SS. Jahrgang.
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Verlag: Langgasse 27.
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Morgen - Ausgabe.
_ 1. Matt. _
Mr men Mage aber dleMerW KparlMerle.
Die mit Spannung erwartete crußerordenüiche Keneralverfannniunig des deutschen Sparkassenveübandes,
' ijt der Der die prinzipielle Stellungnahme dieser Körp er- Mst zum Schlsrl'schen Sparlottoprosekt entschieden werden sollte, ist ntsofern resultatlos verlausen, als die mt- gültige Entscheidung über die Stellungnahme in einer farblosen Resolution auf unbestimmite Zeit — man stricht von einem Jahve — vertagt wurde. Wenn auch M Projekt damit noch nicht als eingesargt zu be- iwchten ist, so kann doch kein Zweifel darüber bestehen, daß die ruhige Erwägung, die nun der erregten öffentlichen Diskussion zu folgen hat, den zahlreichen. Gegenargumenten gegen die Scherlsche Idee — mag diese nun genial erdacht sein oder nicht — Geltung verschaffen wird. Eine Übersicht über diese Gegenargumente erscheint im Augenblick umsomehr am Platze, als die von Scherl über sein System veröffentlichte Broschüre in weiteren Kreisen leicht den Gedanken aufkammen lassen könnte, es handle sich in der ganzen Frage mehr um eine persönliche Preßfehde als um eine sachliche Debatte. Die Grundzüge des Systems sind es, die vom Volkswirtschaft- sichen Standpunkt Bedenken erregen müssen, und wenn auch die preußische Regierung trotz ihres erzwungenen Rückzuges die Verbindung von Sparkassenwesen und Lotto als eine glückliche Kombination zu betrachten scheint, so kann diese amtliche Auffassung keineswegs als misdruck der öffentlichen Meinung gelten. Die Grundlagen des Systems dürfen als bekannt vorausgesetzt werden und mögen hier nur um des Zusammenhangs- milleir kurz zusammengefaßt werden: Tie Spareinlagen (50 Pf., 1 SD?., 2 M. und 4 M. wöchentlich) werden gegen Spavmarken als Quittung durch Boten einer Scherlschen Bermittlungsanstalt wöchentlich von den Sparern abgeholt und den Sparkassen zugeführt. Die Anstalt erhält dafür von jedem Sparer eine Jahresvergütnng von 3 M. Feder Sparer, der ein Jahr lang feinen Verpflichtungen nachgekommen ist, empfängt statt der aufgelaufenen Zinsen, die von den Sparkassen einem zu wählenden Komitee übergeben werden, ein Los und damit die Aussicht, entweder einen Gewinn zu machen oder die Zinsen des Jahres ohne Entschädigung zu verlieren. An Stelle der festen Kapftalsanlage tritt also für dieses Jahr eine vom Zufall geregelte, ungleichmäßige Verteilung der Zinsen, zu der die Sparer nur unter der Voraussetzung herangezogen werden können, daß sie gegen die Reize des Spiels nicht gleichgültig sind. Run begegnet man vielfach -der Auffassung, als ob das Scherlsche System sich berufen fühle, dadurch auf breitere Schichten erzieherisch zu Wicken, daß es die Masse der Teilnehmer an den Klassenlotterien von triefen wegziehe und für das Sparlotto gewinne. Daran wird aber, wie aus der Scherlschen Broschüre hervorgeht, gar nicht gedacht. Man will nicht
Spieler zu Sparern, sondern Sparer zu Spielern machen. Die Wahrscheinlichkeit, daß bereits für die Spartätigkeit gewonnene Personen sich von der normalen Sparweise zum Sparlotto wenden würden, ist größer als die, daß die Anziehungskraft des Lottos ganz neue Bevölkerungsschichten zum Sparen herangiehen werde. Mt den Zweifeln an der Werbekraft des Systems fällt aber auch das letzte Argument, das zu seinen Gunsten herangezogen lverden könnte. Man muß fragen: Haben unsere Sparkassen überhaupt eine neue Werbekraft nötig? Die Statistik zeigt bis in die neueste Zeit hinein, daß die Zahl der Teilnehmer an unseren Sparkassen stetig zunimmt, und es kann unmöglich im allgemeinen Interesse liegen, in diese ruhige Auftvärtsbewegung erregende Momente hineinzDringen. Es erübrigt nun. sich noch mit einzelnen Behauptungen der Scherlschen Schrift auseinanderKU- setzen. Wenn Scherl sagt, daß die Staatsregierung einen etwaigen Gewinn aus dem Unternehmen — abgesehen von der Verzinsung des Betriebskapitals — für gemeinnützige Zwecke erhalten würde, so steht dieser Behauptung seine eigene Versicherung entgegen, daß er den Teilnehmern an seiner Firma einen Entgelt zukommen lassen müsse, um den großen Apparat derselben gelegentlich kostenlos für die Zwecke des Systems verwenden zu können. Auch schien aus der Schrift hervorzugehen, daß sich die Mehrheit der Vorstandsmitglieder des deutschen Sparkassenverbandes für das System ausgesprochen hätte, während Stadffyndikus Götting-Hildesheim nun ausdrücklich betont, daß „das ganze Konglomerat der Mehrheit des Vorstandes unsympathisch gewesen sei". Überblickt man zum Schluß die Vorschläge, die von dm bedingten Anhängern des Systems gemacht werden, so ergibt sich, daß auch diese gerade in den Hauptpunkten von der Scherlschm Idee abweichen: sie treten für Pslicht- sparkassen und Organisation des Vermittlungsdimstes ein, aber — ohne die Scherlsche Lotterie und ohne die für dm Sparer zu kostspielige Scherlsche Vermftüungs- anstalt. Man darf nun gespannt sein, in welcher Weise diese Vorschläge in der vom Landtagsabgeordnetm Bänmer angekündigten „neuen Vorlage" Gestalt ge- winnm werden und wir wollen dann eventuell auf diese Angelegenheit nochmals zurückkommm.
Professor Kombart über Heimarbeit.
Auf dem allgemeinen Heimarberterschutzkongreß, der in Berlin tagt, hielt Professor Werner SombartWreslau eine bedeutsame Rede über die Bekämpfung der Auswüchse der Heimarbeit, die wir nachstehend, nach dem „Berl. Tagebl." ihrem wesentlichen Inhalt nach wiedergeben:
Der erste Eindruck, den dieser Kongreß ausübt und noch mehr austtben wird, ist die Empfindung eines ungeheuer großen Elends, das in der Sphäre der Hausindustrie wieder einmal konstatiert worden ist. Dieses Elend ist so mächtig, daß es nur hingestellt zu werden braucht, um einen tief einschneidenden Eindruck zu machen und mit Händen gegriffen zu werden. Um dieses Elend darznstellen, um die Überzeugung zu erwecken, daß für
einen Teil der Bevölkerung menschenunwürdige Zustände bestehen, dazu braucht es nicht hochtönender Reden und schöner Phrasen. Wer die Ausstellung durchwandert ist, dem hat sich eine Welt himmelschreiendsten Jammers und Elends erschlossen. (Lebhafter Veisall.) Banen S,e diese Ausstellung aus (Zuruf), verlegen Sie ste nach Berlin W. und lassen Sie die Männer und Granen der guten Gesellschaft einige Stunden darin weilen. (Zuruf: die kommen nicht!) Oh doch, die kommen schon.
Wenn der Kongreß nichts weiter erbracht hätte, alS mit erdrückender Deutlichkeit dieses Elend erwiesen zu haben, so hätte er schon damit Großes vollbracht. (Beifall.) Wir haben aber auch erkannt, daß es sich bei diesen Elend nicht um eine unwiderrufliche Naturtaffache handelt, sondern daß es ein Konstruktionsfehler unserer Gesellschaftsform ist. Und weil es ein Konstruktionsfehler ist, so kann es beseitigt werden. Mit den schönen Redensarten wie: Elend hat es immer gegeben und wird es auch weiter geben, lockt man heute keinen Hund mehr vom Ofen weg. (Beifall.) Aber auch an die radikalen Herrschaften hier im Saale, an die ganz radikalen mit dem vierfachen „R" möchte ich ein Wort richten. Einige Redner haben behauptet, daß nur der Zukunftsstaat die Heimarbeit ganz beseitigen kann. (Sehr richtig!) Wrel- leicht, aber meine Herrschaften mit dem vierfachen „R , damit schwächen Sie die Bedeutung dieses Kongresses nur ab. Wenn Sie etwas erreichen wollen: es ist etwas zu erreichen im Rahmen unserer Gesellschaft. (Zurufe: Ja, „etwas"!) Jawohl, „etwas", aber darauf kommt es ja hier an. Bekämpfen Sie Lohnarbeiterverhältnisse, wann und wo Sie wollen, nur hier nicht. (Sehr richtig!) Wir wollen hier eine bestimmte Form der Gesellschaftsstruktur bekämpfen und damit haben Sie hier den Zuzug aus der bürgerlichen Gesellschaft erhalten, an dem Ihnen ja, wie verschiedene Redner betont haben, etwas gelegen ist. (Beifall). . _
Früher hielt man die Heimarbeit für eine höhere Produktionsform. Die Erkenntnis in weiteste Kreise gebracht zu haben, daß es sich um eine inferiore Betriebsform handelt, wird auch ein ungeheuerer Erfolg dieser Verhandlungen sein. Diese rückständige Betriebsform mutz in ihrer sozialen Schädlichkeit gebrandmarkt werden (Stürmischer Beifall), denn sie ist ein Hemmschuh für den sozialen Fortschritt, dessen beide Haupträder smd: Arbeiterschutz und Arbeiterorganisation. Beide werden durch die Hausindustrie gehemmt. (Stürmischer Verfall.) Als Vertreter bürgerlicher Reformbestrebungen betonen wir, die wir uns als fortgeschrittene Sozialpolitiker fühlen — in Ihren Augen sind wir freilich sehr rück- schrittlich (Heiterkeit) — daß das A und O aller Sozial- reforut die Stärkung dar Arbeiterorganisation fft. (Stürmischer Beifall.)
Wir müssen bei jeder wirtschaftlichen Bewegung prüfen, welche Wirkung es auf die Arbeiterorganisationen hat. Denn diese sind das Mittel, die Arbeiterklasse kulturell zu heben. (Beifall). Sie ermöglichen es dem Arbeiter, „Mensch zu sein". Von diesem Gesichtspunkt aus ist die Heimarbeit schädlich und verderblich. Wir wollen uns hier über die Prinzipien einigen, die wir als Forderungen an die Gesetzgebung stellen wollen. Es müssen die Schranken so eng gezogen werden, daß die Ausbeutung der Arbeitskraft nicht (.üiipr i ft als in anderen B e t r i e b s f o r me n.
Feuilleton.
Im der KMungsgesWIe der allen Ämter.
Von A. von Wernersdors.
In jüngster Zeit haben sich die Blicke aller Gebildeten mit ganz besonderer Aufmerksamkeit nach der uralten Kulturstätte Babylonien gewandt. Einerseits trugen hierzu die erfolgreichen Ausgaben deutscher Gelehrter, andererseits die Delitzschen Vorträge bei, und man sieht in weiten Kreisen jetzt endlich die Morgenröte der wahren Erkenntnis des Wesens unserer Urreligion aufgehen, die für den Fachmann längst dem hellen Tage gewichen ist. Die gleiche Wandlung würde sich vollziehen, wenn dem alten Kenn, dem Land der Pyramiden, eine so hervorragende Beachtung zuteil geworden wäre. Es ist nämlich ein großer Irrtum, anznnehmen, die Überlieferungen der Sumerer, wie sie uns aus den Keilinschrifien von Babylon, Kutha, Akkad, Ur, Erech, «arsa, Nipur, Sippar usw. bekannt geworden sind, seien allein grundlegend für den Aufbau des Alten Testaments gewesen; auch das Land des heiligen 2)aro, des Nils, heit einen wesentlichen Teil dazu beigetragen. Ob die Geschichte Ägyptens älter ist als diejenige Babyloniens, darüber sollte man nicht streiten, denn es geht aus den ältesten Überlieferungen beider Länder hervor, daß sie ein und derselben Epoche entstammt.
Eher wäre es verwunderlich, wenn die Religion Ägyptens, wo einst Joseph der Geheime Rat Pharaos war und über das ganze Land herrschte, wo Moses seine Kindheit und Jugend verlebte, ohne Einfluß auf die Religion Israels geblieben sein sollte. In der Tat hat es fast den Anschein, als träte uns in den altägyptischen Urkunden der Tempelinschriften und Papyri die ursprüngliche, frühöste Form der biblischen Urüberliefernng vor Augen, und als habe babylonischer Kult nur gestal
tend auf die Berichte des Alten Testaments eingswirkt. Dieser Gedanke prägt sich am deutlichsten aus in den Traditionen von der Schöpfung.
Die Einteilung Ober- und Unterägyptens in 42 Gaue, deren jeder seine eigene Hauptstadt besaß, brachte es mit sich, daß in jeder dieser Kultstätten eine besondere Hauptgottheit verehrt wurde, die zwar in einzelnen Gauen dieselbe war, jedoch im allgemeinen die Griinderscheinung für den herrschenden Polytheismus bedeutete. Dennoch verehrte man in der frühesten Külturepoche in ganz Ägypten den Gott Ra, in späterer Zeit Osiris als den obersten aller Götter. Ra war indes nicht der älteste der Götter, dieser Borzug gebührt vielmehr dem Nun, der Personifikation des dunklen Ozeans, in dem Ra, das Licht, die Sonne, erst als Welt- erlauchter erschien. Doch hören wir, was Ra selbst zu der Göttin Isis spricht, als diese ihn nach seinem geheimen Namen fragt, worin seine Gewalt begründet lag:
„Ich bin der, der Himmel und Erde schuf und die Berge
schürzte
und alle Wesen daraus machte.
Ich bin der, der das Wasser machte und die große Flut schuf, der den Stier seiner Mutter machte, welcher der Erzeuger ist.
Ich bin der, der den Himmel schuf und das Geheimnis seiner
Horizonte,
und ich habe die Seele» der Götter darein gesetzt.
Ich bin der, wenn er die Augen öffnet, so wird es hell, und wenn er die Augen schließt, so wird cs dunkel: das Wasser des Nils strömt, wenn er befiehlt, aber die Götter kennen seinen Namen nicht.
Ich bin der, der die Stunden macht und die Tage schafft.
Ich bin der, der das Jahr beginnt und die Überschwemmung
(des Ntlsj schasst.
Ich bin der, der das lebende Feuer machte.
Ich bin Chepre des Morgens und Ra am Mittag und Atum zur Abendzeit."
Vergleicht man diese Kosmogonie mit dem babylonischen Tiamat-Schöpsungsbericht, der seinem Wesen nach, als Kampfhymnus, mehr dem 17. Kapitel des
ägyptischen „Totenbuchs" vom Gotte Tum (Atum) ähnelt,
so wird man ohne weiteres zugeben müssen, daß die ägyptische Tradition der biblischen viel ähnlicher ist als die babylonische. Darin sind sich freilich alle drei Überlieferungen gleich, daß sie sowohl die Schöpfung der Welt, wie auch die große Flut, die Sintflut, beschreiben, oder besser gesagt, daß sie an die Urflut die Schöpfung knüpfen. Aus diesem Grunde erscheint die biblische Kosmogonie an erster Stelle des Pentateuch auch durchaus deplaziert — die Redaktion der alttcstamentlichen Überlieferungen wurde im Laufe der Zeit mehrfach umgestaltet, vor allem im 8. Jahrhundert v. Ehr. unter König Hiskias von Juda —, sie gehört vielmehr zeitlich hinter die Sinfflut- Tradition. Wenn wir uns nämlich den Sinn der wörtlichen Übersetzung des hebräischen Urtextes vergegenwärtigen, die da lautet: „Im Anfang schuf Elohim neu den Himmel und die Erde (das Land). Und die Erde (das Land) war wüste und leer, und es war dunkel aus der Oberfläche der Flut, und der Geist Elohim schwebte auf der Oberfläche der Wasser" usw., dann werden wir nicht mehr darüber in Zweifel sein, daß hier lediglich eine Neuschöpsung der sichtbaren Welt nach der furchtbar verheerenden Katastrophe der Sintflut gemeint ist. In gleicher Weise betont auch die Tafel I des Tiamat-Berichts das ursprüngliche Vorhandensein der Flut und die Erstehung der Welt aus dieser, denn es heißt da: „Als droben der Himmel noch nicht benannt war, drunten die Erde noch nicht geheißen, da mischten der Ozean, der Allererste, der sie erzeugte, und Mummu Tiamat, die sie alle gebar, ihre Wasser zusammen." Das Urwasser, die Urflut, spielt überhaupt in zahlreichen Kosmogonie» eine wesentliche Rolle. In der indischen Überlieferung z. B. heißt es: „Die Gewässer waren da, diese Welt war ursprünglich Gewässer", und ihr zufolge erschien der Gott Wischnu in Gestalt eines ungeheuren Fisches mit einem Horn, der eine Million Meilen lang war und wie Gold glänzte, ganz deutlich auf dem Ozean ohne Licht.
