Morgen.Veilage der Wiesbadener Tagblattr.
Nr. 231. Sonntag 3. Oktober. 1915.
tb. Fortsetzung.)
Copyright 1916 by Carl Duncker, Berlin 1 . *)
M. §. Grille!
Roman von Otto Elfter.
(Nachdruck verboten.)
„Ein famoser Vorschlag", rief Horst. ,Mnd Sie einverstanden, Käthe?"
„Gewiß . .
„So geben Sie mir die Zügel . .
Sie übergab ihm die Zügel; er parierte die Pferde und Käthe sprang gewandt von ihrem hohen Sitz herunter. Auch Wera kletterte herab und boide Mädchen nahmen unter der Eiche Platz, während Horst die Pferde seitwärts führte und sie dort festband. Dann entnahm er dem Wagen die Tasche mit den Butterbroten und der Wasche Wein und folgte den beiden jungen Mädchen. Diese hatten es sich auf der Steinbank bequem ge-
K cht. Eifrig packte Wera den Inhalt der Tasche aus, «es Horst sich zu Füßen Käthes in das Gras streckte und mit gutem Appetit sein Butterbrot verzehrte. Als Wera ihm den kleinen, silbernen Becher mit Wein füllte, erhob er ihn und sagte: „Auf Uhr Wohl, Käthe, und aus ein frohes Wiedersehen, wenn ich ans China heim- kehre." > 1
Wie treuherzig und innig seine Augen zu ihr auf- blickten! Wie seine Stimme in verhaltener Leidenschaft
! eicht erbebte! Wie es mit fast schmerzlichem Lächeln um einen Mund zuckte!
Käthe ward es warm um das Herz. Unwiillkürlich reichte sie ihm die Hand, die er in einer Aufwallung seines Gefühls zärtlich küßte.
„Mach' keine Dummheiten, Horst!" rief Wera lachend. „Wir sind doch hier nicht tat Ballsaal."
Errötend zog Käthe ihre Hand zurück. Horst kramte tn leichter Verlegenheit in dem Inhalt der Tasche umher-
„Diese abscheulichen Mücken!" schalt Wera. „Hast du keine Zigaretten bei dir, Horst?"
„Jawohl — natürlich . .
„So gib uns eine und steck dir selbst eine an."
Horst präsentierte daS silberne Zigarettenetui. Käthe dankte, aber Wera zündete sich eine Zigarette an und dampfte flott darauf los. Auch Horst rauchte.
Das Gespräch wollte nicht recht in Gang kommen. «Eine drückende Schwüle herrschte unter dein Laubdach der Bäume, eine große Stille ging durch den Wald, selbst die Vogelstimmen waren verstummt und die Pferde ließen träumend die Köpfe hängen. Wera legte den Kopf gegen den Stamm der Eiche und schloß die Augen. Nach einiger Zeit schreckte sie aus.
„Wahrhaftig", lachte sie und dehnte sich in wohliger Behaglichkeit, „fast wäre ich eingeschlafen. Aber hier ist mir das zu unbequem, ich lege mich in das GraS . - Horst, hol' mir bitte die Decke aus dem Wagen."
Er breitete die leichte Sommerdecke auf dom Wald- boden aus, bshaglich streckte sich Wera darauf nieder.
*) Die Formel „Copyright by . . ."wird vom amerikanischen Urbebnrecht qenau in dieser Form verlangt. Würden wir die Worte nicht in der englischen Sprache, die in den Der- einigten Staaten von Amerika die offizielle Staatssprache ist, setzen, so würde uns der amerikanische Urheberschutz versagt werden und daraus uns und dem Autor ein grober wirtschaftlicher Schaden erwachsen.
„Nun unterhaltet euch gut, Kinder", sagte sie mit schlauem Lächeln. „Ich werde mein Mittagsschläfchen nachholen . .
Sie schob die Arme unter den Kopf und schloß dir Augen. Ob sie wirklich schlief oder nur so tat, war schwer zu unterscheiden. Jedenfalls waren sich Käthe und Horst allein Merlassen; er sah mit leicht verlegenetn Lächeln zu ihr empor; ihr Gesicht trug einen ernsten Ausdruck, ihre Blicke schauten nachdenklich in die Ferne
„Werde ich Sie Wiedersehen, wenn ich heimkehre, Käthe?" fragte er nach einer Weile. Sie wandte sich ihm zu, der Ton seiner Stimme berührte warm ihr Herz; da begegnete sie seinen heißen Micken und unwillkürlich senkte sie die Augen.
„Vielleicht", entgagnete sie. „Doch wer kann wissen, was die Zukunft bringt . -
„Ja, was die Zukunft bringt! Vielleicht kehr« ich überhaupt nicht zurück."
„Welch ein Gedanke?"
„Nun ja — ist das Leben des Seemanns nicht hundert Gefahren ausgesetzt?" fuhr er ernst fort. ,/Lps Meer ist herrlich und ich liebe es, liebe meinen Beruf, aber Wind und Wellen sind trügerisch und schon manches Schiff, das hoffnungsvoll hinausfnhr auf das Meer, kehrte nicht mehr in den heimischen Hafen zurück. Den» ken Sie an das Kanonenboot „Iltis", das in einein Teifun unterging."
,/Sie dürfen solch traurig; Gedanken nicht hegen. Horst."
„Es sind keine traurige Gedanken für einen See» <ntarnt, Käthe. Von Gefahren umdroht macht das Leben gerade lobenswert. Auch andere Gefahren gibt es da für uns im fernen Osten — die Zustände in China zwingen uns vielleicht zum bewaffneten Einschreiten i— dann gilt es, des Vaterlandes Ehre und Macht zu schützen."
„Sie glauben an einen Krieg?"
„Ha — doch auch das kann traurige Gedanken nicht in mir aufkommen lassen. Wir sind ja nicht nur Seeleute, sondern auch Soldaten — nur der Gedanke mach! mich traurig, daß ich Sie vielleicht nicht Wiedersehen soll_"
,^Horst, ich bitte Sie — sprechen Sie nicht solche Worte- Was kann Ihnen an einem Wiedersehen mit mir liegm?"
,,Es ist die Hoffnung meines Lebens, Käthe. . ."
„Horst 1 — sei'n Sie verständig . . ."
Da hatte er ihre Hände ergriffen und beugte seine Stirn auf sie nieder. „Ich kcmn ohne diese Hoffnung nicht leben, Käthe", rang es sich wie ein Schluchzen aus seiner Brust.
Ein tiefeS Mitgefühl mit ihm schlicht sich in ihr Herz, um erstenmal in ihrem Leben schlug ihr die Welle der eidenschast heiß entgegen und überflutete auch ihr Herz und ihre Sinne. Schon mancher Mann hatte ihr sein Wohlwollen gezeigt und ihr seine Huldigung bat* gebracht, aber ihr Herz war unberührt gübltaben, fit
