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** Jahrgang.

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Uo. 93.

Verlags-Fernsprecher No. 295».

Donnerstag» den 25. Februar.

Redaktions-Fernsprecher N». 52.

1904.

Morgen - Ausgabe.

_ 1. Matt.

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jlle Awlcklung des l)e|F.-na!foinfit|cn ^töulmefetis.

Die großen Volks- und Gewerbczählungen haben UNS ein treffendes Bild von dem starken Aufschwünge gegeben, den seit 1870 die physischen und ökonomischen Kräfte unseres Volkes genommen haben. Es darf als selbstverständlich gelten, daß diesem enormen materiellen Ansteigen ein nicht weniger intensives Wachsen unserer intellektuellen und moralischen Kräfte zur Seite stehen , mm das Niveau des nationalen Lebens auf seiner höhe zu erhalten. Hierbei erscheint als ein wesentlicher Kultursaktor zunächst das Volksschulwesen,' denn durch ist Volksschule geht das Gros der Nation. Von den Volksschulen darf man verlangen, daß sie nicht nur mit der Vermehrung der Schülerzahl wachsen, sondern stark wer dieses Verhältnis hinaus, damit sie immer tuchtiger werden an Qualität, an innerem Werte, und ihre unge­zählten Nutznießer konkurrenzfähiger machen für den Fampf nms Dasein".

In dem Jahrfünft 1896 bis 1901 vermehrte sich die Schülerzahl der hcssen-nassauifchen Volksschulen von «483 auf 290 990, also um rund 21 5OO Köpfe, das sind 8 Prozent. In demselben Zeitraum stieg die Zahl der öffentlichen Volksschulen von 2230 auf 2244, also ganz unwesentlich. Das Schülerplus wurde also durch Er- veiteruna der vorhandenen Schulsysteme untergebracht, »uch wurden bei der Zählung im Jahre 1901 mehrere Schulsysteme, die früher als Doppelpaare gesondert ge­zählt waren, znsammengefatzt zu einem System. Von entscheidendem Werte ist demnach die Vermehrung des Lehrpersonals. Die Zahl der Lehrer stieg in den fünf sichren von 4065 auf 4366, die der Lehrerinnen von 346 auf 525, zusammen wurden die Lehrkräfte von 4411 auf 1881, also um 481 Personen vermehrt. Dieser Zuwachs ülertrifft den Schülerzuwachs im Verhältnis ganz wesentliche er stellt sich auf 11,85 Prozent gegen mnen kchstlerzuwachs von nur 8 Prozent. Aus dieser Rech- «ung müßte man auf eine starte Aufbesserung der schul- verhälknisse schließen können, denn je mehr Lehrkräfte,

desto weniger häufig überfüllte Klassen, desto rationeller der Unterricht, desto individueller die Behandlung und Förderung der Kinder. Leider stellt sich die Sache kn Wirklichkeit nicht so günstig- den ungeheuren Schüler­massen gegenüber kommt das bescheidene Lehrerplus nicht zur Geltung. Dieses machte sich in den Landschulen des Wiesbadener Bezirks gar nicht bemerkbar. Hier kommt nach wie vor auf eine Lehrkraft eine Schülerzahl von 61 Köpfen. In den Landschulen Kassels sank diese Kopf­ziffer allerdings von 70 ans 68, stieg dagegen in den städtischen Schulen des Bezirkes Kassel von 82 auf 58, in denen Wiesbadens von 5i auf 52. Der Effekt des kleinen -Lehrerplus ist also tatsächlich gleich Null. Besonders den Kasseler Landschulen tut eine Vermehrung des Lehrer­personals dringend not. 68 Schüler auf einen Lehrer das ist pädagogisch eine Ungeheuerlichkeit, wenn auch die ostclbischen Provinzen dieseErrungenschaft" mit Ziffern wie 75 und 86 noch übertrumpfen. In Schleswig-Holstein und sogar in dem Bezirke Stralsund kommen auf eine ländliche Lehrkraft nur 52 Schüler. Mit einem so be­grenzten Material kann der Lehrer schon eher günstige Unterrichtserfolge erreichen.

Dagegen ist das städtische Schulwesen in Hessen- Nassau bedeutend besser entwickelt. Zirka 50 Schüler pro Lehrkraft, das ist ein erträglicher Zustand, den nur wenige preußische Bezirke u. a. merkwürdigerweise wieder die pommerschen erreicht haben.

Von normalen Schulverhältnissen kann natür­lich nicht die Rede sein, wenn eine Klasse mit mehr als 50 Schülern angefttllt ist. Leider sind die amtlichen Organe in ihren schulstatistischen Erhebungen absolut anderer Ansicht. Dort gelten Verhältnisse für normal, so lange in einer Klasse bei einklassigen Schulen nicht mehr als 80, bei mehrklassigen Schulen nicht mehr als 70 Kinder sitzen. Daher ist die nachfolgende Verwen­dung des amtlichen Begriffsnormale" Schulver­hältnisse nur mit größter Einschränkung zu verstehen.

Im Jahre 1901 wiesen im Bezirke Kassel 84,86 Pro­zent, in Wiesbaden 84,04 Prozent aller Schulklassen normale" Verhältnisse auf, und zwar wurden in den Kasseler städtischen Schulen 90,26 Prozent, in den länd­lichen Schulen 82,27 Prozent, in den Wiesbadener städ­tischen Schulen 88,84 Prozent, in den Landschulen 81,12 Prozent der Schülernormal" unterrichtet. Gegen das Jahr 1891 ist das gewiß ein erheblicher Fortschritt, an dem sich aber leider das Land bei weitem nicht in dem Maße beteiligt hat wie die bikdungsfreudigeren Stadt­gemeinden. Die normal unterrichteten Schulkinder be­trugen nämlich in Prozenten sämtlicher Schüler:

1891

1896

1901

Kassel, Landschulen

. 78,77

80,18

82,27

Wiesbaden,

77,89

82,70

81,12

90,26

Kassel, Stadtschulen

. . . . 78,01 .... 84,81

85,11

Wiesbaden,

88,64

88,84

Diese kleine Tabelle ist sehr lehrreich. Sie ist ein, wenn auch unvollkommenes, Bild der Schnlentwickelung in Hessen-Nassau während zweier Jahrfünfte. Die Ent­

wickelung der städtischen Schulen im Bezirke Kassel ist darnach eine ständig und gleichmäßig aufstrebende ge­wesen- die Wiesbadener städtischen Schulen sind seit 1898 kaum bemerkbar vom Fleck gerückt. Noch werden hier 11,16 -Prozent Schüler unter normalen Verhältnissen unterrichtet. Zum Vergleiche sei Berlin gesetzt: unter anormalen Zuständen leben dort nur 0,24 Prozent sämt­licher Volksschüler. Auch die ostelbischen Bezirke Pots­dam und Stralsund weisen mit zirka 95 Prozent bedeu­tend bessere Schulzustände in den Städten auf.

Noch unangenehmer liegen die Verhältnisse ans dem Lande. Zwar ist der Fortschritt von 1891 bis 1896 ein wesentlicher. Seit 1896 aber zeigt sich im Kasseler Bezirke nur eine ganz kleine Entwickelung nach vorwärts, im Wiesbadener Bezirke jedoch direkt ein Rückschritt von 82,70 Prozent auf 81,12 Prozent. Jedes Wort der Kritik ist hier überflüssig. Um das Maß voll zu machen, sei nur noch die ländliche Ziffer des Regierungsbezirkes Stralsund, 93,23 Prozent, und die Potsdams, 92,92, genannt!

Wenn wir ein hartes, aber wahres Wort aus­sprechen dürfen, so ist es dieses: Die Hcssen-Nassauische Volksschulstatistik beweist, daß die dortigen Volksschulen nicht die Pflege finden, welche man im Interesse des ein­zelnen Individuums -wie im Interesse der Gesamtheit zu fordern berechtigt ist. Im deutschen Westen vollzieht sich der Erwerbskampf unter weit schwereren Beding­ungen wie beispielsweise im Bezirke Stralsund. Darum sollte man die Heranwachsende Generation für diesen Kampf doch weit besser ausrüsten. Um so mehr, als im hcssen-nassantschen Volke eine außerordentliche Bildungs» sreüdigkeit, eine hohe Wertschätzung des Schulwesens -vorhanden ist. Dies erkennt man an der Teilnahme am h ö h e r e n Schulwesen, wenn hier auch die Ver. mögensvcrhültnisse mitsprechen. Auf je 10 090 Einwohner kamen in der Provinz im Schuljahre 1902/03 rund 77 Schüler höherer Anstalten, die höchste Ziffer im Staate nächst Berlin. Auch daß in diesen Kreisen die realistffcheir Schulen vor den humanistischen Gymnasien durchaus bevorzugt werden (48 : 29), kann als ein Beweis dafür angesehen w-erden, daß man in Hessen-Nassau die Be» dentung einer tüchtigen Bildung für das Leben voll zu würdigen versteht.

Politische Dversrcht.

Die Türkei, Rußland und die Deutsche Bank.

I. K o n st a n t i n o p e l, 28. Februar.

Die Verständigung wegen eines etwaigen gemein- schastlichM Vorgehens der Brächte ist wenigstens mit den hauptsächlichsten Großmächten erzielt worden. Es sind dieses England-, Italien und -was rwch nicht ganz feststcht, Frankreich. Österreich würde zwar lieber das ihm ge­meinschaftlich -mit Rußland- übergebene Mandat allein in Händen behalten, doch dürfte es schließlich sich dem allge-

Feuilleton.

Wer DMy, Pott Arihnr und WMmjlok,

e drei meistgenannten russischen Plätze amr -Süllen Kan, schreibt Eugen Zabel in seinem neuesten Reise-

exf:Auf der sibirischen Bahn nach China

strlag von Hermann Paetel, Berlin) u. a.:

Wer am vierzehnten Tage nach der Abfahrt von Moskau in früher Morgenstunde den Endpunkt der st - scheu Bahn in Dalny erreicht, hat eine Fülle orrgmeller rd beständig wechselnder Eindrücke in sich aufgenomm r, le nur denkbaren Unterschiede von Land und Leuten -obachtet und an dem frischen Leben, das ans der Erde rießt, lebhaftes Interesse genommen.

Unwillkürlich erwartet man beim Verlassen des oupös irgend ein wirkungsvolles Schlußbil-d, das die opfangenen Eindrücke zusammcnfassen und krönen «nie. In dieser Beziehung erlebt der Rechende aber «lachst eine schwere Enttäuschung. Gerade der End- wkt der sibirischen Bahn macht vorläufig ernen ganz »fertigen Eindruck.

Unser erster Besuch galt den neuen Hafenanlagen -e von fieberhafter Tätigkeit zeugen und rm größten

äÄTt; d-r -MMK-i-«-»«»

uwpatkin waren, als sie sich in diesem Jahre in ^.alny Welten, von der Vortrefflichkcit der hier gesckmnenen Wichtungen überrascht und drückten den Jnsemeuren «o lebhafte Anerkennung über das ««s, was rn so ku -r Leit erreicht worden war. Ein großes ^rockend sich seiner Vollendung und zwei lange Molen ziehen ^ weit ins Meer hinaus, aus dem wir in d F ^rere japanische Kriegsschiffe erblickten. Sie hatten * den letzten Tagen eifrig Vermessungen vorgenommen, "d dadurch allerlei Gerüchte über die trügerischen Vor Gütungen des Jnselvolkes hervorgerufen, dessen pan W Rußland gegenüber von Jahr zu Jahr rmm ) ^ usfvrdcrndcr wird. Mächtige eiserne Schuppen waren treits errichtet, und unaufhörlich würde» Waren hm

und hergeschafft. Ein ganzes Heer von Kulis war ge­dungen, um die Erde auszustech-en und die Ufer zu be­festigen. Die Bucht wird durch eine Reihe abgestumpf­ter Bergkegel begrenzt, die mit der Umgebung des Bai- kalsees eine leichte Ähnlichkeit haben, nur daß sie niedri­ger erscheinen und weniger schroff zum Wasserspiegel ab- fallen.

Der Hauptteil der Stadt gruppiert sich um den Nikvlaiplatz, von dem zehn Straßen strahlenförmig ans­gehen. Durch die Verbindungen, die zwischen ihnen ge­schaffen sind, erhält den Stadtplan eine gewisse Ähnlich­keit mit dem Netz einer Spinne.

Wenn man durch die Straßen von Dalny fährt, wird man lebhaft an die Art erinnert, wie in Amerika Städte gegründet werden. Auch dort überläßt man es nicht dem Zufall, wie und wo Menschen zusammenströmen, um ein Gemeinwesen zu begründen, sondern lockt sie zu bestimm­ten Punkten hin, deren Wichtigkeit man für das weitere Aufblühen der Gegend erkannt hat. Straßen werden angelegt, Häuser erbaut, alle Vorkehrungen für Beleuch­tung und Kanalisation getroffen, nicht für die wenigen Bewohner, die bereits vorhanden sind, sondern für die vielen, die erst kommen sollen.

Port Arthur.

Soll sich Dalny zu einem neuen Mittelpunkt des Handels entwickeln, zu einem russischen Schanghai, mit dem man das Weltmeer zu beherrschen hofft, so hat Port Arthur die Ausgabe, als starke Festung die junge Schöpfung zu schützen und im Fall eines Krieges den Feinden die Zähne zu zeigen. So greifen die Interessen der beiden Städte unmittelbar ineinander über, und wer in der einen zu tun hat, muß auch die andere im Auge behalten.

Noch bevor wir Port Arthur erreichen, drängen sich die Bilder rastloser menschlicher Tätigkeit an uns heran. Die ersten Kriegsschiffe werden am Horizont sichtbar und erinnern uns an die Bestimmung, welcher der Hafen dienen soll. Die Höhen an der Küste ragen immer schroffer empor, und wir erkennen schon von weitem, daß sie stark befestigt sind. Immer dickere Rauchwolken wirbeln aus den stählernen Meerkolosscn hervor, deren

Zahl, je mehr wir an den Hasen herankommen, be­ständig größer wird. Wir nähern uns noch immer mehr dem Ufer und können bereits jedes Kastell, Waffenlager, sowie die Milttärposten, die ausgestellt sind, genau unter­scheiden. Unser Schiff steuert einem Berg entgegen, der zunächst als eine geschlossene Mauer erscheint, sich aber alsbald teilt und in der Mitte eine schmale Einfahrtstraß: zeigt.

Zwischen hohen Bergkegeln, die von Festungswerken bedeckt sind, fahren wir ganz langsam in eine Bucht hinein. Alles greift zu den Operngläsern, um Einzel­heiten auf dem Wasser und den Höhen zu unterscheiden. Namentlich die russischen Offiziere werden ganz kribbe­lig vor Begeisterung über die Anlage dieser Küsten» festung, die sic uns auf einer Karte und durch Finger­zeige eingehend erklären, um uns den Glauben beizu- bringen, daß hier, im äußersten Osten Asiens, ein un­einnehmbarer Konzentrationspunkt der russischen Macht geschaffen sei.

Die Bucht von Port Arthur, in die unser Schiff hin­einfährt, hat ungefähr die Form eines Eies, und ist, seit­dem Rußland von diesem Gebiete Besitz ergriffen hat, zum Schauplatz für eine kaum zu entwirrende und auf das äußerste angespannte Tätigkeit und Unternehmungs­lust geworden.

Von den Höhen der Berge, die Böschungen hinunter bis zum Ufer des Hafens und vor allem auf dem Wasser selbst erblickt man ein ameiseuartiges Gewimmel von Menschen, Fuhrwerken, Maschinen, Schuppen, Lager­räumen und Schiffen, hört man das Rasseln von Ketten, das Dröhnen von Lasten, das Geschrei von unzähligen Menschen, die sich vorwärts und durcheinander drängen. Die Luft ist aus Nebel, Ruß und Wasserdampf zusammen- gcballt und verschmilzt mit der Umgebung zu einer ein- zigcn schmutzigen Masse.

Am Ufer sind mächtige Kohlenlager aufgeschüttet, neben denen sich Buden für die Arbeiter mit eingefalle­nen -Dächern und zerbrochenen Fenstern erheben. Ans dem Schlamm und der Verfallenhcit des Chtnesentums sucht sich modernes Leben überall unter großen An­strengungen cmporznarbeiten. Altes nnd Neues hängt vorläufig noch unorganisch miteinander zusammen. Man