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.... —. arge getragen.
110. Berlags-Fernsprechcr No. 2SS».
Samstag, den 5. Marx.
Rebaktions-Fernlvrecher No. 82.
1804.
Kbend-Ausgabe.
1. Wkatt. _
Politische Wochenschau.
Immer langsam voran! Nach dieser Parole spielt sich im Reichstage wie im preußischen Abgevrdnetenhause die Etatsdebatte ab, deren Ende noch immer nicht abzusehen ist, so daß man in beiden Parlamenten allge- mach die Hoffnung auf die rechtzeitige Fertigstellung des Etats.aufgegeben hat. Im Reichstage hat besonders der Etat des Reichsjustizamtes die Gelegenheit zur Anbringung zahlreicher Beschwerden und Wünsche geboten, wobei es abermals zu einer umfangreichen Debatte über die viel erörterte Tätigkeit der russischen G e h e i m a g e n t e n in Deutschland kam. Den Angriffen von sozialdemokratischer Seite trat auch der Reichskanzler Graf Bülow in scharfen Auslassungen entgegen, in denen er die Tätigkeit der russischen Agenten, so weit sie sich auf die internationale Bekämpfung des Anarchismus beziche, für durchaus notwendig crKärte. Ein von sozialdemokraüscher Seite gestellter Antrag, der die einheitliche Regelung des Fremd>mrechts und das Verbot der Zulassung ausländischer Polizeiagenten forderte, wurde gegen die Stimmen der Freisinnigen, d« und- der Sozialdenwkraten abgelehnt.
Km preußischen Abgeordnetenhause hat insbesondere die Erklärung des Ministers Budde über die angekündigts wasserwirtschaftliche Vorlage Überraschung -hervorgerufen. Man hätte eigentlich annehmen sollen, daß die beteiligten Ressorts im Laufe der Kahre hinreichende Zeit zur Fertigstellung der Kanalvorlage gehabt hätten. Nun hat sich aber bei diesem Kaualrennen Mit Hindernissen noch in zwölfter Stunde ein erneutes Hindernis eingestellt, so daß die betreffenden Entwürfe dem Abgeordnetenhaus« erst nach der Osterpause zugehen werden. Die Entscheidung über das weitere Schicksal dieser heiß umstrittenen und in diesen Kämpfen so zufammengeschrumpsten Vorlage wird dadurch in immer weitere Feme gerückt.
Hoffentlich geht es der Kanalvorlage im preußischen Parlament nicht ebenso schlecht wie dem W a h l - reformgesetz in der bayerischen Kammer. Was nach dem Verlaufe der jüngsten parlamentarischen Kämpfe in Bayern zu erwarten war, ist eingetroffen. Die Wahlreformvorlage ist gefallen, weil sie die zu dieser Verfassungsänderung erforderliche Mehrheit nicht erlangte. Was angesichts dieser arg verfahrenen parlamentarischen Situation in Bayern geschehen wird, darüber herrscht roch völliges Dunkel.
Kur Eifersucht.
Kriminal-Roman von Arthur Zapp.
(4. Fortsetzung.)
Der Volontär warf einen erschrockenen Blick um sich. Fn geringer Entfernung von chnen zeigten sich die Lichter der Brücke, die über beit Fluß zur Dammvorstadt führte.
„Sind Sie verrückt, Ohorn?" sagte er. «Wollen Sie mich überfallen wie ein Wegelagerer?"
Richard Ohorn ließ beschämt seine Hand sinken, während der andere seinen Weg wieder ausnahm. So gingen sie eine Weile irw Geschwindschrittsturm uebenemanider.
Des leidenschaftlichen Künstlers Brust hob und senkte sich stürmisch.
«Ich erkläre Sie für einen Mann ohne Ehre", sagte er, „denn wie Sie zu handeln sich vornehmen, ist nicht die Art eines Gentleman. Was Sie nach dieser Erklämng zu tun haben, werden Sie wissen."
Der anders stutzte einen Augenblick, dachte nach und ließ dann einen leisen Pfiff hören.
„Aha! Nicht übel! Ich verstehe. Ich soll Sie wohl fordern?"
„Es wird Ihnen wohl nichts anderes übrig bleiben, wenn Sie überhaupt noch Sinn für Ehre haben."
„Sinn für Ehre? Gewiß habe ich Sinn für Ehre, aber ich habe noch andere Sinne, und vor allem Hobe ich Vernunft, und die sagt mir, daß ich ein Esel wäre, würde ich Ihnen den Gefallen tun, mich vor Ihre Pistole zu stellm. Sie haben mehr als einmal bewiesen, daß Sie zehnmal so gut schießen, wie ich. Bei einem Duell würden Sie mich also niederknallen. Das ist sicher. Ich habe aber wirklich gar keine Lust, mich von Ihnen tot- schießen zu lassen."
Sie schritten über die Brücke. Vor derselben hätte sich Richard Ohorn nach der entgegengesetzten Seite wenden müssen, um nach seiner Wohnung zu gelangen. Cr begleitete aber den andern über die Brücke nach der Dammvorstadt. Kn der Verlängerung der Brücke begann die breite Dammstraße. Rechts zweigte sich ein -schmaler einsamer Weg ab, der am Fluß entlanglief. Aus diesen schritt Kourad Schulten zu.
Auch die Situation in unserem s ü d w e st a f r i • konischen Schutzgebiet ist noch immer wenig erfreulich. Die Widerstandskraft der Hereros hat sich als stärker erwiesen, wie man das nach den ersten Berichten aus bat Aufstandsgebiet angenommen hatte. Da aber unterdes die letzten Verstärkungen auf afrikanischem Boden eingetroffen sind, so wird man voraussichtlich bald auf bessere Nachrichten rechnen können. Welche Bedeutung den aus Kamerun gemeldeten Unruhen beigu- messen ist, das läßt sich aus den bisher vorliegenden Meldungen noch nicht beurteilen.
Eine sehr erfreuliche Kunde ist dagegen vom Schauplatz der HandelsvertragSverhandlungen eingelaufen. Laut amtlicher Mitteilung ist zwischen Deutschland und Italic n ein vollständiges Einverständnis über den neu abzuschließendegffH an delsvertrag erzielt worden, doch soll der Inhalt des Vertrages erst veröffent- licht werden, sobald dies nach dein Stande der Verhandlungen mit anderen Staaten angängig erscheint. Wenn der Vertrag mit Ktalien auch verhältnismüßig die geringsten Schwierigkeiten bot, so ist doch damit wenigstens der erste Schritt zur Neuregelung unserer wirtschafts- politischen Beziehungen mit dem Auslände getan.
Eine solche Regelung wird von. Handel und der Industrie umsomehr ersehnt, da. auf die ohnehin noch unter der Depression der letzten Jahre , leidenden wirl- schaftlichen Verhältnisse der ostasiatische Krieg, und noch mehr die Besorgnis vor weiteren aus Anlaß dieses Krieges sich ergebenden Verwicklungen, in sehr ungünstigem Sinne einwirkt. Diesen weitergshenden Besorgnissen fehlt allerdings zurzeit erfreulicher Weise noch jede Unterlage, da sowohl seitens Englands wie Frankreichs bisher die strengste Neutralität beobachtet wird. Hat sich doch sogar die englische Regierung veranlaßt gesehen, die Presse und das Publikum vor der Parteinahme für Japan zu warnen. Auch die in China eingeleftete Bewegung zugunsten eines Anschlusses an Japan ist bei der chinesischen Regierung auf entschiedenen Widerstand gestoßen.
Auf tan Kriegsschauplatz selbst sind in dieser Woche keine Ereignisse von besonderer Bedeuttmg zu verzeichnen gewesen, denn die verschiedenen Schlachten, welche die Kriegskorrespondenten der englischen Presse hatten schlagen lassen, haben sich als Phantasieprodukte erwiesen. Die Operationen der Japaner gehen erheblich langsamer vor sich, als man dies nach den ersten ungestümen Vorstößen erwartet hatte; die Russen aber beschränken sich naturgemäß auf die Defensive. Unter diesen Uuiständen wird man auch in der nächsten Zeit nur auf eine langsame Entwicklung der milftävischen Operationen rechnen können.
„Sie weigern sich also, mir Genugtuung zu geben?"
fragte der Maler. ,
„Wie? Nun wollen Sie mich gar fordern?,"'
„Ja,"
"Also, ich weigere mich, wich in dieser Form .mich von Ihnen nach allen Regeln der Kunst niederknallcn zu lassen. . . Ja, wenn Sie mir noch Vorschlägen würden —"
„Was?"
„Ach, dummes Zeug!" Der Volontär blieb stchm und zog seine Uhr. „Es ist gleich acht Uhr . . Er spähte tat Weg. über den sich bereits die Dämmerung gebreitet hatte, hinab und trat ungeduldig von einem Fuß auf den andern. Doch Richard Ohorn nahm keine Notiz von diesen sichtbaren Zeichen der Ungeduld. In seinen Mienen wühlte und arbeitete eine überstarke innere Erregung. Ein ungeheurer Zorn Packte ihn gegen den frivolen Gesellen, der heute ein leichtsinniges Menteuer aiufsuchte und morgen sich um die Hand des teuren Mädchens zu bewerben vorhatte, das er —■ Ohorn — aus tiefster Seele liebte und verehrte.
Kourad Schulten räusperte sich.
„Na, war mir sehr angenehm", schnarrte er nachlässig, mit einem Anklang spöttischer Ironie. „Danke vielmals für die liebenswürdige Begleitung. t Wie gesagt, erwarte die kleine Liese. — Wo das Mädel nur steckt?"
Er lüftete seinen Hut, um so seinen Begleiter zu veranlassen, sich zu verabschieden. Richard Ohorn knirschte in ohnmächtiger Wut, und seine Hand tastete wieder in- fttnft.it) nach dem Revolver.
IV.
Es war eine schlechte Nacht, die Richard Ohorn verbrachte. Ruhelos wälzte er sich in seinen Kissen, stöhnend, von gräßlichen Phantasiebildern gequält. Erst gegen Morgen schlief er ein. Als er erwachte, schien der Helle Tag 'ins Zimmer. Der junge Maler setzte sich in seinem Bett auf, drückte die Stirn in beide Hände und grübelte. Aus seiner schwer ringenden Brust stiegen dumpfe Seufzer empor. Plötzlich richtete er sich mit iähem Ruck in die Hohe, und mit einem Satz war er aus dem Bett Zu einem befreienden Entschluß schien er sich durch gekämpft zu haben. Afft eilfertigen Händen kleidete er
Politische Übersicht.
Flottcnfrngcn.
L. Berlin, 4. März.
Die Pause in den Nachrichten vom Kriegsschauplatz ha! einen gewissermaßen prograMmäßigen Charakter. Schon durch das merkwürdige russische Regieruugscommuniqus, das bald nach dem ersten japanischen Angriff auf Port Arthur herauskam, wurde die Welt darauf vorbereitet, daß nicht so bald wichtigere Nachrichten aus Ostasien zu melden sein würden, und die militärischen Beurteiler aller Nationen sind von Anbeginn da-rüber einig ge- wesen, daß es Wochen werde dauern müssen, ehe auch nur von der Vorbereitung eines Entscheidungskampfes gesprochen werden könnte. Dies gilt vornehmlich vom Landkriege. Etwas anders freilich mag es mit den Vor- gängen zur See stehen. Die Untätigkeit der russischen Flotte in Port Arthur wie in Wladiwostok kann nicht -damit allein erklärt werden, daß Rußland erst Verstärkungen hemuzieheu niöchte. Vielmehr wird man in Petersburg genau wissen, daß es überhaupt unmöglich ist. die See- streftkräste in Ostasien zu vermehren, und so beweist die fortgesetzte Passivität der beiden zur Verfügung stehenden Geschwader, daß die Überlegenheit Japans zur See wider- spruchslos anerkannt wird. Das unterwegs befindliche Geschwader wählt die Vorsicht als besseren Teil der Tapferkeit und kreuzt im Roten Meere, wo es sich frei- sich auch nützlich machen kann. Denn das Abfangen von Kohlenschiffen, die von England nach Japan bestimmt sind, würde, wenn es in größerem Ma-ßstabe gelingen könnte, Du Gegner immerhin schädigen. Rätselhaft aber (oder, wenn man will, gar nicht rätselhaft) ist das Fest» liegen der baltischen Flotte im finnischen Meerbusen. An- fnngs hieß es, daß diese Flotte etarfalls nach Ostasien gehen solle, jetzt aber ist alles sW davon geworden, un» so wird Japan dies Geschwader wohl nicht zu fürchten brauchen. Es wird ruhig vor Kronstadt liegen bleiben.. Nun nöttgt der traurige Stand der russischen Flotte, die teils in unrühmlicher Weise kampfunfähig geworden ist und teils überhaupt nicht kampffähig gewesen ist, zu.Be- trachtungen, -die auch für die Flotten anderer Länder von begreiflicher Wichtigkeit sind. Bis dahin galt lH russisch« Flotte in der Rangordnung der Mächte als eine, die mcht weit hinter Italien und jedenfalls vor uns rangierte. Zum mindesten liebten es unsere Marineoffizrösen, -die Überlegenheit der russischen Flotte zu behaupten, und die Absicht war ja leicht zu verstehen. Wenn sich jetzt abev zeigt, -daß die geflissentlich genährte Vorstellung von der Starke der russischen Seestreitkräste falsch war, so mutz man darauf gefaßt sein, daß alsbald gefolgert worden wird, wir hätten unsere Flotts nunmehr efft recht in be-
sich an, und mit dem Hut in der Hand, zum Ausgohen
fertig, trat er m die Wohnstube. Seine Mutter saß mtt einer Handarbeit a-in Tisch. Als sie ihren Sohn erblickte, ließ sie die Arbeit sinken. Ihr Gesicht war erhitzt, und ch-re Miene verstört.
„Denke dir nur, Richard!" rief sie, chm mit ungewohnter Hast entgegenkommLnd. „Welch ein Unglück, welch ein furchtbares Unglück!" _ ,
Der junge Maler verfärbte sich heftig. Wie vom Blitz getroffen, blieb er stehen und sah feine Mutter mit schreckhaft flirrenden Augen an.
„Wenn man bedenkt", fuhr die alte Dame unter allen Anzeichen eines in ihr arbeitenden heftigen Schreckens fort, „daß wir ihn noch gestern munter und fröhlich in unserer Mitte gesehen.haben! Und nun — es ist zu furchtbar!" '
Richard Ohorn fuhr sichtbar zusammen; seine Hand tastete nach der Lehne des neben ihm stehenden Stuhles-
„Was denn, Mutter?" stammelte er mit schwacher, wie verlöschender Stimme, und eine namenlose Angst blickte aus seinen rollenden Augen.
„Heute nacht — der Milchmann hat es erzählt, und auch beim Bäcker haben sie darüber gesprochen — heute nacht hat man den jungen Herrn Schulten draußen in der Tammvorstadt auf dem einsa.men Treidelweg ermordet vorgefunden."
Ohne ein Zeichen der Überraschung, wie vom Blitz gefällt, sank Richard Ohorn auf den Stuhl^und schlug die Hönde vor sein Gesicht. Ein dumpfes Stöhnen drang hinter seinen zitternden Fingern hervor.
Frau Ohorn war offenbar überrascht von der Tiefs des Schmerzes, dem sich ihr Sohn hinzngeben schien. Jetzt schlang sie ihren Arm um seine Schulter und beugte sich liebevoll zu ihm hinab.
„Fasse dich, Richard!" tröstete sie. „Gewiß, es ist schrecklich, enffetzlick. Solch ein lebensfroher, junger Mensch, gesund und reich, muß nun Plötzlich, so blutjung — ich glaube, er war nicht über fünfundzwanzig — muß nun plötzlich auf so gräßliche, furchtbare Weise aus dem Leben scheiden. Fasse dich, Richard! Schließlich stand er uns doch nicht so nahe. Leid tut mir's ja auch. Seine armen Eltern! Aber, wenn ich ehrlich sein soll: sympathisch war er mir gar nicht."
