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Samstag» 2. Oktober 1915.

Der Krieg.

vom französisch-belgischen Kriegsschauplatz.

Ein Armeebefehl des Kronprinzen von Bayern

W. T.-B. Nürnberg, 2. Olt. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Soeben von der Westfront aus der Gegend von Lille einge­troffenen Feldpostbriefen ist zu entnehmen, daß der b a y c r i - fche Kronprinz am Vorabend der allgemeinen englisch­französischen Offensive folgenden Armeebefehl erlassen hat:

Armeebefehl an die 6. Armee.

24. September 1915.

Unsere 3. und 5. Armee hat heute nacht nach heldenhaf­tem Ausharren im mehrstündigen Trommelfeuer starke fran­zösische Angriffe restlos und blutig abgewiesen, be­vor sie an ein Hindernis gelangten. Bon dem braven siegge­wohnten Korps der 6. Armee erwarte ich zuversichtlich das­selbe. Bon neuem soll die Welt erleben, daß die ruhm­redig angekündigte große Offensive zerschellt ist an dem eisernen Wall unseres Volkes in Waffen.

gez. Rupprecht, Kronprinz von Bayern.

Die Siegesgewißheit des Kronprinzen von Bayern.

Berlin, 2. Okt. (Jens. Bln.) Bernhard Kellermcrnn be­richtet im „58. T." aus Lille vom 29. September: An zwei Punkten des westlichen Flügels, südlich des Kanals von La Bastle, tobt die Schlacht mit unverminderter Heftigkeit. Die ohnejede Rücksicht aus Verluste geführten An­griffe und Anstürme machen den Eindruck eines Ver­zweiflungskampfes. Soeben empfing mich der Kronprinz von Bayern. Er rühmte die Tapferkeit und Verläßlichkeit seiner Truppen und sprach die bestimmte Zuversicht aus, daß die Schlacht mit einem vollen Siege für uns enden werde. Der Kronprinz sagte: „Die Angriffe sind vielleicht die s ch w e r st e n, jedenfalls die blutigsten des ganzen Stellungskrieges hier im Westen. Bei der Art dieser Kämpfe ist es ja naheliegend, daß der Angreifer v o r - erst örtliche Erfolge erzielen konnte, indessen sind sie ihm Stück für Stück wieder entrissen worden." Mit einer Bestimmtheit bemerkte er: „Sie sollen wieder­kommen, wenn sie wollen."

Die Kämpfe zwischen Lille und Krras»

Köln, 2. Okt. (Jens. Bln.) Der „Köln. Volksztg." wird unterm gestrigen Tage von ihrem Berichterstatter aus dem Großen Hauptquartier gemeldet: Die von den Engländern im ersten überwältigenden Sturm bei Loos etwas eingedrückte Front wurde inzwischen durch Rückeroberung einzelner Stütz­punkte bereits verbessert. Hier scheint der Feind seine Kräfte zu einem mit allen Mitteln versuchten Durchbruch zu sammeln. Es wurde ein englischer Armee­befehl gesunden, der die Truppen damit anseuert, daß ihr Verhalten bei den gegenwärtigen Kämpfen den nachfolgenden Geschlechtern ein leuchtendes Beispiel sein würde. Ebenso ve» suchen die Franzosen bei und südlich S ouchez mit allen Mitteln endlich durchzubrechen. Sie greifen mit Gas- und Brandbomben an.

Höchste Anforderungen werden an unsere Truppen ge­stellt, denen sie bis jetzt vollkommen gerecht geworden sind, die beherrschenden Punkte bei Souchez sind nach vorüber­gehendem Verlust wieder' in unserem Besitz. Die Zahl der Gefangenen erhöht sich beständig. Die Verluste der Eng­länder und Franzosen sind sehr groß. Aufgesundene Nieder­schriften Schwerverwundcter und Sterbender erwähnen die Verluste und die bei den neuen englischen Brigaden infolge­dessen ausgebrochene Panik. Die Kämpfe werden andauern. Vorläufig ist Ruhe nicht zu erwarten.

Oie schwersten Verluste der Engländer.

Berlin, 2. Okt. (Jens. Bln.) Zu dem abgeschlagenen Durchbruchsversuch der Engländer im Dpernbogen be­richtet Karl Rosner im „B. L.-A.": Die von unseren Gegnern an der Westfront angekündigte Offensive richtet sich mit be­sonderem Nachdruck gegen die Stellungen der 3., 4. und 6. Armee. Bei der 4. Armee, in deren Gebiet ich mich befinde, erfolgten heftige Angriffe an der Küste östlich vom Die Kanal und längs des ganzen Dpernbogens bis zur Eisenbahn, die von Ppern nach Comen führt. Es heißt dann weiter: Die Engländer haben die Freude, daß sie einige der deutschen Grabenstellungen für einige Stunden besetzt halten konnten, mit ungeheuren Verlusten an Toten, Verwundeten und Gefangenen reichlich teuer bezahlt.

Die kommende neue französische Offensive plant grotze Ueberraschungen.

Sr. Mailand, 2. Okt. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Aus Paris erfährt die „Stampa", dieueuefranzösische Offensive werde große Überraschungen brin- gen. Die Franzosen verfügten heute über Geschütze, die noch größere Kaliber aufwiesen als die deutschen 42-Zentimeter- Mörser. General Bertheau habe versichert, die Offensive sei noch lange nicht beendet.

5lbend-Ausgabe.

Italienische Truppentransporte nach der französischen Zront?

Nr. Genf, 2. Okt. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Nach zuverlässigen Nachrichten steht die Grenzsperre mit italie­nischen Truppentransporten (?) im Zusammen­hang. Der Durchbruch soll im Westen unter allen llm- ständen und mit aller Macht erfolgen. Man fragt sich hier auch, ob nicht auch Truppentransporte durch -das neutrale Hochscwohen erfolgen werden.

Zur Verwundung des französischen Generals Marchand.

Paris, 2. Okt. (Zens. Frkft.) Wie dem „Matin" be­richtet wird, befindet sich General Marchand autzer Ge- fahr.

Der wert der Kliegeraufklärung im westen.

Br. Kopenhagen, 2. Okt. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Nach französischen Meldungen leisteten die Flieger bei der Vorbereitung der Offensive grotze Dienste. Sie brachten nicht nur Nachrichten über die deutschen Bewegungen, sondern zerstörten auch durch ihr Massenauftreten feindliche Ver­bindungslinien. Im Lauf der letzten Wochen fanden 27 Luftkämpfc statt.

Tie schweizerisch-französische Grenze wieder geöffnet.

W. T.-B. Genf, 2. Okt. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Die Schweizer Grenze ist für den Personen- und Post- verkchr wieder geöffnet.

Die deutsche Offensive im Osten

Während unsere Truppen im Westen den gemein­samen -stürmen der Engländer und Franzosen erfolg­reich die Stirn bieten, bleibt der begonnene große An­griff gegen den östlichen Gegner weiter im Fort­schreiten. Hieran vermochte der neue englisch- französische Kriegsplan uns nicht zu hin­dern. Er sollte den russischen Freund vor neuen deut­schen Schlägen retten und ihm einen neuen Zeitgewinn bringen. Es muß notgedrungen enttäuschend gewirkt haben im Lager unserer Feinde, daß diese erwünschte Entlastung nicht eintrat. Der einmal angepackte russische Gegner wurde nicht von uns locker ge­lassen. Unbeirrt veriolgt hier die deutsche Heeres­leitung den einmal gefaßten Plan, unaufhaltsam bleibt die Armee Hindenburg dem Feinde an der Klinge. Der einmal eingeleitete Angriff nahm einen so schnellen Wer­laus, daß erst, jetzt ,bic Erfolge des Generalobersten von- Eichhorn, der in der Kampfzone unl Wilna auf dem linken Flügel seines Heerführers Hindenburg operiert, sich seit der Besetzung der Gouvernementsstadt z-ahlen- -mäßig feststellen lassen. Mit außergewöhnlicher Marsch- l e i st u ng warf die Armee Eichhorn die russische Wilna- Stellung bis über die Linie Navocz-See-iSmorgon- Wrschnew in oft- und südöstlicher Richtung zurück- Die unaufhörlich angreifenden Sieger von Wilna durch­schritten einen Raum von nahezu 8 0 Kilometer in einer Zeit von k a u in 10 Sagen. Diese Kilo mater­zahl erhöht sich sicherlich noch infolge der Umwege, welche bei dem Heranführen der Truppe an die feindliche Kampffront gemacht wurden, unter dein Zwange des russischen Feuers und der Ungangibarkeit des Geländes. Die gewaltige Marsch- und die nie erlahmende Gefechts- kraft der hier kämpfenden Truppen trieb den Gegner so s ch n e 11 vor sich her, daß sie nur an die Eroberung der Beute und nickt an ihre Bergung denken konnten. Erst jetzt konnte ihre Zusammenstellung erfolgen und das Resultat ist ein befriedigendes. Ter Grund dieser Verspätung ist ein stolzes Lob für die Sieger. Die Beute war eine reiche, der e r st e A b s ck n i t t in diesem großen Ringen ist hiermit gekennzeichnet', der nun fol­gende nimmt einen beffiodigenden Fortgang. Abge­sehen von den schweren Verlusten an -Menschen und Material wurden die Russen aus der Stadt Wilna ver­trieben und dann während 10 Tagen von Abschnitt zu Abschnitt zurückgedränqt bis in eine Stellung, welche in gerader Linie 80 Kilometer hinter derjenigen liegt, welche endgültig gehalten werden sollte! Diese deutschen Leistungen verdienen zurückschauend vollauf gewürdigt zu werden. In knappen und klaren Wort fand die deutsche Heeresleitung warme Worte der Anerkennung. Der eine Kampfesabschnitt um Wilna gchört nunmehr der Geschichte an, der gegen­wärtige befindet sich in gutem Fluß. Aus dem aus 9 0 Kilometer Frontbreite entsponnenen Jrontalkampse, der durch geschickte Durchbrüche an en-pfindlichen Stellen die übrige russische Frontlinie zurückriß, hat sich nunmehr ein Ring entwickelt, den man einen blutigen Kampf um Engen benennen kann. An den nächtigsten derselben cntspinnen sich ganze Sch I a ch> tenhandlungcn, die auf russischer Seite die Öff­nung, auf deutscher die Aufrechterhaltung derSperrung bezwecken. Daher tauchen auch immer wieder dieselben wichtigen Kampfzentren in den deutschen und russischSn Berichten auf. Der Kampf in der Front von West nach Oft bezweckt auf feiten unserer

Nr. 460. * 63. Jahrgang.

Feinde die Zeit zu gewinnen, um die sperrenden Engen zu durchbrechen, auf der deutschen, diese Tage und Stunden zu kürzen -und möglichst viel Kräfte von diesen Ausgangstoren aüzuz liehen. Auf deim Norjdufier der Wilija suchten die Russen tagelang sich in den Besitz des Brückenkopfes von Wilejka zu setzen. Auf beiden Seiten dieses Städtchens/entspann sich ein heißes Rin­gen, besonders auf der Westseite. Der feindliche Sturm wurde am 26. endgültig abgeschlagen, denn van diesem Tage besagen die russischen Meldunen, daß durch einen fünften deutschen Angriff ihreTruppen „ein wenig bedrängt seien". Der zweite südwestlich von Wilejka an der Wilija gelegenen Brückenkopf, der bei Gmorgvn, vermochte schneller sich semesAngreifers zu erwehren. Am 27. September känrpsten unsere Truppen bereits süd- l i ch desselben, woraus erhellt, idaß Smorgon für, russi­sche Zwecke endgültig verloren ist. Seit einigen Tagen erscheint dieser Name nicht mehr in deir russischen Heeresberichten. Vielleicht erneuern die Russen ihre An­griffe wieder, vielleicht haben sie bei Wilejka und Smor­gon ihre Durchbruchsabsichten ausgegeben. Gegenwärtig läßt es sich nicht sagen. Gegen die Wiederholung spricht der Umstand, daß russische Truppen am 26.. den 36 Kilometer östlich Wilejka ge­legenen Übergang bei Döhimow, von deutscher Kavallerie besetzt, angegriffen haben. Einen bestimm­ten Erfolg weiß aber auch hier nicht die russische Heeres­leitung zu nrelden. Die eine Tatsache steht jedenfalls fest, daß bis jetzt alle russischen Versuche, die Wilija nach Norden zu überschreiten, nicht gelungen sind und daß sie starke Kräfte gegen die Brückenköpfe Sturm laufen ließen, denn nach ihrer eigenen Meldung operiert hier eine Armee. Entsprechend der Bedeutung der Über­gangsstellen und im Hinblick ans die Stärke der entfal­teten Kräfte sind noch weitere Kämpfe in diesem Raume zu gewärtigen. , „ „

Auf dem mittleren Kampfraum setzten die Russen in der Gegend um Wisch new zähen Widerstand, ent­gegen. Der Ort Wischnew liegt an der Olfchanka, ernem nördlichen Nebenfluß der Beresina, welche zum Unter­schiede von der Historischen gleichen Namens die Njemen-Beresina genannt wird. Bei Wischnew sperrten die Russen den Übergang über diese, beiden Flüsse, welche in einer Entfernung von 10 .Kilometer gleichlaufend zueinander in nord-südlicher Richtung das Wald- und Sumpfgelände der Beresina durchziehen. Dieser wichtige Übergang ist seit dem 27. September m deutscher Hand, denn an diesem Tage wurde bereits n o r d ö st I i ch Wischnew gekämpft. , 24 Offiziere, 3000 Mann und 9 Maschinengewehre blieben in der Hand des Siegers. Südlich Wischnew liegt der zweite und letzte Übergang über das Flußgebiet der Beresina an dem Ort S a b c r e s i n a. Der Hauptwiderstand der Russen wurde hier am 25. September gebrochen und der Verteidiger auf das jenseitige Flußufer zurückgeworfen. Um die Bvückenstelle selbst wird vielleicht zurzeit noch gekämpft, vielleicht ist sie auch schon in deutscher Hand, da die Kämpfe an dieser wichtigen Stelle bisher niemals von den russischen Heeresberichten erwähnt wurden.

Die südliche Abgrenzung des östlichen Kampfraumes bildet der Nj euren, um dessen Ufer seit -fast emem halben Jahr gekämpft wird: an seinem Unterlauf rn den Frühjahrs- und Sommermonaten von der Armee Eichhorn vor Kowno, am mittleren Strombett in den August- und Septeurbertagen von den Truppen der Generale v. Scholz und Gallwitz nach dom Fall von Grodno und jetzt an seinem Oberlauf durch Truppen des letzteren Führers und Teilen der Heeresgruppe de» Prinzen Leopold von Bayern. Am 25. September er­reicht-- der rechte Flügel der Heeresgruppe Hindenburg diejenige Stelle, an welche die, Beresina _ von dem Njemen ausgenommen wird, bei Djeljatitschi, und an demselben Tage eine zweite Übergangsstelle 20 Kilo­meter südöstlich, bei Schtschersey. Bis zum 26. Schstem- ber war nicht nur das westliche Ufer des Riemen, sondern auch dasjenige des Serwetsch und der -Lchava vom Feinde gesäubert. Der taktische Erfolg deut­scherseits besteht demnach darin, daß erne Abzugsmog- lichkeit in süd- und südwestlicher Richtung für die Russen nicht mehr besteht und daß die w-ichftgst-en Über­gangsstellen über Njemen und die beiden südlichen Zu- fütffc bereits unter deutschem Feuer siegen. Nicht so schnelle Erfolg waren rms möglich an den werter entfernt gelogenen Brückenköpfen östlich von dem Bahn- knotenpunkt. B a r a n o w i t s ch i. Gewaltige Ent­fernungen mußten zurückgelegt werden, da dre Marschziele der Truppen von nördlicher Richtung aus in eine südöstliche gesteckt waren. Außerdem müßte der russische Widerstand an dem Oberlauf der Schara gebrochen werden. Es ist begreiflich, daß die russifche Heeresleitung eine feindliche Annäherung aus südlicher' Richtung verhindern will, nachdem es ihr nicht mög- l i ch war, den Feind auf der West- und Südweftfront sich länger vom Leibe zu halten. Entsprechend der