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sa. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. Bezugs-PrciS: bur* den Verlag 50 Pfg. monatlich, durch die Post a Mk. 50 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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Ko. 117.

«erlagS-Fernfprccher No. 2953.

Morgen - Ausgabe.

_ 1. Matt.

Der Tariftmrnpf in England.

Ms die letzte Thronrede Eduards VII. der seit Monaten im Mittelpuntt _ der öffentlichen Diskussion stehenden Frage einer englischen Zollreform keinerlei Er- Mnung tat, da durfte man sich auf eine längere Ad res;- Debatte im englischen llnterhause gefaßt machen, in deren Verlauf der Kampfesrus: Hie Schutzzoll, hie Freihandel, Mit erneuter Leibhaftigkeit ertönen würde. Bor allem über konnte man hoffen, die englische Regierung, die sich seit dem theatralischen Rücktritt Chamberlains die Last einer entschiedenen Prinzipienvertretung dlirch eine Politik dermittleren Linie" zu erleichtern gesucht hat, endlich einmal zu einer -unzweideutigen Erklärung ihres jkeihändlerisfen L-tandpunktes gedrängt zu sehen. In der Ad-reßdebatte wurde in der Tat von dem Abgeord­neten Morley beantragt, der Antwort des Parlament» auf die Thronrede einen Passus hinzuzufügen, der be­tonen sollte,daß jede Rückkehr zu Schutzzöllen, beson­ders wenn solche aus Nahrungsmittel für das Volk ge- legt würden, der Wohlfahrt und Stärke der Station tief-

S "enden Schaden zufügen würde." Man sieht, baß n die. Fassung dieses Amendementvorschlages keinen entschiedenen Standpunkt zum Ausdruck bringt. In der Debatte selbst zeigte sich die beschämende Tatsache, daß die verschiedenen Mitglieder der Regierung, die in Abwesen­heit des kranken Premiers zu Worte kamen, bald durch schutzzöllnerische, bald durch freihändlerische Ausfüh­rungen den Standpunkt der Regierung präzisieren zu können glaubten. Auch gewann man den Eindruck, daß die ganze Frage aus einer Prinzipienfrage zu einer taktischen Frage umgestaltet worden ist, auf -deren Be­handlung die für Ostern zu erwartende Auflösung des Hauses und die dadurch notwendig werdenden Neuwahlen bereits ihre Schatten vorausgeworfen haben. Für jeden Fall feien Regierung und Parlament gegenwärtig in der Zollfrage das Bild einer heillosen Verwirrung; ob die 200 Bekenner, die der Freihandel im Untechau.se nach ungefährer Schätzung augenblicklich zählt, durch Neu­wahlen eine Stärkung oder Schwächung ihrer Position erfahren werden, läßt sich heute schwerlich Voraussagen - Entschiedener als innerhalb wird außerhalb des Par- lamentes zur Zollfrage Stellung genommen. Wenn es Chambcrlain auch gelingt, namentlich in den Zentren jener Industriezweige, die von Schutzzöllen eine' Förde- Wg ihrer Sonderinteressen erwarten, agitatorische Er- folge zu erzielen, so gewinnt jene Bewegung, die im In­teresse ^Englands als finanzieller Weltmacht ein unbe­dingtes Festhalten am Freihandel befürwortet, doch mmier mehr Baden. Ihr bedeutendster Fürsprecher,

Donnerstag» den 10. Marx.

der Herzog von Tevonshire, hat in diesen Tagen in der Londoner Guildhall seine lang erwartete Tarifrede ge- halten und ist mit Beifall überhäuft worden, während sein Antipode, Chamberlain, an derselben Stelle vor einigen Wochen eine Niederlage erlitt. Das ist vielleicht von symptomatischer Bedeutung. Der Herzog betonte, daß besonders der Londoner Handel alles daran setzen müsse, uni ein Wweichen von den Prinzipien des Frei­handels zn verhindern. Das Gesamtinteresse des Landes dürfe nicht von dem Blühen oder dem Niedergänge ein­zelner Industriezweige abhängig gemacht werden, und es wäre wünschenswert, daß gerade die Vertreter detz Großkapitals in London hier aufklärend wirken und aus der bisher beobachteten Reserve heraustreten möchten. Einer dieser Vertreter, der Präsident der Union Bank, Felix Schuster, hat bereits vor dieser Anregung im Institute of Bankers ein hochinteressantes -Referat zur Frage gehalten, in dessen Verlauf er ausführte, daß Londons Bedeutung siir den internationalen Geldmarkt in einer britischen Handelsfreiheit seine wichtigste Stütze habe. Die Wechsel ans London, die einen bedeutenden Faktor im internationalen Handelsverkehr darstellen und deren Betrag sich zuzeiten auf 100 Millionen Pfund be­laufe, seien eine zeitweilige Verschuldung Englands an das Ausland, durch die dem Gol-dvbfluß 'vorgebeugt und eine Aus-gleichung des Diskonts bewirkt werde. Eng­land erhalte auf diese Weise einen starken Vorrat an Bankressourcen _ und sei infolge der dadurch bedingten Verbilligung seines Geldmarktes in der Lage, Anleihen fremder Nationen zu übernehmen. Die Folge solcher Anlechen fei eine Entwickelung des Handels mit den be­treffenden Ländern. Dieses günstige Verhältnis müßte sich natürlich vom Augenblick an ändern, wo England zum Nachteil seiner internationalen Beziehungen ge­zwungen sein würdch sein Hauptaugenmerk auf den Handel mit den Kolonien zu richten. In einleuchtender Weise wird dann motiviert, warum sich in England das Verhältnis der Einfuhr zur Ausfuhr in den letzten Jahren zuungunsten der Ausfuhr verschoben habe. Es wird daraus hingewiesen, daß das englische Kapital zu dieser Zeit, statt ins Ausland zu wandern, h-auptsächlich in heimischen «.lokalen) Anleihen investiert -wrrrde. Die dadurch geschaffene Möglichkeit der Anlage von Neu- bauten. Elektrizitätswerken usw. bedingte einen größeren Bedarf an Material, der zum Teil aus dein Auslände eingeführt werden mußte, da das Inland der steigenden Nachfrage nicht genügen konnte. Die von den Anhängern Chamberlains als beunruhigendes Symptom gedeutete Zunahme des Imports in den letzten Jähreu geht also auf ganz natürliche Ursachen finanzieller Natur und nicht etwa auf die Politik des Freihandels zurück. Ms jüngstes Argument gegen die «Thamberlainschen Bestrebungen verdient schließlich die -Meinungsäußerung der indischen Regierung zur Frage der Einführung von Vorzugszöllen für England -Erwähnung. In einem auf

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1904.

Ersuchen der englischen Regierung eben erstatteten Gut­achten spricht sich der Vizekönig Lord Curzon entschieden gegen die Reform aus. Indien habe als Schuldner des Auslandes das lebhafteste Interesse an einem uneinge­schränkten Handelsverkehr mit seinen Gläubigern und würde überdies durch Einführung von Vorzugszöllen für England ohne innere Notwendigkeit zum Schauplatz von Zo-llkämpfen gemacht werden, die der Entwickelung seines Handels nur schädlich sein könnten. Gegen -die Be­weiskraft dieses Gutachtens werden auch die getreuesten Anhänger Chambevlains schwerlich einen Einwand er­heben können.

Politischr

Tic Vertreter der Mächte bei Hilmi Pascha.

i. Saloniki, 6. März.

Die Herren Müller und Demerik, die Kommissare Rußlands und Österreichs bei Hilmi Pascha, über deren seltsame negative Tätigkeit ich Ihnen bereits -am 19. Februar berichtete, scheinen endlich der Welt zeigen zu wollen, daß sie überhaupt vorhanden sind. Zu diesem Zweck verbreiten sie, daß sie sich die größte Mühe geben, die Amnestie der verurteilten und geflohenen Makedonier durchzusetzen. Eine solche Amnestie müßte unendlich viel zur Beruhigung der Bevölkerung beitragen, -und da dieselbe schon längst von der Türkei zugssagt, über nie ausgeführt wurde, auch der Artikel 6 des Mürzsteger Programms ausdrücklich vor-schreibt, daß eine -gemischte Kommission, um diese und ähnliche Angelegenheiten zu regeln, eventuell eingesetzt werden soll, so hätte man von den genannten Vertretern der Mächte eigentlich erwarten dürfen, sie würden mit Energie Vorgehen. Statt dessen betrachten sie es bereits als einen großen Erfolg, daß es Hilmi Pascha von Koustantinopel aus auf ihr Ansuchen erlaubt wurde, mit ihnen zusammen ein Manifestvor- zubereiten", in dem den bulgarischen Flüchtlingen die jetzigen und späteren" Maßregeln mitgetellt werden, welche es ihnen gestatten, ohne Furcht in ihre Heimat zu- rückzu,kehren! . Der Generalinspektor Hilmi Pascha soll auch bereits die Wohltat eines solchen Schrittes für das aufrührerische Land begriffen haben, und die Kom» missarien jittb entzückt über die offene und legale Art und Weise, mit der er sich dieser neuen Aufgäbe unter­zieht. Im weiteren können die Herren Müller und Demerik kaum genügend Lobesworte für die Schnellig- seit finden, mit der der General-Inspektor sich über die ihm von den Kommissaren gemeldeten Mißbräuche in­formiert und ohne Parteilichkeit und ohne jeden Rückhalt die Richtigkeit der Beschwerden anerkennt. Daß aber wirklich irgend etwas geschieht, davon berichtet niemand, hauptsächlich allerdings, weil wirklich nichts geschieht und auch nichts geschehen wird. Der Sultan weigert sich nach wie vor, die nötigen Befehle zu geben, welche zur

Feuilleton.

Dem Lüdpol am nächsten.

DenSüdpolrekord" haben bekanntlich drei Teil­nehmer der englischen Tüdpvlar-Erpedition ans der «Discovery", Kapitän Scott, Leutnant SHackleton und »er Zoologe Wilson, bei einer Schlittenreise ausgestellt, me sie in den Monaten November 1902 bis Februar 1903 unternahmen. Leutnant SHackleton, der infolge einer Erkrankung seit längerem nach England zurückgekehrt Yt, schildert diese denkwürdige Schltttenreise durch die Eiswüsten des Südpolarmeeres zum erstenmal ausfnhr- mh in einem längeren Artikel, den er inP-earsons Magazine" veröffentlicht und dem wir folgendes cntneh- Uien:Als die Zeit für Schlittenrciscn heranrückte, wur­den eifrige Vorbereitungen getroffen, die Hunde trai­niert, die Schlafsäcke gewechselt und die Zelte und Vor­räte zurückgelegt. Alles mußte bis aus die halbe Unze gewogen werden, denn da ein Mann nur für 6 Wochen Proviant und Kleidung für sich mitnehmen kann, mutzte bas Gewicht so gering wie möglich gestaltet werden. Als wir das erstemal ausbrachen, waren ungefähr 57 Grad unter Null; wir mutzten aber nach neun Tagen zurück- ^hren, da wir infolge der Kälte kaum schlafen konnten. Die Kleider wurden während solcher Schlittenreisen nie gewechselt, bis auf die Socken, die jeden Abend gewech­selt wurden, da sonst unsere Füße erfroren wären. Da wir Pelzstiefel anhatten, wurden die Füße natürlich warm und feucht, so daß die Strümpfe nachts gefroren wären. Aus jener ersten Reise wogen unsere Schlafsäcke ungefähr 6% Kilogramm; infolge der Verdichtung un­seres Atems und des Schmelzens von Eisteilen ringsum Ehrend der Nacht wogen sie bei unserer Rückkehr etwas über 12% Kilogramm. Man kann sich denken, wie all­mählich wir unseren Weg in die gefrorene Bedeckung fanden, die wir langsam auftauten; es war immer feucht barin. Auch das Wiederanziehen -der gefrorenen Socken "ar sehr unangenehm; manchmal dauerte es % Stunde,

bis wir unsere Strümpfe und Stiefel anbekamen. Die Reise, bei der wir 82 Mmd 17 Minuten südlicher Breite erreichten und den Südpolarrekord mit über 200 geogra­phische Meilen schlugen, dauerte 94 Tage. Während des größten Teils der Reise marschierten wir 15 Meilen am Tage, gelangten aber nur 5 Meilen südwärts, da unsere Hun>de 14 Tage nach Verlassen des Schiffes zu sterben begannen und wir die Hälfte unserer Schlitten 5 Meilen vorwärtsbring-en, dann 5 Meilen zurückgehen und die andere Hälfte der Schlitten 5 Meilen vorwärts expedie­ren mutzten. Nach einem Monat machten wir -eine Niederlage von dem Proviant, den wir nicht nötig hatten, und gingen mit den wenigen überlebenden Hunden direkt nach Süden vor. Als unsere Hunde starben, verkürzten wir uns noch mehr die knappe Tagesration und zündeten auch, um Öl zu sparen, den Ofen nur zweimal täglich an. Unser kaltes Frühstück bestand aus sieben Stückchen Zucker, ein wenig trockenem Scehundsfleisch und 1% Zwieback. Die armen Hunde sahen immer bei den Mahl­zeiten zu uns aus in der Hoffnung auf einen herab­fallenden Brocken; wir waren aber selbst knapp daran, und da ihr Futter verdorben war, so mutzten wir meist am Ende eines Tages einen Hund töten, um -die anderen zu füttern. Die Zeit verging und wir wurden immer hungriger; wir begannen bald von Essen zu träumen. So -ging es Tag für Tag weiter. Am 31. Dezember er­reichten wir unseren südlichsten Punkt; dort wurde die britische Flagge gehißt." Interessant ist die Eintragung vom Weihnachtstage 1902 in Leutnant Shackletons Tage­buch:Ein wundervoller Tag, der wärmste, den wir bis jetzt gehabt haben. Wir haben unseren besten Marsch seit dem Verlassen unserer Niederlage gemacht: 10 geo­graphische Meilen. Wir befördern jetzt alles selbst, da die Hunde tatsächlich nutzlos sind . . , Ich hatte für -die­sen Tag einen Plumpudding bei Seite gelegt, als ich das Schiff verließ. Er wog nur sechs Unzen und war in meinen Svcken natürlich reinen in meinem Schlaf­sack versteckt. Ich hatte auch ein wenig Stechpalme, die ich vom Schiff herhatte ... Es war ein prächtiges Weih­nachtsessen. Wir wellten den Pudding mit Brandy, wie es sich gehört, anzünden, fanden aber, daß dieser verdor­

ben war. Wir waren heute abend wirklich satt . . . Wir haben beschlossen, daß unser südlichster Punkt am 28. er­reicht werden muß, denn, wie eine Untersuchung zeigte, haben der Kapitän und ich wieder Anzeichen von Skorbut. Es ist nicht sicher, weiter zu gehen; denn wir sind dann ungefähr 190 Meilen von unserer Niederlage entfernt, und die Hunde nützen zu nichts . .Am 31. kamen wir", heißt es dann weiter,auf unseremäußersten Süden" -an. Wir sahen zur Rechten die riesigen bis 14 000 Fuß hohen Berge, -die wir entdeckt hatten; süd­wärts erstreckte sich die flache Eisebene, so weit man sehen konnte; ostwärts begrenzte wieder Eis den Horizont; tnl Norden schien die Sonne unverändert hell. Diese Sonne war Tag für Tag um uns gegangen, ohne je unterzugehen. Es war fast ebenso langweilig wie die lange Winternacht. Der geringe Vorrat an Nahrung, die Anzeichen von Skorbut, die Hunde fast alle tot, und dabei wurden wir jeden Tag schwacher, so waren -wir gezwungen, umzukehren. Zu unseren Leiden kam jetzt noch die Schneeblindheit hinzu; der Glanz von Sonne und Schnee zugleich reizt die Augen entsetzlich. Unsere Augen wurden bandagiert; wir wurden so an den Schlitten geführt, um ihn zu stoßen, und am Ende des Tagewerks wurde man vom Schlitten in das Zelt ge­führt. Anfang Januar herrschte oft Blizzard mit sehr nassem Schnee; der schmolz -dann im Zelt und man lag die ganze Nacht im Wasser. Am 11. Januar hatten wir nur noch zwei Hunde. Schließlich fanden wir unsere Niederlage auf, worauf ich zusammcnbrach und einen Blutsturz bekam. Darauf wurde -alles, was nicht absolut notwendig war, weg geworfen, und meine beiden Ge­fährten, Kapitän Scott und vr. Wilson, beförderten jeder ungefähr 122% Kilogramm; ich konnte nichts tun, sondern nur vor den Schlitten mich weiter durchkämpfen. Dabei waren meine beiden Gefährten durch Nahrungs­mangel und beginnenden Skorbut selbst keineswegs in guter Gesundheit; sie sorgten jedoch aufopfernd für mich. Am 3. Februar erreichten -wir dieDiscovery" und fan­den, daß das ErsatzschiffMorning" dort gewesen war und alle unsere Briefe und Nachrichten von der Außen­welt gebracht hatte . .