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SS. Jahrgang.

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Verlags-Fernsprecher N«. 295».

Abend-Ausgabe.

1. Wkatt.

Russische Zustande.

I,. Berlin, 9. März.

So oft man über Me russischen Zustände spricht, muh »xts derselbe Vorbehalt gemacht werden, nämlich, daß )je Ereignisse im Zarenreiche und die dort herrschenden Stimmungen immer nur in Bruchstücken, oft in bloßen Mdeutung-en zu uns dringen, oder daß die einzelnen Tatsachen erst durch ihre zweckmäßige Gruppierung oder Auslegung zur vollen Wichtigkeit emporrückm. Man imcht von der Ddöglichkeit, daß Herr v. Witte wieder an jjg Spitze der Geschäfte treten werde. Gute Kenner russischer Verhältnisse sagen uns, daß die Aussichten dieses jedenfalls bedeutendsten Staatsmannies des gegen- mrtigen Rußlands in der Tat gewachsen sind. Mer auf -er anderen Seite bleibt zu erwägen, daß Herr v. Plehwe eerade neuerdings gezeigt hat, daß seine Macht noch picht geschmälert ist. Vielmehr die reaktionäre Gesamt- richtuug, nüt der Herr v. Plehwe geht, hat ihre Macht gezeigt, und zwar durch die Entfernung des Unterrichts- mimsters Saenger, der nicht zugeben wollte, daß der heilige Shnod die Aufsicht über die sogenannten Land- 'Hastsschulerl erhalte. Der heilige Syno-d hat gesiegt, er hat die -angeslrebte Unterstellung der von -den Land- chastsvertretungen ins Leben gerufenen Volksschulen Mtcr seine Botmäßigkeit durchgesetzt, und dieser Erfolg der orthodoxen Richtung hat denn also zunächst den Sturz des Ministers Saenger veranlaßt; er bedeutet ober auch, daß Herr v. Witte mit mächtigen Gegnern zu tun bekommen würde, wenn er die innere Politik in mehr moderne Bahnen lenken wollte. 0fr und wann Herr d Sitte auch den Grasen Lambsdorff beerben wird, steht mter solchen Umständen dahin, indessen wird behauptet, daß Graf Lambsdorff rcirflidE) nicht mehr lange an der Spitze der ausw-ärtigeu Politik bleiben werde. Es ist bezeichnend, daß man namentlich in Paris, wo man über drese Intimitäten allerdings am besten Bescheid wissen könnte, an den Rücktritt des Grafen Lambsdorff glaubt. Der Gang der auswärtigen Politik Rußlands würde freilich durch einen Personenwechsel im auswärtigen Ministerium zurzeit nicht beeinflußt werden können, denn Gang und Richtung sind durch den Krieg in der Hauptfachs vorgeschrieben. Für die Beurteilung der inneren Verhältnisse 'be§ Zarenreiches ist es wichtiger, daß Herr v. Witte nicht bloß die Ernennung seines früheren Gehülfen Kokowzew zum Finanzminister d-urch- ge-setzt hat, sondern auch bereits eine erheblichere politische Rolle als Vorsitzender der vom- Zaren befohlenen Kom­mission spielt, die Mittel und Wege zur Einschränkung

Freitag, den 11. Mär;.

der Staatsausgabeu ausfindig machen soll. Angeblich hat die Kommission beschlossen, das Budget von 1903 nicht zu überschreiten, für das Jahr 1904 sogar mit ge­ringeren Ausgaben anszukommen. Wie, das gemacht wenden soll, da der Krieg ungezählte Millionen wegfrißt, bleibt einstweilen das Geheimnis der russischen Politik. Wer man weiß. ja, wie gefällig sich dort die Zahlen gruppieren lassen, welcher Meister der verschleierten Bilanzen namentlich Herr v. Witte stets gewesen ist, und so mag cs ihm auch jetzt gelingen, deir Zaren, seine Lands­leute,'sogar die außerriissische Welt in den Glauben 311 versetzen, daß sich finanzpolitische Wunder ermöglichen lassen. Nur wird das Manöver nicht länger Vorhalten können, als bis Me brutalen Tatsachen so laut sprechen werden, daß sie eben nicht mehr übertonen sind. Offenbar bereiten sich in Rußland- Ereignisse vor, deren Wichtigkeit man leichter unterschätzen als überschätzen kann. Immer wieder wird von Kennern Rußlands auf die merkwürdige Sprache hingewiesen, die -sich angesehene Petersburger Blätter jetzt erlauben dürfen. Es sind namentlich derRuß" und dieNowoje Wvemja", die mit obriglkeitlicber Duldung etwa so schreiben, wie man in Paris vor dem Ausbruch der großen Revolution zu schreiben liebte, und das geschieht, während Rußland sich irr einem Kriege von weltpolitischer Wichtigkeit befindet. Wenn dieNowoje Wrcmje" kürzlich ganz nüchtern er­örterte, ob eine Niederlage Rußlands im Interesse der notwendigen inneren Reformen wünschenswert sein könne, so 'heißt das, daß an der Netva schon manches außer Rand und Barrd sein muß. Selbstverständlich zwar kam dieNowoje Wremja" zu dem Schluß, daß diejenigen unrecht tun, -die einen Sieg Japans wünschen, aber die bloße Behandlung dieser heiklen Frage bedeutet bereits einen rinerhärten Zustand, den man sich leicht klarmachen tann, wenn man sich- Vorstellert wollte, daß ein angesehenes deutsches Blatt in einem Kriege, in den wlr verwickelt wären, eine ähnliche Sprache führen wollte. Und dabei hat man zu berücksichtigen, daß dieNowoje Wremja" mit der Zensurbchörde rechnen muß.

Nel>akiions-Fer«sprcchcr No. 52.

1904.

Politische Übersicht.

Das Jesüitengcsetz.

L. » e r I i « , 10. März.

Tie Aufhebung des 8 2 -des Jesuiten gesetzes durch -den Bundesrat ist auch denen überraschend gekommen, die nicht daran zweifelterr, daß das Zentrum in diesen» Punkte seinen Willerr durchsetzen werde. Freilich, als jüngst die Marianischen Kongregationer» wieder zugelässen wurderr, hätte rnan sich' sagen fönnen, daß die Abänderung deS Jejuiten-gesetzes nicht mehr lange auf sich warten l-asseu werde. Immerhin war das Geheimnis gut gewahrt ge­

blieben. Es müssen intime Verhandlungen zwischen dem Reichskanzler und denjenigen Bundesregierungen statt­gefunden haben, die bis dahin sehr lebhaft und. da sie eine starke Gruppe bildeten, auch sehr eindrucksvoll gegen die Beseitigung des § 2 protestiert hatten. Die Sachlage ist ja bekannt. Als Graf Bülow im Februar 1903 tm Reichstage die Geneigtheit zur Streichung des 8 2 aus­sprach, hatte er sich keineswegs schon mit den verbündeten Regierungen ins Einvernehmen gesetzt, und verschiedent- lich wurde ihm seine Zusage ungemein verübelt. Vielleicht hätte er es trotzdem auf eine Kraftprobe im Bundesrat ankommen lassen können, aber dieser Schritt schien ihm nicht ratsam, zumal sich alsbald zeigte, daß die namentlich vom Evangelischen Bund geschürte Agitationen gegen, die Verstümmelung des Jefnitengesetzes irr der Tat weite Volkskreise in starke Unruhe hatte bringen können. Nun- mehr muß es aber doch dein Grafen Bülow gelungen sein, wenn nicht alle, so- doch die Mehrzahl der wider­strebenden Regierungen auf seine Seite zu ziehen, und zwar -durch Vorhaltungen, die vermutlich über -das engere Gebiet dieser kirchenpolitischen Sonderfrage hinausgehen. War die Aufhebung des 8 2 als Lohn für die Zustimmung des Zentrums zum neuen Zolltarif gedacht, so mochte sie dem leitenden Staatsmanns erst recht als notwendig er» scheinen, um den Weg zu dmert für die Bewilligung der großen Marineforderungen, die zweifellos iin nächsten Jahre kommen werden. Und auch für die Bewilligung des künftigen Ouinquennats wird ihm ein in guter Laune erhaltenes Zentrum wertvoller sein als eines, das nur widerwillig mittut, wofern es überhaupt -mittut. Genug, zwischen der Regierung und der ausschlaggebenden Parier ist ein festes Band bergestellt worden. Zwar wird das Zentrum nicht anfhören, auch die Beseitigung des 8 l 1 -des Jesuiteng-esetzes, somit also die Aufhebung des ganzen Gesetzes zu fordern, aber auch wenn dies Verlangen zu­nächst umsonst bleiben wird, so wird das nicht hindern, -daß die stärkste Fraktion im Reichstage dem Grafen Bülow eine Stütze wird sein wollen, da sich solche Politik stets besser verlohnen und belohnen wird als eine unfruchtbare Oppositionsstellung. Im übrigen läge materiell nicht gar viel daran, ob die Zulassung von Niederlassungen -des Jesuitenordens -durch Streichung des ganzen Gesetzes noch ein wenig erleichtert wir-ch oder nicht. Tatsächlich wimmelt Deutschland von Mitgliedern des Ordens Jesu. Weil man nicht sehen will, daß sie da sind, so sieht mau sie eben nicht. Auch hatte seit Jahrzehnten kein Jesuit zu fürchten, daß er auf Grund des Paragraphen irgendwo- im Deut- scheu Reiche werde interniert werden, und nicht einm-al die Befugnis zur Ausweisung ausländischer Ordens-Mit­glieder ist seit Menschengedeilken angewendet worden. So ändert sich praktisch durch die beschlossene Streichung nichts, aber der moralische wie der politische Erfolg des Zentrums wird darum nicht kleiner, eher sogar größer. Denn da das Gesetz einfach ruhte, niemand wchetat.

5lus Eifersucht.

Kriminal-Roman von Arthur Zapp.

(9. Fortsetzung.)

Es war doch -etwas höchst Auffälliges, daß Herr Schulten am Sonntagabend die Dammvorstadt, den »bskur-sten Teil unserer Stadt, aufsuchte, und daß er hier den Treidelweg zu einer Promenade auswählte, wo er sicher sein konnte, zu jener Zeit keiner Menschenfeele zu be­gegnen. Hat er sich denn Ihnen gegenüber über'den An­laß zu diesem sehr sonderbaren Verhalten nicht geäußert?"

Ter junge Maler überlegte. Seinem Onkel und Herrn Schulten gegenüber hatte er dieselbe Frage ver­neint. Er hatte sich damals keine klare Rechenschaft ge­geben, warum er die Unwahrheit gesprochen. Wahrschein- lich war es aus einer unwillkürlichen Scheu geschehen, in Gegenwart Erikas diesen heiklen Punkt zu erörtem. Jetzt hatte -er keine Ursache, mit der Wahrheit zurückzu- halt-en. Er nickte.

Ja. Er sprach- davon. Er erzählte mir, daß er aus dem Treidelweg ein Rendezvous habe."

Der Beamte rückte unwillkürlich ein Stück vor mit seinem Stuhl: seine Mienen spiegelten das stärkste Inter- esse; seine Blicks hingen in -großer Spannung -an dem Antlitz des Zeugen.

Ein Rendezvous?" wiederholte er.Also- eine Liebesgeschichte?"

«Ja."

Und wer war die Schöne, die sich mit Schulten nt jener gottverlassenen Gegend treffen wollte?"

Ein junges Mädchen, das wahrscheinlich in der Da-mmvorstadt seine Wohnung hat. Er hat mir -auch ih-ren Namen genannt."

Und der ist?"

Lieschen Lieschen" der Sprechende griff sich an die Stint und dachte angestrengt nach.Ich erinnere wich genau, daß er mir den vollen Namen sagte . . . Lieschen .... Ich kann -absolut nicht mehr auf -den 8 -amilienn-amen kommen."

Der Beamte machte eine Miene der Enttäuschung. Schade! Bitte, denken Sie noch einmal recht scharf darüber nach!" .

Der Maler neigte feinen Kopf und heftete seinen Bück starr auf den FuUwden, und sann und sann. Endlich schüttelte er mlit dem Kopf.

Es will mir nicht mehr entfallen. Ich erinnere nttch nur noch an den Vornamen."

Die Spannung im Gesicht des Kriminalbeamten ließ etwas nach.War Ihnen das Mädchen sonst bekannt?"

Ich habe sie nur einmal flüchtig gesehen."

Wieder funkelten die Augen des Kommissars vor Eifer und Interesse.

Sie haben sie gesehen? Wann? Sfit jenem Sonntagabend?"

Nein Früher einmal, ungefähr eine Woche vorher. Ich traf Schulten mit ihr es war eines Abends gegen sieben Uhr. Da begegnete ich ihnen in der Gegend der langen Brücke."

Und wie sah sie aus? Was für eine Art Mädchen

war es?" . .

Ein Mädchen aus dem Volke. Wie gejagt, ich habe sie nur flüchtig gesehen. Ich glaube, sie trug einen Meißelt Stroh-huk -mit -weißer Feder und war überhaupt noch gang sommerlich gekleidet. Über ihre sonstige Kleidung kann ich nichts mehr angcbeii. Was mir auf­fiel, waren -besonders ihre dunklen, dreist und heraus­fordernd blickenden Augen."

Und ihre Figur?" , ,

Etwa mittelgroß. Uppi-g tit -der Büste, sonst schlank, soweit ich mich erinnere."

Und-die Kleidung?" ... ... ,

Wie gesagt, Genaueres weiß ich darüber iiicht mehr; znm Beispiel an die Farbe kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Ich habe mich wahrscheinlich davon keine Notiz genommen. Der Eindruck war im ganzen, daß sie kokett und etwas auffallend herausgeputzt war. Sie unter­hielten sich sehr eifrig und lachten miteinander. A-lS er mich ansah, nickte er lächeliid und schieti sie auf mich auf- merksam zu machen. Sie sah mich -sehr ungeniert, ohne jede Verlegenheit a-it."

Hat sich Herr Schulten Ihnen gegenüber nicht näher

über seine Beziehungen zu dem Mädchen ausgelassen?"

Nein. Ich entnahm mtf aus ein paar Worten, die er äußerte, -daß es sich um ein leichtes Verhältnis handelte."

üsDcr {Beamte ittcftc.

Freilich. Etwas Ernstes wird's Wohl nicht gewesen sein wenigstens von seiner Seite nicht. Aber vielleicht hat das Mädchen die Sache anders betrachtet und sich Jllusioneii gemacht."

Der Kommissar heftete seine Blicke fragend- aus den ihm Gegenübersitzenden. Richard Ohorn z-nckte mit seinen Achseln.

Darüber weiß ich nichts. Er nahm es jedenfalls sehr leicht."

Der Polizetko-mmissar zupfte wiederholt an seinem kurzgehaltenen Vollbart; etwas Nachdenkliches kam in seine Mienen.

Vielleicht haben wir hier den Schlüssel zum Rätsel"« meinte er, lebhaft werdend.Das Mädchen mag sich, wie gesagt, -eingebildet haben, für den jungen Schulten mehr zu bedeuten, als es der Fall war. Als nun das Gerücht -von seiner bevorstehenden Verlobung mit ^Fräu­lein Lind-olf zu ihr gedrungen war, geriet sie -in eine er­bitterte rabiate und verzweifelte Stimmung, und ans dieser Stimmung heraus mag sie am Ende zur Pistole"

Der Maler erhob abwehrend die Hand und machte eine Bewegung, als wollte er a-ufspringen.

Aber Sie wer-dett doch um Htmmelsw-illen nicht glauben, daß das junge Mädchen die Schuld an seinem Tode trifft!" rief er.

Warum denn nicht?" erwiderte der Beamte ruhig. Das wäre doch nicht das erste Mal, daß -ein junges Mädchen aus Eifersucht, in dem -brennenden Gefühl, ver­schmäht zu sein, den Geliebten getötet hat, um ihn nicht an eine andere zu verlieren." .

Richard Ohorn schüttelte erregt mrt dem Kopf.

Zu einem solchen Verdacht liegt doch in diesem Falle gar keine Veranlassung vor", entgegnete er eifrig.Wie sollte das betreffende junge Mädchen erfahren haben, daß Schulten die Absicht hatte, sich um die Hand meiner