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53. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgabe». Bezugs-PreiS: durch den Verlag 5 » Pfg. monatlich, durch die Post 3 Mk. 50 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Verlags-Fernsprecher No. 2353.

Dienstag, den 9. Februar.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1994.

Abend-Ausgabe.

Der russisch-japanische Krieg.

Es ist eine seltsame Ironie des Schicksals, daß gerade derjenige, dessen Initiative das Haager Schiedsgericht zuzuschreiben ist, welches alles Blutvergießen en masse in der Zukunft unmöglich machen sollte, zuerst einen Krieg straufbeschwört Allerdings hat Nikolaus II. ihn nicht erklärt, sondern der Abbruch der diplomatischen Be- zichuwgei: ging von Japan aus, aber der Zar gab doch Hie Veranlassung zu den: bevorstehenden blutigen Ringen, ohne daß es ihm eingefallen wäre, die von ihm selbst mit io gchßem Eclat in Szene gesetzteFriedensbehörde" an- zurufen. Allerdings führte Großbritannien seitdem schon len Krieg in Transvaal, aber erstens hat dieses die Haager KiMMenz nur widerwillig beschickt, und zweitens handelte es sich dabei, wenigstens nach- englischer Ansicht, um die Wchnung eines Vasallenstaates, und endlich konnte daraus nie ein Weltbvand hervorgehen, wie ec jetzt bei- mhe in Aussicht steht. Ter ganze Vorgang zeigt, wie sehr die Welt zurzeit sich an Utopien hängt und bedauerlicher­weise Dochtönendeu Worte::, wie Abrüstung- Friedensfürst, Schiedsgericht usw., irgend eure Bedeutung zulegt, lväh- rmd dieselben bei der ersten Probe auf das Exempel sich lediglich als leere Phrasen erweisen. Es kommt noch dazu, daß bei dem russisch-japanischen Zusammenstoß auf Wen des Landes, das von demFriedensfürsten" voll­ständig amokratisch regiert wird, lediglich ErobevungS- W vorliegt, denn der Schutz seiner kommerziellen. Jnter- kism. den man in Petersburg immer im Munde sühn, ft eine wohlüberlegte Täuschung der öffentlichen Meinung. Ae Statistiken belehre:: uns darüber eines Besseren. Tie Mze Einfuhr Koreas in: Jahre 1902 spätere Zahlen Men nicht vor betrug 32 Millionen Mark, und die zwsfuhr noch nicht 17 Millionen. Für die Mandschurei liefet sich die Ziffern für Ans- und Einfuhr zusammen- Viiammen >auf 20 Millionen. Daß zwei Staaten um des «winnoo ari diese:: Geschäften. willen ei::en Krieg führen wttrn, der abgesehen von den ungeheuren Opfern an Kmschenleben Milliarden kosten muß, wird kein ver- Milftiger Mensch glauben können. Nimmt man die ! Knme schlecht gerechnet nur auf 2 Milliarden Mark an,

! b reprästntwxf dies das Gesamt-Einkommen Japans auf M^ahre uitib dasjenige Rußlands auf beinahe 1 Jahr!

1 k» gibt wohl noch einige Optimisten, die der Meinung trotz des gemeldeten Abbruches der diplomatischen s fclE Un ® e " t brauchte cs nicht zum äußersteu zu kommen. Et bas läßt sich leider niefit annehmen, denn jeder Hinblick, deit Japan mit dem Losschlagen wartet, be­

deutet für dasselbe einen großen strategischen ddachteil. vM Petersburg stellt inan die Sache so dar, als ob der Mikado in unerhörter Übertreibung gchandelt hätte, in­dem er die russische Antwortnote nicht ablvactete. Auch dieses ist eine Spiegelfechterei, denn Japan hatte mehrere Male wegen der Verzögerung dieser Antwort vergeblich Vorstellungen ^gemacht, so daß die Absicht deutlich erkenn­bar war, Rußland ivvlle nur Zeit getviunen, um seine Rüstungen zu vollenden. Die allgerueine Erwartung ist, daß letzteres Land zunächst im Nachteil sein werde, was eme längere Tauer des Krieges trach sich ziehen tnüßte. Em wenn auch nur anfangs siegreiches Japan wird mehr verlangen, als ihm Rußland bewilligen kann, und da dieses sein Prestige nicht auf das Spiel setzen darf, so würde es so viel Kräfte ins Gefecht führen, bis es die Oberhand erhalt. Tos könnte aber ziemlich lange dauern uitd so wäre es für die Welt im allgemeinen noch immer das beste, wenn keine größeren Vorteile von einem der kriegführenden Staaten errungen würden. Anderseits kann man sich nicht verhehlen, daß das große Slavenreich eine stete Gefahr für das ganze westliche Europa bedeutet, so daß eine russische Niederlage in diesem Sinne kein Nachteil wäre, wozu noch kommt, daß dann vielleicht die lang andauernde Gärung endlich in dem Rieseureiche zum vollsten Ausbruch käme. Erst wenn es mit dem auto- kratischen Regiment zu Ende/ könnte Rußland in die Reihe der modernen, zivilisierten Staaten cintreteu.

ll. Berlin, 8. Februar.

Die Stellungnahme der deutschen Politik zur ost­astatischen Krise ist durch mündliche Erklärungen und ent­sprechende Handlungen des Grasen Bülow festgelegt. Vor mehr als drei Jahren bereits gab der Reichskanzler in der deutschst: Volksvertretung die Erklärung ab, daß der deutsch-englische Vertrag über die Integrität Chinas nicht auch die Mandschurei in sich eiubez-iche. Mit anderen Worten: Von hier aus wurde und wird das Sonderrecht Rußlands in der Mandschurei, wie es sich auf eine Reihe von Verträgen mit China stützt, ohne Umschweife aner­kannt. Zwar beantwortete im Herbst 1903 Graf Bülow eine amerikanische Note, die zu einem Meinungsaustausch der Mächte über den Grundsatz der offenen Tür in der Mandschurei führte, übereinstimmend mit den anderen Kabinetten dahin, daß allerdings auch Deutschland an jenem Grundsätze festhalte, aber eine übelwollende Hal­tung der deutschen Politik konnte man in Petersburg aus dieser Erltärung schon darum nicht herleiten, weil in­zwischen auch Graf Lambsdorff die Geltung des chinesisch- amerikanischen Handelsvertrages in und fiir die Man­dschurei insofern unbestritten gelassen hat, als ans diesem Handelsverträge das Prinzip der offenen Tür hervorgeht

und durch ihn für die Mandschurei ebenso wie für das übrige China . bekräftigt wird. So selbstverständlich es nun ist, daß die deutsche Politik im bevorstehenden Kriegs strenge Neutralität bewahren wird, so kann nicht über­sehen worden, daß das größere Wohlwollen Deutschlands auf der Seite der russischen Ansprüche ist. Praktische Folgen freilich werden sich daraus nicht ergeben. Es ist vollkommen ausgeschlossen, daß irgend welche Schritte Deutschlands stattfinden könnten, bie als aktive Partei­nahme für einen der streitenden Teile zu verstehen wären. Lchoit die Zurückhaltung, die hier in Sachen der theoretisch ja . immerhin zu erwägenden Vermittelungs­frage geübt wird, spricht dafür, daß die strengste Neutrali­tät inMgehalten werden soll. Man lohnt es hier mit förmlichen Eifer ab, eine Vermittlerrolle zu übernehmen, die, so wird erklärt, den verhältnismäßig doch nur unbe­deutenden Interesse:: unserer Politik in Ostasien nicht ent­sprechen würde. Der entscheidende Grund für solche Zurückhaltung mag freilich in der Überzeugung liegen, daß jedes Anerbieten einer Vermittelung nach Lage der Dinge überflüssig wäre, weshalb denn auch die möglichen entsprechenden Schritte Englands und Frankreichs vor- weg als vergeblich angesehen werden müssen. Wir möchten bei dieser Gelegenheit auf einen wertvollen Auf­satz Hinweisen, in dem vor bald vier Jahren ein Kenner der ostasiatischen Verhältnisse, der Historiker Albvecht Wirth, die Urrterströmungen in der öffentlichen Meinung Japans anschaulich und lehrreich schildert. Der Aufsatz erschien in denPreußischen Jahrbüchern". Es heißt da u. a.:Japan fühlt sich durch die ungeahnte Krisis in seinen Grundfesten erschüttert. Sofort nach Schimonoseki erschollen Stimmen, die zur Freundschaft und zum Bünd- ms mit China rieten, stutzige wurden auf das Vorbild von Preußen und Österreich nach 1866 verwiesen. Tie Einmischung der Mächte diente als Brandfackel, Laue zu entflammLn, Zögernde fortzureitzen.Wühlet Perlen aus dem Schlamm, schöpft Erhebung aus der Schmach!" rief der Führer der glühenden Nationalisten, Baron Tann Wir mußten das schon eroberte Schwert >des Regenten (so heißt die Port Arthur-Halbinsel) den Europäern preis- geben, aber wir werden die Europäer aus Asien verjagen." Und ein japanischer Dithyrambus, den ich beim Lagerfeuer im mandschurischen Feldzug hörte:Ich wende mich gm Norden und sehe russische Schiffe Ebrausen auf dem breit- strömenden Amur. Ich wende mich gen Süden und er­schaue Panzer der Briten, ansegelnd vom ragendm Hong­kong. Ich erblicke sie und fordere sie zum Kampf, zum Kampf um die Weltherrschaft!" Phantastische Gedanken erfüllten die Gemüter heißblütiger Patrioten: Dai Nippon ei dazu bestimmt, den Erdkreis zu reformieren, überall­hin japanische Sitte und Sprache zu tragen, vor allem aber die Führerschaft Asiens zu erfechten. Eine panjapantsche.

Zrau Hadwig.

Eine Strandgeschichtc von Ella Lindncr.

(4. Fortsetzung.)

m m.

^ , Lsuchieudblan ist der Himmel und goldener Sonnen- imtt gleitet flimmernd über die weste, wogende Wasser- rW. Hadwig, die neben Anne Cönitz dicht am Wasser vtrandstuhl sitzt, blinzelt schläfrig Nlit den Augen, d:e Sonne scheint ihr gerade ins Gesicht, und das kMmde, schimmernde Farbenspiel auf der glitzernden fache blendet sie. Wie flüssiges Silber gläirzt es. Hinter pf Sandbank schäumt die Brandung. Wie seltsam sich «s von fern ausnimmt! Sie muß an Böcklin denken und * <J[ C Meißen Glieder seiner Meerweiber.

Lnchne liest. Sie ist ganz vertieft in ihre Lektüre, ^wig kann das iticht begreifen. Sie nimmt sich zwar ÄIM c 311 - Morgen ein Buch mit zum Strand, aber My osin kämmt es darum bei ihr doch nie. Selbst wenn Mfkch dazu zwingen würde, aber das tut sie nicht, denn sollte sie es? so würde sie doch kaum einen Ge- Mken erfassen. Das Meeresrauschen leickt sie ab. Sie M stundenlang sitzen und lauschen und dem Spiel .-Woget: zuschauon. Es wird ihr nie langweilig, lind LvAk ist ihr hier geworden, so leicht und so frei. Es als seien der Seele mit einem Male Schwingen - schien. Nun schwebte sic hoch über allem Kleinlichen. Hy, s, Welt da draußen denkt Hadwig kaum troch. Aber was Briefe von daheim sorgen schon dafür, daß bie 8er e -- yrau dickst ganz untertaucht in dem großen, seligen und manchmal Anne Cönitz. Diese stört ^org im ganzen nicht. Sie ist ein stilles, anspruchs- Geschöpf und froh, wenn man sie in Ruhe läßt.

t r war das nicht so. Hadwig weiß noch recht gut, tollen Streiche sie damals in Annes Gesellschaft hat. Aber freilich neun Jahre das ist eine L 0 st- Ta kann sich der Mensch wohl ändern, be- wenn das Leben ihn so hart anfaßte, tvie die 8n 0 ' ^die alles verlor, Eltern, Heintat, Vermögen. ^-Darum mußt du mich aber nicht bedauonr, Hadi", He gleich an jenem ersten Tage im Coupä gesagt,

ich fühle mich trotzdem sehr glücklich, lttenn ich auch nur eine arme Volksschullehreriu bin. Mein Leben hat doch nun einen Inhalt. Das war frÄier troch nicht einmal der Fall. Das Hetzen aus einem Vergnügen ins andere konnte man. wenigstens kaum so bezeichnen."

Hadwig erfuhr auch, daß eine wohlhabende Tairte ihr die Mittel zu dieser Erholungsreise vorgestreckt hatte.

Geschenkt tvill ich nichts haben, auch nicht von den reichen Verwandten."

Hadwig dachte bei all dem zum ersten Male daran, daß es für sie vielleicht auch besser geweseu tväre, wetttt sie nicht int Überfluß hätte aufwachsen dürfen, wenn sie sich ihr Glück eit: wenig aus eigener Hand hätte zimmern tnüssen. Sie war klug und mutig das auf eigenen Füßen stehen würde ihr kaum schwer gefallet: sein. Nun war es zu spät.

O nein, Hadwig. du irrst", sprach Anne gelegent­lich auf eine..derartige Bcnierkung.Zum Lernen ist cs tue ztt spät."

Doch. Wenn man noch .dazu kein ausgesprochenes Talent hat."

Trotzdem. Man kann auch so seinem Leber: Wert tind Inhalt geben. Übrigens du bist ja tticht talent­los. Oder hast d:i vergessen, daß du in den Sprachm uns allen über warst?"

Um Hadwigs Mundwinkel zuckte es spöttisch.Soll ich am Ende Stunden, geben?"

Warum nicht?" war Annes ruhige Erwidenrng. Ich wüßte nicht, was dich davon abhalten könnte, wenn es dir wirklich Freude bereitete."

Ach, ich Hab' noch nicht darüber nachgedacht, ob das der Fall wäre. Aber vielleicht inan kann das nicht wissen." Sie schaute nachdenklich vor sich hin, dann lachte sic leise.Es ist ja eine Tollheit! Hadwig Otten und Sprachlehrerin! Was nmn bloß daheim sagen würde!" Wieder lachte sie.

Was matt daheim sagen würde!" wiederholte Anne langsant.Ich dachte iricht, daß dies für dich in Betracht käme, daß es dich bekümmert: tvürde."

Das tut es auch nicht", antwortete sie schnell.Gott bssvahre, in: Gegenteil. Erst recht täte ich's,' wem: es mir Spaß machte. Aber es ist das Rechte nicht", setzte sie ernster hinzu.Sieh mal, Anne, die da lernen, das:d

Backfische, halbwüchsige kleine Mädel, die nur llnterricht nehmen, weil es mal so zuni guten Toi: gehört. Englisch und Französisch plappert: zu können. Und die Aufgabe reizt mich nicht."

Das kann ich mir ja deiüken", gab Anne zu.Aber alle sind das doch nicht. Wie ist es dein: mit deinem Russisch? Tu fingst gerade damit an, als wir uns zu- letzt sahen." *

D, das habe ich an der Quelle weiterstudiert. Ich war nnt nteinem Diamte eitrige Blouate in Petersburg. Ebeitfo Italienisch. Unsere Romreife habe ich ausgenutzt."

Und das soll nun alles so lieget: bleiben? Wo es dich nach Arbeit verlangt! Sei nicht töricht! Du brauchst ;a keine Backfische zu utrterrichteu, Liebste. Ach du, es gibt troch so viele andere- Unbemittelte, die brennend geri: lemen möchtet: und nicht können, weil das Geld thuen fchlt! Teilet: «ib Unterricht. Du kannst es ja ohne Honorar tun, du Reiche! üi:d da hast du dam: eine Tätigkeit und ein weites Feld für dieselbe. Wie viel du sorden: kmmst, denke bloß! Und wie dich das beglücken w:rd!"

Die kleine Anne war ordentlich begeistert. Hadwig batte drc Hairde uirters Kinn gefaltet und sagte nichts Aber in :hr arbeitete es mächtig das sah Anne Wohl ui:d verstand es auch. Darum störte sie die Freundin nicht, sondern überließ sie ruhig den eigenen Gedankei,.

In: selbe,: Hotel, welches Hadwig und Anne be- hevbergte, hatte auch ein Professor aus Berlin Wohnung genommen. Er war den Leidet: sofort atlfgefallen. denn es konnte kaum einen schänerei: Dkann gebet: als ihn en: echter Germa>nei:sohn. hoch, breitschulterig, mit ernstem Denkerantlitz. Aber er war blind. Und als sie dies be­merkten, interessierte er sie noch viel tnchr. Sie bemit- lerdeten ihn. Doch sie waren ängstlich bemüht, ihm dies Zu verbergen, weil sie fanden, daß Mitleid etwas entsetzlich Demutrgendes hat. besonders für stolze Naturei:. Und d,as war der Professor unzweifelhaft.

Er speiste stets allein, doch als Hadwig und Atme naher mtt chm bekannt wurden, baten sie, daß er an der Table d'hote teilnehmen möchte.

Wir können Ihnen gewiß ebenso schön vorlegen wie der Piccolo", sagte Hadwig.