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sa. Jahrgang.

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133.

Verlags-Fernsprecher No. 2953.

Samstag, den 19. Marz.

Redaktions-Fernspreche» No. 52.

1904.

Morgen - klusgabe.

1. Matt. _

Me deutschen Schulen im Auslande.

Beinahe in allen Ländern des Erdballs gibt es deutsche Schulen. Biele von ihnen datieren schoir aus den ersten Jahren nach dem Kriege van 1870/71. Da­mals wurden -die deutschen Schulgemeinden in Bukarest, Konstantinopel, Antwerpen, in zahlreichen Städten Süd- omerrkas usw. gegründet. Einige dieser Schuleir führen freilich nur ein kümmerliches Dasein, andere haben sich stattlich entwickelt. Die 90er Jahre alsdann brachten die Gründung neiwr Auslandsschulen, namentlich in den überseeischen Ländern. Was Europa anlangt, so weisen hier die Hauptstädte, die Küsten- und -die Handelsplätze neue Gründungen auf, während in den Binnenländern, in Rußland, Ungarn, auch in Schweden, ein auffallender Rückgang des deutschen ^ockmlwesens eintrat, wenn man nicht Vielmahr von einem allmählichen Wsterben sprechen soll. Eine Statistik der deutschen Anslandsschulen, die der Allgemeine deutsche Schulverein zur Erhaltung des Deutschtums im Auslande soeben veröffentlicht (ihr Ver­fasser ist Oskar Mey, und sie hat zuerst in derMonats­schrift für höhere Schulen" gestanden), berechnet die stahl dieser Schulen auf beträchtlich mehr als 1000. . Die wichtigsten darunter sind naturgemäß. diejenigen, die in einer organischen Verbindung mit gleichartigen Anstalten Deutschlands stehen und die Berechtigung einer sechs- tlassigen höheren Schule besitzen. Es kommen für Europa in Betracht die folgenden vier Anstalten: Die Realschule und'höhere Mädchenschule der Deutschen und Schweizer Schulgemeinde zu Konstanttnopel, die Allgemeine deut­sche Schule in Antwerpen, d-ie Allgemeine deutsche Schule in Brüssel und die deutschen Schulanstalten der evange­lischen Gemeinde zu Bukarest. Diesen Schulen gewährt das Reich Unterstützungen in Höhe von 10- bis 30 000 Mark jährlich. An allen diesen Anstalten wirkt ein Kollegium tüchtiger, seminaristisch oder akademisch gebil­deter Lehrer, die teilweise aus dem Reiche beurlaubt sind. Ganz natürlich ist es, daß diese Zentren auch die Führer­rolle der deutschen Auslandsschulen übernommen haben. In Antwerpen entstand die MonatsschriftDie deutsche Schule im Auslande", die von den Landesverbänden in Belgien, Rumänien und Argentinien zum Verbandsorgan erklärt worden ist. Die allgemeine deutsche Schule in Antwerpen hat ihr Heim in einem stolzen Gebäude eines der schönsten Stadtteile. Hier entwick-elte sich in den Fahren 1880 bis 1902 vor allen: die höhere Mädchen­schule zu einer neunklassigen Anstalt nebst Selekta. Die Urckerrichtsziele gehen teilweise über die einer deutschen höheren Töchterschule hinaus, da das Französische, die

Kunstgeschichte und das Flämische eingehend betrieben iverden. Der Ausbau der Knabenschule zu einer voll- ständigen Realschule bezw. Oberrealschule bleibt Vorbe­halten. Von den 165 Schillern der Realschule mit Vor­schule, den 140 Schülerinnen der höheren Mädchenschule sind 57 % evangelischen, 122 % katholische,:, 17 % mosaischen Glaubens und 4 % Dissidenten. Ihrer M- stammung nach sind wohl tiber die Hälfte aller Kinder Deutsche bezw. Deutsch-Belgier. Zu Beginn des neuen Schuljahres hat die Zahl der Schüler und Schülerinnen bereits 400 überschritten. Die deutsche Schule in Brüssel kann ein Denkmal deutschen Opfersinns genannt werden. Tic Baukosten von gegen 500 000 Frank tvurden ausge­bracht durch eine Spende des im Dezember 1902 ver­storbenen deutschen Konsuls in Brüssel, F. W. Muser, in: Betrage von 250 000 Frank und durch Bellstil:e der deutsche!: Regierung und einer Reihe von, Schulfreunden. Im Juli 1902 wurde die Anstalt voi: 110 Knaben und 100 Mädchen besucht. In: Sommer 1901 hatte die erste Reifeprüfui:g zum einjährig-freiwilligen Militärdienst stattgefunden. Die Zahl der Abiturienten ist bis jetzt auf 10 gestiegen. Was noch die Schule in Konstantinopel betrifft, so wirkten an ihr im Jahre 1902 23 Lehrer und Lehrerinnen. Besucht waren die Anstalten im ver­flossenen Schuljahre von 638 Kindern aller Länder und Religionsbekenntnisse, von denen zwei Drittel auf die Realschule nebst Vorschul« kommen. Durch Verfügung des Staatssekretärs des Innern vom 29. April 1899 ist die Realschule zu Konstantinopel berechtigt, Befähigungs­zeugnisse für den einjährig-freiwilligen Dienst auf Grund einer Abschlußprüfung unter Leitung eines Regiernngs- ko-mmiffars auszustellen. Ae Prüfung bestanden Juni 1902, diesmal, ohne daß ein besonderer Kaiserlicher Kommissar entsandt war, 11 Schüler, darunter 5 Reichs­deutsche, 4 Türken, je ein Schweizer und Österreicher. Der Konfession nach tvaren 5 evangelisch, 1 katholisch, 2 Israeliten und 3 Armenier. In diesem Jahre er­hielten 14 Zöglinge 'das Zeugnis der Reise. Man ge­winnt aus diesen Mitteilungen über das deutsche Schul­wesen im Auslande jedenfalls ein hocherfreuliches Bild, dem andere Völker nicht leicht etwas Gleiches werden an die Seite stellen können. Eine deutsche Propaganda unter diesem Zeichen und mit diesen Zielen wird der freudigen Unterstützung jeder deutschen Parteirichtnng stets sicher sein dürfen.

Eine Stadl der Arbeitermohlsahrt.

Einer der hervorragendsten Volkswirte Amerikas, Professor Richard T. Ely, veröffentlicht in der bekannten New Ijorker MonatsschriftHarper's Montbl.y Maga­zine" einen ebenso fesselnden wie ausführlichen Aufsatz über die neueren'Fortschritte der Fabrikantenwohlfahrts- pflegc in den Vereinigten Staaten und verweilt dabei

mit Vorliebe bei der Hauptstadt von Ohio, der durch und durch modernen Jndu'striegroßstadt Clevcland, einer der kräftigsten Pulsadern des demokratischen Lebens in dev zeitgenössischen Union. Dort haben seiner Ansicht nach die privaten Bestrebungen zur Hcbuug des Loses der Lohn­arbeiter im großen und ganzen einen höheren Grad er­reicht als sonstwo in Amerika.

Das Hauptverdienst an diesem Unfftand gebührt dem Jndnstrieausschuß" der Clevelander Handelskammer. Derselbe hat einen gut bezahlten Schriftführer, dem die Aufgabe zufällt, die zu feiner Kenntnis gelangten erfolg­reichen Wohlfahrtseinrichtungen bekannt zu machen und jedem Unternehmer, der die Lage seines Personals zu verbessern wünscht, mit Rat und Tat an die Hand zu gehe,:. Seine Dienste werden häufig in Anspruch genom­men, und die ersprießlichen Folgen seiner Anregungen machen sich in Cleveland vielfach geltend, sogar auch zu­gunsten der sonst überall arg vernachlässigten Straßen« vahnangestellten.

Als besonders typisch bezeichnet unser Gewährsmann die von der Farben- und Firnisfabrrk ,-Sherwin Wil­liams Company" getroffenen Einrichtungen zur Hebung der leiblichen und geistigen Gesundheit ihrer Arbeiter, sowie zur Förderung von deren sonstigen. Interessen. Die Umgebung der Leute wird durch Licht, Luft und Rein­lichkeit angenehm und gesund gestaltet. Moderne Wasch» und Klosetträume mit einer hinreichenden Menge von Wasser, Handtücher, filtriertes Trinkwasscr und verschie­denartige Badegelegenheiten bei allen Arpeitsrüunwn und in allen Arbeiterwohnungen sind vorhanden. Me Arbeiter werde:: zu täglichen Brausebädern angehalten, die der Trockensarbenabteilung müssen solche nehmen. In dieser Abteilung mtissen dieHände" täglich auch reine leichte Uberkleider anlegen und die Firma läßt ihre Kleider unentgeltlich waschen. Diese einfachen Maß­regeln haben eine ausfallende Besserung der Gesnndheits» Verhältnisse zur Folge gehabt. Bor ihrer Einführung waren die Leute fortwährend kränklich, und in der Trockensarbenabteilung konnte niemand länger als kmrch- schnittlich einen Monat arbeiten. Jeder zweite Man« litt unter den Übeln Einwirkungen des Bleies, denn d-i« früher üblichen Schwämme vor Mund und Nase nützten nichts. Jetzt dagegen arbeiten die meisten jahrelang ohne Beschwerde, und bloß 6 Prozent fühlen sich durch das Blei geschädigt. Hinsichtlich der übrigen Wohlfahrts- Einrichtungen der in Rede stehenden Fabrik schreibt Glq:

Wie in anderen fortschrittlichen Fabriken Cleve­lands, gibt es auch hier Ausruhezimmer ftir die Mäd­chen. Der Ernährung der Angestellten wird ebenfalls Aufmerksamkeit geschenkt. Zwei Stockwerke eines Ge- bändes sind von Speiscsälcn eingenommen, in denen mittags eine von tüchtigen Köchinnen bereitete Mahlzeit verabreicht wird. Täglich erhält ein jeder Angestellte unentgeltlich eine Portion geschmorten Fleisches mit Ge­müse und eine Tasse Tee oder Kaffee, während andere

FeniUeton. pariser Brief.

Kampf gegen den Alkohol. Das alkoholfreie Restaurant. Die Gefahren der Lächerlichkeit. Wassersorgen. Wasser und Politik. Das bedrohte Schloß Bagatelle.

Paris, 17. März.

Der Alkohol ist ein Gift", versicherte unlängst in einer öffentlichen Polemik üerDirektor der PariserArmen- verwaltung, Mesureur.Der Alkohol ist ein Nahrungs­mittel", ließ sich dagegen die Stimme des Direktors des Pasteur-iJnstituts, Duclaux, vernehmen. Zwischen diesen beiden extremen Meinungen wählt der vernünftige Mann einen Mittelweg, und ohne den -Alkohol vollständig in die Acht zu erklären, -huldigt er ihm nur mit Maßen. Leider aber befinde:: sich die vernünftigen Leute in der Minder­heit, und in unserer so unvollkommenen Menschheit er­zeugt auch der mäßige Gebrauch nur zu oft den Miß­brauch. Das haben sich die in Paris täglich zunehmenden Apostel der Mäßigkeitsbewegung gesagt, die von zwei Übeln das kleinere zu wählen wissen und dem Alkoholis­mus die Enthaltsamkeit vorziehen. Vor einigen Tagen machten sie in der französischen Hauptstadt einen neuen Versuch, dem Branntweinteufel entgegenznarbeiteu, in­dem sie einRestaurant ohne Alkohol" eröffnet«:. Durch frühere ähnliche Unternehmen, die sämtlich kläglich Schisf- bruch litten, gewitzigt, gingen die Mäßigkeitsfreunde diesmal weniger scharf vor und verbannten jede über­triebene Strenge. Bier und Wein sind in dem neuen Restaurant erlaubt, wenn auch nur in kleinen Quanti­täten und nur zu den Mahlzeiten.Ein Viertel Liter Mer per Kopf und Mahlzeit", heißt es in den Wand­anschlägen, die gleichzeitig eine unglaubliche Auswahl von Limonaden und sonstigenhygienischen Getränken" verkünden. Graupen, Hopsen, Flieder, Veilchen, Essig, Farinzucker und ähnliche Zutaten spielen in -der Her­stellung dieser Erfrischungen eine Hauptrolle, wie uns ebenfalls die anfgehängten Plakate belehren. Es ist sehr zu befürchten, daß die Aufzählung dieser Bestandteile auf die Gäste etwas entmutigend wirkt, und man hätte

sicherlich besser getan, sich auf die altbewährten Feinde des Alkohols, Kaffee, Tee und Schokolade, und auf einige Fruchtsäftc zu beschränke::. Unter entsprechenden Feier­lichkeiten wurde das neue Restaurant eingeweiht und der oben genannte Direktor der Armenpflege hielt die Eröff­nungsansprache. Eine große Anzahl illustrer Persönlich­keiten, unter anderem -der bekannte Senator Bdringer, wohnte der Feier bei, wurde in den Konversationssaal und in die Bibliothek geführt und darüber belehrt, daß cs dem bedienenden Personal bei Strafe -der Entlassung verboten ist, ein geistiges Getränk zu sich oder ein Trink­geld an sich zu nehmen.

Trotz der Entfaltung des Eröffnnngspompes, trotz der Anwesenheit einiger medizinischer Größen ist cs er­laubt, an dem Fortbestände -der neuen Einrichtung zu zweifeln. Zehn gegen eins ist zu wetten, daß sic das Schicksal ihrer Vorgängerinnen teilen und bald wieder von der Bildfläche verschwinden wird. Der Boden für einen gründlichen Sturmlaus gegen den Alkoholismns ist noch nicht geebnet genug, so lange sich die Bevölkerung der Gefahren noch gar nicht recht bewußt ist, in welche sie seit einigen Jahrzehnten durch die gerade in Frankreich in -erschreckendem . Matze gewachsene Trunksucht geraten ist. Mit billigen Scherzen zieht sich der Franzose aus der Affäre, wenn ihm von sachverständiger Seite der Ab­grund gezeigt wird, in den diejenige Nation, die noch vor einem Menschenalter zu den nüchternsten der Erde ge­hörte, zu stürzen sich anich-ickt. Mit wohlfeilen Redens­arten wird auch, wenn nicht alles trügt, binnen kurzem über das besprochenerestaurant sans alcool" (der Name stimmt nicht ganz, wie aus den angeführten Kon­zessionen hcrvorgeht), zur Tagesordnung übcrgegangen werden. Das Lächerliche tötet bekanntlich in Frankreich, und da -die Mätzigkeitsrestaurants und Enthaltsamkcits- cafös niemals verfehlen, sich mit etwas Lächerlichkeit zu bedecken (was aus den obigen Limonaden gleichfalls her- vorgehts, so müssen sie sich freilich selbst zuschreiben, wenn sie oft nur das Leben von Eintagsfliegen führen. Keine andere Bewegung ist so berechtigt in Frankreich wie der Kampf gegen den Alkohol, aber auch keine andere ist noch so wett davon enffernt, in den rechten Gang zu kommen

und zur wahren Bolksangelegenheit zu werden. Die Franzosen zerfleischen sich in grimmigen politischen Fehden und vergessen darüber, daß ein Krebs am Lande nagt, wie er schlimmer nicht gedacht werden kann. Mit solchen kleinlichen Mitteln, wie Limonaden-Restanrants usw., beschwört man nicht eine Gefahr, die stündlich sich vergrößert, und welcher die Regierung mit energischen Maßregeln cntgegentreten müßte.

Die Anhänger der Mäßigkeitsbestrebungen, die doch als ihr Leibgetränk das blanke Wasser erkoren haben, sind übrigens, abgesehen von den Anfeindungen ihrer Gegner, gerade wegen ihrer Vorliebe für das Wasser augenblicklich in großer Verlegenheit. In Paris ist eine ziemlich heftige Typhusepidemic ausgebrochen, die selbst­verständlich mit den: Trinkwasser zusamwenhängt. Also sogar der Wassergenuß wird dem Abstinenzler verleidet. Denn die Vorschrift der Hygiene, nur abgekochtes Wasser zu genießen und für die häuslichen Zwecke zu benutzen, läßt sich nur unter Schwierigkeiten cinhalten. An Typhusepidemien ist hierzulande kein Mangel. Selten vergeht ein Jahr, wo nicht eine so große Zahl von Opfern von der Statistik verzeichnet wird, daß man sich staunend fragen muß, ob die unzähligen Millionen Frank denn von der Stadtverwaltung zum Fenster hinausgeworfen werden. Die Pariser Einwohnerschaft hat in fabelhafte Geldausgaben für die Zwecke der Wasserleitungen willi­gen müssen, und immer wieder stellt sich heraus, daß die Versorgung der Hauptstadt mit Trinkwasscr außerordent­lich viel zu wünschen übrig läßt, sei cs, daß plötzlich der Typhus um sich greift, sei es, daß im Hochsommer das Quellwasser überhaupt ausbleibt, und zum filtrierten Seinewasscr gegriffen werden muß. Solche Zustände sind einer Stadt wie Paris ganz und gar unwürdig, und verlangen dringend Zlbhülfe. Aber der löbliche Krieg der Presse gegen die kompetenten Behörden wird nun­mehr schon seit einem Jahrzehnt nachdrücklichst geführt und hat trotzdem noch keine merkbaren Ergebnisse gczci. tigt. Typhusepidemie in jedem Jahr, Wassermangel :n jedem Sommer! So leicht werden sich diese bedauerlichen Verhältnisse auch nicht ändern, denn die Herren von der Stadtverwaltung liebe» den Schlendrian über alles und