Morgen-Veilage der Wiesbadener Tagblatts.
Der Roman.
Nr. 232. '
vienstag, 6. Oktober.
(0. Fortsetzung.) S, Hl. $• ©ftllC!
Roman von Otto Elfter.
lRachdruck verboten.)
Sie trat .ui den Wagen. „Wollrm wir nicht heim» fahren, Herr von Haidebrink?" fragte sie.
„Weshalb so schell, gnädiges Fräulein?" fragte der Neuhöser scharf, .^Jst Ä)nen meine Gegenwart so un- angenehm?"
„Welche Frage?" entgegnete sie mit stolzem abweisendem Lächeln. „Wir waren eben im Begriff fort- zufahren . . ."
„Sv darf ich Sie allerdings nicht länger zurück- halten, gnädiges Fräulein", wandte er sich an Wera, „darf ich Sie bitten. Ihre verehrte Frau Mama zu grüßen. — Ich habe die Ehre, meine Herrschaften-"
Er grüßte mit steifer .Höflichkeit und entfernte sich.
„Ein unangenehmer Mensch", stieß Horst ärgerlich hervor. „Bitte, nehmt Platz. Ich werde selbst fahren, Fräulein Käthe. Es wird schon dunkel und die Pferde scheuen leicht."
Er schlvang sich aus den Bordersitz.
„So erlauben Sie wohl, daß ich bei Wera auf dem Rücksitz Platz nehme", sagte Käthe.
„Bitte — wie Sie wollen . .
Kaum hatten Käthe und Wera ihre Plätze eingenom- »nen, als die Pferde, durch einen Peitschenschlag getroffen, heftig anzogen, so daß der leichte Wagen hoch empor sprang und die Mädchen sich fest an die Lehnen des Sitzes anklammern mußten.
„Bist du närrisch geworden?" rief Wera ärgerlich. Doch Horst kümmerte sich nicht um ihre Worte; er trieb die Pferde zu rascherem Lauf an und hatte auch genug zu tun, um die aufgeregten Tiere in der Hand zu behalten. Dabei schleuderte der lerchite Wagen in dem ausgefahrenen Waldwege heftig hin und her. Erst nach einiger Zeit fielen die Pferde in eine ruhigere Gangart, der tiefe Sand des Weges, in dem die Räder versanken. mochte sie wohl müde machen-
Wer auch jetzt wollte eine Unterhaltung zwischen den Insassen nicht auflommen. Schweigend saßen sie da, jeder Mit seinen Gedanken beschäftigt. Heimlich beobachtend streiften die Blicke Weras die rm ernsten Schweigen neben ihr sitzende Freundin. Endlich vermochte sie dieses Schweigen nicht mehr zu ertragen. Leise flüsterte sie Käthe zu:
„Was habt ihr nur miteinander gehabt? Ich hoffte, Ahr würdet euch verständigt haben . . ."
„Das haben wir auch, liebe Wera", entgegnete Käthe mit einem trüben Lächeln.
„Nun — und dieses Schweigen? Diese ernsten Mienen . . .?"
,Latz uns nicht darüber sprechen, Wera. Ich glaube, es ist das beste, ich reise morgen o6 . .
„Das dulde ich auf keinen FallI" fuhr Wera auf. ,^Hat Horst dich beleidigt, so soll er dich um Verzeihung bitten."
„Dein Bruder hat mich nicht beleidigt . .
„So verstehe ich euer Benehmen nicht mehr. Wer jedenfalls hast du dann keinen Grund, so schnell abzu» tzetfen."
„Quäle mich nicht inchr mit Fragen, liebe Wera. .*
„Mein Gott, jetzt stehen dir sogar die Tränen in de« Augen! Beruhige dich nur. ich sage kein Wort mehr.."
Und in ernstem Schweigen fuhren sie durch den dämmernden Abend heim. Mit finsteren Augen aber sah Neithavdt dem davonrollendon Wagen nach- Er wollte auflachen, -das Lachen erstarb ihm jedoch aus den Lippen; eine tiefe Falte grub sich ihm Mischen die Augenbrauen, und es zuckte wie im verhaltenen, zornigen Schmerz um feinen Mund.
Dann richtete er sich straff empor, ein tiefer Atemzug hob seine breite Brust. „Sei kein Narr", murmelten seine Lippen. Dann warf er die Flinte, die er vorhin von der Schulter genommen hatte, wieder über die Achsel und schritt rasch in das Dunkel des Waldes hinein.
6 .
Schloß Neuhof, das vor hundert Jahren noch einen polnischen Namen geführt hatte, war ein großer, massiver Bau aus dem siebzehnten Jahrhundert. Der Erbauer hatte es ursprünglich urit Wall und Graben umziehen lasten; von Liesen Befestigungswerkcn tvar allerdings Jkmmt noch etwas zu sehen, ein großer, mit hundertjährigen Bäumen bepflanzter Park umgab jetzt das Schloß, Las -durch spätere Um- und Anbauten freilich viel von seiner ursprünglichen Gestalt >verloren, dafür aber um so wohnlicher geworden war. Fröhliche Feste waren früher in dieser Flucht von Zimmern und Sälen gefeiert worden; um so stiller war es jetzt in dem gewaltigen Bau, den Wolrad von Neithavdt als der letzte seines alten Geschlechtes allein beivohnte.
Er hatte die Stille, die ihn umgab, bislang niemals als drückend eurpfunden; er fühlte sich im Gegenteil in ihr wohl; nach dem lärmvollen und von Aufregungen erfüllten Leben in der großen Welt, aus -der ihn eine Herzensenttänschung vertrieben hatte, empfand er diese Stille und ländliche Ruhe als eine Wohltat, und der Gedanke, sich von diesem halben Einsiedler-Lüben, -das ihn in den Ruf eines Sonderlings gebracht hatte, zu trennen, war ihm niemals gekommen. Die Bewirtschaftung seines Gutes, die Züchtung edler Pferde, die Jagd und die Pflege seiner Wälder füllten sein Leben vollständig aus. Er war innerlich ruhig geworden und, wie er glaubte, abgestorben für die Freuden der Welt. Was char es -denn aber, was ihn seit einiger Zeit mit einer inneren Unruhe erfüllte; was ihm die Stille und Einsamkeit -seines Schlosses drückend erscheinen ließ; was ihn umhertrieb von einem Zimmer zum anderen, von dem -Wirtschaftshof zu den Feldern, von den Werde- koppeln zu den Miefen und von diesen zu der Einsamkeit des Waldes? Und wenn er abends in feinem -füllen, einsamen Zimmer saß und dem Rauschen des Windes in den alten Parkbäumen lauschte, wenn die Sonne, noch einmal aufflammend. hinter den Wäldern versank und -die NaM ihr sternenübersäteS Bahrtuch auf diq Erde niedersenkte, dann schlich sich die Sehnsucht nach Liebe und Glück in sein Herz und überwand seine Welt-
