sa. Jahrgang.
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Verlags-Fernlprechcr 51». 2863.
N- 114.
i i Kbend-Kusgabe.
Dienstag» den 8. Marx.
Redaktions-Fernsprecher No. 82.
1904.
1. Matt.
CO
MMLlstr-UMiiii mii öas 5ptIotto.
gürrt 13. Januar er. erschien in der „Nordd. Allg. »tg." 'die bekannte offiziöse Erklärung, -daß Herr Scherl Mge der Angriffe, die in der Öffentlichkeit gegen ihn .Achtet worden feien, darauf verzichtet habe, in eigener ^ on bei seinem Spar- und Spiel-System mitzuwirken, m „ 25. Januar gab dann der preußische Mnister des «m, Freiherr v. Hammerstein, im Abgeordneten- hLuse. als er über das Scherlfche System interpelliert Mde, eine Erklärung ab-, die sich in der Hauptsache mit Der offiziösen Erklärung deckte und mit der Versicherung «oß: „Jedenfalls ist zurzeit infolge des freiwilligen Rücktritts des Herrn Scherl die ganze Angelegenheit auf- MÄen."
- Zu diesen Erklärungen steht das, was auf der am Samstag abgeh-altenen außerordentlichen Mitglieder. Vschmimlung des deutschen Sparkassen-Berbandes mit- ' geteilt worden ist, in unvereinbarem Gegensatz, und es scheint, daß diejenigen recht behalten haben, welche Herrn Scherl für eine viel zu energische Persönlichkeit erklärten, als daß er leichten Kaufs eine Idee preisgeben werde, imt >der sich Geld machen läßt. Auf dem Sparkassentag hat der Vorsitzende, Oberbürgermeister Fischer, erklärr. jiatz er ein Schreiben des Herrn Scherl, worin dieser seinen Rücktritt von seinem Plan «Märte, nicht 'erhalten habe. W vollem Recht ist es aus der Versammlung heraus als eine arge Täuschung der Öffentlichkeit bezeichnet Morden, Laß Herr Scherl seinen Rücktritt von der Verwirklichung smes Planes verkünden ließ, während sein Syndikus gleichzeitig androhte, daß Herr Scherl die Unterzeichner tes Vertrages persönlich für Schädigungen haftbar wachen werde, die ihm durch eine Nichtgenehmigung feines Systems seitens des Sparkassentages erwachsen würden.
Herr Scherl «gibt in der Tat auch heute noch nicht die Hafftmng auf seinen Plan auf, dessen „Uneigennützigkeit" Lurch diese Drohung seines Syndikus ins hellste Licht gesetzt wird. Der Beschluß des Spartässentages, die Frage im Unterverbänden zur Prüfung zu unterbreiten und ckva in Jahresfrist zu neuer Beratung einen Siparkassen- tag einzuberufe-n, hat Herrn Scherl keineswegs entmutigt, sondern er erläßt in seinem Organ- eine geharnischte Erklärung, worin er versichert: „Herrn Scherl ist daher durch den gestrigen Beschluß des Deutschen Spar- kassewVerbcmdes die gewünschte Gelegenheit geboten Worten, seine Aufklärungsarbeit sortzusetzen, und daß er diese Gelegenheit benützen wird, dafür bürgt die Energie, mit der der Erfinder des nach ihm benannten Sparsystems bisher für die Anerkennung seiner Idee ge- kämpft hat."
Da also Herr Scherl mit derselben Energie wie bis- her für sein Lotto system weiter kämpfen will, hat mithin die Presse, welche diese Pläne bisher mit erfreulicher Einmütigkeit bekämpft hat, alle Ursache, ihnen nach wie vor mit derselben Energie entgegengutrcten. Es ist richtig, daß auf der Tagung des Sparkassen-Berbandes sich ein Teil der Redner für die Einführung des Lottosystems in die Sparkassen ausgesprochen hat, aber auch von diesen Rednern haben sich die meisten mit Entschiedenheit gegen die weiteren Pläne gewendet, welche Herr Scherl mit feinem Sparlotto verbindet, und die in letzter Linie trotz allen Ableugnens des Herrn Scherl auf ein Geldgeschäft und vor allem auf ein einträgliches Jnseraten- geschäft mit seinem Sparblatt herauskommen.
Im übrigen ist es eine Irreführung der öffentlichen Meinung, wenn Herr Scherl in seinen Zeitungen 'erklären laßt, daß di« Wissenschaft sich überwiegend zugunsten seines Systems ausgesprochen habe. Den Stimmen der wenigen Volkswirtschaftler, aus die Herr Scherl sich beruft, stehen, wie wir schon früher dargelvgt haben, weit zahlreichere gegenüber, die den Scherlschen Plan, der seinerzeit von dem Ministerpräsidenten Grasen Eulenburg scharf verurteilt und von dein Minister v. Miguel für gemeingefährlich erklärt worden ist, entschieden -verwerfen. Am 13. Oktober 1897 erklärte in der bayerischen Abgeordnetenkammer bei einer Debatte über die Lotterie- Frage der Finalnzminister v. Riedel: „Man kann die Giftpflanzen nicht ausrctten, aber man pflanzt sie auch rächt mit Absicht." Dieses Urteil gilt auch gegenüber dem Scherlschen Plan, dessen Verwirklichung unser Sparwesen, das sich irr einer durchaus befriedigenden Auswürts- bewegung -befindet, in die allerbedenklichsten Bahnen leiten würde.
Und deshalb steht zu hoffen, daß der Beschluß des Sparkassentages ein Begräbnis zweiter Klasse für das Sckierlsche System- bedeuten wird. Sache des preußischen Abgeordnetenhauses, aber, welches auf Grund des dem Hause vorliegenden gegen das Scherlsche System gerichteten Antrages binnen kurzem seine Meinung über diese Frage zum Ausdruck bringen wird, ist es, Klarheit über die mancherlei rätselhaften Vorgänge zu schaffen, die sich bei der Förderung der Scherlschen Pläne hinter den Kulissen abgespielt haben.
Zum Tüde Wlüdersses.
Graf Waldersee hatte schon, so schreibt man der „Franks. Ztg." aus Hannover, seit längerer Zeit über Magen- und Verdallungsbeschwerden geklagt. Am Sonntag voriger Woche blieb er im Bett liegen, da die Schmerzen erheblich zunahmen. Ter Hausarzt des Grafen, Oberstabsarzt Dr. Müller, zog Professor Dr. Schlange vom Städtischen Krankenhaus zu Hannover zu
Rate und aus Wunsch der Gräfin Waldersee wurde auch Professor Dr. Reinhold-Hannover mitherangegogeu. Dis Ärzte, die von dem Ernst des Zustandes des Patisnten sich sofort überzeugten, holten Professor Dr. Orth-Berlin und später Professor Dr. Epstein-Göttingen noch -ent das Krankenlager. Die eingetretene Darmentzündung kennzeichnet« sich bald als Darmgeschwüre, die wahrscheinlich eine Darmeirerung herbeigeführt haben. Dadurch wurde -die Nahrungsaufnahme bedeutend erschwert und der Kräfteversäll nahm von Tag zu Tag ersichtlich zu. Dem Kranken konnte nur noch etwas flüssige Nahrung elnge» flöht werden, die aber auch aus seinen Kräsrezustand ohne Einfluß blieb. Durch den andauernden Schwächszustand 'wurde die Herztätigkeit beeinflußt, so daß am Samstag- Vormittag bereits leichte Herzlähmungen eintraten, die zu ernsten Befürchtungen Anlaß gaben. Um 1 Uhr fand eine Konferenz der Ärzte statt, die etwa V 2 Stunde währte, und deren Ergebnis das Bulletin der Ärzte war, daß der Zustand des Patienten hoffnungslos sei. Der Hausarzt teilte 'der im Krankenzimmer versammelten Familie des Grasen das Resultat der Konferenz mit. Schon währeudi der Beratung war bei dem Kranken bereits Bewußtlosig- keit eingetreten, und der Zustand verschlimmerte sich- zusehends. Der Pulsschlag wurde unregelmäßig, unD die Herzschwäche nahm rapide zu. Professor Dr. Orthi und Oberstabsarzt Dr. Müller warm mit den beiden Neffen des Feldmarschalls und der Gemahlin, sowie mit der Gemahlin des Majors v. Waldersee im Krankenzimmer anwesend, als die Herztätigkeit des Kranken aussetzte und er wenige Minuten nach 8 Uhr sanft ohne Todeskampf und ohne die Besinnung wieder erlangt zu haben-, ent- schlief. Die Familie sprach im Sterbezimmer «ln stilles Gebet.
hd. Hannover, 7. März. Der Kaiser hat dem Kronprinzen mit seiner Vertretung bei Len Beisetzungs-Feierlichkeiten für den Grafen Waldersee beauftragt. Es werden ferner Prinz Albrecht von Preußen und Erbgrvß- herzog von Baden, sowie die kommandierenden Generale des 7., 8., 9., 11., 13. und 18. Armeekorps der Leichenfeier beiwohnen. Eine Parade wird der Leichenfeier borausgehen. Das Artillerie-Regiment von Scharnhorst feuert während derüberführung derLeiche nach demBvhn» hose 36 Schuß Trauersalut ab. Der Kaiser hat ferner angeordnet, daß die Armeetrauer 8 Tage dauern soll.. Das Königs-Husaren-Regiment in Hannover und das Feld-Artillerie-Regiment Generalfeldmarschall Graf Waldersee Schleswig-Holsteinisches Nr. 9 in Itzehoe haben 10 Tage Trauer anzulegen. Die Zahl der 'bisher im Trauevhause eingegangenen Kranzspenden beträgt bereits über 400, die Zahl der eingegangenen Beileids-Tele- gramme und BÄleids-Schreibeil über 1200. Fortgesetzt treffen hohe Offiziere und Persönlichkeiten aus allen Testen des Reiches hier ein, um der Witwe des Verstorbenen ihr Beileid auszndrückeri.
Ku§ Eifersucht.
Kriminal-Roman von Arthur Zapp.
(6. Fortsetzung.)
V.
Am andern Morgen war Herr Lindolf mit großer Begleitung auf dem Bahnhof. Außer seiner Tochter und der Haushälterin Frau Schubert waren noch der Prokurist und der älteste Buchhalter zugegen. Dazu gesellte sich roch Richard Ohorn mit seiner Mutter. Der Fabrikbesitzer musterte -seine Schar, die ganz in seierlichem Schwarz erschienen war.
„Atome Herren", wandte er sich an den Prokuristen und.den Buchhalter, „nicht wahr. Sie kondolieren im stamm des Geschäftspersonals, bei dem der so plötzlich ums Leben Gekommene durch sein freundliches Wesen und seinen Geschästseifer das beste Andenken hinterlasfen hat?"
Die Angeredeten bejahten. Als der Zug einlies, erblickte der Fabrikbesitzer den Erwarteten an einem! Fenster str 1. Wagenklasse. Er winkte den Seinen, die rasch herbeieilten und glücklich vor dm» Wagen versammelt toareit, als ihm der Kommerzienrat entstieg. Herr Schulten senior war ein Herr in den Sechzig, von kräftigem Körperbau. Sern breites, vollwangiges Gesicht umrahmte ein weißer Bart. Seine Augen blickten etwas wilde und abgespannt. Im übrigen erschien er merkwürdig gefaßt, jedenfalls legte er mehr Ruhe und Fassung an den Tag als Herr Lindolf, der mit feuchten Augm aus den Kommerzienrat zuging und mit stammelnder Stimme lein Beileid aussprach. Nachdem ihm Herr -schulten mnn-m die Hand gedrückt hatte, stellte Herr Lindolf seine Begleitung vor. Alle bekamen einen Händedruck, auch me beiden Herren, die im Namen des Personals der Firma B. Lindolf mit wohlgesetzten Worten kondolierten.
. Vor dem Bahnhof standen zwei Wagen bereit. In '^ern einen nahmen der Fabrikbesitzer und Erika mit ihrem Platz, während in dem andern die HaushAterin
Frau Schubert -mit Richard Ohorn und seiner -Mrttcr folgte. Herr Lindolf hatte gewünscht, daß seine nächsten Derwandteu an dem Frühstück testnehmen sollten. Während alle an dem Kaffeetisch saßen, berichtete der Fabrikbesitzer über das, was er von der Behörde über den mysteriösen Fall iu Erfahrung gebracht hatte. Der Kommerzienrat hörte aufmerksam zu, ab und zu eine Frage einwerfend. Als Herr Lindolf die Vermutung der Beainten erwähnte, daß ein Selbstmord vorliege, machte er eine Betvegung starken Staunens und schüttelte mir dem Kopf.
„Warum sollte sich mein Sohn getötet haben?" fragte er, un-d sah sich im Kreise um. Alle blickten still, düster vor sich hin. Richard Ohorn hielt fein Gesicht noch tiefer gesenkt als die übrigen.
„Haben Sie denn etwas an ihm bemerkt", fuhr der Vater des Verstorbenen fort, sich an seinen Gastgeber weirdend, „das auf einen so schweren Entschluß hindeutete?"
„Nicht das Geringste. Herr Kommerzienrat", lautete die lebhafte Antwort. „Wir alle sahen Ihren Sohn am letzten Tage vergnügt und frohgelaunt in unsrer Mitte."
„Mein Sohn hat also den Sonntag bei Ihnen zugebracht?" fragte der Kommerzienrat.
„Wir sähen ihn zum Mittagessen bei uns."
„Und nachher?"
„Nachher begab er sich nach >dem Schießplatz im Stadtwald. Die jungen Herren schossen dort nach Tontauben." Ter Berichtende beugte sich mit dem Oberkörper über den Tisch und wandte sich lebhaft an seinen Neffen. „Ja, Richard-, warst du nicht auch dabei?"
Aller Augen richteten sich nach dem Gefragten, auch die des Kommerzienrats. Richard Ohorn bejahte mir leiser Stimme; seine Augen flirrten unstät.
„Ist Ihnen denn etzvas an meinem Sohn ausgefallen?" fragte der Kommerzienrat. „War er denn anders als sonst?"
„Nein."
Die hlaugrauen, hinter funkelnden Brillengläsem
scharf blickenden Augen des Kommerzienrats ruhten mit angespanntem Interesse an den Mienen des jungen Künstlers. Dieser sah an dem Gesicht des Fragendm vorbei.
„Hatte miein Sohn auf dem Schießplatz mit irgend jemand einen Streit, einen' Wortwechsel oder dergleichen?"
„Nein."
„Wie lange blieb mein Sohn auf dem Schießplatz?"
„Bis sieben Uhr etwa."
„Und dann — wissen Sie vielleicht etwas über seinen Verbleib? Brach er allein ans oder in irgend welcher Gesellschaft?"
Richard Ohorn zögerte einen kurzen Moment mit der Antwort; dann sagte er mit mühsamem! Atemholen: „In meiner."
Alle blickten mit angespanntem Interesse, voll Staunen auf den Sprechenden. Herr Lindolf machte eine lebhafte Bewegung.
„Wie? Tu gingst mit ihm zusammen, Richard? Und davon hast du mir noch gar nichts erzählt?"
„Wo gingen Sie denn hin?" fragte der Kommerzienrat immer mit derselben sachlicheil Ruhe, die feilt ganzes Wesen im Gegensatz zu dem aufgeregt sich gebärdenden Fabrikbesitzer charakterisierte.
„Wir gingen den Waldweg hinab bis zur langen Brücke und über die Brücke nach der Dammvorstadt. Dort trennten nur uns und ich kehrte nach Hause zurück."
„War es nicht in der Tammvorstadt, wo mein Sohn seinen Tod fand?"
„Ja, aus dem Treidelweg, der kurz hinter der Brücke sich rechts abzweigt", antwortete der Fabrikbesitzer. „Dort fanden ihn in der Frühe drei Schisserknechte, die des Weges kamen."
Ter Kommerzienrat wandte sich wieder an den jungen M-aler, der mit blassem Antlitz, die unruhig flirrenden Augen auf die Tischplatte gerichtet, dasaß.
„?lls Sie sich voll meinem Sohne trennten, bemerkten Sie da irgend etwas Außergewöhnliches an ihm, etwas,
