkei, der W e g v o m B r a nb e n- burger Tor nach Konstantinopel eröffnet werden. Das Zeichen zum Aufbruch kann nicht lange mehr ausbleiben, fo hatte Radoslawows Blatt erklärt. Run, unsere Truppen haben das Zeichen jetzt ge­geben, ind»in sie die Trina, -Save und Donau über­schritten, den neuen Balkankrieg gegen Serbien mit schnellem Vorstoß und mit einem bedeutsamen militäri­schen Erfolg eiöffneten. So ist dieser Weltkrieg wieder an dem Punkt angelangt, von dem er aus ging, ans beni Balkan.

Hat sich der Vierverband wirklich eingeredet, daß er durch bie völkerrechtswidrige Landung in Saloniki nicht nur Griechenland, sondern auch Bul­garien cinschüchtern, am Ende sogar einen erneuten Druck auf Rumänien ausüben könnte? Jedenfalls ist die dreifache Spekulation gründlich mißlungen. Der Versuch, Griechenland und Bulgarien gegeneinander anfzuputschen, scheiterte an der alle Zu- kunftsmöglichkeiten erwägenden. weitaus schauenden Politik der beiden Könige, die seff dem jüngsten Dele- grammwechsel wiader den Weg zueinander 'gefunden haben in der gleichen Sorge vor .den Dampirgelüften des Vierverbalibes. Nach B e n i z e l o s Plan sollte Griechenland auf Grund des Bündnisses mit Ser­bien, das doch in dem Augenblick gegenstandslos war, als die'Serben das durch den Vertrag garantierte Gebiet freiwillig abtreten wollten, auf Rechnung des Vierverbandes die Fehde gegen Bulgarien und die Türkei eröffnen. Den Hauptvorteil davon hätte Italien gehabt, gerade das Italien, welches die macchiavellistffche Lehre von der Nichteinhaltung der Verträge in die Tat umgeietzt hat, und das jetzt griechi­sche Bün'dnishartnäcki'gkeit dazu benutzen wollte, um sich ans Kosten Griechenlands in den Besitz Albaniens zu setzen. König Konstantin hat sein Land vor dein Abgrund, vor dem Schicksal Serbiens und Belgiens gerettet, indem er den Staatsstreich de s M i n i ste rp si d e nt e n durchkreuzte und so, wenn er auch die Landung der Ententetruppen nicht ver­hindern konnte, doch seinem Volk das Verbluten zur höheren Ehre des Britenreiches ersparte. Wenn sogar eine Reuter-Depesche zuqibt, daßnur die außerordent­liche Treue des Volkes dem König gegenüber die Lage rettete", so zeigt das am deutlichsten, daß der König, wenn auch nicht die Mehrheit der bisherigen Kamnier, so doch die Mehrheit des Volkes hinter sich hat, daß somit das neue Koalitionskabinett die Lage beherrscht wenn nicht mit dieser, dann mit einer neuzuwählenden Kammer.

Mit den Griechen sind auch die Rumänen «dem Vierverband durch die Lappen gegangen, denn man hatte geglaubt, 'daß dasBeispielGriechenlands Rumänien mit f o r t r e i ß e n werde. Die Rechnung hat sich als falsch erwiesen. Das Kabinett B rat ian u hältan der von der Kammermchrheit beschlossenen Neutralitäts­politik. für die sich drei Viertel der Volksvertretung er­klärt hatte, fest rm Einvernehmen mit dem König, der an Staatsklugheit den bulgarischen und griechischen Monarchen nicht Nachsicht.

So ist .das Bai kan spiel endgültig ver­loren, denn die Balkanstaaten, soweit sie nicht wie Serbien in den Klauen dc-8 Vierverbandes stecken, wollen sich, dem Satze Taillerands folgend, nicht mit einem Leichnam verbünden. Die italienische Meldung, daß die werteren Truppenlandungen in Saloniki brs -ur Klärung der Lage eingestestlt worben

seien, hat manches für sich, denn angesichts des Um­schwunges in Griechenland wird idem Bierverband vielleicht aber wer kann das heute wissen ' zum Schluß nichts anderes übrig bleiben,. als das ganze Saloniki-Abenteuer aufzugeben, wie er wohl older übel auch das Dardanellen- Abenteuer über kurz oder lang wird abbrechen müssen. Den Schauplatz des livuen Balkanrrieges bestimmen nicht mehr die auf allen anderen Kriegsschauplätzen geschlagenen Vierverbändler, sondern vielmehr die siegreichen Zentralmächte haben ihn bereits bestirmnt nrit der Ankündigung im deutschen Generalstabsbericht vom 7. d. M., daß die Truppen der Verbündeten die Drina, Save und Donau überschritten haben.

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Der Beginn des neuen Kriegsdramas auf dem Balkan.

Aus der Berliner Presse.

Berlin, 8. Okt. (Zeus. Bln.) Mit dem Beginn der neuen Offensive gegen Serbien sind, wie Major Moraih im Berliner Tageblatt" schreibt, die großen deutschen Heeres­gruppen wm einen gewaltigen Raum auseinander- gerissen. Verbinden wir die Punkte Libau- Riga- Belgrad, so erhalten wir ein Dreieck, dessen Seitenlangen rund 1500 Kilometer betragen. Unsere östliche Front zwischen der Office und den Ufern der Donau würde inehr als 1700 Kilometer betragen. Eine Würdigung der ungeheuren Schwierigkeit eu der einheitlichen Gesamtleitung unserer militärfichen Streitkräfte wird erst dann möglich sein, wenn wir das Gesamtbild unseres großen Kampfes abgeschlossen vor uns haben. Zurzeit können wir diese Leistung unseres Großen Hauptquartiers nur als beispiellos bezeichnen.

ImBerliner Lokal-Anzeiger" heißt es: Die Kanonen­schüsse von Semendria waren der Auftakt, daun kamen kleinere Stveifzüge unserer Verbündeten auf serbisches Ge­biet, deutsche Fliegerbomben auf Krajugewac und Risch, bis gestern mit voller Wucht der erste Aufzug des neuen Kriegsdramas eingclsetzt hat. Die Drina, die Save und die Donau sind an mehreren Stellen überschritten und unsere Truppen haben aus den jenseitigen Ufern festen Fuß gefaßt. Wieder stehen deufiche und österreichisch-ungarische Soldaten unter bewährter Führung Schulter an Schulter gegen ge­meinsame Feinde, aber alle eint sie das unerschütterliche Be­wußtsein von der Gerechtigkeit der Sache, für die sie, wenn es sein muß, ihr Leben hingeben sollen. Sie werden vielleicht nicht bloß gegen Serbien, sondern auch gegen Franzosen und Engländer zu fechten haben, die von Saloniki ans zu ihren Verbündeten stoßen wollen. Ans der anderen Seite stehen aber mich die Bulgaren bereit, um von der bewaffneten. Neutralität zur aktiven Teil­nahme überzugehen. Der Stein ist im Rollen, und der neue, der dritte Balkankrieg, fit nicht mehr aufzuhalten.

DieDeufiche Tageszeitung" führt ans: Der nördliche Balkan, der bisher von unseren Verbündeten als Neben- kriegsschauplatz behandelt wurde imrd dann unter dem Druck der russischen Angriffe ganz als Kriegsschauplatz ausge­schieden war, wird nun zu einem Hauptkriegsschau- p latz. Der Feuerherd, an dem der Brand, der jetzt die Welt in Flammen gesetzt hat, sich einst entzündete, soll zum Ver­löschen gebracht, das Unrecht, das ernst an Bul­garien begangen wurde, soll gesühnt und zugleich soll die direkte Verbindung zwischen den Zentralmächten und ihren tapferen türkischen Verbündeten hergestellt werden, deren bisheriges Fehlen einer der Haupttrümpfe war, die der Vier­verband noch in seinem in Ost- und Westeuropa schon ver­lorenen Spiel zu haben glaubte.

In derBoffischen Zeitung" schreibt Rocheit: In diesem Tagen vollendet sich das dritte Jahr seit Beginn des erste n Balkankrieges. Der Weltkrieg folgte aus dem Balkan­kriege. Der Kriegsgott kehrt zu seinem Ausgangspunkt zurück.

FranzSsische Prrffestimmen.

W. T.-B. Genf» 7. Okt. (Nichtamtlich Drahtbericht.) Die französische Presse erklärt, das russische Ultimatum an Bulgarien werde endlich die Entscheidung herbeiführen. Die Haltung Griechenlands, die Landung von Truppen der Alliierten in Saloniki würde auch aus die Haltung Rumäniens entscheidenden Einfluß ausüben. Einige Blätter, wie derMatin" undSocial", betonen, es sei notwendig, genügend starke Truppenmengen nach Maze­donien zu entsenden, damit die Alliierten auch ohne fremde Hilfe den österreichisch-ungarischen, deufichen und bulgarischen Ansturm siegreich überwinden könnten. Das beste Mittel, schwankende Staaten aus seine Seite zu bringen, sei immer nach der Sie g. Gustave Herve erklärt in derGuerre sociale", nötigenfalls müsse man auch die an den Darda­nellen operierenden Strcitkräfte nach Mazedonien werfen. Clemenceau hofft, daß die Truppenlandung in Saloniki nicht ebenso wie die Landung an den Dardanellen improvi­siert sei, denn die Lage gestatte nicht nochmals ähnliche Fehler wie bei dem Dardanellenunternehmen.

ttönig Ferdinand Gberdefehlsbaber der bulgarischen Truppen?

Rotterdam, 8. Okt. (Jens. Bln.) Wie derTemps" meldet, wird König Ferdinand von Bulgarien selbst den Oberbefehl über die Armee übernehmen.

Ein bulgarisches Grünbuch.

Br. Paris, 8. Okt. (Eig. Drahtbericht. Jens. Bin.) Ageuce Havas" meldet aus Sofia: Tie bulgarische Re­gierung beabsichtigt die Veröffentlichung eines Grun- buches über ihre Verhandlungen mit dem Vier­de r Aa n d.

Die Erfüllung des türkisch-bulgarischen Vertrags.

Die neucrworbene bulgarische Bahnlinie in bulgarischen Dienst genommen.

W. T.-B. Sofia, 8. Okt. (Nichtamtlich. Drahtbcricht.) Die

bulgarische Telegraphcnagentur meldet: Die Bahnlinie

Mustafa-Pascha - Dedeagatsch ist gestern vom bul­garischen Personal übernommen worden. Der Berkehr der bulgarischen Züge beginnt demnächst.

Einberufung der Sobranjc

Sofia, 8. Okt. lZens. Bln.) Der Ministerrat befaßte sich mit der Einberufung der Sobranje, die aus den 16. Okt. einberusen' werden soll.

Oer bulgarische Gesandte in Rom hat seine Pässe erhalten.

IV. T.-B. Rom, 7. Okt. (Nichtamtlich. Meldung der Agenzia Stefani.) Der Minister des Äußern Sonnino hat dem bulgarischen Gesandten die Pässe zugestellt.

Oie Gesandten des Vierverbandes sind bereits abgereist.

Br. Kopenhagen, 8. Okt. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Nack» einer Pariser Meldung derNationaltidende" haben dis Gesandten des Vier Verbandes Sofia bereits verlassen.

Ein serbisch-bulgarischer Zwischenfall.

W. T.-B. Sofia, 7. Okt. (Nichtamtlich. Meldung der Bulgarischen Telegraphen-Agentur.) Am vergangenen Montag ereignete sich in Risch ein schwererZwischensall. DieOrdonnanz des bulgarischen Militärattaches wurde von serbischen Polizeibeamten angegriffen, die ihn schwer verletzten. Die Ärzte stellten an dem bewußt­losen Soldaten eine 4 Zentimeter breite Kopfwunde und einen Schädelbruch fest. Der Zwischenfall, der spät in Sofia be­kannt geworden ist, erregt lebhaften Zorn.

weitere deutschfreundliche Kundgebungen in Sofia.

Wien, 8. Okt. (Zens. Bln.) DieWiener Allg. Ztg." meldet über Lugano: Am Sonntag fanden in Sofia nach dem Bekanntwerden des russischen Ultimatums große deutschfreundliche Demonstrationen statt. Die Menge zog unter Hochrufen auf die Mittelmächte und unter Absingung der bulgarischen Nationalhymne vor die deufiche, dann vor die österreichisch-ungarische Gesandtschaft. Gewalt­taten gegen die Gebäude der Verbandsmächte verhinderte die Polizei, doch wurden überall kräftige Peveatnufe auf den Vierverband ausgebracht.

Enttäuschung und Wut in Italien.

Genf, 8. Okt. (Zens. Bln.) Der Rücktritt Venizelos' entfesselt in Italien eine ungeheure Wut.Corriere della Sera" glaubt, der König sei zum Kriege gegen Bul­garien, aber nicht gegen die Mittelmächte bereit gewesen, wäh­rend ein Teil der Opposition den Vertrag mit Serbien über­haupt für verfallen ansehe. Der Vierverband würde nur auf die eigene Kraft zählen.

Der Eisenbahnverkehr zwischen Bulgarien und Rumänien wiederhergestellt.

Br. Stockholm, 8. Okt. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Tidende" meldet aus Bukarest, daß der eingestellte Eisen­bahnverkehr von Bulgarien nach Rumänien wieder auf» genommen wurde.

König Konstantins Standpunkt.

W. T.-B. Mailand. 8. Okt. (Nichtamtlich.) DerSecolo" übernimmt eines Meldung des Athener BlattesEsperini , in der das Entstehen der Ministerkrisis folgendermaßen ge­schildert wird: Nach den Erklärungen in der Kammer hatte König Konstantin mit Venizelos eine Unter­redung, wobei der König erklärte, daß er die Mobili­sation als Vorsichts- und Verteidignngsmatzregel gutge­heißen habe, ein Eingreifen in den verhängnisvollen Krieg zur Verteidigung Dritter aber nicht billigen werde, einen Krieg, zu dem Griechenland auf Grund schriftlicher Ab­machungen durchaus nicht verpflichtet sei.

Der König für Verteidigung der Neutralität auch mit den Waffen.

Berlin, 8. Okt. (Zens. Bln.) Zum Rücktritt Beni- zelos' verlautet noch nach verschiedenen Morgemblättern ans Athen, daß der König von Venizelos auch verlangt habe, er solle sich nicht mit einem nur formellen Protest gegen die offenkundige Verletzung der griechischen Neutralität durch die 'Entente begnügen, sondern auch die Erklärung abgeben, daß Griechenlmid fest entschlossen sei, seine Reutrantät auch mit den Waffen zu schützen. Venizelos wergerte sich, diese Erklärung zu überreichen, ivorauf der Komg. er­klärte, daß er die Politik des MimsterpräsidentM N-chH mehr zu billigen vermöge.