Jahrgang.
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j|io. 13d. 8erlags.Fernfprecher N». 295».
Mittwoch, den 83. Mar;.
Rcdaktivns-Fcrnfvrcchcr No. 52.
1904.
Morgen - Kusgabe.
_ 1. Matt. _
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Werkag des „Wiesöadener Aagvlatt".
Soziale KriegsrmrKmM'N.
Das gsgenwärtig um den alten chinesischen Vasallenstaat Korea nisÄergehende Unwetter ist nicht auf die Küsten des gelben und japanischen Meeres beschränkt geblieben. Im Gegenteil, es hat dort bisher weniger Schaden angerichtet als in der „alten Kulturwelt", wenn man. sich so ausdrücken darf. Bei uns ist der russische Schrecken über die Börsen gefahren und das ausbrechende Anloetter hat sie so stark geschüttelt, daß mancher diesen Lag sein Leben lang nicht vergessen wird. Auch in Deutschland hatten sich die klugen Leute natürlich beizeiten in Sicherheit gebracht. Sie sahen die drohende Wolke lmd den zuckenden Blitz und suchten schnell unter Dach zu kommen: viele andere waren gleichfalls nicht blind, aber da unsere Diplomatie immerfort sonnigen Frieden lächelte, so blieben sie in ihrem Alltagstrott. Als dann trotz der diplomatischen Friedsnsschalmeien der Sturm losbrach, stürzten sie ohne Überlegung hierhin und dorthin und verloren dabei manches gute Stück ihrer Habe. Und wie fast immer an den kritischen Tagen der Börse, hat das Unwetter den kleinen Kapitalisten am meisten getroffen. Als an den Tagen nach dem Überfall der russischen Flotte zahlreiche Papiere im Kurse sanken, da stürmten sie im Schweiße ihres Angesichts zu den Banken, um ihre Werte loszuiwerden. Sie gebärdeten sich vielfach, als ob ein wirtschaftlicher Zusammenbruch der ganzen Welt vor der Türe stehe; bar jeder Besonnenheit und Klugheit. So ist es schon immer gewesen. Der kleine Kapitalist, der klug handeln würde, wenn er seine Spargroschen in sicheren Staatspapieren und mündelmäßigen Hypotheken cmlegen wollte, ist der waghalsigste Spekulant und der törichfte Verschleuderer seines Gutes. Das läßt sich leicht 'erklären. Der biedere Kleinbürger, der einiges auf die Seite legen konnte, hat vom Börsenbetrieb, vom inneren Werte gewisser Aktien und ähnlicher Papiere, von den Bedingungen steigender und fallender Konjunkturen wohl selten mehr als schleierhafte Vorstellungen und natürlich fehlt ihm auch der Einblick in die Verhältnisse der Weltwirtschaft. Er ist daher lein leichter Abnehmer gefährlicher Börsen-werte, die er oft mit der
selben Seelenruhe kauft, wie ein kleines Kind mit einein geladenen Revolver spielt. Wird er dann plötzlich aus seinen naiven Träumen von Kursgewinn und Dividenden ldurch einen heftigen Donnerschlag aüfgeschreckt, so packt ihn die blaffe Angst; er wirft alles, was er pn börsengängigen'Papieren besitzt, auf den Markt, drückt den Kurs noch tiefer und trägt so zu der Börsenpanik bei, unter der er sein Vermögen verliert. Wie stark die Beunruhigung der Berliner Börse unmittelbar nach dein Ausbruch des russischftapcmischen Krieges war, zeigt die Tatsache, daß mehrere hunderttausend Mark Reichsan- leihe unverkäuflich waren und schließlich nur ein Teil durch Intervention und y* % Kursverlust untergebracht werden konnte. Im ersten SchrÄk sank Deutsche Reichs- anlsihe um 2 %, der Kurs mancher Jndustriepapiere um ein Vielfaches dieses Satzes.
Das sind soziale Kriegswirkungen. die man nicht unterschätzen darf. Es hat eine Verschiebung des Vermögens stattgesunden. die auf soziale Stellung und Lebenshaltung der bei iftr leidtragenden Kleinkapitalisten erheblichen Einfluß ausübt. Diese unerfreulichen ersten wirtschastlicheu Äußerungen des russisch-japanischen Krieges sind jedoch von geringer Bedeutung gegenüber den Folgen, die ein für Japan vorteilhafter Abschluß des Krieges in nicht ferner Zukunft den alten europäischen Kultur- und Industriestaaten bringen kann. Ich sage absichtlich kann, denn man betritt hier den schwankenden Boden der Konjektural-Politik.
Wir fassen heute alles, ivas uns von den Völkerunassen Ostasiens bedrohen kann, in den Ausdruck zu- samni'en: „Tie gelbe Gefahr." Trägt Japan den Sieg davon, so werden wir wohl sehr bald in die Lage kommen, diese Gefahr besser beurteilen zu können. Der Kanonendonner vor Port Arthur hat bewiesen, daß das Reich' der ausgehenden Sonne schon heute ein starker Faktor im Völkerleben geworden ist. Die gelbe Gefahr kann für die europäischen Industriestaaten zunächst eine wirtschaftliche Gefahr werden. Tie schnelle Entwicklung Japans zum Industriestaat ist heute jedem deutschen Handelsschüler hinlänglich bekannt. Diese Entwickelung ist denn doch nicht so oberflächlich, als man sie hier und da hinstellt. Sachverständige deutsche Beobachter fassen diese Entwickelung sehr ernst auf und auch die vorjährige japanisch!: LandesausstÄlung in Osaka war ein Beweis für die hohe Leisftmgsfähigkeit, die man schon heute aus dm verschiedensten und wichtigsten Industriegebieten erreicht bat. Daß man die neue Kultur in Japan möglichst tiefgründig anlegen will, zeigt die Entwickelung des Volks- schulwesens. Im Jahre 1897 hatten in Japan von 7 117 786 schulpflichtigen Kindern 4 782 711 einen regelmäßigen Schulbesuch, in Rußland .mit einer um 250 % größeren Bevölkerung einige Jahre später überhaupt nur 4 206 598 Kinder. Heute hat sich das Verhältnis jedenfalls noch mehr zum Vorteil Japans ver- ichoben. Man sieht also, daß die Japaner für ihre wirtschaftliche Entwickelung den Hebel an der richtigen Stelle cinsetzen, nämlich bei der Volksschule.
Schon heute ist die japanische Industrie auf dem Weltmarkt in manchen Waren ein unangenehmer Mitbewerber; auch für Deutschland. Die Ware ist völlig markt- fähig, aber ein Blick in den japanischen Industriebetrieb zeigt ein von den europäischen Verhältnissen durchaus verschiedenes Bild. Die Arbeitslöhne sind von einer kaum glaublichen Geringfügigkeit. So billig wie eine japanische Fabrikarbeiterin arbeitet in Deutschland nur noch eine erzgöbirgische Spitzenklöpplerin, nämlich für 26 — 30 — 40 Pfennig den vierzehnstündigen Arbeitstag. _ Bei beiden mag wohl auch die Bedürfnislosigkeit. das Niveau der Lebenshaltung so ziemlich gleich sein; wobei allerdings zu bemerken ist, daß im Erzgebirge Menschen, dis allein vom Spitzenklöppeln leben, heute zu den Seltenheiten gehören'. Eine Sozialpolitik in unserem Sinne gibt es in Japan nicht, keine Schutzgesetzgebung. keine Arbeiterfürsorge. Man treibt dort in den Fabriken noch Raubbau mit der Dolksgösundheit. ein System, das wir in Deutschland zwar zögernd, aber doch seit 30 Jahren immer mehr verlassen und heute, theoretisch wenigstens, ausgegeben haben. Auch in Japan wird man bald zu der Überzeugung gelangen, daß dieser Raubbau sich schließlich am Kapitalismus und Industrialismus selbst rächen wird. Schon heute ist man im Begriff, sozialpolitisch cm* z»schwenken. Aber auch- wenn man nach dieser Richtung einige sehr große Schritte macht, so wird wohl noch manches Jahrzehnt vergehen., ehe Japan _ sozialpolitisch annähernd die gleichen Produttionsbed ingungen zu erfüllen hat wie Deutschland. Es kann seine Industrie ohne erhebliche Einengung durch die soziale Fürsorge entwickeln und wird dieses voraussichtlich wie bisher schnell und sicher tun; es hat daneben intelligente und willige Arbeitskräfte in beliebiger Zahl. die. mit deutschen Verhältnissen gemessen, wie schon angedeutet, unsagbar billig sind. Vor allem ist der Japaner den alkoholhaltigen Getränken abhold. Der Japaner zeigt das seltene Bild der Aneignung einer fremden Kultur. ohne gleichzeitig deren Schattenseiten sich hinzugeben. Alkoholismus und Prostitution sind ihm Ziemlich fremd geblieben. Diese sittliche Gesundheit macht ihn zum en folgreichen Wettbewerber.
Berücksichtigt man, daß die deutsche wirtschaftlich» Zukunft auf dem Weltmarkt liegt, daß unsere ganze Entwickelung uns immer mehr zur Steigerung unserer Warenausfuhr dräugt, so erscheint die „gelbe Gefahr" wenigstens der Beachtung wert zu sein.
Aber nicht Japan allein macht die gelbe Rasse aus- Es bildet nur das Hirn des Kolosses, es ist sein belebender Zderv. Siegt Japan in diesem Kriege, so steigt dis mongolische Flut und ihre Wogen werden sehr heftig an die Ufer der arischenKulturstaaten branden. DieEnevgie der Leute des Mikado ist so groß wie ihr Ehrgeiz und ihre Klugheit. Das sind drei Eigenschaften, mit denen man die Welt erobert; zum mindesten die astatische. Dis Japaner betrachten schon heute China gewissermaßen als ihr „Hinterland". Wenn sie die unbestrittene Vorherrschaft in Asien besitzen, so soll China ihrer Staatskunft
Feuilleton.
Die Lchiller-Theater.
Das erste dieser Spezies, das bekanntlich in Berlin entstanden, hat schon in vielen deutschen Städten Nachahmung gesunden und bürgert sich immer mehr ein. Es lohnt sich daher, zu untersuchen, ob dies ein Vorteil ober ein Nachteil für die Bevölkerung ist. Die Idee selbst, eine Bühne lediglich erzieherischen Vorstellungen zu widmen und durch die billigen Preise die große Masse des unteren Mittelstandes heranzuziehen, hat etwas Bestechendes. Sie ist jedoch durchaus nicht neu und beinahe so lauge, als es stehende Theater gibt, wurde ihre Ausführung versucht. Der Erfolg war jedoch stets ein negativer. Das lag daran, weil das Unternehmen immer mit ungenügenden Mitteln ins Leben gerufen wurde und deshalb aufgegeben werden mutzte, bevor es festen Boden fassen konnte. Der Direktor des Berliner Schiller- Theaters schlug indes seiner Zeit einen neuen Weg zur Ausführung eines solchen Planes ein. Er verschaffte sich zunächst Geld, organisierte darauf und dann erst begann er mit den Vorstellungen. Die Art und Weife, wie er in diesen drei Stadien vorging, war originell. Zunächst brachte er ein Komitee von angesehenen Männern zusammen, die selber allerdings wohl kaum einen Pfennig hergegeben haben, das jedoch viele philanthropisch veranlagte, wohlhabende Personen veranlaßte, sich zu beteiligen, und so kamen 100 600 M. zusammen. Dann wurde die Berliner Bevölkerung mittels Zirkularen. Vorträgen usw. für den guten Zweck erwärmt, Abonnements auf lange Zeit hinaus untergebracht, ein leer stehendes Theater zu einem billigen Preis gemietet, gute Künstler aus den Provinzen engagiert, die, um nur in Berlin spielen zu können, mit wenig Gage zufrieden waren, und dann mit den Vorstellungen begonnen, deren Besuch auf Grund der zahlreichen Abonnements schon im vornherein gesichert war. Die Zuschauer wurden in
ihren Erwartungen nicht getäuscht, und einzelne Einrichtungen, die einem wahren Volkstheater angepaßt waren, erregten große Befriedigung, wie z. B. kostenlose Garderobe und Theaterzettel, die billigen Preise in der Restauration usw. Da nun auch mit der größten Sparsamkeit gewirtschastet wurde und die gesamte Presse in Rücksicht auf den guten Zweck sich fortdauernd sehr wohlwollend stellte, gelang es, das Unternehmen lebensfähig zu machen und an die Aktionäre 5 Prozent Dividende zu verteilen. Das macht ja in Rücksicht auf dic relativ geringe Summe von 100 000 M. nur 5000 M. aus, aber immerhin schien das Problem gelöst, annehmbare Vorstellungen zu billigen Preisen zu geben und dabei sogar noch eine Verzinsung des Anlagekapitals zu erzielen. Dieser Erfolg ermutigte die Verwaltung indes nicht, auf dem betretenen Wege fortzuschreiten, sondern sie glaubte, nun den Stein der Weisen gefunden zu haben. Der erzieherische Zweck der Vorstellungen wurde nicht immer in den Vordergrund geschoben, man gab Stücke, wie „Haubenlerche", „Haus Fourchambault", veraltete Possen, wie „Großstadtluft", dem modernen Geschmack frönende Schwänke, wie „Der Mensch in der Bestie" (sic!), veranstaltete Bälle, deren Besuch sich nicht gerade für junge Mädchen eignete, kurzum, wollte Geld verdienen, denn das Sparsamkeitsprinzip war inzwischen verlassen worden. Direktor und Schauspieler erhielten höhere Gagen, eine zweite Bühne in einem entgegengesetzten Stadtteile wurde hinzugenommen, und damit noch nicht genug, ist jetzt eine dritte in einem eigenen Gebäude im Entstehen begriffen. Daß bei solchen Experimenten die ursprünglichen Prinzipien des Schiller- Theaters außer acht gelassen werden müssen, daß ein philanthropisches Unternehmen sich in ein solches zum Erwerb um jeden Preis verwandelt, liegt auf der Hand, und der schlagfertige Berliner hat denn auch dem Direktor bereits den Spitznamen Theater-Aschinger beigelegt. (Äschingcr ist, wie bekannt, eine Aktiengesellschaft für billige Restaurationen, die über 50 Filialen in allen Teilen der Reichshauptstadt besitzt.) Die vorher erwähnten beiden Schiller-Theater sollen, wie es heißt,
sich noch rentieren, doch mit dem geplanten dritte» sieht es schon weit bedenklicher aus, erstens, weil das Bedürfnis nach billigen Vorstellungen bereits gedeckt erscheint, und zweitens, weil es sich bei dem dritten um einen ziemlich kostspieligen Versuch handelt. Die Schillcr- Theatergesellschaft ist nämlich wegen desselben mit der Stadt Charlottenburg in Verhandlungen getreten und nach vielem Hin- und Her-Parlamentieren wurde eine Vereinbarung erzielt, wonach letztere zirka 1 Million Mark gegen hypothekarische Eintragung aus ein von der elfteren zu erbauendes Theater hergibt und dafür eine Pachtsumme von 100 000 M. jährlich während eines Vierteljahrhunderts erhält. Die Stadt macht also kein schlechtes Geschäft dabei, vorausgesetzt, daß die Pächterin in der Lage ist, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Das muß jedoch stark bezweifelt werden, denn eine Miete von 100 000 M. erscheint für ein Volkstheater viel zu hoch, und außerdem ist die Bühne 9£r. 3 mitte» im vornehmsten Viertel von Berlin IV. gelegen, wo sich kaum ein Publikum für dieselbe finden dürste. Das Kapital der Schiller-Theater-Gesellschast wurde inzwischen auf l50 000 M. erhöht, aber das erscheint doch für den Betrieb von drei Bühnen ganz ungenügend und eine einzige schlechte Saison kann cs vollkomMen-aufzehren. So ist aus einem an und für sich sehr lobenswerten Unter- nehmen, das im allgemeinen Interesse unterstützt werden sollte, ein Theatergeschäft nach amerikanischem Trustmuster geworden, das naturgemäß auch nach der künstlerischen Seite kaum mehr befriedigen wird, selbst wenn man die Ansprüche recht niedrig stellt. Diese Entwickelung der Schiller-Theater muß jedoch von Interesse weit über die Grenzen Berlins hinaus sein, denn, wie schon erwähnt, werden an vielen Orten derartige Unternehmungen, und zwar mit dem Hinweise auf die „guten Berliner Erfahrungen", geplant, und opserwilligeBürger sollten daher wissen, wie cs in Wirklichkeit um diese reichshauptstädtische Anstalt steht und eventuell Vorsichtsmaßregeln treffen, daß ihr lokales Schiller-Theater nicht den eigentlichen Zweck aus den Äugen verliert wie sein gepriesenes Borbild K.
