58 . Jahrgang.
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Uo. 146.
BerlagS-Fernsprecher R». 295*.
Samstag, den 26. Mar;.
Redaktions-Fernfprecher N». KL.
1804.
Kbend-Ausgabe. I
_1. Matt.
Politische Wochenschau.
Fe ri e n sti m m u n g! Nicht bloß der Schiller, der sein Quartal hindurch gewissenhaft die vorgeschriebene Weisheit in sich aufgesogen, empfindet jene Stintmung, sondern auch der Parlamentarier, der mehr oder weniger aktiv am „Webstuhl der Zeit" gearbeitet hat, ist froh, diese staatserhaltende Tätigkeit einige Zeit aussetzen zu können. Der deutsche Reichstag ist schon zu Ende der vorigen Woche in die Ferien gegangen, und am Mittwoch dieser Woche ist ihm das preußische Abgeordnetenhaus nachgefolgt, um bis zum 12. April der parlamentarischen Ruhe zu pflegen.
Ter Rückblick auf diesen Wschnitt der parlamentarischen Tätigkeit bietet gerade keine sonderlich erfreulichen Bilder. Die positiven Leistungen sind sowohl im Reichstage wie im p r e u ß i f ch e n A b g e o r d - n e t e n h a u s e gering gewesen. In beiden Parlamenten ist es nicht gelungen, den Etat rechtzeitig fertig zu stellen, so daß man sich mit Notgesetzen hat behälfen müssen. Zu dem Maß des Redeeifers, welches in beiden Häusern bei der Etatsdebatte entwickeü worden ist, .stehen die positiven Ergebnisse der Parlamentstätigkeit in keinem Verhältnis. Das preußische Abgeordnetenhaus hat in dieser Woche noch mit Mühe und Not den Kultusetat erledigt. In beiden Häusern wird man nach den Osterferien wieder da einsetzen, wo man cmfgehört hat, beim Etat.
Ferien hat auch der deutsche Kaiser gemacht, der sich auf seiner Mittel meerreise Hoffentlich gründlich von den Anstrengungen erholen wird, welche die schwere Winterkampagne gebracht hat. Eine ausgeprägte politische Bedeutung ist der Reise des Kaisers trotz des Zusammentreffens mit dem spanischen und dem italienischen Regenten nicht beizumessen: vielmehr ist ausdrück- sich betont worden, daß der Charakter der Reise lediglich der einer Erholungs- und Vergnügungsreise sein soll. Aber der Umstand, daß der Kaiser sich auf längere Zeit von Deutschland entfernt hat, beweist am besten, -daß man trotz des Krieges in Ostasien zurzeit nicht mit der Wahrscheinlichkeit irgend welcher weitergehenden internationalen Verwickelungen rechnet.
In die Ferien ist auch der österreichische R e i ch s r a t gegangen, aber er hat es unfreiwillig ge- tan. Der Ministerpräsident v. Körber hat den Reichsrat vertagt, weil er die Hoffnung aufgegeben hat, der tschechischen Obstruktion Herr zu werden. Und da Herr von Körber nicht der Mann ist, den Tschechen gegenüber die Faust zu zeigen, so ballt er sie in der Tasche und sucht zu
nächst Zeit zu gewinnen. Fortwursteln ist in Österreich alles!
Mehr Glück hat der ungarische Kollege des Herrn v. Körber, Graf T i s z a, gehabt. Die radikale Qppo- sition hat eingesehen, -daß sie mit ihrer O b st r u k t i o n s- Taktik zuletzt auf den toten Strang geraten müsse, und so ist sie denn mit züchtigem Widerstreben auf die goldene Brücke getreten, welche der Ministerpräsident ihr gckbaul hatte. Tie Dinge in Ungarn sind jetzt wieder einigermaßen im Geleise, aber es fragt sich freilich, wie lange das gute Wetter anhalten wird. Gerade im Frühling folgen oft genug die Stürme dem Sonnenschein.
Auch in anderen Ländern find die Kabinetts nicht auf Rosen gebettet. In I t a I i e n leidet das Kabinett schwer unter der jetzt aufgedeckten Skandalaffäre des früheren Unterrichtsministers N a s i. Die Mißwirtschaft, die dabei zutage getreten ist, wirft ein schlechtes Licht auf die italienischen Zustände. Affären wie jetzt der Fall Nasi hat es seit dem Krach der Banca Romana schon in öfterem gegeben.
Auch in E n g l a n d hat das KabinettBalfour lein leichtes Leben. In dem Kampfe für und wider die von Chamberlain befürwortete Schutzzollpolitik schwankt das Kabinett Dalfour haltlos hin und her, und seine Autorität ist schon derart geschwächt, daß sie kaum noch leiden konnte, als die Liberalen im Bunde mit 'den Iren dem Kabinett in der vorigen Woche eine Niederlage bei- brochten. In dieser Woche hat die Regierung zwar bei der Verhandlung über die Einführung chinesischer Arbeiter in Transvaal gesiegt, aber die knappe Mehrheit zeigte aufs neue, daß es mit der Ministerherrlichkeit Balfours schlecht steht.
In nicht geringen Nöten befindet sich auch das französische Kabinett Combes, das bei dem Kampfe um dieAbschasfung des Ordensunterrichts auf eine sehr zähe Opposition gestoßen ist. Wenn Herr Combes auch immer noch das Stoatsfchiff durch die gefährlichen Wogen der Opposifion hindurchzulavieren verstand, so ist doch seine Lage nach wie vor kritisch.
Sehr kritisch ist auch noch immer, das hat der folgenschwere Überfall von O >w i k o k o r e r o gezeigt, die Lage in unserem südwestasrikanischen Schutzgebiet. Es wird starker Anstrengungen bedürfen, um jene Scharte auszuwetzen, und die neuen nach Südweftafrika gehenden Verstärkungen werden allem Anschein nach noch reichliche Arbeit vorfinden.
Vom Kriegsschauplatz i n O st a s i e n war auch in dieser Woche nichts Sensationelles zu melden. Auch die neuesten Beschießungen von Port Arthur gingen Ms wie das Hornberger Schießen, und der sogenannte Landkrieg beschränkt sich bisher auf belanglose Vorpvsten- gefechte. Es wird noch viel Wasser in das japanische Meer fließen, bis man von ernstlichen Zusammenstößen der Landarmeen und von entscheidenden Schlägen hört.
Der Skandal in Oldenburg.
Der letzte Prozeß, der mit der Verurteilung des Redakteurs Kruse vom „Residenzboten" zu drei Monaten Gefängnis geendigt hat, wird die letzte Szene in dem Drama des Ministers Ruhstrat ganz bestimmt nicht sein. Vielmehr wird man sagen dürfen: Dieser Skandal kann nicht eher aus der Welt geschafft werden, als bis Herr Ruhstrat sich beguemt haben wird, eine neue Anklage einzuleiten, damit durch einen neuen Prozeß festgestellt werde« was wahr und was nicht wahr an den Behauptungen ist, die ihn als Gewohnheitsspieler bis in bie jüngste Zeit hinein hingestellt haben. Ter höchste Vertreter der Justiz im Grohherzogtum Oldenburg wird nicht umhin können, Strafantrag gegen den Kellner Laturnus zu stellen, der dem Verteidiger des angeklagten Redakteurs Kruse das Material zu der ungeheuerlichen Darstellung gegeben hatte, deren Richtigkeit zu prüfen der Gerichtshof für unerheblich erklärte. Der Minister hat die Möglichkeit zu diesem Strafantrag. Er braucht es nicht darauf ankommen zu lassen, daß der Kellner Laturnus als Zeugs auftritt, er kann ihn durch rechtzeitige Ergreifung dev Initiative in die weniger behagliche Rolle eines Angeklagten hineinzwingen, in welchem Falle der Kellner frei- lich bemüht sein müßte, den Wahrheitsbeweis anzutreten. Aber da er sich in den Eröffnungen gegenüber dem Anwalt des Herrn Kruse auf verblüffend zahlreiche Personen aus den höchsten Kreisen der Residenz berufen hat, so mag er es sich gegebenenfalls wohl zutrauen, den an- gebotenen Beweis wirklich zu führen. Unterläßt es Herr Ruhstrat, die Sache aufzuklären, so wird es nicht erst eines gerichtlichen Urteils bedürfen, damit die Öffentlichkeit wisse, wie sie icher diese abscheuliche Affäre zu denken hat. Angenehm mag es fiir Seine Exzellenz den Justizminister .Ruhstrat allerdings nicht sein, in die Notwendigkeit eines forensischen Kampfes mit dem einstmaligen „Stift", genMUt „Honolulu", versetzt zu .werden. Aber was hilft es? Es ist unmöglich, daß etwa nichts geschehen sollte; es muß etwas geschehen, nicht bloß um der oldenburgischen Interessen willen, sondern weil man in Oldenburg Pflichten zu wahren hat, die in den Gesamtbereich der nationalen Interessen fallen. Die Bundesstaaten sind in ihrer Weise mitberufen als Hüter und Wächter des Ansehens und der Ehre des deutschen Namens. Ein ungeschriebenes Reichsgesetz des Anstandes und der guten Sstte bindet die Großen und die Kleinen unter den Regierungen gleicherweise. Oldenburg ist nicht Ausland, sondern was dort geschieht, geht uns anderen mit an.
Um ganz zu ermessen, was die gegen dm Minister Ruhstrat gerichteten Behauptungen bedeuten, muß man sich gegenwärtig halten, daß die Residenzstadt des Großherzogtums ein Nest ist, wo jeder jeden kennt. Man kann also nicht entfernt cmnehmen, daß die Dinge, die im
Ku§ Eifersucht.
Kriminal-Roman von Arthur Zapp.
(22. Fortsetzung.)
Am anderen vormittag verließ er gleich nach dem Kaffee sein Zimmer, um, wie er sagte, in die Fabrik zu gehen. Erst nach dem Mittagessen, das er in einem Restaurant eingenommen hatte, kehrte er zurück. Mt einem Buch setzte er sich ans Fenster. Aber aus dem Leisen wurde nicht viel. Seine ganze Aufmerksamkeit schien von der hübschen Brünetten drüben im Dahlmaun- schen Hause in Anspruch genommen zu werden. Die Mitteilungen seiner Wirtin hatten offenbar ein lebhaftes Interesse für das interessante junge Mädchen in ihm geweckt. Er schien überhaupt sehr empfänglich für weibliche Koketterie und weibliche Eroberungslust, denn die neugierigen, koketten Blicke, die Elise Dahlmann zu ihm emporsandte, erwiderte er mit herausforderndem Entgegenkommen, zugleich seinen Mienen einen Ausdruck ostentativer Bewunderung verleihend, die dem gefallsüchtigen, leichffinnigen jungen Mädchen offenbar schmeichelte. So entspann sich rasch ein lebhaftes Hin- und Herrüber von feurigen Blicken, von strahlenden, bewundernden Mienen und allerlei sprechenden und immer deutlicher werdenden Gesten. Er legte die Hand auf seine Herzseite — sie lachte und schüttelte mit dem Kopf. Dann riskierte er eine diskrete Kußhand. Sie zeigte eine anscheinend empörte Miene und wandte rasch das Gesicht ab — auf zwei Minuten, um darnach mit kokett protestierender Geste schelmisch drohend den Zeigefinger zu erheben.
Ter Ingenieur schien kein Maün zaghafter, langsamer Präliminarien, denn schon nach einer Stunde war er mit -seiner Nachbarin auf einem ziemlich vertrauten Fuß pantomimischen Verkehrs gekommen.
Um vier Uhr rief ihn Frau Köhler zum Kaffee, da er darum gebeten hatte, auch seinen Nachmittagskaffee im Familienkreise zu sich nehmen zu dürfen. Nach ein paar höflichen Begrüßungsworten richtete er an Fräulein
Köhler, sie aufmerksam betrachtend, die Frage: „Sind Sie nicht wohl, Fräulein? Sie sehen etwas abgespannt, ich möchte sagen: übernächtig Ms."
Die Gefragte legte für einen Augenblick ihre Hand Mf den Mund und unterdrückte ein Gähnen.
„Ja, sicht man mir's an?" fragte sie dann, mit einem koketten Blick nach dem fimgen Mann. „Ich häbe die ganze stacht kaum vier Stunden geschlafen."
Der Ingenieur lachte.
„Hat Fräulein Dahlmann wieder schlimme Träume gehabt?"
„Freilich. Zuerst hat sie mir so viel erzählt, daß wir erst gegen Mitternacht zum Schlafen kamen, und dann hat's kaum zwei Stunden gedauert, da fuhr sie mit einemmal mit einem furchtbaren Schrei, aus dem Schlaf. Natürlich war ich auch gleich munter. Ich machte rasch Licht an. Sie saß aufrecht in ihrem Bett und sah sich ganz blaß und verstört um. Haft du's nicht gehört? fragt sie mich und zittert am ganzen Leibe. Was denn? frage ich zurück. Na, 'den furchtbaren Schrei. Wer es hat doch niemand geschrien, antworte ich und lachte, sie aus und will wieder das Licht auspusten. Aber sie faßt ängstlich nach meiner Hand. Nicht doch, nur nicht dunkel machen! sagt sie. Ich komme fast um vor Schreck. Und dann schlägt sie plötzlich, die Hände vor ihr Gesicht und weint und schluchzt zum Erbarmen. Ich rede nun auf sie ein. Was hast du denn? Was ist dir denn? So sei doch ruhig! Sie aber weint , und weint. Ich kcmn's nichl vergessen, stöhnt sie. Immer hör' ich den Schuß und sehe ihn. wie er zusammenbricht mit einem Schrei, mit einen: entsetzlichen Schrei. Es gellt mir noch in den Ohren: Lieschen, ach Lieschen, ich bin getroffen. Hülfe, Hülfe" . .
Frau Köhler, die die Geschichte offenbar schon einmal gehört hatte, hörte mit ziemlichem Gleichmut zu. Ter Ingenieur aber konnte sich kaum auf seinem Stuhl halten. Mit vorgebeugtem Oberkörper saß er da, die Augen weit geöffnet und auf das junge Mädchen gerichtet und ihr förmlich die Worte von den Lippen lesend.
„Wie?" rief er jetzt, die Erzählende unterbrechend. „Das h-at sie gesagt?"
Mnna Köhler nickte.
„Jst's nicht furchtbar?" fragte sie. „Mitten in der Nacht!. Ganz mäuschenstill im Haus, mutterseelenallein wir beide! Schauerlich! Auch mich kam die Angst an. Was für'n Schuß denn? frage ich. Wer ist Denn zu- sammengebrochen? Von wem sprichst du denn, Elise? Von Schulten? Hast du denn gesehen, wie er erschossen wurde? Da sicht sie mich groß cot, streicht sich mit der Hand über die Stirn und kommt zu sich. Habe ich denn das gesagt? fragt sie. Und. ich: Ja, du hast doch eben erzählt, daß du nicht vergessen kannst, wie der Schuß er- tönte und wie er zu Boden stürzte. Da schüttelt sie heftig mit dem Kops. Na, das war doch nur ein Traum! Natürlich! Was denn sonst? Ich träume doch immer von dem dummen Zeug. Alles Unsinn! Puste das Licht aus! Wir wollen schlafen. Also ich lösche aus. Aber ich liege und liege, von Schlafen keine Spur, so furchtbar aufgeregt bin ich noch immer. Auch sie wälzt sich von einer Seite auf die andere. Da sagt sie plötzlich: Kannst du schlafen, Minna? Nein, sage ich. Mit deinen gruseligen Geschichten hast du mir allen Schlaf verscheucht. Ich kann auch nicht schlafen, stöhnt sie. Und dann macht sie eine heftige Bewegung mit den Händen und schreit als wie von Sinnen: Ich werde noch verrückt, ich werde noch verrückt! Und so ging es fort bis zum Morgengrauen, Da haben wir denn endlich noch ein paar Stündchen geschlummert."
Herr Reinhard stand auf. Das soeben Gehörte schien ihn lebhaft zu interessieren. Sein Gesicht sah ganz er- hitzt aus, und bie Hand, mit der er jetzt seine Tasse sch- hielt, die chm Frau Köhler noch einmal voll schenken wollte, zitterte merklich.
„Was halten Sie nun von der Geschichte, Fräulein?" fragte er und sah gespannt zu dem jungen Mädchen hin- über. Minna Köhler zuckte mit den Achseln.
„Mein Gott, da ist ja nicht viel dabei zu denken. Das Unglück spukt ihr eben noch immer im Kopf herum."
„Na, ’n Wunder ist's ja nicht", meinte Frau Köhler. „Ich bitte Sie: eben hat sie noch mit ihm gesprochen und womöglich gelacht und gescherzt, und kaum ist sie fort.
