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*» Jahrgang.

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^sl>. 65. Berlags-Hernsprecher No. 2S3S.

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Dienstag» den 9. Februar.

Redaktions-Fernsprecher No. 82.

1904 .

Horgew^usgabe.

jJie Jrotgnnifflttai des euöltföjen Kriegsamtes.

Unser Londoner u-Korrespondent schreibt unterm

8. cr.:

Nach den englischen Preßäußerun-gen zu schließen, betrachtet man den soeben erschienenen Bericht des söge- nannten Kriegsamt-Ausschusses als durchaus befriedigend. Die drei Herren, aus denen sich letzterer zusammensetzte, haben einen ungemein. weitgehenden Plan entworsen, von dem eure leitende hiesige Zeitung sagte, daß seine ge- imssenhafte Durchführung England zum erstenmal in seiner Geschichte mit einem wirklich vollkommenen Heere versorgen würde. Zunächst wird vorg-esch-lagen, -den vor etwa einem Jahre gegründeten sogenannten Der- WWMgSausschuß zu einer dauernden Institution zu mch-sn und ihm einen Stab beizugeben, der -aus eincan sündigeil Sekretär, zwei Marine- und je zwei englischen md indischen Armeeoffizieren, sowie einem oder mehreren Vertretern der Kolonie besteht. Dieser Ausschuß wird «viffermaßen als die Basis des ganzen Planes be­trachtet. Als sein Präsident soll der jeweilige Premier- Minister fungieren, der einen besonderen Vertoidigungs- auZschußstab erhält, dessen Geschäftsstelle sich in der un- s mittelbaren Nachbarschaft der Wohnring des Premiers befinden muß. Die Idee, auch deir Kolonien in diesem Rat Sitz und Stimme zu gewähren, ging von Mr. Valfour aus, auf dessen Veranlassung Sir F. W. Borden, der kmadische Minister für Landesverteidigung, bereits Mi Mitglied des bestehende Berteidigungsausschusses gemacht wurde. Merkwürdigerweise gibt mau hier zu, sich bei der Sache dm großen GenemlstaL Deutschlands Mi Vorblld genommen zu haben. So wie dieser dem Kaiser beratend zur Seite steht, ist sein geplantes eng­lisches Gegenstück ausersehen, dem Premierminister gleiche Dimste zu leisten, da ein solcher ja in England das eigent- bche, der Monarch aber lediglich -das nominelle Haupt der Regierung ist. ^ Als erster Schritt für die Reorganisation tmirde der vollständige Bruch mit dem bisherigen Systeme « Kriegsamtes vorgesehen, an dessen Stelle das des Wrmeamtes eingeführt werdm soll. Darauf erfolgt die Abschaffung des Oberstkomman-dierenden, dessen Milst enz bei der parlamentarischen Regierungsform Eng- fMds einen Anachronismus bildet. Der Jrchaber jenes Wstens war zudem bisher stets so ungeheuer mit Der- iüAtun>gsarbeiten überhäuft, daß er sich der Tätigkeit, xstr die er von Haus aus ausersehen war, überhaupt nicht iMi dmen vermochte. D?an ist inzwischen von der un- l Wm-gten Notwendigkeit überzeugt worden, daß das

Oberhaupt der Armee, wie bereits der erste Lord der Admiralität, für sein Tun und Treiben dem Parlament direkt verantwortlich sein müsse. Daher wurde auch die Bildung eines Kriegsrates, mit dem jeweiligen Kriegs- Minister als Präsidenten, in Aussicht genommen, dem vier Offiziere und zwei Zivilisten angehören werden. Die letzteren hätten aus .dem UnterstaatsfÄretär und dem Finanzsekretär des Kriegsamtes zu bestehen. Als eine unerläßliche Vorbedingung für den Erfolg des Planes bezeichnete der bewußteAusschuß die vollständigeRänmung des alten Kriegsamtes nach dem Grundsatz, daß neue Maßregeln auch rvene Männer zu ihrer Durchführung er­fordern. Wie in dem Berichte hervorgehoben wurde, wäre es unmöglich von Leuten, großgezogen in den alten Traditionen der englischen Heeresverwaltung, trotz besten Willens das vollständige Brechen mit dem Alt­gewohnten- zu ermatten. In Übereinstimmung mit der durch den neuen Plan angestrebten DezentralisÄion sollen die Befehlshaber von Armeekorps in Zukunft mit un- gleich größeren Machtvollkommenheiten ausgestattet wer- deiv als bisher. Um aber die Regierung in den Stand zu setzM, sich zu vergewissern. ob mit den Reformen auch wirklich das Gewünschte erreicht wird, will man Armee- Inspektoren, mit einem Generalinspektor an der Spitze, einführou, welch letzterer Berichte erstatten, aber keinerlei Erekütivgewalt ausüben soll. Die gesamte oberste Heeresleitung wird in der Zukunft in den Händen des Armeerates liegen.

Der Kampf gegen den Alkohol ln Wand.

Den meisten Reisenden, die vor zirka zwei Jahr­zehnten zum erstenmal den holländischen Boden betraten, dürfte es ausgefallen sein, wie groß die Zahl der Schenken war. In Städten wie Amsterdam, Rotterdam usw-., be­fand sich in fast jedem zweiten Hause ein Schnapsladen, und auch auf dem Laude konnten alkoholische Getränte stets sehr bequem und in jeder gewünschten Menge er­halten werden. Die Trunksucht richtete denn auch große Verheerungen an, und Holland genoß den gewiß nicht sehr beneidenswerten Ruf, in dieser Hinsicht eine aller­erste Stelle in der Reihe der zivilisierten Länder einzu­nehmen.

Das Übel wurde schließlich so arg, daß man beschloß, ihm mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu Leibe zu gehen. In der richtigen Erkenntnis des Umstandes, daß es viel schwerer sei, es da auszurotten, wo es bereits Wurzel gegriffen, als zu verhindern, daß es zur Leiden- chaft -werde, hielt man es für das geratenste, junge Leute dort davor zu bewahren, wo man sie in Mengen bei- ammen hat und eine Autorität über sie besitzt, d. h. in den Kasernen. Vor allen Dingen wurde also angeorönet,

daß die Kantinen nicht mehr das Unternehmen Privat- industrieller sein dürften, die natürlich nur darauf aus sind, Geld zu verdienen. Jedes Truppenkorps verwaltet selbst die feinigen und richtet seine Hauptaufmerksamkett nicht darauf, sich Gewinn zu verschaffen, sondern den Soldaten einerc angenehmen Aufenthalt zu gewähren, some gesunde Speisen und Getränke zu niedrigsten Preisen zu verabfolgen.

Ein kleiner Betriebsfonds von zirka 2000 Gulden ist vorhanden, wenn diese Ziffer aber überschritten wird, dann findet meist das Geld zum Besten der Truppe Ver- Wendung.

So wurde in einer Kaserne ein Pavillon errichtet, damit die Regimentsmusik sich einige Male in der Woche da hören lassen könne, Theaterbilletts werden gekauft und an die Soldaten verteilt, und in Amsterdam ist cs mchts Seltenes, daß eine Kompagnie in einer Woche über 40 Billetts für die Oper, 40 für andere Theater und ebenso viel für den Zirkus verfügt. Von den Sol­daten werden diese natürlich stets mit großem Dank ak­zeptiert, und sie bringen so einen angenehmen Abend hin. der ihnen nicht schaden kann.

Die Kantine selbst wird möglichst nett ausgestattet. Die Möbel sind hübsch und bequem, die größte Sauber­keit herrscht, ein Piano ist stets vorhanden, ein Billard mindestens, manchmal zwei und selbst drei, die verschie­densten Gesellschaftsspiele, eine gute Bibliothek, die Räume sind angenehm erwärmt und hell erleuchtet, und so kommen die Leute sehr gern dahin.

übrigens ist dort nicht etwa das Trinken verboten, man verkauft ihnen die Getränke fast zum Selbstkosten­preis, sie können sich auch alkoholische geben lassen, wenigstens zu bestimmten Stunden des Tages. Früher waren diese überhaupt verboten, aber diejenigen, welche ihrer nicht entraten wollten, begaben sich eben einfach in dre 'schenke, wo sie für teures Geld schlechtes verfälschtes Zeug erhielten. Die militärischen Behörden sagten sich also, daß sie auf falschem Wege seien und der Schnaps alsverbotene Frucht" nur um so größere Anziehung«, kraft ausübe. So wurde denn der Verkauf von Alkohol gestattet, jedoch mit Einschränkungen: gewöhnlich findet er während einer oder zwei Stunden des Tages statt

Aber zum Mißbrauch hat dies nicht geführt, eS wird viel Milch, Kakao, auch Bier recht reichlich getrunken. Schnaps indes wenig. Auf 1000 Liter Milch kommen erst 80 Liter alkoholische Getränke, und die Unteroffiziere bieten einander gegenseitig eine Taffe Schokolade an wie bei uns einen Kümmel. Man kann also wohl Mt Recht sagen, daß die Trunksucht in der Armee nicht mehr existiert. v y

Natürlich wäre es jedoch nicht genügend gewesen, rrur diese von dem schrecklichen übel zu befreien, auch pater rst die Versuchung noch eine gewaltige. Wohl überall, wo man sich mit dieser Frage beschäftigt, fft er- tannt worden, daß e,n ungemütliches Heim die Haupt-

FemUrton.

Der Dichter des alten Germnenllms.

©in Gedenkblatt zum 70. Geburtstage Felix TahnS.

S. Februar.

Von vr. R. L. Schärding.

Und mögt ihr noch so lang ihn strecken.

Der Neugier unverschämten Stecken,

Ihr mögt den Grund von Krötenteichen,

Nicht einer Seele Grund erreichen,

Die still, von Träumen eingewiegt,

M ' Ein dunkelgrüner Bergsee, liegt,

Und der kein srecher Finger nimmt Die weiße Blume, die drauf schwimmt.

-.Der Dichter dieses scharfen und doch so überaus fMreichen kleinen Gedichtes, dasUnergründlich" üver- HNeben ist und wohl die eigene Dichterseele wider- .^egeln soll, ist Felix Dahn. Es war der erste Roman, ."t mir meine Eltern in die Finger gaben:Ein Uln Rom". Das war Musik für die Phantasie J* fünfzehnjährigen, der mit Ovid, Virgil, Livius und >cero geradezu gemästet wurde. Und schon -dieser ersten Mwdlektüre halber werde ich Felix Dahn, dem Dichter Jf* spätrömischen Romans, Verehrung und Dankbar­en bewahren.

'©"te gewisse poetische Begabung muß jedem Dichter sein. Bei dem einen kommt sie früher, ver "anderen später zur Entfaltung. Bei Felix Dahn beste der Fall. Lebhafter Verkehr in Münchener tz^F^kreisen regte ihn schon früh zu selbständigem et»« an .- Seine Neigung und seine wiffcnschaftlichen " führten ihn auf das Gebiet des historischen ^anr, wo er bald Hervorragendes leistete. Auf -diesem »eickn konnte er mit geschichtlicher Treue alles das tz-,.?bn und farbig ausschmücken, wofür eine trockene ian^'E'keit weder Zeit noch Raum fand. So ent- 3«" t n ."Ddhins Trost" undOdhins Rache",Friggas U"dJulian der Abtrünnige". Jeder dieser vier

schrill ^ spannend vom Anfang bis zum Ende ge- ! cr unterhält und belehrt zugleich,- er birgt vsr I«ne 1 ?on einer Farbcnprüchtigkeit und Größe -der An- W , ° sie dramatische Verwertung finden könnten. " «och hat Dahn mit dem Drama kein rechtes Glück

gehabt. Hier fehlt ihm die Technik, die in seinen Romanen so frappierend auftritt. Vielleicht auch hat er das Publi­kum durch die Wucht seiner Romanprosa und durch die Feinheit seiner Lyrik zu sehr verwöhnt, so daß es an den Dramatiker Dahn mit den gleichen Ansprüchen her antrat wie an den Romancier.

Dahns größte Erfolge fallen in die siebziger und achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Da steht er auf der, Höhe seines Ruhmes vielleicht auch auf der Höhe seines Könnens. Diese Zeit ist überhaupt die des historischen Romans. Gustav Freytag hatte seineAhnen" geschrieben, Ernst Eckstein und George Taylor kulti­vierten den altrömischen, Georg Ebers den altägyptischen Roman. Da gesellte sich Felix Dahn zu ihnen, der die deutsche Urzeit der Vergessenheit entreißen und ihr im Roman ein dauerndes, unvergängliches Denkmal setzen wollte. Sein Vorsatz ist ihm gelungen, wie er nur einem Menschen gelingen kann, der neben der natürlichen Be­gabung über ein umfassendes Wissen und über einen festen, unwandelbaren Willen verfügt.

Allein Dahns poetische Schöpfungen ergehen sich nicht allein im Halbdunkel germanischer Vergangenheit Dahn ist auch ein moderner Mensch, der Auge und Övr der Gegenwart nicht verschließt. Und daß er auch die Gegenwart poetisch zu werten versteht, dafür zeugt am besten seine Lyrik, von der wir hier ein markantes Bei­spiel geben wollen:

Wer sich mit einem Weib verbind't.

Der waget viele Schmerzen:

Wohl paßt sich Mund auf Mund geschwind Doch langsam Herz zum Herzen.

Es glaubt sich leicht im grünen Hag,

Die Liebe sei zu wagen,

Wenü saut am blauen Sommertag Die frohen Finken schlagen.

Es glaubt sich leicht bei gold'nem Wein,

Die Liebe sei gesunden.

Wenn rasch und hell wie Sonnenschein Vorüber zieh'n die Stunden.

Da hat für eine Ewigkeit Schon mancher sich verschworen

Und rasch wie Rausch und Sommerzeit Die Liebe war verloren.

Wer sich mit einem Weib verbind't,

Soll sich auf Gott besinnen Und seh'n, ob ihre Augen find.

Daß Gott sich spiegle drinnen.

^ J5!L 5a5e auS der reichen Lyrik Dahns gerade dieses Gedrcht herausgesucht, weil es -zugleich mit einer fließen- Iw T? ^.bfe und zart empfundene Jnnig- kett verbindet. Und diese Formgewandtheit und diese M^nde Sensibilität zieht sich durch alle Schöpfungen i. r o l ? Sie ist dem Siebziger treu geblieben, wie sie es dem Dreißiger war. Und sie hat ihm heute, an seinem Ehrentage, die alte jugendliche Frische gewahrt, ^ von jefier alle wahrhaft geistig großen Männer aus- gezeichnet hat und immer auszeichnen wird. Möge diese unvergängliche Jugendfrische dem Dichter-Jubilar noch lange bewahrt bleiben! °

.den patriotischen und kerndeutschen Gedichten Felix Dahns seien hier einige Stellen aus dem wichtigen Nachruf an Ludwig Uhland erwähnt:

. Wie mannigfach sein Lied erklungen.

Wie holde Wersen er auch fand,

Am schönsten hat er doch gesungen,

Sang er von dir, mein Vaterland!

Ob ex ein Kämpe sondergleichen.

Für Recht und Licht und Freiheit sprach,

Stets jauchzte seinen Schwabenstreichen Das ganze Volk der Deutschen nach. .2

*

Julius Sophus Felix Dahn wurde am 9. Februar 1884 zu Hamburg als Sohn des Schauspielers Friedrim Dahn geboren. Seine später offenbarte künstlerische Vegaoung i,t also als väterliches Erbteil anzusehen Geschichte und Philosophie waren die beiden Wissen­schaften, die den jungen Dahn von Jugend auf mächtig anzogen. So konnte es denn auch nicht wundernclimeu daß er von 18401853 in München die genannten beiden Facher, -zu denen sich schließlich noch .die Rechtswissenschaft gesellte, studierte und sich schließlich an der Universität derselben Stadt als Dozent für deutsches Recht habili­tierte. Man wurde bald in Gelehrtenkreisen auf ihn

?oi) nCI r am ' cS/ er ^sch Karriere machte.

1802 außerordentlicher, 1863 ordentlicher Professor, bei­des rn Wurzburg, finden wir ihn 1869 bereits als korrespondierendes Mitglied der Münchener Akademie öer Wi senischaftcn und 1872 als Mitglied des Gclehrten- uu^chusscs des Germanischen Museums tn Nürnberg.

rvelix Dahn sagte bald dem Bayernlande Lebe- wvhl und siedelte nach Ostpreußen, und zwar als ordenr- licher Professor der Königsberger Universität, w-v er über