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Mittwoch, 6. Oktober 1915. Nr. 466. . 63. Jahrgang.
Der Rücktritt des Nabmetts venizelos.
Rönig Konstantin
mißbilligt des Ministerpräsidenten Politik.
Vr'. T.-B. Paris, 6. Oft. (Nichtamtlich.) Die Agcnce-Havas erfährt aus Athen, daß der Ministerpräsident Venizelos gestern vom König empfangen wurde, der ihm erklärte, er könne der Politik des gegenwärtigen Kabinetts nicht bis zum Ende folgen. Veui- zekos hat dem König sein Abschiedsgesuch einge- reicht.
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Die Schwierigkeit bet Stellung, in der sich Eriechckstand befinder, wird gerobe jetzt deutlich, wo König Konstantin anscheinend zimi zweiten Male von Venizelos sich lossaaen will. W i r brauchen dies Ereignis — bei aller Fernhaltung von übertriebenen Hoffnungen — jedenfalls nicht auf unserer politischen M i n u s s e i t e zu buchen. Es will sicherlich viel sagen, und es ist gewiß ein seltener Fall, daß ein Monarch in cme-.l parlamentarisch regierten Staat sich zum zweiten 'Male innerhalb eines guten halben Jahres einem von der Parlamenrsnlchrheit nach Neuwahlen und von großer Volkstümlichkeit getragenen Ministerpräsidenten gegellüber durchzu setzen weiß. Die neue Ministerkrisis bezeugt erneut die Charakterfestigkeit des Königs Konstantin. Aber vor weitgehenden Schlüssen in der Richtung unserer eigenen W ü n s ch e sollen wir uns darum doch hüten. Wenn der König und mit ihm wohl der Gcneralstaö bis dahin dem Übergange in das Lager des Vierverbanües widerstrebte, so -dürsten wir doch nicht erwarten, daß er als Mitstreiter in unser Lager werde einireten können- Wenn andererseits Venizelos zweifellos zu unseren Feinden hinneigte, so wird er doch wohl nicht unbesonnen auf den Krieg hingearbeitet haben, zumal der griechisch-italienische Gegensatz dazu raterr mußte, sich die größtmögliche Handlungsfreiheit zu bewahren. Aber die Verhältnisse werden auch dort wohl stärker als die Menschen, als ihre Klugheit und ihre Vorsicht seil-. Was will -Griechenland z. B. machen, wenn England und Frankreich seine Waffenhilfe fordern? Freilich kann es den Ausweg eines Sch ei n krieg e § wählen, aber sogar dann, wenn die Neutralität Griechenlands, wie das mm angesichts der neuen Mimsterkrrsis sich ansicht, einigermaßen gewahrt werden kann, -darf der Dierverband diesen Staat zum mindesten in seine politische, wenn auch nicht unbedingt in seine militärische Rechnung einstellen. Für eine ruhige Betrachtung muß es nun aber eine Selbstverständlichkeit sein, daß König Ferdinand und Radoslawow die Möglich- -eiten, die Bulaarien von der griechischen Seite her zu erwarten hatte, sorgfältig erwogen und ihnen, soweit sie feindlich werden sollten, rechtzeitig vorgebeugt hat. Es wird weder für Bulgarien noch für uns auf der Balkanhalbinsel Überraschungen -gelben, es handelt sich nicht um ein WürfeIspie l, bei dem der blinde Zufall entscheidet, sondern um die planmäßige Anlage eines Schachspiels. In gewissen Sinne beginnt die Aktion unserer Gegner bereits mit dein Bekenntnis eines schweren Mißerfolgs; denn die Truppen, die von Saloniki aus den Vormarsch nach dein serbischen Mazedonien antreten sollen, sind Wohl zum Teil den Beständen entnommen, die sich an den Dardanellen vergeblich abmühten, die türkischen Linien zu durckhrechen. Seit mehreren Tagen schweigen an dieser Meerenge die Kanonen so gut wie völlig, der Kampf ist zunächst wenigstens zu Ende. Ob er wieder ausgenommen werden wird — einige Nachrichten sprechen ja bereits von einem völligen Aufgeben der Dardanellenaktion —das wird davon abhängen, wie es den Truppen beim Vormarsch gegen die Bulgaren ergehen mag. Aber vielleicht sind jetzt auch in Thrazien starke Armeen frei zu neuen Schlägen, und die türkische Heeresleitung wird Wohl idarauf brennen, sich nicht bloß in der Abwchr, sondern auch im A n- griff kräftig zu bewähren. Das russische Ultimatum müßte zur naturgemäßen Folge haben, daß auch russische Truppen an den bevorstehenden Bal- kankäinpfen teilnehnien. W i e das geschähen könnte, ist nach Lage der Verhältnisse freilich unerfindlich. Die bulgarische Küste des Schwarzen Meeres, an der nach einer unten wiedergegebenen Meldung der „Köln- Zeitung" ja Varna von . russischen Schissen zurzeit chon beschossen werden soll, ist jedenfalls gegen etwaige Truppenlandungen durch Minen gut geschützt, ganz abgesehen davon, daß eine rusi'sche Truppenlandung an dieser Stelle noch anderen Hindernissen begegnen Würde, über die im Augenblick nicht gesprochen zu werden braucht. Der Durchmarsch durch Rumänien aber könnte nicht ohne Verletzung der rumänischen Neu
tralität erfolgen. Auch hier wird dafür gesorgt sein, daß selbst wenn der Entschluß zur geivaltsamen Erzwingung dieses Weges gefaßt werden könnte, das E r- g e b n i s einen schlimmen Mißerfolg mit Sicherheit bedeuten müßte. Nach manchen Anzeichen scheint es, als sei es der Stoatskunst der bulgarischen Regierung gelungen, eine Verständigung mit Runronion heroeizuführea. Allerdings können sich die Verhöstnisse aus dem ewig schwankenden Boden des Balkans von Tag zu Tage ändern, Gewißheiten dauern dort nur solange, wie das unmittelbare Interesse ihren Bestand empfichlt, und auch in bezug ans Rumänien darf man mit der -Objektivität, die wir uns selber schuldig sind, zugeben, daß ihm die Wahl nicht leicht gemacht wird. Wir müssen beinahe schon zufrieden damit sein, wenn dies Staatswesen, das insofern günstiger als Gnechenland bastelst, überhaupt noch die Freiheit der Wahl behalt. Wir können hiermit darum zufrieden sein, weil wir auch weiter darauf vertrauen dürfen, daß Herr Bratianu, der sich freilich f ii r die Zentralmächte nicht entscheiden will und vielleicht auch nicht kann, sich wenigstens nicht für unsere Feinde entscheiden wird. Der Weltkrieg ist jedenfalls in einen neuen Abschnitt eingctreten. Znm erstenmal in der Geschichte wird das südöstliche Europa den eisernen Schritt deutscher Truppen zu hören bekommen.
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Die heutige Lage.
(Don unserer Berliner Schriftleitung.)
L- Berlin, 6. Okt. (Gig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Zur Balkanlage, die sich etwas aufzuhellen beginnt, harren wir immer noch ganz einwandfreier Bestätigung der auf Umwegen eingetroffenen bedeutsamen Nachrichten. Wie wir erfahren, ist das Ultimatum der Entente vorgestern in Sofia überreicht.worden, und zwar in etwas unterschiedlicher Form. Während Frankreich sich der russischen Befristung von 24 SÜtnden anschloß, erklärte England, auf einen Termin geringeren Wert zu legen. Zur Stunde ist unsere Vermutung noch mehr gerechtfertigt, daß Bulgarien feine Ablehnung durch Nichtbeantwortung zu erkennen geben wird und die Frist oblanfen -läßt. Nach allen Nachrichten sieht Raidosl-awow den kommenden Ereignissen mir vollkommener Ruhe entgegen und stimmen Bulgariens Interessen mit denen des Deutschen Reiches weiter überein. Wir können ferner annchmen, daß was Rumänien anbetrrfft, Bratianu auch diese Krisis überwinden und bei der Neutralität verbleiben wird. Wir dürfen nicht überrascht sein, daß uns eine formelle Bestätigung über den Rücktritt Venizelos noch nicht vorliegt, da Te l e- -g r a nr m e aus Athen gegenwärtig 2 bis 3 Tage brauchen. Es wäre aber nicht einzulehen, welche Gründe die französische Havas-Agsntur veranlassen könnte, eine Bestätigung -des Rücktrittes des griechischen Ministerpräsidenten zu verbreiten, falls der Konflikt Venizelos' mit der Krone nicht den Tatsachen entspräche. Alan kann wohl auf die ritterliche und loyale Gesinnung des .Königs Konstantin rechnen, der sich dem Neutralität sbruch aus seinem bekannten Recht- l i ch k e i t s g.e f ü hl ebenso sehr wie aus den richtig verstandenen Interessen seines Landes heraus widersetzen wird.
Zur Ueberreichung des russischen Ultimatums.
Außer dem ruffischen auch der französische und englische Gesandte anwesend.
tV.7-.-8. Paris, 6. Okt. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Havas meldet: Im Anschluß an die Erklärung, in der der ruffische Gesandte in Sofia von der bulgarischen Negierung die Zurücksendung der deutschen und österreichisch-ungarischen Offiziere binnen 24 Stunden fordert, gaben die Gesandten Frankreichs und Englands dem bulgarischen Kabinett bekannt, daß Frankreich und England sich der Forderung Rußlands vollkommen anschließen. Ferner erklärten sie, daß die früher von den Verbündeten Bulgarien gemachten Vorschläge als null und nichtig betrachtet werden müssen.
Der bulgarische amtliche Bericht.
W. T.-B. Sofia, 6. Okt. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Amtlich wird mitgeterlt: Am Montag zwischen 4 und 6 Uhr nachmittags empfing Ministerpräsident stiados- lawow den Besuch der Vertreter Rußlands, Frankreichs und Großbritanniens. Die beiden elfteren überreichten ihm Noten, welche den Charakter eines Ultimatums tragen und wodurch sic eine gezwungene Auslegung der von Bulgarien proklamierten bewaffneten Neutralität und der Zwecke der bulgarischen Mobilmachung geben, und unter Androhung des Abbruches der Beziehungen daraus bestehen, daß Bulgarien binnen 24 Stunden offen seine Beziehungen zu den Mittelmächten abbreche und die deutschen und österreichisch- ungarischen Offiziere eutferne, die sich angeblich brr der»
verschiedenen Gcncralstäben und den bulgarischen Armeen« befinden Ter britische Vertreter überreichte eine kurze B c r b a l« o t c, nach der Großbritannien seine Ber zichungru zu Bulgarien abbrechcu werde, falls auf dem Balkan aus der Tatsache der bulgarischen Mobilmachung Feindseligkeiten nusbrechen. Infolge fehlender Instruktionen schloß sich der Vertreter Italiens noch nicht den Schritten seiner Kollegen an.
In Erwartung der bulgarische» Sntwort ' an Rußland.
Berlin, 6. Okt. (Zens. Bln.) über vine Antwort Bulgariens auf das russische Ultimatum war bis Mitternacht kaut „B. L.-A." eine Meldung bei den hiesigen Stellen, die man für unterrichtet halten darf, nichts eingegangen. —. Nachrichten brauchen jetzt, wie das „B. T." schreibt, um vmtz Sofia nach Berlin zu gelangen, durchschnittlich 16 Stunden und häufig mehr. Die Entscheidung der bulgavi-- schen Regierung kann also im Laufe des Morgens hier ein, treffen. Es gelte, sagt das genannte Blatt, fortgesetzt als selbstverständlich, daß die bulgarische Regierung sich dem Willen RußlmM nicht unterwerfen werde.
Bulgariens Stunde — jetzt oder nie.
Ein flammender Aufruf des Sobranjevizetzräsidente«.
W. T.-B. Sofia, 6. Okt. (Nichtamtlich. Meldung deI Wiener Ä. K. Tetegr.-Korresp.-Bureaus.) Der Vizepräsident der Sobranje, Momtschilow, schreibt in der „Kambana"r Als Bulgarien vor zwei Jahren bereits erniedrigt, von allen Seiten überfallen, von den Franzosen und Rüsten beschimpft: und verkauft ward und nicht wußte, wo Rettung suchen, damals glaubte niemand, daß Gottes Gerechtigkeit so nahe liege und der Tag der schrecklichen Vergeltung so bald kommen würde. Dieser Tag istge- kommen, wo der tückffche serbische Erbfeind vertriebe» iverden mutz, damit Bulgarien frei und von nicmaoi behindert sich ruhig entwickeln- kann. Jetzt oder nie muß Bulgarien groß und mächtig werden znm Schrecken! seiner Feinde, wo immer sie aufiauchen, jetzt oder nie muß jeder seine Bürgerpflicht erfüllen, damit das gr»tzei nationale Ideal aller Bulgaren erreicht werde. i
Beschießung des bulgarischen Hafens Varna durch russische Geschwader.
Berlin, 6. Okt. (Zens. Bln.) Die „Köln. 3t«." meldet von der italienischen Grenze, daß die „Tribuna" aus Saloniki berichtet, zwei russische Geschwader hielten den bulgarische» Hasen von Barna unter Feuer.
Die Londoner Regierung befurchtet den Marsch der Deutschen nach Aegypten.
IZn Haag, 6. Okt. (Eig. DwLtbecicht. Zenf. Bkn.)' Londvner Regierungskreise beurteilen die Luge pessi- misiisch. Was London besonders befürcht^, ist nicht die völlige Niederlage Serbiens, sondern der Marsch der Deutschen durch Serbien, Bulgarien und Kleinasicn nach Ägypten, mn sich des Sueskauals zu bemächtige«. Diese Befürchtung wird in London allgemein ausgesprochen.
Die Stimmung in Sofia.
Genf, 6. Okt. (Zens. Bln.) Der Sofioter Mitarbeiter des „Corrieve della Sera" telegraphiert. Sofia sei von einem wahren deutschfreundlichen Rausche erfaßt. Die starken Männer der Opposition von Genadiew bis Stam- boulonski seien allesamt umgefallen und auf den Straßen würden Studentenumzüge mit bulgarischen und österreichische Fahnen veranstaltet.
Mobilisierung der bulgarischen Krtillerie. '
Rotterdam, 6. Okt. (Zens. Bln.) Reuter meldet ans Athen: Bulgarien hat jetzt auch die Mobilmachung der; gesäurten Artillerie und der Artilleriereserven! begonnen. Dies war erst jetzt möglich, da Mangel an Pferden! bestand, der jetzt vollständig behoben ist.
Eine Kundgebung bulgarischer Studenten in Dresden.
Dresden, 6. Okt. (Zens. Bln.) Die bulgarischen Studenten der Dresdener Technischen Hochschule veröffentlichten- eine« Erklärung, in der sie versichern, für deutsche Kultur stets -ein- treten zu wollen, und gleichzeitig den Wunsch aussprechen. Deutschland möge in diesem Kampfe siegrech fein.
Die wünsche der Panslawisten
Ein bulgarischer Herrscher slawischen Blutes.
Br. Stockholm, 6. Okt. (Eig. Drahtbercht. Zens. Bln.) Die geheimsten Absichten und Gedanken der russischen Pan. slcavisten bezüglich Bulgariens wurden aus dem jüngsten sogenannten flawffchen Essen in Petersburg verraten. Der Präsident Bachmakow führte aus: Die Zeit des Sprechens sei vorüber, man müsse endlich zu Taten schreiten. Allere dings sei anzun-ehmen, daß Bulgarien nicht direkt gegen Rußland Vorgehen wolle, aber Rußland müsse trotzdem unverzüglich seine Kriegsflotte nach den bulgarischen Häsen senden und Bulgarien okkupieren. Dann müsse in Tirnowq eine große bulgarische Sobranje abgehalten und ein Herrsche^ gewählt werden, sei es aus der Mitte der Bulgaren selbst. cdeÄ aus der Dynastie einer anderen slawischen Macht,. <, ^
