Einzelbild herunterladen
 

Verlag: Langgasse 27.

Abonnenten.

Anzeigen-PreiSr

Die einspaltige Petitzcile für lokale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzcile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.

für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittaas, für die Morgen»Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. - Für die Aufnahme später cingereichter Anzeigen zur nächst» erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzeigcn-Aufnahme an bestimmt vorgeschriebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

52 . Jahrgang.

Erscheint in zwei Ansgaben. — Bezugs-PreiS: durch den Verlag 51» Pfg. monatlich, durch die Post » Mk. 5« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Adrigen -Annahme

. 123. BerlagS-Fernfprecher No. 2958 .

Morgen - Ausgabe.

1 . M'att.

Der Milttiii>E1a1 im Neichstng.

o n unserem militärischen Mitarbeiter.!

Die Verhandlungen vom 5., 7. und 8. März im Reichstage über den Militär-Etat brachten wenig genug M dem, was sich in bar ausdrückt, dagegen eine Menge „on Stoff, der kaum in Beziehung zu der Geldbewilligung ßr unsere bewaffnete Macht steht.

Was uns in erster Linie interessierte, wofür wir schon manche Lanze brachen, war die Bekleidungsfrage. Der Kstegsmiinister wurde angezapst, warum unsere Armee noch nicht eine in Farbe feldmäßige Uniform habe. Seine Entgegnungen setzten uns, aufrichtig gesagt, in großes Erstaunen. Nach General v. Einem soll es äußerst schwierig sein, die passende Couleur zu finden! Wir dmkm, diese Frage wäre sehr praktisch durch unsere Forstuniform und die der Jäger zu Pferde gelöst. Selbst sie neue Litewka der Offiziere, der neue Mantel der ge­samten Truppen haben eine wenig weit erkennbare Farbe, sie im Gelände den liegenden Schützen fast unsichtbar macht.

Herr v. Einem behauptet trotz der vielfachen Arbesten ter Schießschule und ihrer Entscheidung für das Hell­graue als das Praktischste, daß Blau oder Grau ganz egal seien, in der Ferne präsentierten beide sich als dunkele Linien.

Die Sezession der Malerei kennt zwar blaue Blätter, grüne und violette Kühe und Schafe, daß aber unser Kriegsmiuister Grau und Blau für gleich ausschauend er- klärt, geht denn doch noch über die moderne Farben­seherei!

Gott sei Dank haben wir an entsprechender Stelle noch Leute, die unser Blau, welches in einiger Entfernung die Marschkolonne fast schwarz erscheinen läßt, von Grau unterscheiden können. Dem Einfluß dieser Heller Schen- im ist es jedenfalls zu danken, daß die im Auslande, in dm Kolonien sichenden -deutschen Soldaten eine dem Zweck entsprechende kriegsmäßige Kleidung tragen.

Bon einer Sommerunisorm war bisher noch nicht die Rede und dennoch erscheint uns diese gerade so wichtig, wie jene mit der .dem Gelände ähnlichen Farbe. Be- spkwchen ist dieses Thema schon genügend und wird kein Denkender den jetzigen Rock des Königs für alle Jahres­zeiten als das Ideal militärischer Bekleidung anschen. Seine Konstruktion datiert aus der Zeit, wo man die jetzt georderten Leistungen an die Kräfte des Infanteristen nicht kannte. Er mag für das Drillen auf den Kasernenhösm und kleinen Exerzierplätzen in den nicht

Sonntag» de« 13. Marx.

heißen Monaten praktisch gewesen sein. Zur Sommers­zeit kostete diese dicke Tuchhülle aber auch schon vor 50 bis 60 Jahren manchen armen Teufel Gesundheit und Leben. Außer den kleinen Knöpfen hat der Wafsenrock seit seinem Bestehen noch keine Änderungen auf­zuweisen und wird anscheinend noch fernerhin an warmen Tagen seine Opfer fordern!

Es ist unerfindlich, wie die Armseverwaltung einer Bekleidung das Wort reden kann, welche als 'gesundheits- schädlich von vielen medizinischen Autoritäten bezeichnet wird und die ihreu verderblichen, Menschen mordenden Einfluß Jahr für Jahr aufs neue beweist!

„Für die Landwehr ist im Kriegsfälle eine graue Litewka vorgesehen, erklärte General v. Einem. Ohne Beinkleider von derselben Farbe erfüllt sie nur halb ihren Zweck. Leicht könnte es unseren Wchrmärmern mit der von der Linie verschiedenen Uniform ergehen wie 1870, wo der malerische Tschako sie so kennzeichnete, daß z. B. vor Böetz und Paris sich die Ausfälle der Belagerten mit Vorliebe gegen die Landwehr (Division Kummer und Garde-Landwehr) richteten. Das Leben des, Landwehr- mannes, der meist Familienvater ist, erschien doch so wich­tig, daß, durch dieErsahrungen des großenKrieges belehrt, der Tschako verschwand und der Jnfanteriehelm jetzt daS Haupt des Wehrmanns deckt!

Daß der inaktive Offizier mit seiner oft unbequemen Schriftstellerei auf der Blldfläche erschien, war voraus- zuschen. Der Kriegsminister scheint von der Weisheit der „Ausrangierten" nicht viel zu halten und meinte, wenn wir richtig gelesen haben: „Wenn es nun gar ein Oberst a. D. sagt, dann ist es für die Menge maßgebend!"

Die alten kriegserfahrenen Obersten a. D. behaupten gerade so vielen Verstand zu besitzen, wie mancher auf dem Parguet gezüchtete kommandierende General oder Minister! Daß sie mehr von der rauhen Wirklichkeit ver­stehen und mehr Menschenkenntnis ihr eigen nennen, wie Leute, die den praktischen -Menst pr vom Hörensagen kennen, wird man ihnen wohl gerne glauben, ß. W.

Wer die Ursachen des Uerero-AWandes

bringt der soeben eingetroffene erste briefliche Bericht des mehrfach erwähnten Vertreters Ser „Köln. Ztg." einige neue Mitteilungen, die hier wiedergegeben seien, da sich voraussichtlich von missionarischer und anderer Seite weitere Erörterungen daran knüpfen dürften:

Zuerst war hierher gemeldet worden, daß die Hereros von Waterberg verdächtig seien und daß eine stärkere Besetzung des Platzes notwendig sei. Als wir diesen Platz kurz vor Weihnachten besuchten, bestand die dortige Station aus einem Unteroffizier und zwei Soldaten, welch letztere eben ein neues Stationsgebäude unter Dach brachten. Die ganze Gegend war anscheinend

Redaktions-Fernsprecher No. 52. 1904.

ruhig. Nur bildete das Vorgehen der Händler beim Eintreiben der Schulden allgemeinen Gesprächsstoff. Dieses Vorgehen -ist die Folge einer Verordnung von Berlin, wonach die Schulden der Eingeborenen gegen Weiße vom 1. April d. I. binnen Jahresfrist verjähren. Ohne für den Augenblick weiter auf das Wesen dieser einschneidenden Verordnung einzugehen, sei hier hervor­gehoben, daß sie als eine der mittelbaren Ursachen der jetzt ausgebrochenen Unzufriedenheit der Hereros an- zusehen ist. Die im Lande sehr zahlreichen fahrenden Händler, deren Vorleben in Europa oft die Ursache ihres Hierseins ist, wie denn überhaupt das Schutzgebiet namentlich bei unfern Mitbürgern deD preußischen Ostens als ein geeignetes Verschickungsland für unge­ratene oder unbequeme Söhne gilt, sind nicht sehr rück­sichtsvoll in der Wahl ihrer Mittel und suchen sich für die den Hereros dargeliehenen oder dargewucherten Waren bezahlt zu machen, damit nur die verhängnis­volle Frist nicht verstreiche. Das einzige Zahlungsmittel des Herero ist sein Vieh, Rinder, Schafe und Ziegen, und dieses Vieh, das seinen Wohlstand ausmacht, will er sich nicht abnehmen lassen. Wenn er aber Reis essen, ein buntes Kopftuch für seine Weiber haben oder eine Khakihose anlegcn will, wenn der fahrende Händler mit vollbeladenen Ochsenwagen erscheint und all seine schönen Sachen auskramt, dann läuft dem genußsüchtigen Herero das Wasser im Munde zusammen und er verspricht dem Händler ein Stück Vieh um das andere. Nur bar be­zahlen mag er nicht, und wenn er dann gemahnt wird, hat er immer noch einen Vorwand, um Aufschub zu verlangen: die Kuh mit der Blässe auf der Stirn mutz ihm ja noch ein Kalb geben, damit der Viehstand voll­zählig bleibe. Und so geht es immer in einem fehler­haften Kreise, der nur durch die Arbeit berichtigt werden könnte. Allein der freie Herero will von Arbeit nichts wissen, denn sein Ausspruch lautet: „Der Herero ist ein geborener Herr, der Weiße hingegen arbeitet sich erst zum Herrn empor." Den Händler kümmert natürlich diese Weltanschauung nicht. Jeder Lump, sagt er sich, will heutzutage eine Weltanschauung haben, ich aber will mein Recht. Er wendet sich an die nächste Militär­station, die ihm die Pfändung ermöglichen soll. Nicht immer wagt der auf seine eigene Verantwortung ange- wiesene Unteroffizier, bei der Pfändung behilflich zu sein. Er wagt es besonders dann nicht, wenn ein (protestantischer) Missionar von der rheinischen Mission am Orte sitzt. Ein solcher Missionar betrachtet sich als den natürlichen Anwalt der Eingeborenen gegenüber den Weißen, und wenn es sein muß, gegenüber der Regierung, die in fast allen Landfragen aus diese „Glaubensboten" stößt. Der Unteroffizier, sein Ober­leutnant und Bezirkschef, und wiederum des letzteren Vorgesetzter, der Gouverneur, sie alle wissen, daß die Missionare sich mit Beschwerden nach Berlin wenden und dort niemals abgewiesen werden. So verhilft sich denn der Händler selbst zu seinem Guthaben, und zwar gründlich, indem er den Schuldnern soviel Vieh weg-

FrnrUeton.

Berliner §Liinmung§bilöer.

Von Paul Lindenberg.

Zum Hinschcidcn des Grafen Waldersee. — Theodor Rocholls Gemälde: „Einzug des Grafen Waldersee in Peking". — Mord­end Selbstmord-Epidemie. — Nach autzen hin hui.—

Glänzendes Elend. — „Ein frohes Leben führen wir!" — Die ländlichen Kolonie« vom Roten Kreuz. — Das gefährdete Grab Heinrich v. Kleists.

Mit Gras Waldersee ist wiederum einer von denen dahingeschieden, die ein Stück Geschichte gemacht und erlebt und die manch' Geheimnis mit in die Ruhe des Grabes nehmen. Sollte der Feldmarschall, woran Man zweifeln darf, Erinnerungen hinterlassen haben, so würden sie uns vielerlei Interessantes bringen und recht gewichtigte Aufklärungen über allerhand rätselhafte Vor­kommnisse der deutschen Politik während der letzten sünf-

S n Jahre. So gern und beredt Gras Waldersee in inem Kreise von seinen Erlebnissen in Kriegs- und Friedens; eiten, wie von seinen Begegnungen mit be­deutenden Persönlichkeiten erzählte, so gut konnte er schweigen, falls das Gespräch Vorgänge berührte, die mit der Entlassung des Fürsten Bismarck und seines Nach­folgers zufammenhingen. In Berlin war Graf Walder­see geraume Zeit hindurch eine sehr bekannte Erscheinung und dies zu bemerken hatte ihn nie unangenehm berührt; die stämmige, forsche Gestalt, das frische Gesicht mit dem kurzgaschnittenen weißen Haar, das energische Wesen fielen sogleich auf, man empfand unwillkürlich, daß dieser Mann seine Bedeutung hakte und sie beanspruchte.

Ein eigentümlicher Zufall will es, daß an demselben Tage, an welchem Graf Waldersee aus dem Leben schied, unserer Nafional-Galerie Theodor Rocholls Ge­mälde: „Einzug des Grafen Waldersee in Peking" einverleibt wurde, seinen vorläufigen Platz im Corneliussaale erhaltend. In der Uniform der Königsulanen reitet der Feldmarschall an der Spitze des internationalen Stabes, in welchem alle Uniformen und Dfsiziertypen vertreten sind, über dm Köpfen der Rester

die schwarz-weiß-rote Fahne mit dem Eisernen Kreuze flatternd. Bengalische Lanzenveiter eröffnen den Zug, die Truppen der verschiedenen Akächte bilden mit präsen­tiertem Gewehr Spalier, hier unsere Infanterie, dann Italiener, Österreicher, Amerikaner, Indier, ein favben- reiches Durcheinander, zu dem sich noch ein Trupp vor­nehmer Chinesen in Galakleidungen gesellt. Ten Hinter­grund bildet eins der massigen, roten Stadttore mit breitem Turmausbau, Geschütze feuern dort den Salut, schwer in der trüben, grauen Lust lösen sich die Dampf­wolken ab. Das flott gemalte Bild ist sehr gut in Farbe und Sffmmung, es bringt geschickt die Jnternationalität des -Ganzen, sowie das Hervorragen des deutschen Elementes zum Ausdruck, ohne, wozu die Versuchung vor­handen, in Kleinigkeitskrämerei zu verfallen. Daß der packende dramatische Zug fehlt, der Hauch einer großen geschichtlichen Begebenheit, na, dafür kann der Künsller nicht verantwortlich gemacht werden, an -derlei Dingen ließ überhaupt der gesamte chinesische „Krieg" viel zu wünschen übrig -— nicht mal ein paar getötete Zopf­träger konnten geschickt im Vordergründe angebracht wer­den, nicht mal ein paar vernichtete Kanonen! —

Tod und Vernichtung, -darüber haben wir in Berlin desto ausreichender zu verfügen! Der diesmalige Karneval, der uns mehr Feste denn je gebracht, er sinder einen traurigen Abschluß. Mord und Selbstmord sind geradezu epidemisch ber uns geworden, daß man sich kaum noch über derlei Nachrichten aufrogt. Aber bei den Famlientragö-dien der letzten Tage sind die Beweggründe dazu und Nebenu-mftände doch so auffallender und über­einstimmender Art, daß man hier nicht mehr von einzelnen Erscheinungen sprechen kann, sondern von einer unheim- lichen Krankheit, die fortgesetzt ihre Opfer -erfordert, weit mehr, als man allgemein annimmt. Tenn der Vorhang von dem düsteren Bilde wird nur sortgezogen, wenn sich irgend ein besonders packender Fall ereignet, wenn ein Knalleffekt stattgefunden! von den geräuschlos von der Berliner Bildfläche verschwindenden Zahllosen spricht man nicht, sie versinken meist spurlos. Wiederholt schon wurde in diesen Berichten jener Krankheit Erwähnung getan deren Eigenart die Gattin des» mit seiner gesamten

Famstie aus demLeben geschiedenen ehemaligenLeutnants Beseke in kurzen Worten zu einer Freundin kurz vor der Katastrophe ausgedrückt: „Wir leben in einem

glänzenden Elend!" — Nach außen hin hui, ein Dasein voller Freuden mit Bällen, Gesellschaften, Theater, mit teuren Tolletten für Frau und Tochter, welch' letztere vielleicht einen wohlhabenden Freier findet, während die Söhne Offiziere werden sollen, innen aber stete Aufregungen und Sorgen, sowie die Angst vor dem jeden Augenblick zu erwartenden Gerichtsvollzieher. Und dann, wenn alles zusammenbricht, wenn keine Hoffnung mehr winkt, noch einmal lustig getollt und darauf der letzte Gang durch das „dunkle Tor" angetreten! Was aus all denen wird, meist kleinen Handwerkern, Kauf- leuten, Gewerbetreibenden, welche ihr mühsam erworbenes Geld vertrauensvoll gegeben, geblendet -durch die glänzende Haushaltung, durch Namen und Stellung, und welche dadurch oft genug selbst vom Ruin bedroht sind, das ist gleichgülffg: „wir haben gelebt und genossen,

nach uns die Sündflut!"-So handelte die Besekesche

Familie, die 130 000 Mark Schulden hinterläßt, so die Brambachsche, die sich das erstere Drama zum Vorbilds genommen, sogar was den Besuch des Zirkus am voran- gehcn-den Abend und das Weingelage betrifft, und dann: „Adieu, schöne Welt!"

Weit erschütternder wirkt der f r e i w i I l i g e Tod des Regierungsrats Dr. Brendel, des Be- sitzers des gleichnamigen alten, angesehenen Bankhauses, das durch die Veruntreuungen des langjährigen Pro­kuristen zusammeng-ebrochen. Als Dr. Brendel, der sich nie um das Geschäft gekümmert, da er dessen Leitung in besten Händen glaubte, in den Geschäftsräumen einer Revision beiwohnte und den Jammer vieler kleiner Leute, welche durch den Bankerott der Firma um ihre Ersparnisse gebracht -worden, mitansah, ergriff es ihn dermaßen, daß er in das dritte Stockwerk eilte und sich zum Fenster hinausstürzte, während seine junge Gattin ihn unten im Bureau erwartete. Durch- die Schuld eines einzigen ward hier ein sonniges Familienglück jäh zerstört und kamen Zahllose ins Unglück, die gerade in Berlin so oft verderblich angewandte, schlimme Moral des: „Jeder -ist