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53. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. Bezugs-PreiS: durch den Verlag 5« Pfg. monatlich, durch die Post 3 Alk. »o Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

Anzeigen-PreiSr Di- einspaltige Petitzeile für lokale Anzeige« 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. Reklamen die Petitzcilc für Wiesbaden 50 Pfg.» für auswärts 1 Mk.

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M,. 105. --->. S«»n-r°Ia«. de» 3. März. ">.» 1»04.

Morgen- Ausgabe.

1. Wkalt. _

Das Eisenbahnproblem.

Eine jener Debatten«, bei denen mdjt§ hercmskommen kann als eine allgemeine Verärgerung, die man gemerm bin liebens«würd«igerwöise alsKlärung der Standpunkte zu bezeichnen Pflegt, hat sich der Reichstag kürzlich ge- leistet, als er lang rmd breit über die Relchserferchahn- fmge verhandelte. Vielnrchr, es war keine Verhandlung, sondern eine Unterhaltung. Der Reichstag kann m dieser Sache nichts tun, als Wünsche äußern, und nicht emmal bies kann er, da zur Äußerung von Wünschen eine monierende Mehrheit gchören müßte. In der Eisenbahn- fmae aber läßt sich diese Mehrheit nicht zusammen- bringen. Nur die Wünsche und Ansichten der einzelnen Parteien bekommt man zu hören. Daß die meisten davon Wes und falsch sind, erhöht ihren Wert gerade nicht.

Die Sozialdemokratie darf sich die Sache allerdings leicht machen. Sie verlangt einfach die Übertragung aller deutschen Eisenbahnen auf das Reich, was nicht nur sehr schön klingt, sondem auch den freilich nur gefühlsmäßigen Vorteil bietet, dem verhaßten Preußen eins zu versetzen. Immerhin hat die Forderung der Soz-ialdemo-kratre dies str sich, daß sie sich auf ältere Bestrebungen Preußens be­rufen kann, und- daß sie die zwar radikalste, aber vom SröichÄtandpmrkte aus tatsächlich zweckmäßigste Losung des Problems vorschlägt. Indessen weiß alle Welt, daß praktisch nichts mit dem bloßen Fordern getan ist, und daß es in absehbarer Zeit auch keine Möglichkeit gibt, ans Umwegen und langsam dem Ziele der Verstaatlichung des Eisenbahnwesens von Reichs wegen nähevznkommen. Preußen kann auf die Einnahmen aus seinen Staats- bahnen nicht verzichten, ohne in die schwersten fmanziällen Verlegenheiten zu geraten, rmd selbst wenn Preußen das Opfer bringen wollte, wäre es noch sehr die Frage, ob die anderen in Betracht kommenden Einzelstaaten es täten. Schließlich sieht man überhaupt nicht ein, weshalb die Abhülfe für unzweideutige Mihstände. unter deneii Preußen keineswegs leidet, nicht am wirksamsten durch ein kluges Eutgegenkommen der sächsischen, der bayerischen, der Württemberg i scheu, der badischen Eisenbahnvettvaltung erzielt »verden könnte. Das Großhevzogtnm Hessen hat sa den Wog gewiesen, aus dem ein ebenso gewinnbringen­der wie ehrenvoller Ausgleich zwischen partikularistrschen und nationalen Interessen gewonnen werden kann. Kann jemand im Ernst behaupten, daß Hessen durch ferne Ersen« bahnaemeiuschaft mit Preußen etwas an seiner ver« fassnngsmähig garantierten Selbständigkeit eingebutzt hat? Die Behauptung, baß Hessen ans dwfe Werse Schaden gleichsam an Leib und Seele genommm habe, wäre nicht nur falsch, sie wäre auch verletzend für alle dre norddeutschen Bundesstaaten, die der preußischen Ersen« bahnhahest unterstehe.

Solange wir Einzelstaaten habe (und wir werden sie selbstverständlich immer haben), solange wird es un­vermeidlich sein, daß Reibungen aus Gebieten Vorkommen,

Feuilleton.

Ärztliche Kunst in einem Indinnerzelt.

Dem LondonerLancet" wird von einem seiner Mit- cmbeiter eine echte und rechte Indioncrgeschichte mitge- teilt, die ihren Abdruck in dieser größten inedizmrschm Zeitschrift der Welt dem Umstand zu verdanken hat, daß sie auf die ärztliche Kunst bei den Indianern ein bezeich­nendes Licht wirft. Als Besonderheit kommt noch hinzu, daß es in «diesem Fall ein Europäer gewesen ist, der «diese Kunst in Anspruch zu nehmen gchabt hat.Ein junger Schotte, der zu Hause des Nichtstuns überdrüssig gewor- «den war, ging im vorigen Sommer über See und kam nach Kanada, wo er sich selbstverstw -sich zunächst als Farm«er irgendwo im Innern niederlass er wollte. Auch an diesem Plan hatte er jedoch nicht lange Gefallen und schloß sich lieber einer Expedition von Landmessern an, die sich von Manitoba aus nach Norden begaben. Da er ein Mann von einiger Geschicklichkeit und Scharfsinn war, wurde er gern zur Begleitung angenommen.

Als der Winter hereinbrach, «mußten die Männer natürlich «ihre Tätigkeit einstellen und sich auf den Rück­weg nach zivilisierten Gebieten machen. In eurem Wagen, der mit mehreren Pferden bespannt war, zogen sie über die gefrorene Prärie, als sie plötzlich an eine Senke lamen, in der das einige Fuß tiefe Wasser, das von_ einem Streifen Weidengebüsch umzogen war, sich «bereits mit einer Eisdecke überzogen hatte. Um einen Umweg zu ver­meiden, versuchten sie quer über das Eis zu gehen, aber auf halbem Wege brachen sie ein, und die ganz«? Be­scherung fiel ins Wasser. Bevor die Leute noch Rettungs­versuche machen konnten, waren zwei Pferde ertrunken,

wo jede Regieru«ng die ihr Anstehende materielle Macht ohne eine, von der Reichsversassung diktierte Ein­schränkung üben kann. Der Unterschied zwischen der preußischen Eisenbahnpolstik und derjenigen etwa Sachsens und Bayerns ist doch nur, «daß die preußische Devmaltung ziu dem Willen, den preußischen SenDer- interessen zu dienen, auch die Macht und die Kraft zur Betätigung dieses Willens hinzufügen kann, während man es in Dresden und München bei dem bloßen Willen ohn- mächtigevweise bewenden lassen muß. Daraus, daß dies o ist, folgt natürlich nicht, daß die Dmge nun so bleiben sollen, wie sie sind, sondern sie sollen verbessert werden, aber das bloße Fordern genügt nicht, hat überhaupt kamen Sinn und Zweck, da die Machtverhältuisse zu ungleich sind, und kann einen praktischen Inhalt erst bekommen, wenn man sich vernünftig beschränkt. Dies will sagen:

Es nützt nichts, das längst begrabene Reichsersenbahn- Projekt wieder hervorzuholen: es nützt nichts, der über­mächtigen preußischen Staatseisenb«ahnvevwaltuug zu dro-hen oder sie zu schelten oder auch ihr sanft zuzureden. Vielmehr nützt einzig eine Nachahmung des von Hessen gegebenen Beispiels durch die beteiligten anderen Bundes- staaten, und wenn an den betreffenden Stelle diese Melodie als allzu eintönig, als allzu mißtömg ampfunden wird, so kann niemand «dafür. Unangenehme Notwendrg- keiten hören darum, well man sich ihnen entziehen «möchte,, nicht auf, notwendig zu sein. Wir könn«en uns keine Lösung der Reichseisenbahnfrage vorstellen, die einen von Preußen verschm«ähteu Zwang in sich schlösse. Mso kann es nur eine Lösung geben, bei «der die JnitiaNve von den­jenigen .auszugehen hat, «die unter den jetzigen Verhält- rsissen leiden. Die preußisch-hessische Staatselsenbahn- gerncinschaft leidet unter den jetzigen Verhältnissen keines. wegs. ___ _ _ ___

Dkl MM onf Hit WchnUiW E»I«lM in DenWnnd

im Monat Februar ist kein unerfreulicher. Der Gesetzent­wurf über die KanfmannSgerichte hat in den Kom­missionsberatungen erhebliche Verbesserungen erfahren, zwei neue Gesetzentwürfe, betr. die Entschädigung un­schuldig Verhafteter und die Reform des Vörsengcsetzes, sind dem Reichstag «vom Vundesrat zugegangen. Die Verbesserungen des ersteren Entwurfes in der Kom­mission bestanden in einer Herabsetzung der Emwohner- zcchl, in denen die Kaufmannsgerichte obligatorisch sein sollen, von 50 000 auf 20 000, in der Einbeziehung der Konkurrenzklauscl in die Zuständigkeit der Kaufmanns­gerichte, «der Gewährung des Wahlrechts an die Frauen und einigen weniger bedeutsamen Abänderungen. Dre Komnrission hat die erste Lesung beendet. Der Entwirr « über «die Entschädigung unschuldig Verhafteter hat rm Reichstage «die erste Lesung passiert und im allgemeinen Zustimmung gesunden. Die Kommissionsberatungen werden auch hier noch ihre Feile anlegen. Die Novelle zum Börsengesetz ist dem Reichstag vor wenigen Tagen zugegangen. Sie bringt einige Verbesserungen, läßt aber ein energisches Vorgehen gegen manche llbelständc ver­missen uüd wird voraussichtlich im Reichstage bei den

«die übrigen wurden glücklich herausgezo«gen. Die Leute waren bis auf die Haut durchnäßt, Hände und Nasen erforen, und auch die Kleider überzogm sich alsbald mu einer dicken Eiskruste. Der junge Schotte verspürte bald darauf Schmerzen in seiner linken Hand, deren Aache er vor geraumer Zeit an einem Nagel verletzt hatte, ohne daß die Wlinde seitdem jemals völlig zugehellt war. Eine Wunde oder überhaupt eine empfindliche stelle ist immer der erste Punkt, «wo der Frostschaden emsetzt. Am nächsten Tage wurde der ganze Arm höchst schmerzhaft und b«egann anzuschwellen,, so daß man an «eme Blutver­giftung denken mußte. Ärzlliche Hülfe war mcht zur Stelle und frü«h«estens in einer Entfernung von 100 Kllo- meter erreichbar. Der Kranke setzte sich auf em Pferd und ritt, so gut es ging, mit. aber seme Schmerzen steigerten sich bis zur Unerträglichkeit. Nach einiger Zeit kamen sie ganz erschöpft zu einem Indianerlager, dessen Feuer sie bemerkt hatten, und fragten, ab fte ausge- nom'men werden könnten. (?£ wcrren mehrere Teepees fo nennt m>an öie ans §>äuten genähten ^znÄurnerzelte

_bei einander. Die Indianer nah«men die Fremdlinge

auf und machten ihnen Platz, als sie dm Kranken «gewahr wurden. Nachdem sie -den schmerzhaften Arm nr Augen- schein gmommen hatten, machten sie sehr ernste Gosichter und streßen einander an. Daraus wurde eine alte Squaw hevbeigcholt, ein Weib, dessen Gesicht nur aus Runzeln zu bosteh-en schien. Diese nahm den kranken Arm sorg- fäftiq vor, ließ ihre Hand« darüb«er streichen und schüttelte ominös den Kopf. Tann fand viel Gerede und Beratung

^ Die Indianer zündeten ein großes Feuer an un«d setztm Wasser zum« Koären darauf. Als soweit alles fertrg war, nahmen sie den Kranken auf und trugm rbn quer durch das Zelt, als ob sie ihn geradezu ins Fe«uer werfen wollrm, setztm ihn daun aber dicht daneben, so daß er «dre

Beratungen noch manche Änderung erfahren. Ber den Etatsberatungen hat der Reichstag nach fünfzehn Sitzungstagen die Beratung des Reichsamtcs des Innern erledigt. Das Ergebnis der Verhandlungen steht zu ihrer Dauer in keinem Verhältnis. Bei «den Beratungen über die «Gewährung von 5 Millionen Mark aus Reichsmitteln zum Bau von Kleinwohnungen stellte Graf Poscvdowsky die baldige Fertigstellung der Denkschrift Über die bis. herigen staatlichen Leistungen auf dem Gebrete des Wo«h. nungsbaucs in Aussicht. Der Bundesrat hat unterm 17 Februar die Schutzvorschriften für jugendliche und weibliche Arbeiter in der Konfektionsindustrie, dre sich bisher nur auf die Anfertigung im großen bezogm, auch auf «Mahwerkstätten ausgedehnt. Im Bereich der preu- tzisch-hefstschen «Staatsbahnen haben sich 268 Eisenbahn, vereine mit Zustimmung des Ministers Budde «u einem Verbände vereinigt. Auch in den «Einzelstaaten hcr«rschr reges politisches Leben. Im Preußischen Abgeordneten­hause, an dessen «Schwelle die erfolgreiche Sozialpolitik Halt zu machen pflegt, gab das Ressort des Handels- Ministers Veranlassung AU einer sozialpolrtrschen Debatte, die sich auf die Verordnung über die Ruhezeit in G«ast. und «Schankwirtschasten, die Wurmkrankheit, Berggesetz, Arbeitcrkontrolleure u. a. m. erstreckte. Die Reden gegen die Sozialpolitik überwogen, Positives kam auch hier nicht heraus. In der badischen Kammer gab der Minister die Erklärung ab, daß die Regierung für dre Rechtsfähigkeit der Bcrufsvcreme, Arbeiterkammern und den lOstündigen Maximalarbeitstag für «Fabrikarbel. rerinncn eintreten werde. In Bayern hat das Ministe- rium die Kreisregierungen mit der Vornahme «von Er­hebungen und der Einholung von Gutachten wlrtichaft- lich«er Korporationen über diese Frage beauftragt. Außer­dem ist «der Kämmer ein Gesetzentwurf über die Grund» wertabgabe, die in Geineinden über 15 000 En«w«ohnern für Speikulationsgrnndstücke erhoben werden soll, zuge- gangen. Sachsen beabsichtigt, den Gewerbe-Inspektwnen fünf weibliche Assistenten beizugebcn. In allen drei Staaten werden heftige Kämpfe um die von den Regie­rungen vorgelegte Wahlrechtsreform geführt. Die «Bor. läge ist in Baden am liberalsten, sie verursacht starke Differenzen in der bayerischen Kammer zwischen dem Zentrum und den übrigen Parteien, sie trägt in Sachsen den reaktionären Charakter des Klassensystems, und soll außerdem mit einem Plnralw-ahlrecht verquickt werden. Hessen hat den Entwurf zu einem neuen Gemeindesteuer, gesetz veröffentlicht, der den ersten staatlichen Versnch dar» stellt, für ein ganzes Land den Gemeinden die Be,teue. rung nach dem gemeinen Wert zur Pflicht zu machen. In ähnlicher Tendenz ist in Frankfurt a. M. dre Be. steuerung der Zuwachsrente bei Gebäuden und Terrarn beschlossen worden. Von in Vorbereitung vefrndlichen Arbeiten und Entwürfen ist «die Reform des Straf­prozesses so weit gefördert, daß man hofft, bis zum Herbst mit denk wichtigsten Teil der Beratungen fertig zu wer- den. Der Staatssekretär hat Erhebungen über «dre Er- krankungen der Arbeiter bei der Pctrolenmgewinnung und -Verarbeitung angeordnet. Der Konflikt zwischen Ärzten und Krankenkassen in Deutschland mrmnt immer schärfere Formen an und hat bereits mehrfach ern Ein­greifen der Negierung nötig gemacht._ s -

volle Wirkung der Hitze verspüren mußte Die alte Hexe hatte sich unterdes sorgsam den Avmel anfgestrel.st, nahm dann die verletzte Hand in ih«re eigene und rrelb mrt der anderen Hand« das gesckMollene GIred auf und ab, unab- lässig ein Zaub«erlied dazu singend. Nach und nach kamen alle anderen Jndianerweiber, von der cuteiten. ms zur jüngsten, herzu und nahmen den Gesang auf, indem sie im Kreise u«m die beiden herumgingen. Ter G«eist des Kranken wurde von «diesem Gebaren dermaßen ge«feMt, daß seine Aufmerksamkeit von seinen Schnnerzen völlig ab gelenkt wurde. Ihm wurde so heiß, daß er m außer- ordenftich starken Schweiß verfiel. Als nun die alte Zauberi'i mit dem vorläufigen Ergebnis ihrer Beh«and. lang Mfrieden war, machte sie au«s irgend« welchen be- sonderen Blättern, die zu solchem .Zweck gesammelt waren, einen Brei mrd band ihn als Umschlag über dre Hand. Tie Männer hoben dai,n den Kranken auf und trn«gen ihn in den inneren Teil des Zeltes, wo sie ihn mederlegten und mit Fellen bedeckten. Hier schlief er 13 Stunden ahne Unterbrechung, und als er «erwachte, «war der Schmerz und die Schwellung aus seinem Arm völlig ge- wichen ind er fühlte sich imstande, die Reise fortznsetzem Bei der erfteit Gelegenheit suchte er selbstverständlich einen Arzt ans und berichtete ihm sein Sch«icksal. Dieser« war mit «dem Zustand des Armes ganz zuftieden, des- gleichen auch mit der Zauberftmst des Indianerweib«es, indem er versicherte, daß olnre letztere der Arm verloren gewesen wäre. Es ist dies ein beachtenswertes und« sicher auf Wahrheit beruhendes Beispiel für die Wirksamkeit der einfackM ärztlichm Kunstgriffe, dereii sich auch drs Naturvölker «durch längere Erfahrung zu bedienen gelernt haben. Nach dem Wissen des Gewährsmaimes ist dieser Fall «der erste, in dem ein Europäer der ärztlicheu Hülfe seitens der Indianer in einem solchen Fall teilhaftig ge- worden ist. Dr - T -«