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■) Morgen-Veilage der Wiesbadener Tagblattr. i«.■!

Nr. 234.

Donnerstag, 7. Oktober. Ivlü.

Ä8. Fortsetzung.)

S. m. S. Grille r

Roman von Ott» Elster.

^Nachdruck verboten.)

Doch nun genug von mirl Meine Geldanken werden vuf meiner weiten Fahrt trotz des vielen Neuen, das sich meinen Augen bieten wird, oft in dem freundlichen Radowitz bei Dir, meiner liebsten Freundin, und bei Deiner lieben, guten Mama weilen. Ich sehe die Wäl- der und Felder, die Wiesen und Gärten in tiefen Schnee vergraben; ich höre das Lied des Windes, der in den Bäumen flüstert, und ich sehe Dich und Deine Mama still und behaglich am Kaminfeuer sitzen, mit einem guten Buch oder einer Handarbeit beschäftigt. Ich fühle die Wärme der Heimat mich liebkosend umfangen umö leise steigt der Wunsch in mir empor, bei Euch sein zu können in der Stille, in der traulichen Einsamkeit des nordischen Winters. Das kennt man hier draußen nicht! Da flutet das Leben hastig und in bunten Ge­stalten vorüber — da kennt man keine Stille, keine Be- haglickxkeit, da reißt das Leben einen vorwärts, einem unbekannten Ziel entgegen. Hier gibt es keine ver­schneiten Felder, keine still träumenden Tannenwälder, keine leise unter der Eisdecke murmelnden Bäche — hier blühen die Felder und Wiesen unter sengender Sonne, hier rascheln die Palmen im heißen Winde, hier spannt

{ ich der Himmel wolkenrein über der Erde, und das Meer tilgt brausend und rauschend seine ewigen Melodien.

Schön ist die Welt hier draußen, Wera, und doch träumt die Seele von einer stillen, traulichen Heimat im nordischen Winter. —

Die Glocke ruft zum Diner — ich muß mich noch umkleiden. Drum Lebewohl für heute, liebste Wera; ich werde ein Tagebuch auf der Reise führen und es Dir zuschicken, daß Du mich in Gedanken begleiten bannst vuf meiner Fahrt in die weite, sckhne Welt.

Grüße Deine Mutter. herzlichst von mir und fei selbst innigst geküßt und gegrüßt von Deiner treuesten

Freundin Käthe.

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Fred Schuhmacher, der Vertreter des großen Export­hauses Petersen u. Sohn in Hamburg, erwartete seine Schwester im Speisesaal. Er »rar ein schlank und straff gewachsener Dtann von dreißig Jahren Mit glatt rasier­tem, scharf markiertem Gesicht und klugen grauen Augen. Die Ähnlichkeit zwischen ihm und seiner Schwester war unverkennbar; auch die stolze Haltung war beiden ge­meinsam, nur war der Blick seiner grauen Augen kälter und schärfer als der ihrer schönen blauen Augen, die oft so unendlich weich und träumerisch in die Ferne sehen konnten. Wenn Käthe die langen Wimpern der Augen aufschlug, glaubte man, der tiefblaue, sonnendurchstrahlte Junihimmel öffne sich, während des Bruders graues Auge scharf und hell wie geschliffener Stcchl glänzte.

Sein jahrelanger Aufenthalt in England und Ost- vfien hatte seinem Äußern sowie seinem ganzen Wesen einen englischen Anstrich verliehen, ahne daß er jedoch im Innern sein Deutschtum verleugnet hätte. Im Gegenteil, er betrachtete sich gleichsam als Soldat in dem kommerziellen Wettkampf, den beide große Nationen Miteinander auZkämpften, und freute sich Wer jeden.

Sieg, den deutsche Tatkraft, deutscher Fleiß in diesen» friedlichen Wettstreit errangen.

„In Ostasien gibt es für uns Deutsche noch viel zu tun", pflegte er zu sagen. „Da haben vor der Hand die Engländer noch die Führung; aber wir sprechen doch auch schon ein gewichtiges Wort mit, und wir werden unseren Platz an der Sonne schon behaupten. Wo der Deutsche einmal festen Fuß gefaßt hat, da läßt er sich nicht wieder verdrängen. Also nur vorwärts mit fri­schem Mut!"

Er begrüßte die Schwester mit freundlichem Lächeln.

„Nun, Kleine", sagte er, „hast du dich in dem alten Nest umgesehen? Warst du auf dem Campo santo?"

„Ja, Fred, und in der Kathedrale San Lorenzo und auf der herrlichen Promenade Acqua Sola — es tvar alles wunderschön und ich hedauerte nur, daß du mich nicht begleitet hast."

Fred lachte.

„Nein, Kleine, dazu habe ich keine Zeit. Ich habe mir unterdessen die großen Spinnereien und Webereien und die Seidenfabriken angesehen, das sind Wunder­werke der Neuzeit, die sich allerdings mit der Schönheit der alten nicht messen können- Wer du wirst noch ge­nug des Schönen auf unserer Reise zu sehen bekommen, und ich verspreche dir, mich dann ganz deiner Schön­heitssuche zu widmen. Und nun nimm Platz —- ich habe uns ein kleines Diner zusannnengestellt, das hoffentlich deinem Geschmack bohagt."

AM anderen Morgen schifften sie sich auf der „Borussia" ein, und dann begann die Fahrt in das Wunderland des Südens und des fernen Ostens, daß Käthes Angen immer größer und erstaunter dreinschau- ten. Neapel mit seinem schimmernden Golf und oem in Rauch gehüllten Versuv glitt w!ie ein herrliäieS Traumbild vorWer; an die Irrfahrten des göttlichen Dulders Odysseus erinnerte die Szylla und (HariMis der Straße von Messina, an dem öden Malta mit seinen Schanzen und schweren Geschützen dampfte die „Borussia" VorWer, um im Hafen von Port Said für einen Dag Anker zu werfen.

Die bunte Welt des Orients umfängt hier bereits die Reisenden. „Wie wär's. Kleine", frug Fred lächelnd, „wenn wir einen Ausflug nach Kairo und den Pyramiden machten? Wir erreichen den Dampfer ldann wieder in Sues."

Freudig stimmt Käthe zu. Die Eisenbahn bringt sie nach Kairo. Sie wunderten durch das sinnver­wirrende bunte Stroßengewimmel der Stadt, in dem sich alle Menschenrassen, alle Nationen Rendezvous zu geben scheinen, und dann geht es hinaus in die Wüsts« um sich in den AWlick der Pyramiden, Liesen viel- tausendjährigen Zeugen einer längst unter^egangenen Welt, zu versenken. Wie die Wendsonne mit Purpur« glut auf den gigantischen Grobmälern längst verstorbe­ner Königsgeschlechter ruht, wie sie Mit ihrem goldigen Glanz die Wüste überstrahlt, wie die Palmen in der heißen Lust heimlich zu erbeben scheinen, wie die Karg-