Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatis. i »-» >
Nr. 233. Mittwoch, 6. Oktober.
(7. Fortsetzung.)
S. m. $. Grille!
Roman von Ott» Elster.
lRachdruck verboten.)
Er ging in dem Zimmer auf und ab, Unruhe im Kerzen und 'doch voll freudiger Erwartung. Er zweifelte Nicht an der Neigung Käthes. Damals, als er mit ihr tanzte, hatte sich ihm ihr innerstes Fühlen deutlich affen» hart, und er war ein zu guter Kenner des weiblichen Herzens, als daß er nicht das geheime Fluidum gefühlt hätte, das die Fäden zwischen ihm und ihr hin und wie» der spann. Der scheue Blick ihrer Augen, das flüchtige Erröten, ja, selbst ihre Zurückhaltung ihm gegenüber erschienen ihm als deutliche Zeichen ihrer Neigung.
Er wartete Wahl eine Viertelstunde, er wurde schon ungeduldig, seine Herren-Natur 'war das Warten nicht gswöhnt — als sich die Tür öffnete und die Baronin wieder eintrat.
„ES tut mir leid", sagte sie kühl. „Fräulein Schuh- inacher ist mit Wera in den Wald gegangen. Sie müssen Ihre Sehnsucht noch zügeln . . ."
„Wollen Sie mich verspotten, gnädige Frau?" fragte er verletzt.
„Das liegt mir fern — es ist ja selbstverständlich, daß Sie als glücklicher Bräutigam Sehnsucht fühlen."
„Noch bin ich es nicht, gnädige Frau . . - wann kehren die jungen Damen zurück?"
„Ich weiß es nicht. Wollen Sie ihre Rückkehr hier abwarten?"
Er erhob sich und grrff nach seinem Hut.
„Ich fürchte Sie zu stören, gnädige Frau — ich kämme lieber ein anderes Mal wieder."
„Wie Sie »dollen . . ."
„Also leben Sie wohl, gnädige Frau . . ."
Er wandte sich zunr Gehen, doch plötzlich kehrte er zu ihr zuriick und streckte ihr beide Hände entgegen.
,-Gnädige Frau — wir waren doch so lange Zeit befreundet — sollen wir so auseinander gehen? — Können Sie mich denn gar nicht verstehen?"
„Ich verstehe nur das eine", entgegnete sie mit behender Stimme, „daß Sie im Begriff sind, sine Torheit zu begehen . .
„Weil ich Fräulein Schuhmacher liebe »rnd zu meiner Gattin machen will?"
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„Aber weshalb denn?"
„Fräulein Schuhmacher paßt nicht zu Ihnen . . ."
„Aus welchem Grunde? Sie ist schön, gebildet, hat gute Formen, ja, sie besitzt Stolz . .
„Dieser Stolz ist es, der Sie abhalten sollte, um sie
S werben. Aber sprechen Sie selbst mit ihr •— ich rchte, Ihre Liebe wird an dem Stolz Käthes scheitern." „Ich verstehe Sie nicht . - ."
„Sie wird Ihre Hand zurücklveisen . .
„Gnädige Frau?!"
„Wollen Sie sich dieser Erniedrigung aussetzen, so fragen Sie Käthe solbst. Ich habe Ahnen vorhin nicht die Wahrheit gesagt, um Sie zu schonen ... die beiden Mädchen sind nicht in den Wald gegangen — oder waren e§ bis vor kurzem noch nicht- Ich traf Käthe im Park; als ich ihr sagte, daß Sie sie in einer ernsten Angelegen
heit zu sprechen wünschten, erschrak sie zuerst und ihr« Wangen flaminten in heißer Glut. Dann fragte si« mich, ob ich wüßte, in welcher Angelegenheit Sie sie zu 'sprechen wünschten. Ich zuckte die Achseln — sie werde wohl selbst wißen, was es bedeute, wenn ein unverheirateter Herr eine junge Dame in ernster Angelegenheit zu sprechen wünsche. Da bedeckte plötzlich tiefe Blässe ihr Gssicht, sie wandte sich zu Wera: „Komm, Wera", sagt« sie, „laß uns in den Wald gehen, ich möchte Herrn von Neithardt nicht begegnen . . ." „Aber er erwartet Sie", sagte ich. „Sagen Sie ihm", entgegnete sie mir, „daß seine Angelegenheiten kein Interesse für mich hätten . . ." und damit nahm sie den Arm Weras und zog sie mit sich fort. — Aus alter Freundschaft habe ich Ihnen die Wahrheit gesagt, Herr von Neithardt. Wollen Sie noch um Käthe Schuhmachers Hand werben?"
Er war marmor-weiß geworden; mit finsteren Augen sah er zu Boden; seine breite Brust hob sich in einem tiefen Atemzu-g.
„Es würde mir ein Trinmph sein", sprach er, mit den Zähnen knirschend, „ihren Stolz zu brechen - . ."
„Und dabei selbst unglücklich werden. Lieber Reit« Wardt, sei'n Sie verständig . . ."
Sie legte ihm -die Hand auf den Arm.
„Wenn Sie sich vermählen trollen, weshalb gerada diese unstandesgemäße Partie?"
Er lachte hart auf.
„Ich soll mich wohl lieber an Fräulein von Gravenhorst wenden", spottete er. „Sie paßt allerdings vortrefflich zu mir, wir sind in demselben Jahre geboren
— das gäbe eine ruhige Ehe . . ."
Er fuhr sich mit der Hand über die Augen und sprach ernst weiter:
„Ach, lassen wir das! Ich weiß wohl, liebe gnädig« Frau, daß Sie es gut mit mir meinen, und ich bin Ihnen ja auch sehr dankbar für das Vertrauen und di« Freundschaft, die Sie mir stets bewiesen haben. Aber wenn uh mich binden soll, dann muß auch das Herz mitsprechen — ja, sehen Sie mich nur erstaunt an! Daß ich von denn Rechte des Herzens spreche, das sind Sie bei mir nicht gewohnt — doch glauben Sie mir, auch ich besitze ein Herz — ich spreche nur nicht gern davon . . ■"
„llnd dieses Herz schlägt wirklich für Käthe Schuhmacher?"
„Ja — von der ersten Stunde an, -da ich sie hier bet Ihnen gesehen habe — doch mein Urteil ist ja gesprochen
— leben Sie wohl, liebe gnädige Frau — und sei'n Sie mir nicht böse . . ."
„Bleiben Sie noch. Wolrad", sprach die Baronin herzlich, ihn zurückhaltend. „Ich bin Ihnen nicht böse
— nein, ich schätze Sie nur noch höher, da Sie mir einen Einblick in Ihr tiefstes Empfinden gestattet hoben. Wollen Sie, daß ich mit Käthe noch einmal spreche?"
„Was sollte das nützen?"
„Wenn ich ihr sage, wie Sie fühlen . . ."
„Nein, nein — das muß ich -selbst ihr sagen! ES würde lächerlich klingen, wollte ein anderer ihr von
